Gottfried August Bürger (1747-1794) war ein bedeutender deutscher Dichter und Philosoph der Aufklärung. Bekannt für seine Ballade „Lenore“ und die Sammlung der „Wunderbaren Reisen des Freiherrn von Münchhausen“, prägte er die Literatur seiner Zeit durch seine lebendige und volksnahe Erzählweise. Bürgers Werke spiegeln seine scharfsinnige Kritik an der Gesellschaft und sein tiefes Interesse an den menschlichen Leidenschaften wider, wodurch er zu einer Schlüsselfigur der deutschen Romantik wurde.
Gottfried August Bürger
Gottfried August Bürger (1747-1794) wurde vor allem durch sein Münchhausen-Buch bekannt. Dessen vollständiger Titel lautet: „Wunderbare Reisen zu Wasser und Lande – Feldzüge und lustige Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen, wie er dieselben bei der Flasche im Zirkel seiner Freunde selbst zu erzählen pflegt. Aus dem Englischen nach der neuesten Ausgabe übersetzt, hier und da erweitert und mit noch mehr Kupfern gezieret“ (1786).

Um was es Bürger dabei ging, teilt er in der Vorrede mit: es könne verschrobenen Leuten gesunden Menschenverstand beibringen, Schreihälse im Parlament bekehren und die Leser zum Lachen bringen.
1783 wurde Bürger Privatdozent an der Universität Göttingen. 1787 wurde er ehrenhalber zum Doktor der Philosophie, 1789 zum außerordentlichen Professor der Philosophie ernannt.
In seinem Brief vom 20.2.1782 hatte Goethe Bürger für geeignet befunden, Philosophieprofessor zu werden. Doch er hatte auch die Kehrseite der Medaille nicht verschwiegen: „Alle unsere Akademien haben noch barbarische Formen, in die man sich finden muß, und der Parteigeist, der meistens Kollegen trennt, macht dem Friedfertigsten das Leben am sauersten und füllt die Lustörter der Wissenschaften mit Hader und Zank“ (S. 198).
Bürger hielt Vorlesungen über Ästhetik, Kant, „Philosophie des Stils“, „Theorie der deutschen Sprache und Schreibart“, „Geschichte der schönen Wissenschaften in Deutschland“ und empirische Psychologie (ich zitiere nicht alle Titel zum jeweiligen Thema).
Bürger trug fast keine eigenen Gedanken vor. Er übernahm „lange Absätze fast wörtlich, ohne seine Quellen exakt anzugeben“ (Friedrich 73). Doch die meisten Beispiele aus der Dichtung suchte er selbst zusammen.
Die Wirkung von Bürgers Vorlesungen war nur gering (ca. zehn Studenten hörten ihn über Ästhetik; zuerst 24, beim zweiten Mal mehr als 50 und schließlich mehr als 70 Studenten hörten ihn über Kant). „Deutsche Sprache und Literatur genossen nun einmal in Göttingen wenig Achtung“ (Friedrich 73).
Im vorliegenden Aufsatz rekonstruiere ich Bürgers Philosophie aus seinen Gedichten, Briefen, Aufsätzen und Abhandlungen.
Balladen
Die Stoffe seiner Balladen entnahm Bürger in der Regel Volksdichtungen, mitunter auch tatsächlichen Begebenheiten (Kindsmord) und Bräuchen (Gewohnheiten der Jäger, Universitätsbetrieb, Regierung und Kirche, Volk und Adel). Im folgenden formuliere ich die Aussagen der Balladen in Thesenform. Dabei ist zu berücksichtigen, daß Bürger den Volksglauben achtete, aber der Gesellschaft seiner Zeit, insbesondere der Justiz, der Kirche, der Bibel, den Gutsherren und dem Militär als Aufklärer gegenübertrat.
Die Verwandlung des Heiden und Räubers Zeus in einen Stier, um Europa zu entführen, und in einen Kavalier, um sie zu verführen, ist für Bürger Teufelswerk. Doch auch unter den Christen gebe es derartige Verführer („Prinzessin Europa“).
„Des armen Suschens Traum“ kündigt ihr den Tod an.
Die Toten nehmen die geliebten Lebenden mit sich, wenn sie sich nicht entschieden dagegen wehren („Lenore“).
