Kommunikationskompetenz: Die „4 Stufen des Denkens“

Manchmal fragt man sich, wie andere Menschen zu bestimmten Urteilen oder Entscheidungen kommen. Auch beim Denken / Reflektieren gibt es große qualitative Unterscheide, auf welchen Level oder Niveau jemand etwas „bedenkt“. Daher will ich Ihnen hier die vier Stufen des Denkens vorstellen, mithilfe derer man verschiedene Arten des Denkens unterscheiden kann.

Wozu verschiedene Denkarten unterscheiden?

Wer erfolgreich mit anderen kommunizieren will, braucht einen Maßstab, auf welchem „Level“ man Themen mit anderen besprechen kann.

Kommunikationskompetenz die 4 Denkstufen

Viele kennen vielleicht das Sprichwort, „den anderen dort abzuholen, wo er steht“ – was meint, sich auf die kommunikativen Fähigkeiten des anderen so einzustellen, dass er mit seinen „Denkfähigkeiten“ ein Thema versteht und verarbeiten kann.

Praktisch nutzen wir diese Erkenntnis beispielsweise im Umgang mit Kindern. Aber auch Erwachsene unter sich passen ihren Wortschatz (oder die Komplexität einer Erklärung) oft an die unterstellte „Verständnisfähigkeit“ ihres Gegenübers an.

Diese Anpassung einer „verständlichen Darstellung“ kann man intuitiv vornehmen oder auch anhand von Modellen und Beobachtungen ausfeilen.

Im Folgenden werde ich Ihnen das Modell der 4 Denkstufen vorstellen. Denn es erlaubt den Level, auf dem jemand denken und verstehen kann, zu analysieren und dann die Kommunikation zielgerichtet auf das Denkniveau auszurichten.

Zuerst will ich mit einer Beschreibung der 4 Denkstufen (Theorie) beginnen und anschließend einige Tipps zur praktischen Anwendung – als Kommunikationstechnik – geben.

1. Denkstufe: Triebhaft „unbewusstes“ Denken

Die erste Stufe des Denkens habe ich „triebhaft unbewusstes Denken“ genannt. Unbewusst nenne ich dieses Denken nur deshalb, weil es kein Ziel bzw. keinen bewusst gewählten Zweck verfolgt. Die fehlende Ausrichtung bewirkt, dass es willkürlich (oder nicht wichtig) erscheint, welches Objekt im Fokus der Aufmerksamkeit gehalten wird.

Man kann es in gewisser Weise mit „Fernsehen“ vergleichen, sofern man lediglich passiv „seinen Gedanken zusieht“, wie sie von einem Ort zum anderen wandern. Dabei ist es unerheblich, ob man die inneren Bilder – wie bei Tagträumen – selbst produziert oder sich beim Zusehen einer sinnlosen TV-Show von „außen“ berieseln lässt.

In Gang gehalten wird diese Art des Denkens oftmals von biologischen Bedürfnissen, Gefühlen und Stimmungen und natürlich äußeren Ereignissen jeder Art. In Reinform wird man es am ehesten bei Kleinkindern beobachten, die noch keiner Sprache mächtig sind.

Kommunikationskompetenz Triebhaftes Denken Assoziieren

Bei Erwachsenen tritt diese Stufe eher phasenweise auf, beispielsweise wenn man nach Feierabend seine Zeit mit sinnfreien Tätigkeiten – wie das Zappen vor dem TV – verbringt.

Solcher Konsum verfolgt keinen Zweck, sondern dient der Strukturierung von Zeit, um „Langeweile“ oder „schlechte Gefühle“ zu vermeiden. Dies schließt natürlich nicht aus, dass derselbe Mensch zu anderer Zeit logisch und zielgerichtet denken oder praktische Probleme lösen kann.

