Mindmachines: Geschichte der audiovisuellen Stimulation

20.10.2004
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Claudius Nagel
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Einführung: Die elektromagnetische Gehirnaktivität und deren Darstellung im EEG

Für das Verständnis der audiovisuellen Stimulation ist ein grundlegendes Hintergrundwissen über die Funktionsweise unseres Gehirns unter der Perspektive der elektromagnetischen Gehirnwellen essentiell:

aDas menschliche Gehirn besteht aus Abermilliarden Nervenzellen (Neuronen), welche wiederum von Abermilliarden Gliazellen unterstützt und versorgt werden. Jede einzelne Nervenzelle ist durch tausende Verästelungen über Synapsen mit anderen Nervenzellen verbunden. In der Gesamtheit bilden diese ein gewaltiges neuronales Netzwerk: unser Gehirn - oder genauer: das zentrale Nervensystem.

Untereinander und über das gesamte Zentralnervensystem des Körpers hinweg tauschen die Neuronen elektrochemische Impulse aus. Jede dieser elektrochemischen Entladungen erzeugt ein elektromagnetisches Feld mit einer Frequenz zwischen 1 und 40 Hz (Schwingungen pro Sekunde). Die Gesamtheit dieser Signale bildet die sogenannten Gehirnwellen, welche mittels eines Elektroenzephalographen gemessen und als Elektroenzephalogramm (EEG) dargestellt werden können. Man unterscheidet hierbei zwischen vier wesentlichen Gehirnwellenbereichen:

Beta-Bereich: Dieser Gehirnwellenbereich umfasst die Frequenzen 14 - 30 Hz und repräsentiert den wachen, konzentrierten, nach außen gerichteten Bewusstseinszustand, in welchem der Mensch sich den größten Teil der Zeit zwischen morgendlichem Aufstehen und abendlichem Zubettgehen befindet. Dieser Zustand ist gekennzeichnet durch mentale Aktivität und logisches, analytisches Denken, kann im Extremfall aber auch Unruhe, Sorge, plötzliche Angst, Anspannung oder Alarmbereitschaft bedeuten. Hohe Beta-Anteile stehen im Zusammenhang mit einem erhöhtem Ausstoß von Stresshormonen.

Alpha-Bereich: Dieser Gehirnwellenbereich umfasst die Frequenzen zwischen 7 und 14 Hz. Kennzeichnend für diesen Zustand sind wohlige Entspannung, ruhiges, fließendes Denken sowie eine positive Grundstimmung. Die Aufmerksamkeit ist hierbei nach innen gerichtet und es geht eine erhöhte Empfänglichkeit für Suggestionen mit diesem Zustand einher. Aufgrund der Tatsache, dass der Mensch in diesem Zustand eine große Menge von Informationen verarbeiten kann, ist dies der bevorzugte Zustand für Superlearning.

Theta-Bereich: Dieser Bereich umfasst die Frequenzen von 3 - 7 Hz und kennzeichnet den Zustand, in welchem wir uns üblicherweise während des Traumschlafs befinden. Es ist ein ruhiger Zustand, der durch ein gesteigertes, plastisches Erinnerungsvermögen, bildhafte Vorstellung, Phantasie und Kreativität sowie außergewöhnliches Problemlösen geprägt ist. Dieser Zustand wird auch durch Tiefenmeditation erreicht.

Delta-Bereich: Dieser Bereich umfasst die Frequenzen 1 - 3 Hz und tritt normalerweise nur während des traumlosen Tiefschlafs auf, kann aber auch in Trance-Zuständen dominieren. Von großer Bedeutung sind diese Wellen für Heilungsprozesse und die Funktionstüchtigkeit des Immunsystems.

Weiterhin ist noch der Gamma-Bereich zu erwähnen, welcher oberhalb 30 Hz liegt, jedoch bislang kaum erforscht ist.

Verschiedene Gehirnwellen können in verschiedenen Gehirnarealen gleichzeitig auftreten. So verändert sich das gesamte Gehirnwellenmuster von Sekunde zu Sekunde, wobei jedoch stets bestimmte Zustände entsprechend o.a. Klassifizierung dominieren. Die folgenden Abbildungen sollen das Verständnis über die Gehirnwellen und deren Darstellung erleichtern:

Oszillographen-Darstellung:

zeigt den Wellenverlauf der Gehirnaktivität in ihrer Gesamtheit über einen bestimmten Zeitraum hinweg.

