Spirituelle Weltbilder: Logos und Heilige Dreifaltigkeit

Teaser: In diesem Artikel untersucht der Autor den Begriff des Logos, beginnend in der Antike bis zur Moderne. Damit kann der Leser die Verschiebung der Bedeutung dieses zentralen Begriffs bis in die christliche Tradition nachvollziehen und einen Zusammenhang mit der Lehre über "die Heilige Dreifaltigkeit" herstellen.

Der Logos

Logos ist, im Gegensatz zur Logik, nach heutigem Verständnis ein überholter Begriff. Er ist nur noch in Theologie und Mystik anzutreffen. Zu Beginn der Neuzeit löste sich allmählich seine ursprüngliche Bedeutung - als logisches Denken in der Ratio - auf. In der christlichen Theologie allerdings hat er sich als Ausdruck der göttlichen Vernunft erhalten.

Griechenland TempelIm ursprünglichen Sinn bezieht sich Logos auf alle, durch die Sprache dargestellten Äußerungen der Vernunft. In der griechischen Grammatik bedeutet er zuerst einmal Wort, Rede, Sprache, dann übertragener Gedanke, Begriff, Vernunft oder Sinn. Bei Heraklit bedeutet er Weltgesetz, während die Stoiker im Logos die Weltvernunft - identisch mit den unpersönlichen, noch über den Göttern thronenden Gesetzmäßigkeiten des Alls - sehen.

In diesen unterschiedlichen Bedeutungen bezeichnet Logos immer die Einheit von Denken und Sprache, sowie den Gegenstand der Rede und auf den das Denken gerichtet ist. So ist der Logos als vernehmbarer und artikulierbarer Sinn das Medium, das den Menschen mit den Mitmenschen und der natürlichen Welt verbindet.

Manchmal wird schon in der Stoa (300 v. Chr.) der Logos als Person (z.B. als Gott) aufgefasst. Die Stoa sieht im Logos das Vernunftprinzip des Weltalls. Der Logos ist der ruhende Ursprung, aus dem alle Tätigkeit hervorgeht. Er konstituiert somit sowohl die „Kausalität“ als Ursache-Wirkung-Prinzip, als auch ein hiervon abgeleitetes, dem alttestamentlichen Tun-Ergehen-Zusammenhang nicht unähnliches, sittliches Prinzip.

Im daran anknüpfenden Hellenistischen Judentum bezeichnete Logos den von Ewigkeit her gedachten Weltgedanken Gottes, der bei der Schöpfung aus Gott herausgetreten ist, den sogenannten Sohn Gottes. Er ist der Abglanz der göttlichen Vollkommenheit, das beim Schöpfungswerk beteiligte Mittelwesen zwischen Gott und Welt. Als (logos spermatikos) „Seelenfünklein“ ist er in jedem beseelten oder vernunftbegabten Wesen von Gottes Schöpfung anzutreffen.

Eine zentrale Stellung hat der Begriff Logos in der Lehre Heraklits. Logos bezeichnet hier ein kosmisches Prinzip, von dem sowohl alles Geschehen als auch das menschliche Denken getragen und bestimmt ist. In Einheit mit dem Begriff des "pyr phronomon" (besonnenes Feuer) bedeutet Logos für Heraklit das Wissen um die Sinnhaftigkeit des Lebens und der Welt, die in dieser selbst liegt und im Umgang mit Menschen und Dingen erfahren wird, aber niemals absolut bestimmt und ausgesprochen werden kann.

Während so in Heraklits Begriff des Logos Rationales und Nichtrationales dialektisch verknüpft sind, wird der Begriff im Laufe seiner Geschichte, besonders seit Aristoteles, immer häufiger auf der rein theoretischen Erkenntnis und damit auch auf die eindeutige Bestimmung von Gegenständen eingeengt. Damit vollzieht sich eine allmähliche Abgrenzung des Begriffs Logos vom Mythos. Dieser einseitig rationale Logos-Begriff liegt der Logik als Lehre vom richtigen Denken und Schließen zugrunde.

Mit Beginn des 20. Jh. wird die in der Geschichte der Logik tradierte einseitige Auslegung des Logos-Begriffs durch die Lebensphilosophie und die Phänomenologie relativiert und teilweise aufgehoben.