Diese Denkstufe erfasst nur einen sehr kurzen Zeithorizont rund um den Gegenwartspunkt. Denn nur in direkter Nähe des Gegenwartspunktes können Triebe, Gefühle, Stimmungen etc. erkannt, beeinflusst, ausgelebt oder vermieden werden. Intentional ist es höchstens in dem Sinne, dass man sich „gut fühlen“ will – oder negativ bestimmt – dass man „unangenehme Gefühle oder Tätigkeiten (die mit Triebaufschub verbunden sind) vermeiden will.“

Zielorientiertes Handeln ist auf dieser Stufe noch nicht machbar, da sie weder feste Regeln kennt, noch die Gefühle/Stimmungen lange genug konstant bleiben, um längerfristige Unternehmungen im Auge zu behalten. Menschen, die auf diese Stufe zurückfallen, erscheinen oftmals als sehr unzuverlässig, da das Einhalten von Vereinbarungen (z. B. in einer Woche beim Umzug zu helfen) von ihren künftigen Stimmungen abhängt.

Je mehr sie sich selbst überwinden müssen (z. B. Unlust sublimieren), um eine bestimmte Handlung zu tun, desto unwahrscheinlicher wird die Realisierung. Verlässlichkeit ist für solche Menschen noch ein Fremdwort, zumal es einem Würfelspiel gleicht, ob ihre temporären Gefühle gerade passend sind, um geplante Vorhaben zu realisieren.

Vielleicht mögen manche Leser sogar bezweifeln, ob man diese Stufe überhaupt „Denken“ nennen kann – zumindest dann, wenn man unter „Denken“ einen bewussten oder zielorientierten Willensakt versteht. Da ich jedoch als Definition für das Denken „alle innerpsychischen Vorgänge“ gewählt habe, muss diese Stufe Erwähnung finden.

Wir können davon ausgehen, dass jeder Mensch mit dieser Stufe beginnt, und wir diese Stufe mit den Tieren gemeinsam haben. Doch wir Menschen haben – im Gegensatz zu Tieren – die Möglichkeit diese Stufe als „Sprungbrett“ zu nutzen, um höhere Denkstufen zu entwickeln.

2. Denkstufe: Assoziatives Denken

Die zweite Stufe des Denkens ist das assoziative Denken. Hier verknüpfen wir beliebige Inhalte in Gedanken bewusst oder unbewusst miteinander und bilden daraus Assoziationsketten, die Bedeutungszusammenhänge ergeben.

Kindern kann man dies schön beim Lernen der Muttersprache zeigen: „Hat Fell – wedelt mit Schwanz – fühlt sich weich an -> ist ein Hund.“ Hier verknüpfen wir unsere Wahrnehmungen mit Begriffen und erzeugen so erstmals „Bedeutung“ in unserer Welt.

Das Spektrum des assoziatives Denkens reicht „vom Denken in losen Verknüpfungen“ bis hin zum „Denken in festen Mustern“.

Lose Verknüpfungen werden beispielsweise beim Smalltalk gebildet, d. h., man orientiert sich beim Redebeitrag nicht an einem Thema, sondern reagiert auf Stichworte des Gesprächspartners. Diese Art der Kommunikation ist sehr beliebt bei Stammtischen, Kaffeekränzchen, Partys oder lockeren Plauderrunden, bei denen sich Menschen kennenlernen wollen.

Themen werden nur sehr allgemein und unverbindlich behandelt. Die Kommunikation hat kein Ziel, sondern verfolgt oft nur den Selbstzweck „in Gang gehalten zu werden.“

Feste Muster können entstehen, wenn bestimmte Assoziationen zu Denkgewohnheiten werden. Auf gesellschaftlicher Ebene können sich feste Assoziatiosketten als Traditionen, Rituale oder moralische Prinzipien manifestieren.

Auch Gleichnisse in der Bibel können hier als Veranschaulichung dienen – beispielsweise das bekannte Gleichnis des „verlorenen Sohnes“.

Die Muster werden beim assoziativen Denken über sinnliche Evidenzen („man glaubt nur das, was man sieht“), Erfahrungen oder kulturspezifische Traditionen gebildet.

