Okkulte Philosophie: Geschichte einer vergessenen Inspirationsquelle

Teaser: Obwohl der heutige Mensch gerne okkulte Philosophien oder magische Erkenntnisse der Vergangenheit belächelt, so waren sie doch die Quelle und das Fundament der modernen Wissenschaft. In diesem Artikel untersucht der Autor M. Dembowsky die Geschichte dieser vergessenen Inspirationsquelle.

Was vermag einen Geisteswissenschaftler, einen Philosophen, einen Magier oder einen Historiker dazu bewegen, sich mit den religiösen, philosophischen oder künstlerischen Strömungen des elisabethanischen Zeitalters zu beschäftigen? Ist es das faustische Wesen "Meister in allen Künsten" zu werden? Ist es eine Suche nach Wurzeln und Zusammenhängen? Ist es die Freude an vergangenen Blüten der Kunst?

jüdische GeheimsymboleDoch hier ist noch nicht der Augenblick diese Fragen zu beantworten. Frances Yates beschreibt die „okkulte Philosophie des elisabethanischen Zeitalters als eine christlich-kabbalistische Philosophie mit einer rosenkreuzerischen Mischung von Magie und Wissenschaft“.

Der Begriff okkulte Philosophie stammt von Agrippa von Nettesheim, der 1510 in Köln sein Werk „De occulta philosophia“ veröffentlichte. Zu ihm und seinem Werk später mehr.

Das elisabethanische Zeitalter beginnt ca. 1580 mit dem Erscheinen von Jean Bodins Werk „Démonomanie“ und endet 1623 mit dem Sieg der Gegenreformation. Ich möchte mit Ihnen, liebe Leser, eine Reise durch Zeit und Raum machen.

Wir versuchen uns zu verdeutlichen, was dies heißt. Welche Menschen, Strömungen und Kunstwerke haben gewirkt, dass solch ein Konglomerat entstehen konnte. Sicher können wir jeweils nur einen kleinen Ausschnitt betrachten. Dennoch hoffe ich zeigen zu können, dass diese Werke und Gedanken auch heute noch lebendig sind.

Zuerst begeben wir uns in die Zeit der Renaissance und Reformation. Dann möchte ich Sie mit den typischen Wesenszügen des Melancholikers und des Saturnikers vertraut machen. Unseren Ausgangsfragen werden wir uns dann über verschiedene Philosophen und Literaten nähern. Zur Einstimmung hier ein Ausschnitt aus Goethes Faust ...

Faust in seinem Studierzimmer

Faustus: Genug studieret, Faust!
Zieh einmal das Fazit und sondiere die Tiefe des Erreichten und Gewollten!
Als Theolog’ begannst du, bleibt’s nach außen,
doch ziel darauf ab das Höchste
und den Sinn jedweder Kunst zu eigen dir zu machen,
und leb und stirb mit Aristoteles! (...)
Hier, die Metaphysik der Magier,
der Nektromanten Schriften, die sind göttlich!
Die magischen Linien und Kreise, Diagramme
Und Lettern, danach lechzt der Faust am meisten!
Oh, welche Welt der Wonnen und des Genusses,
der Macht, der Ehre und der Allgewalt
ist dem Adepten dieser Kunst verheißen!
Drum, Fauste, strenge deines Geistes Kräfte hier an,
Gottgleichheit zu gewinnen!

Renaissance und Reformation

Den Beginn der Renaissance setzt die ältere Forschung 1453 mit der Eroberung von Konstantinopel an. Griechische Flüchtlinge aus Byzanz brachten zahlreiche Manuskripte von Platon, den Neuplatonikern und von Hermes Trismegistos in die europäischen Metropolen. Bis dahin herrschte in Europa die Scholastik. Aristoteles Lehre war Dogma, galt als die Summe allen Wissens. Neben die Klosterschulen und theologischen Schulen traten jetzt auch Universitäten, die durch weltliche Herrscher gestiftet waren.

Wichtig für unser Thema ist auch die Vertreibung der Juden 1492 aus Spanien. So wie die Scholastik durch neue Wissenschaftslehren und Naturwissenschaften ins Wanken geriet, so wurde auch die, bis zur Vertreibung gefestigte, kabbalistische Lehre gewandelt und durch die Flüchtlinge in Europa verbreitet. Christliche, kabbalistische, gnostische und hermetische Lehren wurden in Klöstern und Universitäten studiert. Sie wirkten auf die Lehren der Kunst, Architektur und Literatur ein.