Bezeichnend für den Begriff Logos ist, dass er in jeder Konstellation als eine Kraft in Erscheinung tritt, die Kommunikation zwischen kognitiven Bereichen ermöglicht. Insofern hat er bis heute nicht seinen ursprünglichen Sinn verloren. Nur die Ebenen seiner Wirkkraft haben sich verschoben. In der Moderne ist die materielle Ebene dominant, entsprechend ist die Bedeutung des Logos im Verhältnis zur Ratio geschrumpft. Die dadurch reduzierte Wahrnehmung vom Gesamtbild des Seins tritt als Verlust an geistig-ethischer Qualität in Erscheinung. Heute äußert sich das als weltweit zunehmende Minderung der Lebensqualität.

Logos und die Heilige Dreifaltigkeit

Bei Philon, den Neuplatonikern und den Gnostikern wird die griechische Logos-Idee mit der alttestamentlichen Gottesvorstellung verschmolzen. Der Logos erscheint nunmehr als die ewig bei Gott wohnende Vernunftkraft, als das Wort und der ewige Gedanke Gottes, der als Logos die Welt geschaffen hat, sie durchdringt und zusammenhält.

ChristusEr ist der erstgeborene Sohn Gottes, der andere Gott, der Mittler zwischen Gott und den Menschen. Im Christentum schließlich wird der Logos bei Johannes, und später deutlicher bei den Kirchenvätern, das fleischgewordene Wort Gottes, der „Sohn“ Gottes, der als der historische Christus auf die Erde kam. Seine endgültige Stellung erhielt der Logos erst durch die Festlegung als zweite Person im Dogma der Dreieinigkeit.

Ebenfalls an die Stoa anknüpfend wird Logos dann bei Johannes zum „Wort Gottes“. Das Johannesevangelium beginnt mit den Worten: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“. Johannes setzt den Logos als Inkarnation mit Christus gleich.

Dies ist der Beginn des Aufbaus einer Christologie und der damit zusammenhängenden Fragen der Trinität und der Frage der Wesensgleichheit der drei göttlichen Personen. Im heutigen Verständnis entbehren diese der Realität, das muss aber nicht heißen, dass sie keine Symbolkraft haben. Im aktuellen Weltbild jedoch ist schwerlich ein realer Bezug zu finden.

Das moderne Weltbild besteht aus Makro- und Mikrokosmos, also aus Materie und Energie. In dieser Konstellation wird auch der Mensch gesehen. Ein Mensch aber ist mehr. Seine Ganzheit besteht aus Materie, Energie, Lebenskraft und Geist. Bei der Schöpfung sind Parallelen zum Menschen feststellbar, wie er weist sie geordnete Strukturen in gestufter Komplexität auf, wie er ist sie aus kleinstem Keim ins Sein geboren, wie er unterliegt sie gestaltenden und zerstörenden Prozessen.

Ohne Geist beziehungsweise gestaltende Kraft wäre der Anfang der Schöpfung nicht über das Urchaos hinausgekommen. Aus dieser Sicht macht die Heilige Dreifaltigkeit Sinn. Sie stellt eine differenzierte, aktive Ganzheit dar. „Vater“, das ist sinngemäß die universale Ganzheit, „Sohn“ verkörpert geistvoll geformte Materie, „Heiliger Geist“, steht für aktive, sinnvoll verbindende Kraft. Die Physik hat dafür drei andere Begrifflichkeiten: „impulsgebende Kraft“ (Vater), „Materie“ (Sohn), „konstruktiv agierende Energie“ (Heiliger Geist). 

Solche Aspekte drängen auf ein Umdenken. Eine Horizonterweiterung wie sie heute möglich ist, weist über unser bisheriges Denken hinaus. Das bringt Begriffe und Phänomene wie Logos, Religion, Heilige Dreifaltigkeit, Geist und Leben in einen neuen Kontext. Aufgrund dieser Konstellationen sollte die Frage nach dem Sinn des Lebens und der Bedeutung „veralteter“ Begriffe neu gestellt werden.

08.09.2017 © seit 07.2008 Heinz Altmann
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