In den Naturreligionen zeigen sich sinnliche Evidenzen in der Vergöttlichung von natürlichen Ereignissen: Zeus wirft Blitze vom Himmel, Neptun wühlt das Meer auf, oder Demeter sorgt für die Fruchtbarkeit der Erde, des Getreides und der Saat.

Aus solchen assoziativen Verknüpfungen werden moralische Verhaltensnormen für ein „natürliches“ und damit „gutes“ Leben abgeleitet. In der Philosophie ist diese Argumentform als „Naturalistischer Fehlschluss“ (engl. naturalistic fallacy) bekannt, wobei versucht wird, nur über die Eigenschaften eines natürlichen oder übernatürlichen Objektes zu definieren, was „gut“ ist.

Das assoziative Denken ist prälogisch, sofern es keine eindeutigen Regeln für wahre bzw. falsche Schlüsse bereithält. Analogien und Metaphern können eben nicht wahr oder falsch, sondern nur mehr oder weniger passend sein.

Widersprüche innerhalb von Assoziationsketten können oft weder erkannt noch scharf aufgelöst werden. Man merkt dies schön bei Kindern, die unsere Sprache erst erlernen: Beispiel: „Hat Fell – wedelt mit Schwanz – ist weich, also ein Hund“. Handelt es sich jedoch um eine Katze wäre das assoziative Muster fehlerhaft, weil es unterbestimmt ist, d. h. zu wenig Elemente enthält, die eine klare Bedeutungszuweisung erlauben.

Assoziatives Denken kann uns andererseits helfen, neue oder kreative Ideen zu entwickeln. Beim Brainstorm oder Visionieren nutzen wir diese Art des Denkens. Es bleibt jedoch zu vage, um Denkfehler, Widersprüche oder komplexe Probleme erkennen und verstehen zu können.

3. Denkstufe: Logisches Denken – Verstand

Die nächste Stufe des Denkens ist das logische Denken. Hier werden die Regeln des Denkens durch das Denken selbst bestimmt und können sogar auf sich selbst angewandt werden.

Die Stärke des logischen Denkens zeigt sich darin, dass Aussagen oder Schlussfolgerungen nach einem klaren Schema eindeutig als wahr oder falsch beurteilt werden können.

Logische Prinzipien wie A=A oder Rechenarten wie 1+1=2 sind heute jedem Europäer geläufig. In den empirischen Wissenschaften ist eine Theorie wahr, wenn sie anhand einer nachvollziehbaren Versuchsanordnung gemessen und ihre „Gültigkeit“ im Versuch nachweisbar ist.

Kommunikationskompetenz - der Verstand - logisches Denken

Solche Versuche dürfte jeder noch aus dem Chemie- oder Physikunterricht kennen. Man baut einen Stromkreis, rechnet Stromstärke, Widerstände aus und überprüft die Ergebnisse der Berechnungen anschließend praktisch am Modell. Damit ist der Verstand fähig Hypothesen zu formulieren und die Zukunft – oder komplexe Vorgänge – vorhersagbar zu machen.

Solche Hypothesen drücken wir in der Form von „… wenn, … dann“ aus. Beispiel: „Wenn ich im Winter überleben will, dann muss ich Vorräte anlegen, eine warme Hütte bauen, Felle für warme Kleidung ansammeln.“

Der Verstand ist nun fähig seine eigenen Regeln so scharf zu formulieren, dass Widersprüche – oder Paradoxien – klar erkannt und bearbeitet werden können. Logische Widersprüche werden erst ab dieser Denkstufe zu einem ernsten Problem, da sie auf dieser Stufe so eindeutig formuliert werden können, dass sie fähig sind eine einzelne Theorie – oder ein ganzes Weltbild – zu Fall zu bringen.

So kann beispielsweise in der Philosophie oder Wissenschaft eine Theorie nur durch logische Argumente verifiziert oder widerlegt werden. Aber auch ein ganzes Weltbild kann durch logische Kriterien wie Widerspruchsfreiheit, Konsistenz, Kohärenz usw. stehen und fallen – völlig unabhängig davon, wie wir „gefühlsmäßig“ dazu stehen.