MiradolaGeprägt wurde die Tendenz einer christlichen Kabbala durch Picco della Mirandola (1463-1494) am Hof der Medici in Florenz. Mirandola glaubte mit der Kabbala die Wahrheit des Christentums bestätigen zu können.

Seine 72 kabbalistischen Thesen waren Teil der 900 Thesen, in denen er eine Synthese aller Philosophien erarbeitete. Diese Thesen wurden in der Renaissance ein Manifest vom Menschen und seiner Stellung in der Welt.

Picco lag eine vereinfachte Form der Kabbala, wie sie die Juden vor ihrer Vertreibung aus Spanien hatten, vor. Sie basierte auf zwei Hauptrichtungen. Einmal auf die Kunst hebräische Buchstaben zu kombinieren, sowie als Methode zur Kommunikation mit höheren Wesen, die gut und heilig waren.

Einen großen Einfluss auf die Verbreitung der Kabbala in Europa hatte der Humanist Johannes Reuchlin (1455-1522). Sein erstes kabbalistisches Werk „De verbo mirifico“ erschien schon 1494 in Deutschland. Er preist die Kabbala als göttliche Wissenschaft, in der Gott zu den Engeln spricht. Sein Hauptwerk „De arte cabbalistica“ entstand 1517.

Dort stellt er Hauptlehre und Methode der Kabbala dar und prägt eine christliche Kabbala, die wesentliche Lehren des Christentums aus dem alten Testament ableitet. Reuchlin sucht eine Synthese des religiösen Problems, sowie eine kraftvolle, christliche Philosophie gegen die verstaubte Scholastik.

Im Jahre 1517 schlug Luther seine Thesen an die Wittenberger Kirchentür und leitete die Reformation ein. Sein Ziel war das Evangelium zum Volke zu bringen. Kommen wir nun zu der schillernsten Gestalt dieser Zeit, zu Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim (1486-1535). Neben Rechtswissenschaft studierte er Literatur und Sprachen, beherrschte nicht weniger als acht davon in Wort und Schrift, sowie "Geheimwissenschaften". Eine Gesellschaft zum Studium der Geheimwissenschaften hatte er 1507 in Paris gegründet.

Eine erste Fassung seines Hauptwerkes „De occulta philosophia“ vollendete er 1510 in Köln, es erschien aber erst 1533 in einem Baseler Druck. Es vereinigt alle früheren Wissenschaften, bildet das Bindeglied zwischen biblischem Christentum und okkulten Studien. Magie versucht er aus "übernatürlichen" Wissen in ein natürliches Wissen der Physik, Mathematik und Theologie zu transformieren.

Das mittelalterliche Weltbild beruhte auf der Physik von Aristoteles und der Astronomie des Ptolemäus. Es bestand aus drei Welten mit der Erde im Mittelpunkt. Um die Erde befand sich der Himmel mit sieben Sphären, die wie die Planeten kreisten, die achte Sphäre aus Fixsternen. Als dritte Welt dann die intellektuelle Welt oder Welt der Ideen.

Wie auch im Judentum wirkte stets nur die höhere auf die niedere Sphäre. Aber auch Planeten und Fixsterne wirkten auf irdische Verhältnisse. Entsprechend ist Agrippas Werk aufgebaut. In der ersten Welt wirkt die natürliche Magie, in der zweiten die mathematische Magie und in der dritten die zeremonielle Magie, die zum Namen Jesu, dem letzten Mysterium, führt.

Ferner entwickelt er daraus zwei Theoreme.

  • Wie Höheres auf Niederes wirkt, so wirkt auch Niederes auf das Höhere nur in geringerem Maße. Es zieht das Höhere an.
  • Alles was auf derselben Stufe steht, beeinflusst sich gegenseitig.

Hier sehen wir beispielsweise einen hermetischen Einfluss „wie oben so unten“. Magie beruht nun nicht auf unerlaubte, mit Hilfe von Geistern durchgeführte Operationen, sondern auf der zweckmäßigen Anwendung von Naturgesetzen.

Melancholie und Saturn

Wenden wir uns nun der Kunst zu. Albrecht Dürer (1471-1528) war Zeitgenosse von Agrippa, Luther und Erasmus. Nach seiner zweiten Italienreise (1505-1507) hatte er die italienische Kunsttheorie übernommen. Diese beruhte auf der subtilen Geometrie der Harmonie von Mikro- und Makrokosmos. Ferner auf der Beziehung zwischen den Proportionen des menschlichen Körpers und den - von dem im Kosmos herrschenden Architekten des Universums - entworfenen Gesetzen.