3D-Landscape-Darstellung:

ermöglicht die Spektralanalyse der Gehirnwellen für eine Messung über eine bestimmte Zeitdauer hinweg.

Mindmirror-Darstellung:

zeigt eine Momentaufnahme der Gehirnaktivität zu einem bestimmten Zeitpunkt - oder bezogen auf einen Zeitraum eine Darstellung der durchschnittlichen Gehirnaktivität auf den verschiedenen Frequenzwerten.

Das menschliche Gehirn besteht ferner aus linker und rechter Gehirnhemisphäre: Die rechte Hemisphäre steuert die Funktionen der linken Körperseite, wohingegen die linke Hemisphäre für die Funktionen der rechten Körperseite zuständig ist. Das Corpus Callopsum stellt eine Verbindung der beiden Hemisphären dar und verknüpft die Prozesse zwischen linker und rechter Hemisphäre. Zwar weisen die beiden Hemisphären eine oberflächliche Symmetrie auf, unterscheiden sich aber wesentlich in ihren Funktionen:

Während beim normalen Rechtshänder die linke Hemisphäre Informationen seriell (d.h. nacheinander) verarbeitet, sich an Reihenfolgen hält, Einzelheiten registriert, nach den Prinzipien der Logik arbeitet - Informationen also sequentiell und damit natürlich auch langsamer verarbeitet, prozessiert die rechte Hemisphäre Informationen parallel. Sie erfasst komplexe Bilder und verarbeitet Informationen gleichzeitig. Dadurch kann sie in der gleichen Zeit wesentlich mehr Informationen verarbeiten als die linke Hemisphäre.

Durch schulisches Lernen werden fast ausschließlich linkshemisphärische Fähigkeiten trainiert. Rechtshemisphärische Talente wie Kreativität und die komplexe Aufnahmefähigkeit werden gleichzeitig begrenzt durch die alleinige Ausrichtung auf serielles Erfassen von Wissensinhalten. Es ist erfreulich, dass die moderne Pädagogik sich mittlerweile diesen Erkenntnissen stellt und nach neuen Methoden sucht, um ganzheitliches Lernen zu vermitteln, jedoch genügt es nicht, nur rechtshemisphärische Begabungen aufzubauen und somit das kreative Potential weiter zu fördern.

Erst die synchrone Zusammenarbeit beider Hemisphären ermöglicht es, neue geistige Potenziale zu erschließen. Die rechte Hemisphäre, die parallel, bildhaft, emotional, unkoordiniert und ungebremst sehr viele Informationen aufnehmen kann, führt erst in synchroner Zusammenarbeit mit der linken Hemisphäre, die strukturiert, analysiert, auswählt und kombiniert, zur Fähigkeit der ganzheitlichen Erfassung und Analyse von Informationen und somit zur Entwicklung einer übergeordneten Betrachtungsweise von Sachverhalten.

Üblicherweise befinden sich unsere Hemisphären in einem asynchronen Zustand, d.h. die elektromagnetischen Gehirnwellen der linken und rechten Hemisphäre unterscheiden sich in Bezug auf Frequenz, Amplitude, Phase und Kohärenz. Es ist mittels spezieller Methoden jedoch möglich, den Zustand der Hemisphärensynchronisation herbeizuführen. Folgende Darstellung soll diesen Zustand verdeutlichen:

Asynchrone Hemisphären
Hemisphärensynchronisation

Mit diesem Hintergrundwissen können wir uns nun der audiovisuellen Stimulation zuwenden:

Geschichte der visuellen Stimulation

Seit der Entdeckung des Feuers weiß die Menschheit, dass flackerndes Licht eine Wirkung auf die menschliche Psyche hat. Sowohl antike als auch moderne Wissenschaftler haben dieses Phänomen beobachtet. Bereits 200 Jahre vor Christus entdeckte der griechische Philosoph und Wissenschaftler Ptolemäus, dass ein vor die Sonne gehaltenes, sich drehendes Spinnrad bei einer bestimmten Geschwindigkeit Bewusstseinsveränderungen beim Betrachter hervorruft, welche sich in Form visuell wahrgenommener Farben und Muster sowie eines Gefühls der Benommenheit und Euphorie niederschlagen können.

