Castaneda: Die vier Feinde des Menschen

Carlos Castaneda nennt sie die vier Feinde des Kriegers - ich nenne sie die vier Feinde des Menschen. Dieser Artikel greift Castanedas Idee auf und beschreibt die Abgründe in uns selbst, die uns daran hindern, das zu werden, was wir sein können.

Was meint "vier Feinde des Menschen (Kriegers)"?

Castaneda vier Feinde des Kriegers MenschenIn diesem Artikel geht es um die vier "Feinde des Menschen" (Anmerkung: Castaneda bezeichnet sie als "Die vier Feinde des Kriegers") und wie er sie überwinden kann. Castaneda geht davon aus, dass jeder von uns diesen Feinden im Laufe seiner Entwicklung als Mensch begegnen wird. Doch wie soll man sich diese scheinbar universellen Feinde vorstellen?

Jeder individuelle Lebensweg beinhaltet seine eigenen Probleme und Tücken. Die Feinde, die hier im weiteren angesprochen werden, kommen nicht von "Außen", von keiner "feindlichen Umwelt" und sind auch keine "bösen" Personen. Sie kommen von "Innen" - aus dem Menschen selbst. Wir können sie als Lebenseinstellung oder "Sicht der Welt" begreifen, die jeder Mensch mitbringt.

Doch warum sollte die eigene "Weltsicht" einem selbst zum Feind werden? Dies kann nur geschehen, wenn wir eine Sicht auf die Welt entwickelt haben, die uns mehr behindert als nützt. Wenn wir Vorurteile haben, die uns die klare Sicht auf die Phänomene verhüllt. Castaneda versucht in diesem Kontext einige - seiner Meinung nach - allgegenwärtige Feinde der Weiterentwicklung zu beschreiben.

Bei diesem Artikel handelt es sich um eine Interpretation von Castanedas Grundidee zu den vier Feinden des Kriegers, die ich mit eigenen Beispielen und weiterführenden Ideen versehen habe. Castaneda-Fans mögen mir verzeihen, wenn ich einige seiner Ideen anders auslege - aber es ging mir bei der Bearbeitung dieses Themas nicht darum, den Meister zu kopieren, sondern seine Gedanken zu reflektieren.

Die vier Feinde des Menschseins benennt Castaneda folgendermaßen ... :

a) Furcht - sie lähmt uns, lässt uns in unserer Angst vor dem Unbekannten verharren.
b) Macht - lässt uns in der Illusion leben, dass wir die Welt kontrollieren können.
c) (Schein-) Wissen - lässt uns denken, dass wir schon "alles" kennen und es keine wirklich wichtigen Fragen mehr gibt.
d) Alter - zehrt uns aus, nimmt uns die Dynamik und Lebenskraft.

Viele Menschen denken vielleicht, dass sie bereits so weit entwickelt sind, dass ihnen diese Feinde nichts mehr anhaben können. Selbst der furchtsamste Esel wird sich selbst als Wolf sehen wollen - wer will sich schon Schwächen eingestehen? "Schwächen eingestehen" heißt für den heutigen Menschen verletzlich zu sein - nicht lebens- oder liebenswürdig zu sein.

So ist es kein Wunder, dass man versucht seine eigenen Macken und Probleme vor den anderen zu verbergen - eine Fassade des glücklichen Erfolgsmenschen. Der Schein wird wichtiger als das Sein. Immerhin kann man sich damit trösten, dass auch andere diese Fassade vor sich aufbauen. Erfolg ist gefragt und Loser landen am unteren Ende der Fahnenstange - als Arbeitslose, als Schmarotzer, als Depressive ... (bitte hier eigene Vorurteile einfügen) ... verpfuschen sie ihr wertvolles Leben.

Diese Gedankengänge führen uns schon auf den Pfad des ersten Feindes nach Castaneda - der Furcht. Wenn wir bedenken, dass niemand von uns vollkommen ist, ist es natürlich, dass wir Fehler machen und Schwächen zeigen. Aber warum verbergen wir Schwächen - aus Furcht? Sehen wir uns an, was Castaneda über diesen Feind zu sagen hat.