Da das logische Denken nur seinen eigenen Regeln verpflichtet ist, eignet es sich hervorragend, die vorhergehende Denkstufe zu hinterfragen und deren Plausibilität zu prüfen.

Der Verstand kann auf dieser Stufe bereits zielorientiert planen und vorausschauend hochrechnen. Er besitzt die Mittel, um größere Zeitspannen zu überblicken und kann das gegenwärtige Handeln so orientieren, dass er Ziele erfolgreich realisiert.

Wenn ich mir ein Haus kaufen will, plane ich zum Beispiel ca. 20 Jahre für die Kreditabzahlung, Bausparverträge usw. ein. Außerdem denke ich vielleicht schon jetzt an meine Altersversicherung oder spare Geld an, um damit eine Weltreise zu machen oder die Ausbildung für die Kinder zu finanzieren.

Die Grenzen des verstandesmäßigen Denkens werden durch seine Fähigkeit der Komplexitätsverarbeitung bestimmt. Grundsätzlich kann man sagen: Je mehr Komplexität man verarbeiten kann, desto ehrgeizigere (komplexere oder langfristigere) Ziele können angestrebt und realisiert werden.

Wir kennen alle solche Komplexitätsgrade aus der Schule. Einfache Regeln wie Bruchrechnen oder der Dreisatz werden noch von vielen Schülern verstanden. Zeigt man denselben Schülern eine Differenzialgleichung, werden nur noch wenige diese Komplexität verstehen und verarbeiten können.

Unsere Informationsgesellschaft zeigt deutlich, mit welch hoher Komplexität der Verstand umgehen kann. Wer beispielsweise im Internet als Freelancer tätig ist, muss kontinuierlich lernen, damit der Kenntnisstand nicht veraltet bzw. die eigenen Produkte konkurrenzfähig bleiben.

Das hier beschriebene Aktionsfeld des Verstandes ist sehr groß. Vom primitiven Einhalten von Regeln – wie beim Addieren von Zahlen – bis hin zu Einsteins Relativitätstheorie kann alles darunter subsumiert werden. Mit ihm können wir zwischen Glauben und Wissen unterscheiden, nach der Wahrheit suchen oder die Prämissen und Schlüsse unseres Denkens analysieren.

4. Denkstufe: Sinnorientiertes Denken – Vernunft

Die letzte Stufe des Denkens ist die Vernunft, die noch einige weitere wichtige Qualitäten hinzufügt. Das vernünftige Denken kann nicht nur „äußere Objekte“ in den Blick nehmen, sondern auch die eigenen Gedanken reflektieren. Reflektieren meint – „Gedanken beobachten Gedanken“ – oder „Ich beobachte, wie ich beobachte.“ Niklas Luhmann nennt dies „Beobachtung zweiter Ordnung“.

Stelle ich beispielsweise die Frage, „was es heißt ein schöner Mensch zu sein“, kann die Vernunft – je nach Beobachter-Perspektive – zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen.

Beobachte ich körperliche Merkmale, so definiere ich „Schönheit“ anhand biologischer Vorgaben. Dabei ist mir auf dieser Denkstufe bewusst, dass ich Begriffe wie Schönheit auch anders beobachten kann.

Kommunikationskompetenz Vernunft

Ich könnte beispielsweise Kriterien für das Verhalten eines Menschen aufstellen, die ich als „schön“ oder „ästhetisch“ bewerte und so einen „intelligenten Menschen“ als „schön“ und einen „Dummen“ als „hässlich“ beobachten.

Auf dieser Denkstufe kann ich klar erkennen, dass das Ergebnis meiner Reflexion von der Art meiner Beobachtung abhängt. Fragen nach Reflexionsbegriffen wie „Wahrheit, Schönheit, Glück“ liefern dann – je nach Perspektive – völlig verschiedene Antworten. Denn die Art – das „Wie“ – der Beobachtung bestimmt, was gesehen werden kann und was nicht.

