Deutsche Sprachpflege in Vergangenheit und Gegenwart

23.05.2006
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Martin Dembowsky
martins-wellness-oase.de
  

Einleitung

In der Sprachwissenschaft, der Linguistik, wurde die wissenschaftliche Beschäftigung mit Sprachpflege erst nach einem Wechsel sprachwissenschaftlicher Praxis Anfang der 70er Jahre möglich. Sprache als Untersuchungsgegenstand der 60er Jahre war ausschließlich an Wissenschaftsmodellen der Naturwissenschaften orientiert; es war die der Sprache innewohnende Struktur.

GrammophonDer ideale Sprecher/Hörer Chomskys wurde durch den "normalen" abgelöst. Analyse und Kritik von Kommunikationszusammenhängen, Sprachbewußtsein verschiedener menschlicher Gesellschaften etc. wurde Aufgabe und Gegenstand der Sprachwissenschaft. Bis dahin hatte Sprachpflege den Ruf "deutschtümelnder Verfehlung" oder einer "reaktionären gesellschaftlichen Position".

Wenn ich hier den Begriff Sprachpflege so selbstverständlich benutze, liegt mir nichts ferner als eine "deutschtümelnde Verfehlung". Es gilt also, diesen Begriff zu erläutern, da es für den Sachverhalt weder eine einheitliche Begriffsbildung noch eine ausgearbeitete Theorie gibt. Begriffe wie "Sprachlenkung", Sprachkritik oder Sprachkultur werden sowohl übereinstimmend, wie auch gegensätzlich zum Begriff Sprachpflege benutzt, was in einer Mehrdeutigkeit dieser Begriffe begründet liegt.

Um ein Beispiel anzuführen: Die Germanistik der DDR bezeichnete mit Sprachkultur "das Niveau eines angemessenen, normgerechten und schöpferischen Sprachgebrauchs in bestimmten Situationen, gegenüber bestimmten Partnern und unter Berücksichtigung des Gegenstandes der Kommunikation". Sprachpflege war Mittel und Voraussetzung für Sprachkultur, welche das Niveau sprachlicher Kompetenz bezeichnete, "das den Entwicklungsbedingungen und den Ansprüchen der entwickelten Gesellschaft adäquat ist."

Eine Theorie der Sprachpflege muß dabei berücksichtigen:

  • ob das Sprachsystem oder die Sprachverwendung einzelner Personen gepflegt, gelenkt, kritisiert oder kultiviert wird.
  • Mit welchem Ziel oder welcher Methode dies geschieht.
  • Wer pflegt, lenkt, kritisiert oder kultiviert mit welcher Befugnis?

Vorläufig wollen wir deshalb unter Sprachpflege jede bewußte Einwirkung auf Sprache und Sprachteile (Wörter) mit dem Ziel der Veränderung oder dem Verhindern von Veränderungen der Sprache verstanden wissen. Dabei zielt Sprachpflege auf verbesserte sprachliche Kompetenz und einen bedachten, d.h. kritischen wie selbstkritischen Gebrauch der Sprache.

Die Sprachpflege im historischen Überblick

Sprachpflege im 17. Jahrhundert

Wie ich in meinem Artikel über die Geschichte der deutschen Sprache dargestellt habe, war die völlige Verdrängung des Deutschen aus dem gesellschaftlichen Verkehr der Gebildeten gegen Ende des Jahrhunderts nicht mehr auszuschließen. Das Latein war die Sprache der Universitäten und der katholischen Kirche. Der Hof sprach ein deutsch-französisches Kauderwelsch. Eine feste Nationalsprache gab es nicht.

Zur Besserung trugen Sprachgesellschaften bei, von denen hier nur die "Fruchtbringende Gesellschaft", auch der "Palmenorden" genannt sei. Von Ludwig von Anhalt-Köthen 1617 in Weimar gegründet und mit 890 größtenteils adeligen Mitgliedern, vertrat diese Gesellschaft programmatisch die Förderung der deutschen Sprache und die Aufrechterhaltung der alten Tugenden.

Was damals unter Spracharbeit bekannt war, umfaßt 6 Punkte, die hier kurz erläutert sein sollen.

  1. Sprachreinheit: Das hieß, es sollte in deutscher Sprache geschrieben werden und dabei Fremdwortgebrauch vermieden werden. Viele Worte wurden verdeutscht, also mit Mitteln der deutschen Sprache neu geprägt. Aus dem "Chronographion" wurde die Zeitschrift, aus dem "Gouverneur" der Statthalter und aus dem vermeintlichen Fremdwort Nase nicht ganz glücklich der Gesichtserker.

    Ferner zählte zur Reinheit der grammatisch richtige Gebrauch der Literatursprache, Vermeidung veralteter Worte und Dialekte, sowie die Vermeidung gemeiner und anstößiger Ausdrücke.

  2. Sprachschönheit: In Schrift und Sprache sollte man sich stets zur besten Aussprache befleißigen. Dazu gab es Lehrbücher der Rhetorik, welche dazu anleiteten, die Sprache durch gute Reden zu pflegen.

    historisch gekleidete FrauErwähnt sei hier das von Wolfgang Ratke 1612 im Reichstag zu Frankfurt eingereichte "Memorial" zur Verbesserung des Unterrichts in der Muttersprache, das die deutsche Sprache anstelle des Lateins als Grundlage der Bildung vorsah.

  3. Sprachrichtigkeit: Diese zielte auf grammatische Normen und orthographische Regeln. Zu diesem Zweck gab es Sprachlehre. Genannt sei hier nur die 1618 von Johannes Kromayer erschiene "Deutsche Grammatica, Zum newen Methodo der Jugend zum besten, zugerichtet".

  4. Wörterbuch: Hierin sollte der deutsche Wortschatz für die Erfordernisse der Literatur- und Hochsprache erfaßt und aufbereitet werden. Aus der "Fruchtbringenden Gesellschaft" ging 1691 das Wörterbuch von Kaspar Stieler hervor, genannt "Der Teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs oder teutscher Sprachplatz ..."

    Die Stichwörter wurden nach dem Stammwortprinzip aufgelistet, d.h. Ableitungen und Zusammensetzungen wurden der Wurzel untergeordnet. Die Wurzel ist der nicht mehr zerlegbare, die Bedeutung tragender Kern eines Wortes. Erst später führte man das alphabetische Prinzip ein.

  5. Fachwörterbuch: Neben einem allgemeinen Wörterbuch sollte ein Fachwörterbuch die Kunstwörter, z. B. die des Handwerkes, der Schiffahrt, etc. zusammentragen.

  6. Übersetzungen: Hierbei sollte bei der Übersetzung von nützlichen und lustigen Büchern die Verwendung fremder Flickwörter vermieden werden.

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