Kommunikationskompetenz: Die "4 Stufen des Denkens"

Wer erfolgreich mit anderen kommunizieren will, braucht einen Maßstab, auf welchem "Level" man Themen mit anderen besprechen kann. Viele kennen vielleicht das Sprichwort, "den anderen dort abzuholen, wo er steht" - was meint, sich auf die kommunikativen Fähigkeiten des anderen so einzustellen, dass er mit seinen "Denkfähigkeiten" ein Thema versteht und verarbeiten kann.

Praktisch nutzen wir diese Erkenntnis beispielsweise im Umgang mit Kindern. Aber auch Erwachsene unter sich passen ihren Wortschatz (oder die Komplexität einer Erklärung) oft an die unterstellte "Verständnisfähigkeit" ihres Gegenübers an.

Kommunikationskompetenz die 4 DenkstufenDiese Anpassung einer "verständlichen Darstellung" kann man intuitiv vornehmen oder auch anhand von Modellen und Beobachtungen ausfeilen.

Im Folgenden werde ich Ihnen das Modell der 4 Denkstufen vorstellen. Denn es erlaubt den Level, auf dem jemand denken und verstehen kann, zu analysieren und dann die Kommunikation zielgerichtet auf das Denkniveau auszurichten.

Zuerst will ich mit einer Beschreibung der 4 Denkstufen (Theorie) beginnen und anschließend einige Tipps zur praktischen Anwendung - als Kommunikationstechnik - geben.

1. Denkstufe: Triebhaft "unbewusstes" Denken

Die erste Stufe des Denkens habe ich "triebhaft unbewusstes Denken" genannt. Unbewusst nenne ich dieses Denken nur deshalb, weil es kein Ziel bzw. keinen bewusst gewählten Zweck verfolgt. Die fehlende Ausrichtung bewirkt, dass es willkürlich (oder nicht wichtig) erscheint, welches Objekt im Fokus der Aufmerksamkeit gehalten wird.

Man kann es in gewisser Weise mit "Fernsehen" vergleichen, sofern man lediglich passiv "seinen Gedanken zusieht", wie sie von einem Ort zum anderen wandern. Dabei ist es unerheblich, ob man die inneren Bilder - wie bei Tagträumen - selbst produziert oder sich beim Zusehen einer sinnlosen TV-Show von "außen" berieseln lässt.

In Gang gehalten wird diese Art des Denkens oftmals von biologischen Bedürfnissen, Gefühlen und Stimmungen und natürlich äußeren Ereignissen jeder Art. In Reinform wird man es am ehesten bei Kleinkindern beobachten, die noch keiner Sprache mächtig sind.

Kommunikationskompetenz Treihaftes DenkenBei Erwachsenen tritt diese Stufe eher phasenweise auf, beispielsweise wenn man nach Feierabend seine Zeit mit sinnfreien Tätigkeiten - wie das Zappen vor dem TV - verbringt.

Solcher Konsum verfolgt keinen Zweck, sondern dient der Strukturierung von Zeit, um "Langeweile" oder "schlechte Gefühle" zu vermeiden. Dies schließt natürlich nicht aus, dass derselbe Mensch zu anderer Zeit logisch und zielgerichtet denken oder praktische Probleme lösen kann.

Diese Denkstufe erfasst nur einen sehr kurzen Zeithorizont rund um den Gegenwartspunkt. Denn nur in direkter Nähe des Gegenwartspunktes können Triebe, Gefühle, Stimmungen etc. erkannt, beeinflusst, ausgelebt oder vermieden werden. Intentional ist es höchstens in dem Sinne, dass man sich "gut fühlen" will - oder negativ bestimmt - dass man "unangenehme Gefühle oder Tätigkeiten (die mit Triebaufschub verbunden sind) vermeiden will."

Zielorientiertes Handeln ist auf dieser Stufe noch nicht machbar, da sie weder feste Regeln kennt, noch die Gefühle/Stimmungen lange genug konstant bleiben, um längerfristige Unternehmungen im Auge zu behalten. Menschen, die auf diese Stufe zurückfallen, erscheinen oftmals als sehr unzuverlässig, da das Einhalten von Vereinbarungen (z. B. in einer Woche beim Umzug zu helfen) von ihren künftigen Stimmungen abhängt.

Je mehr sie sich selbst überwinden müssen (z. B. Unlust sublimieren), um eine bestimmte Handlung zu tun, desto unwahrscheinlicher wird die Realisierung. Verlässlichkeit ist für solche Menschen noch ein Fremdwort, zumal es einem Würfelspiel gleicht, ob ihre temporären Gefühle gerade passend sind, um geplante Vorhaben zu realisieren.

