Deutsche Sprachpflege in Vergangenheit und Gegenwart

Thema dieses Artikels ist die Sprachpflege, welches neben der historischen Dimension auch soziologische, politische und pädagogische Bereiche umfaßt. Es soll darauf hingewiesen werden, wie wir bewußt und aktiv an Sprache teilhaben können, was sowohl die Sprache als auch den Sprecher betrifft. Erfahren Sie hier, wie sich die deutsche Sprache in den vergangenen Jahrhunderten entwickelt hat.

Einleitung Sprachpflege: Was ist das?

In der Sprachwissenschaft, der Linguistik, wurde die wissenschaftliche Beschäftigung mit Sprachpflege erst nach einem Wechsel sprachwissenschaftlicher Praxis Anfang der 70er Jahre möglich. Sprache als Untersuchungsgegenstand der 60er Jahre war ausschließlich an Wissenschaftsmodellen der Naturwissenschaften orientiert; es war die der Sprache innewohnende Struktur.

Sprachpflege Geschichte der deutschen SpracheDer ideale Sprecher/Hörer Chomskys wurde durch den "normalen" abgelöst. Analyse und Kritik von Kommunikationszusammenhängen, Sprachbewußtsein verschiedener menschlicher Gesellschaften etc. wurde Aufgabe und Gegenstand der Sprachwissenschaft. Bis dahin hatte Sprachpflege den Ruf "deutschtümelnder Verfehlung" oder einer "reaktionären gesellschaftlichen Position".

Wenn ich hier den Begriff Sprachpflege so selbstverständlich benutze, liegt mir nichts ferner als eine "deutschtümelnde Verfehlung". Es gilt also, diesen Begriff zu erläutern, da es für den Sachverhalt weder eine einheitliche Begriffsbildung noch eine ausgearbeitete Theorie gibt. Begriffe wie "Sprachlenkung", Sprachkritik oder Sprachkultur werden sowohl übereinstimmend, wie auch gegensätzlich zum Begriff Sprachpflege benutzt, was in einer Mehrdeutigkeit dieser Begriffe begründet liegt

Um ein Beispiel anzuführen: Die Germanistik der DDR bezeichnete mit Sprachkultur "das Niveau eines angemessenen, normgerechten und schöpferischen Sprachgebrauchs in bestimmten Situationen, gegenüber bestimmten Partnern und unter Berücksichtigung des Gegenstandes der Kommunikation". Sprachpflege war Mittel und Voraussetzung für Sprachkultur, welche das Niveau sprachlicher Kompetenz bezeichnete, "das den Entwicklungsbedingungen und den Ansprüchen der entwickelten Gesellschaft adäquat ist."

Eine Theorie der Sprachpflege muß dabei berücksichtigen:

  • ob das Sprachsystem oder die Sprachverwendung einzelner Personen gepflegt, gelenkt, kritisiert oder kultiviert wird.
  • Mit welchem Ziel oder welcher Methode dies geschieht.
  • Wer pflegt, lenkt, kritisiert oder kultiviert mit welcher Befugnis?

Vorläufig wollen wir deshalb unter Sprachpflege jede bewußte Einwirkung auf Sprache und Sprachteile (Wörter) mit dem Ziel der Veränderung oder dem Verhindern von Veränderungen der Sprache verstanden wissen. Dabei zielt Sprachpflege auf verbesserte sprachliche Kompetenz und einen bedachten, d.h. kritischen wie selbstkritischen Gebrauch der Sprache.

Die deutsche Sprachpflege im historischen Überblick

Sprachpflege im 17. Jahrhundert

Wie ich in meinem Artikel über die Geschichte der deutschen Sprache dargestellt habe, war die völlige Verdrängung des Deutschen aus dem gesellschaftlichen Verkehr der Gebildeten gegen Ende des Jahrhunderts nicht mehr auszuschließen. Das Latein war die Sprache der Universitäten und der katholischen Kirche. Der Hof sprach ein deutsch-französisches Kauderwelsch. Eine feste Nationalsprache gab es nicht.

Zur Besserung trugen Sprachgesellschaften bei, von denen hier nur die "Fruchtbringende Gesellschaft", auch der "Palmenorden" genannt sei. Von Ludwig von Anhalt-Köthen 1617 in Weimar gegründet und mit 890 größtenteils adeligen Mitgliedern, vertrat diese Gesellschaft programmatisch die Förderung der deutschen Sprache und die Aufrechterhaltung der alten Tugenden.

Was damals unter Spracharbeit bekannt war, umfaßt 6 Punkte, die hier kurz erläutert sein sollen.

  1. Sprachreinheit: Das hieß, es sollte in deutscher Sprache geschrieben werden und dabei Fremdwortgebrauch vermieden werden. Viele Worte wurden verdeutscht, also mit Mitteln der deutschen Sprache neu geprägt. Aus dem "Chronographion" wurde die Zeitschrift, aus dem "Gouverneur" der Statthalter und aus dem vermeintlichen Fremdwort Nase nicht ganz glücklich der Gesichtserker.