Zum Ende des 19. Jahrhunderts stellte der französische Psychologe Pierre Janet fest, dass hysterische Patienten weniger Anfälle hatten und wesentlicher entspannter wurden, wenn man sie mit flackerndem Licht therapierte.

In den vierziger und fünfziger Jahren experimentierte der Wissenschaftler Gray Walter mit einem elektronischen Stroboskop in Kombination mit EEG-Instrumenten zur Messung der Gehirnwellen. Die geschlossenen Augen seiner Versuchspersonen wurden hierbei mit rhythmischen Lichtblitzen in Frequenzen zwischen zehn und fünfundzwanzig Blitzen pro Sekunde bestrahlt. Zu seiner Überraschung schien das Flackern die Gehirnwellentätigkeit des gesamten Kortex - nicht nur die für das Sehen zuständigen Bereiche - dahingehend zu verändern, dass sich die Gehirnfrequenzen der Probanden der jeweiligen Stimulationsfrequenz anpassten. Seine Versuchspersonen berichteten dabei von Visionen von Kometen, überirdischen Farben sowie von Farben geistiger, nicht visueller Art.

Im Laufe der sechziger Jahre wuchs das wissenschaftliche Interesse an dem Flackereffekt, aber erst Anfang bis Mitte der siebziger Jahre kam es zu einen großen Aufschwung, als plötzlich reihenweise überall auf der Welt unabhängige Studien zu diesem Phänomen durchgeführt wurden und wiederholt bestätigt wurde, dass rhythmisch blitzende Lichter eine rasch eintretende Resonanzwirkung auf Gehirnwellen hatten. Außerdem kamen die Forscher zu dem überraschenden und aufregenden Ergebnis, dass man mit der photischen Stimulation ein Werkzeug zur Verbesserung der Funktionen von Geist und Körper zur Verfügung hatte. Unabhängig voneinander entdeckten mehrere Forscher, dass

  • auf bestimmten Frequenzen (insbesondere im Alpha- und Thetabereich) das rhythmische Flackern während der Zeit der Stimulation Ängste lindern konnte,
  • Personen, die derart stimuliert worden waren, über einen lang anhaltenden und substantiellen Rückgang ihrer Ängste berichteten,
  • das blinkende Licht in eben diesen Frequenzen in den Versuchspersonen einen Zustand tiefer körperlicher Entspannung und geistiger Klarheit auslöste,
  • man durch photische Stimulation das Gehirn in der Modifizierung seiner EEG-Frequenzen trainieren konnte,
  • sich nach solch einem Training die verbale Ausdrucksfähigkeit der Versuchspersonen und ihre verbalen Leistungen bei Intelligenztests erhöhten,
  • auf bestimmten Frequenzen (wieder im Alpha- und Thetabereich) das blinkende Licht die Hypnotisierbarkeit und die Empfänglichkeit für Suggestionen bei den Testpersonen erhöhte,
  • flackernde Lichter die beiden Hemisphären des Gehirns in einen Zustand größerer Kohärenz und Synchronisation bringen konnten,
  • eine derartige Kohärenz zwischen den Hemisphären in Beziehung zu verbesserten intellektuellen Funktionen steht,
  • bei Kindern bis zum Alter von vierzehn Jahren die am häufigsten erzeugten Frequenzen im Thetabereich liegen, bei Erwachsenen hingegen im Betabereich. Das bedeutet, dass der Prozentsatz von Thetawellen mit dem Alter abnimmt, während die Menge an Betawellen steigt. Indem man nun die Gehirnwellen eines Erwachsenen im Thetabereich anregt, kann der Erwachsene zu einem freieren, eher kindlichen Geisteszustand zurückkehren, der sich durch lebhaftes und spontanes geistiges Bilderleben und phantasievolles, kreatives Denken auszeichnet. Moderne Studien bilden die Grundlage zu der These, dass Thetawellen direkt mit der Ausbildung neuer Synapsen in Zusammenhang stehen.

Weiterführende Literatur zu diesem Thema

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