Vielleicht mögen manche Leser sogar bezweifeln, ob man diese Stufe überhaupt "Denken" nennen kann - zumindest dann, wenn man unter "Denken" einen bewussten oder zielorientierten Willensakt versteht. Da ich jedoch als Definition für das Denken "alle innerpsychischen Vorgänge" gewählt habe, muss diese Stufe Erwähnung finden.

Wir können davon ausgehen, dass jeder Mensch mit dieser Stufe beginnt, und wir diese Stufe mit den Tieren gemeinsam haben. Doch wir Menschen haben - im Gegensatz zu Tieren - die Möglichkeit diese Stufe als "Sprungbrett" zu nutzen, um höhere Denkstufen zu entwickeln.

2. Denkstufe: Assoziatives Denken

Die zweite Stufe des Denkens ist das assoziative Denken. Hier verknüpfen wir beliebige Inhalte in Gedanken bewusst oder unbewusst miteinander und bilden daraus Assoziationsketten, die Bedeutungszusammenhänge ergeben.

Kindern kann man dies schön beim Lernen der Muttersprache zeigen: "Hat Fell - wedelt mit Schwanz - fühlt sich weich an -> ist ein Hund." Hier verknüpfen wir unsere Wahrnehmungen mit Begriffen und erzeugen so erstmals "Bedeutung" in unserer Welt.

Das Spektrum des assoziatives Denkens reicht "vom Denken in losen Verknüpfungen" bis hin zum "Denken in festen Mustern".

Lose Verknüpfungen werden beispielsweise beim Smalltalk gebildet, d. h., man orientiert sich beim Redebeitrag nicht an einem Thema, sondern reagiert auf Stichworte des Gesprächspartners. Diese Art der Kommunikation ist sehr beliebt bei Stammtischen, Kaffeekränzchen, Partys oder lockeren Plauderrunden, bei denen sich Menschen kennenlernen wollen.

Themen werden nur sehr allgemein und unverbindlich behandelt. Die Kommunikation hat kein Ziel, sondern verfolgt oft nur den Selbstzweck "in Gang gehalten zu werden."

Kommunikationskompetenz Assioziatives DenkenFeste Muster können entstehen, wenn bestimmte Assoziationen zu Denkgewohnheiten werden. Auf gesellschaftlicher Ebene können sich feste Assoziatiosketten als Traditionen, Rituale oder moralische Prinzipien manifestieren.

Auch Gleichnisse in der Bibel können hier als Veranschaulichung dienen - beispielsweise das bekannte Gleichnis des "verlorenen Sohnes".

Die Muster werden beim assoziativen Denken über sinnliche Evidenzen ("man glaubt nur das, was man sieht"), Erfahrungen oder kulturspezifische Traditionen gebildet.

In den Naturreligionen zeigen sich sinnliche Evidenzen in der Vergöttlichung von natürlichen Ereignissen: Zeus wirft Blitze vom Himmel, Neptun wühlt das Meer auf, oder Demeter sorgt für die Fruchtbarkeit der Erde, des Getreides und der Saat.

Aus solchen assoziativen Verknüpfungen werden moralische Verhaltensnormen für ein "natürliches" und damit "gutes" Leben abgeleitet. In der Philosophie ist diese Argumentform als "Naturalistischer Fehlschluss" (engl. naturalistic fallacy) bekannt, wobei versucht wird, nur über die Eigenschaften eines natürlichen oder übernatürlichen Objektes zu definieren, was "gut" ist.

Das assoziative Denken ist prälogisch, sofern es keine eindeutigen Regeln für wahre bzw. falsche Schlüsse bereithält. Analogien und Metaphern können eben nicht wahr oder falsch, sondern nur mehr oder weniger passend sein.

Widersprüche innerhalb von Assoziationsketten können oft weder erkannt noch scharf aufgelöst werden. Man merkt dies schön bei Kindern, die unsere Sprache erst erlernen: Beispiel: "Hat Fell - wedelt mit Schwanz - ist weich, also ein Hund". Handelt es sich jedoch um eine Katze wäre das assoziative Muster fehlerhaft, weil es unterbestimmt ist, d. h. zu wenig Elemente enthält, die eine klare Bedeutungszuweisung erlauben.

Assoziatives Denken kann uns andererseits helfen, neue oder kreative Ideen zu entwickeln. Beim Brainstorm oder Visionieren nutzen wir diese Art des Denkens. Es bleibt jedoch zu vage, um Denkfehler, Widersprüche oder komplexe Probleme erkennen und verstehen zu können.