    Ferner zählte zur Reinheit der grammatisch richtige Gebrauch der Literatursprache, Vermeidung veralteter Worte und Dialekte, sowie die Vermeidung gemeiner und anstößiger Ausdrücke.

  2. Sprachschönheit: In Schrift und Sprache sollte man sich stets zur besten Aussprache befleißigen. Dazu gab es Lehrbücher der Rhetorik, welche dazu anleiteten, die Sprache durch gute Reden zu pflegen.

    historisch deutsche SpracheErwähnt sei hier das von Wolfgang Ratke 1612 im Reichstag zu Frankfurt eingereichte "Memorial" zur Verbesserung des Unterrichts in der Muttersprache, das die deutsche Sprache anstelle des Lateins als Grundlage der Bildung vorsah.

  3. Sprachrichtigkeit: Diese zielte auf grammatische Normen und orthographische Regeln. Zu diesem Zweck gab es Sprachlehre. Genannt sei hier nur die 1618 von Johannes Kromayer erschiene "Deutsche Grammatica, Zum newen Methodo der Jugend zum besten, zugerichtet".

  4. Wörterbuch: Hierin sollte der deutsche Wortschatz für die Erfordernisse der Literatur- und Hochsprache erfaßt und aufbereitet werden. Aus der "Fruchtbringenden Gesellschaft" ging 1691 das Wörterbuch von Kaspar Stieler hervor, genannt "Der Teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs oder teutscher Sprachplatz ..."

    Die Stichwörter wurden nach dem Stammwortprinzip aufgelistet, d.h. Ableitungen und Zusammensetzungen wurden der Wurzel untergeordnet. Die Wurzel ist der nicht mehr zerlegbare, die Bedeutung tragender Kern eines Wortes. Erst später führte man das alphabetische Prinzip ein.

  5. Fachwörterbuch: Neben einem allgemeinen Wörterbuch sollte ein Fachwörterbuch die Kunstwörter, z. B. die des Handwerkes, der Schiffahrt, etc. zusammentragen.

  6. Übersetzungen: Hierbei sollte bei der Übersetzung von nützlichen und lustigen Büchern die Verwendung fremder Flickwörter vermieden werden.

Deutsche Sprachpflege im 18. und 19. Jahrhundert

Am Ende dieser Phase, die davon geprägt war, welches das richtige Hochdeutsch sei, steht eine geregelte und vereinheitlichte neuhochdeutsche Schriftsprache. Die Zielvorgaben des 17. Jahrhunderts blieben ohne große Wirkung, denn der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibnitz beklagt sich in seiner "Ermahnung an die Teutsche, ihren Verstand und Sprache beßer zu üben" (1682/83) und ruft zur Gründung einer Stiftung, der "Deutschgesinnten Gesellschaft" auf, mit dem Ziel, die deutsche Sprache zu vervollkommnen, auszuschmücken und zu erforschen.

Diesen Vorschlag nimmt Friedrich I. von Preußen auf und gründet 1700 die "Sozietät der Wissenschaften", die Berliner Akademie, die 1721 Vorschläge zur Vereinheitlichung der Orthographie formulierte. Schon unter Friedrich dem II. war der französische Einfluß wieder da.

Erfolgreicher waren die an Universitäten entstehenden Deutschen Gesellschaften, die deutsche Sprache, Dichtung und Redekunst pflegen wollten. In Deutscher Gesellschaft wurde auch die von Johann Christoph Gottscheds 1697 in Leipzig gegründete "Deutschliebende Poetische Gesellschaft" umbenannt. Gottsched gab zwischen 1732 und 1744 die Zeitschrift "Beyträge zur critischen Historie der Deutschen Sprache, Poesie und Beredsamkeit" heraus und es gelang ihm eine Standardisierung der Schriftsprache auf der Grundlage des meißnischen Sprachgebrauchs.

Zunehmend wurde im 18. Jahrhundert Zeitschriften als Medium der Sprachpflege genutzt. Mit seiner "Grundlegung einer deutschen Sprachkunst" (1748 Leipzig), die sich dreiteilig mit Rechtschreibung, Flexion (Wortforschung) und Wortbildung nach Syntax (Wortfügung) befaßte, wurde Gottsched zum "Gesetzgeber der Sprache einer ganzen Nation". In seiner Person war erstmals Sprachnormierung und Sprachberatung vereinigt, er war der Konrad Duden seiner Zeit.

Entwicklung der deutschen SpracheAuf dem Gebiet der Orthographie, die tendenziell mehr die Fertigung und Einigung der Orthographie als ihre Verbesserung anstrebte, wurde die als Lehrerhandbuch entstehenden "Anweisung zur Teutschen Orthographie" (1722) von Hieronymus Freyer führend.