ZirkelProportionen bilden also das Bindeglied zwischen Mensch und Kosmos. In der Kunst war Dürer eine ästhetische Kraft, die in der Zahl ihre Wurzel hatte. In Dürers „Melencolia I“ (1514) haben wir neben der mittelalterlichen Temperamentenlehre, die mit der Astrologie verbunden ist, auch einen Einfluss von Agrippas okkulter Philosophie.

Die mit Saturn verbundene Melancholie wurde von der niedrigsten Wesensart zur ranghöchsten erhoben. Sie wurde ein Zeichen der Genialität. Saturns Gaben, die Wissenschaftsbereiche des Zählens und Messens, wurden höchste Wissenschaften.

Bezeichnete Platon noch die heroische Raserei in Verbindung mit der schwarzen Galle des melancholischen Temperaments als Quelle der Inspiration, so wurde die Melancholie nun nach Agrippas okkulter Philosophie dreigestuft.

Die Melancholie konnte auf Einbildungskraft, Vernunft oder Geist wirken. Mit der Einbildungskraft inspirierte sie Maler, Architekten und handwerkliche Meister. Wirkte sie auf die Vernunft, so beflügelte sie Philosophen, Ärzte oder Redner. In ihrer höchsten Form werden dem Geist göttliche Dinge enthüllt, die Gesetze Gottes, die Hierarchie der Engel oder nahende Wunder.

Leider bleiben - kunsthistorisch betrachtet - Fragen offen, weil eine Melancholie zwei und drei fehlt. Oder ist vielleicht die „Erleuchtung der Hl. Hyronimus“ die Melancholie III? Inspiration war nun nicht mehr dämonisch, sondern durch die saturnischen Einflüsse von schädlichen Einflüssen bewahrt.

Das elisabethanische Zeitalter

Kommen wir nun ins elisabethanische Zeitalter. Ich möchte noch einmal darauf hinweisen, dass in Europa einmal Reformation und Gegenreformation wüteten und zudem die Inquisition tätig war. Den Versuchen Agrippas und anderer Philosophen, Magie als eine natürliche Wissenschaft darzustellen, folgten zahlreiche Gegendarstellungen.

Werke wie Jean Bodins „De la démonomanie des sorciers“ bezogen sich besonders auf Picco della Mirandola und Agrippa von Nettesheim. Ihr ‚falscher‘ Gebrauch der Kabbala war dämonisch, denn ihm war die ‚wahre‘ Kabbala eine geistige Zucht und Methode der Schriftauslegung. Auf literarischem Gebiet schrieb Christopher Marlowe „Die tragische Historie vom Doktor Faustus“ (1604).

Aus diesem Text stammt das Eingangszitat (1. Akt, 1. Szene). Faust, dort als Schüler oder Anhänger Agrippas dargestellt, macht den Teufelsbund auf 24 Jahre und verliert am Ende grausam seine Seele. Dieses Stück war seinerzeit auf der Bühne ein großer Publikumserfolg.

John DeeIn dieser Zeit wirkte nun John Dee (1527-1608), den Kurt Benesch in seinem Buch „Magie“ als „verwirrter Wissenschaftler, der zum Spielball seiner Erscheinungen wurde“ bezeichnet, erfährt in der Forschung immer neuere Bewertungen.

John Dee waren die meisten zuvor genannten Künstler und Philosophen bekannt. Ihre Werke standen in seiner Bibliothek, und er bezieht sich in seinen Schriften auf sie bzw. erweitert diese.

Seefahrern, Handwerkern und Technikern bringen sie großen Nutzen. Dee ist überzeugt mit der Kabbala von Engeln geleitet zu sein. Zudem hat er umfangreiche Kenntnisse von Geheimwissenschaften. Seiner Philosophie verleiht er Ausdruck in einer Glyphe, der „Monas hyroglyphica“, die er Kaiser Maximilian 1564 widmet. Sein Wirken unterlag auch einem politischen Programm, welches Englands Vormachtstellung und Königin Elisabeths I. Stellung darin betraf.

Elisabeth sollte einem reformierten britischen Weltreich vorstehen, Oberhaupt über Staat und Kirche sein, und es gegen die spanisch-päpstlichen Weltmachtambitionen verteidigen. Diese Ansichten teilt er uns in „Allgemeine und seltene Denkwürdigkeiten die vollkommene Kunst der Navigation betreffend“ mit (1577).