Castaneda: Furcht als Feind des Menschen

Eine bestimmte Ausprägung der Furcht - vor dem Unbekannten, dem Neuen, der Dunkelheit, vor Intimität oder dem Versagen etc. - hat jeder von uns schon einmal erlebt. Unsere Sicht der Welt muss wahr sein - schließlich konnten wir damit bisher erfolgreich überleben. Die Weltsicht ist für viele gleichbedeutend mit ihrer Ich-Identifikation - wir sind, was wir denken.

Eine In-Frage-Stellung von Weltbildern - und damit der eigenen Ich-Identifikation - hat seit alters her dazu geführt, dass Fremde gelyncht, Hexen verbrannt und Juden vergast wurden. Wir müssen "Recht haben" - denn "Unrecht haben" würde bedeuten ein "falsches Bild der Welt" zu leben - ein Versager zu sein.

Die Furcht schleicht sich oft unmerklich ein, ohne sofort als Furcht erkennbar zu sein. Insgeheim kennt jeder die leise Stimme im Hintergrund unseres Verstandes, die unsere geheimen Ängste ausspricht.

Typische Formulierungen sind:

  • Das kann ich nicht ...
  • Das ist zu schwer ...
  • Warum muss das gerade mir passieren ...
  • Warum trifft es ausgerechnet mich ...
  • Ich mach sicher alles falsch ... usw.

Jeder Entwicklungsweg erfordert, dass ich mich selbst und mein bisheriges Modell der Welt infrage stelle, dass ich neue erfolgreiche Verhaltensweisen für neue Problemstellungen erlerne. Verhaltensweisen, die in meinem Modell der Welt nicht üblich sind - oder solche, die ich noch gar nicht kenne. Gewöhnlich versuchen wir erst einmal altbekannte Problemlösungen anzuwenden - erst wenn wir erkennen, dass keine davon funktioniert, sind wir evtl. bereit, etwas ganz Neues zu wagen.

Doch wieweit wollen wir uns in unbekanntes Gebiet wagen? Wer zu ungewöhnliche Ideen und Gedanken entwickelt - d. h. das bislang Gewohnte ernsthaft in Frage stellt - wird schnell zum verschrobenen Außenseiter. Wie uns die Geschichte lehrt, sind die unbequemsten Menschen einer Epoche immer diejenigen gewesen, die etwas revolutionär Neues entdeckt hatten. Hier wittern wir schon die Gefahr, dass uns unser soziales Umfeld nicht mehr akzeptieren könnte und wir - wie einst Kopernikus - zu Ausgestoßenen werden, die allein und unverstanden angefeindet werden.

Da die meisten Menschen konservativ sind, will keiner, dass die altbekannten Werte und Glaubensvorstellungen verworfen werden. Dies führt zu Unverständnis, Abwehr und Widerständen - und im "worst case" - sogar zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Grund genug also, sich vor dem Neuen zu fürchten. Die Möglichkeit, dass ich nicht mehr akzeptiert werde, lässt mich befürchten, dass ich den Boden unter den Füßen verliere.

Wie kann ich die Furcht besiegen?

Viele Menschen gehen mit ihren eigenen Ängsten so um, dass sie versuchen, alle Situationen zu vermeiden, in denen Furcht, Angst oder auch nur Unsicherheit entstehen könnte. Sicher erlebt man durch diese "Vermeidungsstrategie" (oder sollte ich sagen "Davonlaufen") kaum bis keine Furcht mehr. Man kann sich zwar vormachen, die "Furcht besiegt zu haben" - zumindest solange man schnell genug läuft.

Da das Leben jedoch nicht 100%ig kontrolliert werden kann, ist es nur eine Frage der Zeit, bis man in eine Situation gerät, die man nicht unter Kontrolle hat und sich wieder fürchtet. Und wer ehrlich zu sich selbst ist, mag sich so vielleicht eingestehen können, dass er nichts gelernt hat.

Andere versuchen ihre Furcht aktiv zu besiegen - z. B. durch neue Erfahrungen, mehr Fähigkeiten, Entwicklung ihrer Stärken etc. - um so gegen die Furcht immun zu werden. Dabei wird vergessen, dass Furcht (in welcher Form oder Intensität auch immer) zu den menschlichen Grundgefühlen zählt.