Eine weitere Qualität der Vernunft ist der egoistische Selbstbezug. Egoistischer Selbstbezug meint, dass es mir in meinem Entscheiden und Handeln im Wesentlichen um mich selbst, d. h. um mein Leben und dessen Ausrichtung, geht. Erst dieser egoistische Selbstbezug eröffnet uns die Sinnfrage, d. h., sie macht Fragen nach dem Sinn des Handelns, des Urteilens, des Lebens oder des Todes etc. für mich persönlich wichtig.

Auf der Stufe des Verstandes konnte zum Beispiel ein Manager ein typisches Lebensziel verfolgen wie „der Branchenprimus im Computer-Business zu werden“. Als Vernunftsmensch würde er sich fragen, welchen Sinn es für sein Leben hätte, dieses Ziel zu erreichen.

Wenn wir einen „Sinn in unserem Leben“ erfinden wollen, müssen wir uns unserer eigenen Träume und Visionen bewusst werden. Wir müssen herausfinden, was wir im Leben erreichen wollen und uns dadurch einen „eigenen Willen“ geben.

Für einen vernunftgeleiteten Menschen ist ein rein funktionales oder rein materielles Leben zu wenig. Die Sinnfrage verlangt von ihm, sich seiner Träume und Visionen im Leben zu stellen. Hierzu benötigt er die Fähigkeit der Selbstreflexion. Denn ein blühendes Leben erfüllt sich erst ab dem Moment, ab dem wir unsere Träume und Visionen realisiert haben – unserer Mission folgen.

Die Antwort auf die Frage nach dem „Sinn des Lebens“, kann nicht verallgemeinert werden. Der Grund dafür ist, dass die Menschen verschieden und unendlich komplex sind, d. h. jeder nur auf seinem persönlichen Hintergrund diese Frage schlüssig beantworten kann. Insofern ist der einzige Ausweg aus diesem Dilemma, selbst denken zu lernen und eigene Handlungsprinzipien und Werte zu entwickeln, die ein „blühendes Leben“ – z. B. in der Form einer selbst gewählten „Mission“ – möglich machen.

In anderen Worten – vernünftige Handlungsprinzipien können Menschen die Richtung zeigen, aber deren Bedeutung muss jeder Einzelne für sich selbst erfinden.

Die Denkstufen im Real Life

Die Denkstufen sind nicht nur reine Theorie, sondern lassen sich beim Menschen im Handeln, beim Sprechen und Entscheiden beobachten.

Widmen wir uns zuerst dem Ideal bzw. dem Fall, dass ein Mensch alle Denkstufen zielorientiert einsetzt …:

Ein Manager kann sich in der Freizeit nach Lustkriterien (Denkstufe 1) richten, während er beim Brainstorm assoziiert (Denkstufe 2), bei einer Auswertung von Daten nach logischen Prinzipien vorgeht (Denkstufe 3) und bei langfristiger Planung (z. B. der Mission der Firma) Sinnkriterien (Denkstufe 4) wählt.

Viel häufiger werden wir jedoch auf Menschen treffen, die die beiden höheren Denkstufen nicht oder nur mangelhaft entwickelt haben. So hatte ich beispielsweise kürzlich ein Gespräch mit einem Jugendlichen, der auf meine Frage, was er künftig machen wolle, antwortete, auf was er „Bock“ bzw. „keinen Bock“ hat (Denkstufe 1). Auf meine Nachfrage hin, wie er das entscheidet, folgte eine Begründung nach assoziativen Metaphern (Denkstufe 2) und nach Lustprinzipien (Denkstufe 1).

Kommunikationskompetenz in der Praxis

Auf meine Andeutungen, ob er auch die logischen Konsequenzen seines Handelns und Entscheidens (Denkstufe 3) sieht, kam keine Antwort. Insofern waren dann natürlich auch Sinnfragen (Denkstufe 4), z. B. welchen Sinn es macht, seine Entscheidungen am Lustprinzip zu orientieren, für ihn völlig unverständlich.