Hier zeigt sich John Dee als Saturnmensch, der alle drei Stadien der Inspiration durchlaufen hat. In den Jahren 1583-1589 befand sich John Dee auf dem Kontinent und verbreitete seine Idee. Er besuchte auch Kaiser Rudolph II., den Sohn Maximilians. Politisch schien seine Mission keinen Erfolg zu haben, doch seine Gedanken finden sich im „Rosenkreuzermanifest“ wieder. Dabei dürfte es sich um die damals anonym erschienene „Fama Fraternitas“ handeln (1614).

Doch verbrachte John Dee den Rest seines Lebens unter Verfolgung und in Armut. Literarisch wurde Dees Programm von Edmund Spenser (1552-1599) aufgenommen. Sein Hauptwerk „Die Feenkönigin“ (1590-1596) blieb unvollendet. Das Werk war ursprünglich auf zwölf Bücher mit je zwölf Gesängen angelegt. Grundlegendes Motiv ist der Tempel, der in architektonischer Terminologie eine Allegorie von Körper und Seele des Menschen ist.

Spenser schreibt an einen Freund er wolle die zwölf Tugenden gemäß Aristoteles´ Lehre darstellen. Das Werk ist voller Zahlenmystik und Symbolik. Frances A. Yates interpretiert es als „Darstellung des Idealbildes eines religiösen und moralischen Führers, desjenigen der Königin Elisabeth I. und ihrer imperialen Reform“.

Ich kann hier ihre Interpretation der Feenkönigin nicht im Einzelnen darlegen, möchte aber darauf hinweisen, dass es auch rosenkreuzerische Anspielungen enthält.

So beispielsweise die 12x12 Gesänge (144 ist die Zahl der Jahre im A.M.O.R.C., die zwischen zwei Inkarnationen liegen) der Rittern vom Roten Kreuz im ersten Buch.

Die damalige Literatur und Kunst ist voller Mystik und okkulter Philosophie. Zauberer und Hexen bevölkern die Bühne. Wir können viele Elemente auch bei Shakespeare oder John Milton (1608-1674) z.B. in „Paradise lost“ (1677) feststellen.

Besonders Roberts Fludds Werke über die „Geschichte des Makro- und Mikrokosmos“ (1617-1619) wirkten auf Milton. ‚Paradise Lost‘ wird zum Träger jener Idee des Messianismus verbunden mit dem der Elisabethanern. Fludd war übrigens mit der Rosenkreuzerbewegung sehr verbunden und schrieb 1626 eine Verteidigungsrede für die Rosenkreuzer.

Zusammenfassung

Ich hoffe es ist mir ansatzweise gelungen die Entwicklung verschiedener religiöser, magisch-mystischer Strömungen und Philosophien aufzuzeigen. Diese vom Mittelalter ausgehenden Tendenzen über Renaissance und Reformation münden in der okkulten Philosophie des elisabethanischen Zeitalters. Dort haben sie ihre höchste künstlerische Blüte entfaltet und auf ganz Europa eingewirkt.

Es bleiben aber noch die Anfangs gestellten Fragen. Warum beschäftigen wir uns heute damit?

Auch wenn ich Lessings Meinung nicht teile, dass „Dr. Faust eine Menge Szenen habe, die nur ein shakespearsches Genie zu denken vermögend gewesen“ , so teile ich aber den ästhetischen Genuss beim Lesen solcher Schriften. Wir können sie also aus rein ästhetischen Gründen lesen. Auch wenn in uns kein faustisches Wesen steckt, so können wir durch das Studium von Philosophie und Wissenschaften, besonders der Magie und ihrer Geschichte, Inspiration zum Verständnis der Welt erlangen.

Diese kann uns zu höchsten Erkenntnissen führen, uns das Phänomen des "Seins" aus besonderer Perspektive erklären. Da auch moderne Lehren die Kinder der Vergangenheit sind, mag uns dies helfen die Gegenwart zu verstehen. Denn die Ideen der Vergangenheit leben heute noch im Verborgenen weiter.

Ich möchte dazu aufrufen, die Welt mit anderen Augen zu betrachten. Mit den Augen eines ‚okkulten Philosophen‘, der die Vergangenheit und ihre Werke neu interpretiert. Vielleicht auch eine neue Kunstbetrachtung oder Theorie zu ersinnen. Und, nicht zuletzt, zusammen mit der göttlichen Inspiration Neues auf allen Ebenen zu erschaffen!

Viel Spaß beim Forschen!

08.09.2017 © seit 05.2009 Martin Dembowsky  
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