Sie steht damit auf einer Stufe mit anderen Grundgefühlen wie Freude, Aggression oder Intension und hat einen festen Platz in unserer Psyche. Wenn man "besiegen" hier als "ausmerzen" oder "abtöten" versteht, hieße das, einen Teil seiner eigenen Psyche zu unterdrücken - oder gar "ausmerzen" zu wollen, was natürlich ebenfalls nicht funktionieren kann.

Wenn an der Furcht etwas "besiegt" werden muss, dann ist es die eigene Unfähigkeit zu tun, was man will, d. h. durch die Frucht fremdbestimmt zu sein. Oder anders - ob Furcht positiv oder negativ wirkt, ist vom Kontext abhängig.

So ist es sinnvoll, mich vor einem Raubtier zu fürchten und zu rennen, bevor es mich fressen kann. Wenn ich jedoch einen Vortrag vor vielen Menschen halten will und vor Furcht den Mund nicht aufbekomme, wirkt sie destruktiv, da ich meinen Willen nicht erfülle.

In diesem Fall will ich nicht die "Frucht" besiegen, sondern meine eigene Unfähigkeit so zu handeln, wie ich es will. Als alter Kampfsportler kann ich sagen, dass ich mich in all den Jahren immer noch Situationen ausgesetzt sehe, in denen ich mich fürchte. Was ich jedoch gelernt habe, ist, dass ich - trotz meiner Furcht - mich so verhalten kann, wie ich will. Ich kann mich trotz Furcht wehren, meine Meinung sagen, einen Fehler zugeben - da mich die Furcht nicht mehr fremdbestimmt oder beherrscht. Was man am Ende besiegt hat, ist die eigene Unfähigkeit sich zu verhalten, wie man es richtig, wünschenswert oder angemessen findet. Wer dies gelernt hat, hat der Furcht den Zahn gezogen - die Furcht als "Feind" besiegt.

Castaneda: (Schein-) Wissen als Feind des Menschen

Die erste Frage, die bei einer derartigen Überschrift aufkommt, ist sicherlich, wie Wissen "Schein" sein kann. Wir sind doch in einer Zeit aufgewachsen, in der die empirischen Wissenschaften längst ihren kometengleichen Aufstieg erfahren haben. Wir vertrauen unser Leben der Schulmedizin an, wir nutzen Hightech, fahren Auto und fliegen bis zum Mars.

Castaneda nennt den zweiten Feind lediglich "Wissen", was aber oft missverstanden wird. Hier ist nicht empirisches Erfahrungswissen gemeint, sondern eher die Weigerung die persönlichen Vorurteile zu überprüfen. Der deutsche Philosoph Martin Heidegger könnte Castaneda mit folgenden Worten paraphrasieren:

Das faktische Dasein lebt gewöhnlich verfallen in das MAN. Das MAN ist die anonyme Öffentlichkeit - das worüber irgend jeMANd in Zeitungen, Fernsehen und Rundfunk redet - der JederMANn der überall und nirgends zu finden ist. Verfallen ist das Dasein, weil es ihm in der öffentlichen Meinungsschlacht nicht mehr um sich selbst geht, sondern um "die Anderen". Das Dasein verliert seine Eigentlichkeit, in dem es sich im rastlosen Besorgen in der Welt verliert. Sich selbst hat das Dasein auch verloren, weil es im Besorgen dem Gerede, der Neugier und Zweideutigkeit verfallen ist.

Dem öffentlichen Gerede geht es nicht darum ein Thema zu durchdenken, sondern um die Rede selbst. MAN redet, um zu reden. MAN redet über Schröder, den amerikanischen Präsidenten und seine Untaten im Irak, die Problematik des sudanesischen Völkermords etc. - einzig sich selbst - das eigene Dasein, das Persönliche und eigentlich Wichtige klammert man aus.