Ebenso entstanden auf den Gebieten der Redelehren, Rhetoriken und Poetiken Standardwerke. Im 18. Jahrhundert handelten die Rhetoriken von Prosa, die Poetiken von Poesie. Redelehrbücher wie Poetiken sind der antiken Rhetorik verpflichtet. Poesie wurde gegenüber der Prosa als elegantere, feinere und erhabenere Ausdrucksform verstanden und Dichtkunst galt als lehr- und lernbares Handwerk.

Auch Stillehren, Briefsteller und dergleichen entstehen zu Hauf. Doch der Kampf gilt nach wie vor den Fremdwörtern und falschem Gebrauch. Während Stillehre zum guten Stil erziehen wolle, ziehen nun aufkommende "Antibarbari" zur Abschreckung durch Aufzeigen von Sprachwidrigkeiten. Joachim Heinrich Campe widersetzte sich unter dem Motto Sprachbereicherung der Verdeutschung von Fremdwörtern.

Mit dem Gedanken, daß Bildung und Kultur durch Sprache vermittelt werde, ohne Reinheit der Sprache keine allgemeine Belehrung, keine Volksaufklärung und Volksausbildung möglich sei, verdeutschte er an die 3500 Fremdworte, machte aus dem Rendezvous ein Stelldichein, aus dem re´verbère einen Scheinwerfer, aus der Bill einen Gesetzesentwurf. Halten wir also für das 18. Jahrhundert die Herausbildung und Festigung einer grammatischen und lexikalischen Norm der deutschen Schriftsprache fest.

Im 19. Jahrhundert, exakter im Zeitraum von 1830-1918, ist es die deutsche Hochsprache, die eine orthoepische und orthographische Norm bekam. Wesentlich daran ist, daß behördliche bzw. staatliche Sprachlenkung daran mitwirkte. Zwischen 1845 und 1875 wurde die Schulorthographie nicht nur für die einzelnen deutschen Staaten, sondern auch verschiedene Schultypen festgelegt, da nach der Reichsgründung in Hinblick auf die Vergleichbarkeit der Schulabschlüsse auch eine Vereinheitlichung des Rechtschreibunterrichts notwendig wurde. (Reichskonferenz 1872)

Nachdem die Berliner orthographische Konferenz von 1876 gescheitert war, führten Bayern 1879 und Preußen 1880 eine neue Schulorthographie ein. Nach deren Regeln verfaßte Konrad Duden das erste "Vollständige Orthographische Wörterbuch der deutschen Sprache", welches 1880 in Leipzig erscheinend zu großer Verbreitung und Ansehen kam.

Ab 1890 folgten die Mehrzahl der Druckerzeugnisse und deutschen Bundesstaaten der preußischen Regelung und auf der vom Reichsinnenminister 1901 einberufenen Berliner orthographischen Konferenz wurde sie Grundlage der in der Schule zu lehrenden Rechtschreibung. Als orthographische Norm galt die von dem Germanisten Theodor Siebs 1898 veröffentlichte "Deutsche Bühnenaussprache", die für die richtige Aussprache des Deutschen auf der Bühne, in der Schule und der Sprecherziehung diente.

So gehörte eine reine, dialektfreie Aussprache zum Berufsbild des Schauspielers. Auch in den Fremdwörterkampf greifen ab 1871 die Behörden ein. So hatte der Generalpostmeister des Reiches entbehrliche Fremdwörter aus der Amtssprache der Post zu entfernen und durch deutsche zu ersetzen. Ähnlich handelt man bei Militär, Justiz, Bauwesen und Eisenbahn. In den 80er Jahren ist Sprachreinigung eine populäre Bewegung.

Angeregt wurde diese Bewegung durch die Schrift "Ein Hauptstück von unser Muttersprache. Mahnruf an alle national gesinnten Deutschen" (1883) des Kunsthistoriker Hermann Riegel. Unterstützt wurde die Bewegung auch vom Allgemeinen Deutschen Sprachverein, der 1885 gegründet wurde und 1887 schon 6500 Mitglieder und 91 Zweigvereine hatte.

Ihre Ziele waren:

  • die Reinigung der deutschen Sprache,
  • die Erhaltung und Wiederherstellung des echten Geistes und eigentümlichen Wesens der deutschen Sprache zu pflegen,
  • das allgemeine nationale Bewußtsein im deutschen Volk zu kräftigen.

Teils von Kultusministerien unterstützt, rief es aber auch Gegner auf den Plan. 41 Gelehrte und Schriftsteller, darunter unter anderem Theodor Fontane, gaben eine Erklärung gegen den Sprachverein ab. Dahinter steckte das Unbehagen, Sprache durch den Staat geregelt zu sehen, sowie ein anderes Sprachpflegeverständnis. Nicht Abwehr von Fremdwörtern, sondern ein Heranführen der Jugend an Nationalliteratur durch sauberen Gebrauch der Sprache und wissenschaftlich und pädagogisch ausgebildete Lehrer.

23.06.2016 © seit 05.2006 Martin Dembowsky  
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