3. Denkstufe: Logisches Denken - Verstand

Die nächste Stufe des Denkens ist das logische Denken. Hier werden die Regeln des Denkens durch das Denken selbst bestimmt und können sogar auf sich selbst angewandt werden.

Die Stärke des logischen Denkens zeigt sich darin, dass Aussagen oder Schlussfolgerungen nach einem klaren Schema eindeutig als wahr oder falsch beurteilt werden können.

Logische Prinzipien wie A=A oder Rechenarten wie 1+1=2 sind heute jedem Europäer geläufig. In den empirischen Wissenschaften ist eine Theorie wahr, wenn sie anhand einer nachvollziehbaren Versuchsanordnung gemessen und ihren "Wahrheitsanspruch" im Versuch logisch beweisen kann.

Kommunikationskompetenz - der VerstandSolche Versuche dürfte jeder noch aus dem Chemie- oder Physikunterricht kennen. Man baut einen Stromkreis, rechnet Stromstärke, Widerstände aus und überprüft die Ergebnisse der Berechnungen anschließend praktisch am Modell. Damit ist der Verstand fähig Hypothesen zu formulieren und die Zukunft - oder komplexe Vorgänge - vorhersagbar zu machen.

Solche Hypothesen drücken wir in der Form von "... wenn, ... dann" aus. Beispiel: "Wenn ich im Winter überleben will, dann muss ich Vorräte anlegen, eine warme Hütte bauen, Felle für warme Kleidung ansammeln."

Der Verstand ist nun fähig seine eigenen Regeln so scharf zu formulieren, dass Widersprüche - oder Paradoxien - klar erkannt und bearbeitet werden können. Logische Widersprüche werden erst ab dieser Denkstufe zu einem ernsten Problem, da sie auf dieser Stufe so eindeutig formuliert werden können, dass sie fähig sind eine einzelne Theorie - oder ein ganzes Weltbild - zu Fall zu bringen.

So kann beispielsweise in der Philosophie oder Wissenschaft eine Theorie nur durch logische Argumente verifiziert oder widerlegt werden. Aber auch ein ganzes Weltbild kann durch logische Kriterien wie Widerspruchsfreiheit, Konsistenz, Kohärenz usw. stehen und fallen - völlig unabhängig davon, wie wir "gefühlsmäßig" dazu stehen.

Da das logische Denken nur seinen eigenen Regeln verpflichtet ist, eignet es sich hervorragend, die vorhergehende Denkstufe zu hinterfragen und deren Plausibilität zu prüfen.

Der Verstand kann auf dieser Stufe bereits zielorientiert planen und vorausschauend hochrechnen. Er besitzt die Mittel, um größere Zeitspannen zu überblicken und kann das gegenwärtige Handeln so orientieren, dass er Ziele erfolgreich realisiert.

Wenn ich mir ein Haus kaufen will, plane ich zum Beispiel ca. 20 Jahre für die Kreditabzahlung, Bausparverträge usw. ein. Außerdem denke ich vielleicht schon jetzt an meine Altersversicherung oder spare Geld an, um damit eine Weltreise zu machen oder die Ausbildung für die Kinder zu finanzieren.

Die Grenzen des verstandesmäßigen Denkens werden durch seine Fähigkeit der Komplexitätsverarbeitung bestimmt. Grundsätzlich kann man sagen: Je mehr Komplexität man verarbeiten kann, desto ehrgeizigere (komplexere oder langfristigere) Ziele können angestrebt und realisiert werden.

Wir kennen alle solche Komplexitätsgrade aus der Schule. Einfache Regeln wie Bruchrechnen oder der Dreisatz werden noch von vielen Schülern verstanden. Zeigt man denselben Schülern eine Differentialgleichung, werden nur noch wenige diese Komplexität verstehen und verarbeiten können.

Unsere Informationsgesellschaft zeigt deutlich, mit welch hoher Komplexität der Verstand umgehen kann. Wer beispielsweise im Internet als Freelancer tätig ist, muss kontinuierlich lernen, damit der Kenntnisstand nicht veraltet bzw. die eigenen Produkte konkurrenzfähig bleiben.

Das hier beschriebene Aktionsfeld des Verstandes ist sehr groß. Vom primitiven Einhalten von Regeln - wie beim Addieren von Zahlen - bis hin zu Einsteins Relativitätstheorie kann alles darunter subsumiert werden. Mit ihm können wir zwischen Glauben und Wissen unterscheiden, nach der Wahrheit suchen oder die Prämissen und Schlüsse unseres Denkens analysieren.

12.05.2016 © seit 03.2014 Tony Kühn  
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