Die Neugier sorgt dafür, dass immer neue - "interessante" und "wichtige" - Themen auf den Tisch kommen. Die Neugier ist rastlos und sucht immer wieder Neues, das zum Gesprächsstoff gemacht werden kann. Die Neugier spornt zum Wettstreit an, immer ungewöhnlichere und abgefahrenere Themen ins Gerede zu bringen. Sie ist der Lieferant für den Gesprächsstoff, der im Gerede nicht ausgehen darf - denn das Thema muss weitergehen. Der Neugier geht die Fähigkeit eines besinnlichen Verweilens ab - sie sucht auch nicht nach der Tiefe der Gedanken, sondern bleibt immer an der Oberfläche. Sie produziert Meinungen, denn Jedermann hat eine Meinung zu Allem.

Die Zweideutigkeit rundet diesen Kreislauf ab, in dem die Themen offen gehalten werden. MAN kann diese oder jene Meinung vertreten, MAN bezieht seine Standpunkte "flexibel", so dass MAN sie im Zweifelsfall anpassen oder ändern kann. MAN lässt jedem das "Seine" - denn Alles ist relativ. Meinungsfreiheit wird zum Deckmantel für die Unfähigkeit etwas wirklich Wichtiges zu sagen. Standpunkte werden nicht wohlüberlegt durchdacht, sondern lediglich kommuniziert. Die Kommunikation ist wichtiger als der Inhalt des Gesprächs.

Da jeder eine Meinung hat - zu allem etwas sagen kann - entsteht leicht der Eindruck, dass alle wissen, wovon sie reden. Es ist unhöflich die Meinung eines anderen anzuzweifeln - MAN will ja nicht intolerant sein. Neben der Eigentlichkeit des Daseins geht auch das Fragwürdige verloren. Da man glaubt alles zu wissen und zu jedem Thema Auskunft erteilen zu können, vergisst man das In-Frage-stellen der eigenen Ansichten. MAN bedenkt eine Frage nicht mehr, sondern antwortet aus dem Bauch heraus. Es gibt einen dafür treffenden Spruch von einem bekannten amerikanischen Psychologen, der einmal sagte:

People don't listen - they reload! (Menschen hören nicht zu - sie laden nach!)

Da man alles zu wissen glaubt, gibt es auch keinen Grund zuzuhören. Man überlegt schon während der Rede des Gegenübers, was man erwidern kann.

Dieses Scheinwissen ist der zweite Feind jeglicher Entwicklung des Menschen. Wer keine Fragen mehr an die Welt hat, wird auch nicht mehr nach neuen Antworten suchen. Man verweilt in der Illusion, alles Wichtige zu kennen. Das möglicherweise "Fragwürdige" im Leben wird verschleiert, durch Scheinwahrheiten verstellt oder gar nicht mehr wahrgenommen. Wenn Sie selbst keine Fragen mehr an das eigene Leben oder den "Sinn im Leben" haben, können Sie davon ausgehen, dass Sie dem zweiten Feind unterlegen sind.

Die Möglichkeit aus diesem Teufelskreis wieder herauszukommen, besteht darin, bewusst wieder nach dem Fragwürdigem - d. h. nach dem, was einer ernsthaften Frage würdig ist - zu suchen. Geben Sie sich nicht mit der Oberfläche zufrieden, sondern lernen Sie, wieder Fragen zu stellen. "Fragen stellen" zeugt nicht von Dummheit. Die größten Geister dieses Planeten haben die klügsten Ideen dadurch erhalten, dass sie scheinbare Selbstverständlichkeiten neu hinterfragt haben. Hätte Newton geglaubt, dass Äpfel lediglich deshalb vom Baum fallen, weil die Erde sie liebt (eine beliebte Ansicht aus dem Mittelalter), hätte er sich niemals Gedanken um die Schwerkraft gemacht.

Lebendiges Wissen lebt von neuen Fragestellungen und neu entdeckten Ungewissheiten, die den Horizont des Wissens erweitern können. Nur Scheinwissen wiegt sich in der Sicherheit der eigenen Blindheit. Doch wer den Mut hat seine eigenen Überzeugungen infrage zu stellen, der bemerkt sehr schnell, dass Wissen immer erweitert werden kann. Wenn Sie sich dessen bewusst sind, haben Sie das Werkzeug an der Hand, den zweiten Feind zu besiegen.

23.05.2016 © seit 09.2004 Tony Sperber  

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