Als Berater müsste ich in diesem Fall so vorgehen, dass ich versuche ihn mit der 3. Denkstufe vertraut zu machen, aber die Begründungssprache von Denkstufe 1 und 2 wähle. So könnte ich ihm beispielsweise schmackhaft machen, dass er mehr Anerkennung, Geld, Optionen etc. bekommen kann, wenn er sich auf eine Ausbildung z. B. als Automechaniker (die Denkstufe 3 erfordert) einlässt.

Wichtig wäre aber in jedem Fall, dass ich mich auf die „Sprache seiner Denkstufe“ einlasse und die Vorteile der nächsten Denkstufe mit den ihm bekannten Evidenzen (Lustprinzip und Assoziationen) begründe. Damit ist zwar noch kein Erfolg meiner Bemühungen garantiert, aber wenigstens orientiere ich mich an seiner Verständnisfähigkeit, d. h., ich habe eine Chance ein Thema für ihn verständlich zu formulieren.

Woran erkenne ich Denkstufen bei anderen?

Eine einfache Technik ist, irgendein x-beliebiges Thema bei jemandem anzusprechen und dann darauf zu achten, welche Begründungssprache vom Gegenüber gewählt wird.

Nehmen wir als Beispiel ein Einstellungsgespräch, bei dem der Bewerber gefragt wird, warum er diesen Posten haben will. Hier könnte man dann die Antworten wie folgt klassifizieren:

  • Denkstufe 1: Habe Bock auf, Spaß an etc. deuten auf das Lustprinzip bzw. gefühlsorientierte Entscheidungen hin.
  • Denkstufe 2: Metaphern, bildreiche Sprache (Vergleiche), Assoziationsketten etc. sind Indizien für das assoziative Denken.
  • Denkstufe 3: Logische Begründungen, Argumentation, zielorientierte Planung etc. deuten auf logisches Denkvermögen hin.
  • Denkstufe 4: Neben logischen Gründen wird auch der Sinn der Entscheidung, langfristiges Denken, ein Lebensentwurf, Selbstreflexion o. ä. geäußert.

Da nicht jeder automatisch alle Gedanken äußert, muss man die letzten beiden Stufen oft auch proaktiv ansprechen (nachfragen), um herauszubekommen, ob jemand diesen Fragen folgen kann.

Wie kann ich die Denkstufen praktisch nutzen?

Als Personalleiter kann man sie praktisch nutzen, indem man sich vorher überlegt, welche Denkstufe für den Job nötig ist. Bei einem „mechanischen Job“ mag hier die Denkstufe 3 noch genügen, für Führungspositionen wären jedoch Sinnfragen – z. B. zur Führung eines Teams oder zum Entwurf einer Firmen-Mission – unbedingt nötig.

Kommunikationskompetenz Bewerbung

Grundsätzlich kann man aber davon ausgehen, dass die Denkstufen nacheinander erworben werden und aufeinander aufbauen. Wenn Sie bei einem Gegenüber eine Begründungssprache hören, die auf Bildern, Vergleichen oder Metaphern aufbaut – und er für logische Argumente unzugänglich ist – so ist dies ein Indiz dafür, dass er bei diesem Thema nur die zweite Denkstufe zum Handeln und Entscheiden nutzt.

Um für ihn verständlich zu sprechen, müssen Sie in seiner Topik bleiben, d. h. ebenfalls Metaphern verwenden, wenn Sie einen Widerspruch oder eine falsche Entscheidung kritisieren wollen. Jemanden hier logisch zu kritisieren, ist reine Zeitverschwendung, da diese Denkstufe für ihn unbekannt und damit bedeutungslos ist.

Übungen zu der Analyse der Denkstufen

Jede Theorie bleibt so lange leer und hohl, bis wir sie mit eigenen Erfahrungen beleben. Deshalb will ich Ihnen im Weiteren einige Übungen vorschlagen, die Ihr Verständnis der Denkstufen so weit vertiefen, dass Sie sie auch in der Praxis anwenden können.

Übung: Denkstufen bei sich selbst erkennen

Beschreiben Sie stichpunktartig bei mindestens 10 unterschiedlichen Tätigkeiten, wie Sie Ihre Denkstufe dort beobachten / zuordnen würden. (Mehrfachzuordnungen sind möglich)

Beispiele:

  • Sexualität – lustorientiert – Denkstufe 1
  • PS3 – Starcraft 2 spielen – Spaß am Spiel (Denkstufe 1) – kreative Strategien ausdenken (Denkstufe 2) – Analyse von Replays (Denkstufe 3)
  • Beziehungskrise: Frage nach dem Sinn der Beziehung klären – Vision der Zukunft erstellen (Denkstufe 4)
  • Datenbankanalyse (Denkstufe 3)
  • Tennis spielen – macht Spaß (Denkstufe 1) – fördert aus den Gründen XY die Gesundheit (Argumentation – Denkstufe 3)
  • etc.

Übung: Stärken und Schwächen erkennen

In welchen Bereichen sehen Sie Stärken und Schwächen bei der Anwendung der Denkstufen (mindestens je zwei Beispiele für eine Stärke / Schwäche).

  • Beispiel einer Stärke: Es fällt mir beim Programmieren leicht Fehler zu erkennen oder Problemstellungen logisch zu lösen (Denkstufe 3).
  • Beispiel einer Schwäche: Wenn ich unter Stress stehe, vergeht mir die Lust und ich habe keinen Bock mehr. Sobald ich emotional ausgeglichener bin, gelingt es mir dann das Problem zu verstehen und zu lösen (Rückfall unter Stress auf Denkstufe 1).

Übung: Denkstufen im Gespräch mit anderen erkennen

Wählen Sie ein Thema (z. B. aus den Bereichen Politik, Ästhetik, Moral, Beziehung etc.) aus und versuchen Sie in einem Gespräch anhand der Antworten / Darstellungen Ihres Gesprächspartners seine Denkstufe zu klassifizieren. Begeben Sie sich in die Rolle des Fragenstellers und Zuhörers, der die Meinung des anderen verstehen will.

Mein Tipp zum Erkennen der Denkstufen: Falls Sie sich nicht sicher sind, können Sie auch gezielt Fragen stellen – z. B. logische Fragen. Fragen nach Widersprüchen, Plausibilität etc. verlangen nach logischen Antworten (Denkstufe 3). Fragen nach Sinn, dem Wozu, langfristigen Perspektiven müssen in Sinndimension – und damit mit der Denkstufe 4 beantwortet werden.

Mein Tipp zum Trainieren von Empathie: Überfordern Sie Ihren Gesprächspartner nicht, sondern versuchen Sie sich auf sein Niveau einzulassen. Spricht er beispielsweise bei religiösen Themen in Metaphern, so versuchen Sie selbst Ihre eigene Meinung mithilfe von passenden Metaphern zu formulieren.

Machen Sie sich am Ende des Gesprächs Notizen für ein Resümee. Begründen Sie stichpunktartig, warum Sie diese Zuordnung vornehmen.

Wenn Sie jede Übung mindestens eine Woche lang durchführen, werden Ihnen immer mehr Indizien für eine bestimmte Denkstufe auffallen. Sie werden erkennen, dass bestimmte Menschen in unterschiedlichen Kontexten präferiert eine Denkstufe wählen. Sie werden mit der Zeit lernen Ihre Sprache auf jede Denkstufe so anzupassen, dass sich Ihr Gegenüber ernst genommen und verstanden fühlt.

Wenn Sie dies gemeistert haben, haben Sie das Modell der Denkstufen verstanden und können es proaktiv und erfolgreich in Gesprächen unterschiedlichster Niveaus anwenden.

Viel Erfolg beim Studieren und Anwenden der Denkstufen!

Tony Kühn

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