„Der Raubgraf“ enthält eine Art Philosophie des Bösen: Wer sich „mit großen Herrn“ (S. 417) und dem Teufel einläßt, wird über’s Ohr gehauen und verdorben. Das Streben nach Reichtum bringt keinen Segen. Das Reich des Satan ist mit sich uneins und zerstört sich selbst.
„Die Weiber von Weinsberg“ überlisten Kaiser Konrad III., der die Stadt erobern will. Er gestattet den Frauen freien Abzug mit „‚ihren besten Schätzen'“ (S. 421). Als sie ihre Männer vor die Stadt tragen, verzeiht ihnen der Kaiser und gibt ein Festessen. „Denn Pfaffentrug und Weiberlist / Gehn über alles, wie ihr wißt“ (S. 420).
Die einfachen Mädchen sollen sich vor den Rittern hüten, die sie verführen, aber nicht heiraten wollen („Der Ritter und sein Liebchen“).
Woher die Liebe kommt und wohin sie geht, weiß man nicht („Schön Suschen“).
Das Bewußtsein ist wichtiger als die Herkunft: „Ein hoher Sinn adelt auch niedres Geschlecht“ (S. 425 und 432), heißt es in „Lenardo und Blandine“. Die Liebe setzt sich über Standesschranken hinweg.
Im „Lied vom braven Manne“ erzählt Bürger von einem Bauer, der im Sturm einen Zöllner, dessen Frau und dessen Kind rettet, aber die von einem Grafen darauf ausgesetzte Belohnung ausschlägt. Der Graf solle das Geld dem Zöllner geben, der alles verloren habe, sagt der Bauer. Bürger meinte häufig zu Ludwig Christoph Althof, er selbst sei nicht so edel und hätte sich nicht so aufopfern können wie der brave Bauer in seiner Ballade.
„Der Bruder Graurock und die Pilgerin“ handelt davon, daß die Liebe blind macht.
In „Die Entführung“ geht es um die Verwerflichkeit einer arrangierten Ehe.
Die Protagonistin „Frau Schnips“ will trotz ihres Schlaraffenlebens in den Himmel, als sie gestorben ist. Da sie abgewiesen wird, liest sie Adam, dem Patriarchen Jakob, Lot, Judith, König David, König Salomo, dem Propheten Jonas, dem Apostel Thomas, Maria Magdalena, den Aposteln Paulus und Petrus die Leviten. Mit Jesus rechtet sie so lange herum, bis er sie in den Himmel läßt.
In „Der wilde Jäger“ warnt ein Engel vor der Jagd, ein Teufel muntert dazu auf. Der Jäger hört auf den Teufel, auch noch, als einer seiner Kumpane tödlich stürzt, auch noch, als ein Bauer ihn bittet, sein Getreidefeld nicht zu zertrampeln, auch noch, als ein Hirte ihn bittet, auf seine Herde Rücksicht zu nehmen. Die Hunde fallen über Hirt und Herde her. Der verfolgte Hirsch sucht Zuflucht bei einem Einsiedler. Der Jäger läßt trotzdem nicht ab von seiner Jagd, doch plötzlich ist er allein im Dunkeln und hört eine Stimme, die ihm verkündet, daß nun er selbst gejagt wird.
Die Auspeitschung und Verstoßung „Des Pfarrers Tochter von Taubenhain“, die deshalb ihr uneheliches Kind tötet, haben ebenso wie die rücksichtslosen Jagdgebräuche einen realen Hintergrund:
„Die Justiz ahndete schon das Verheimlichen einer Schwangerschaft mit brutalen und schimpflichen Strafen, mit öffentlichem Auspeitschen oder Prangerstehen. Ein Kindesmord wurde in der Regel ohne Rücksicht auf den Grund zur Tat mit dem Tode bestraft. Der Vater des Kindes ging straffrei aus“ (Friedrich 50f).
Bürger, der als Amtmann den Fall eines Kindsmords zu untersuchen hatte, konnte immerhin die Todesstrafe abwenden; „Auf Grund der Ergebnisse seiner Untersuchung wurde Catharina Elisabeth Erdmann nicht zum Tode, sondern nur zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe verurteilt“ (Friedrich 51).
„Der Kaiser und der Abt“ handelt von einer Schikane eines kriegerischen Kaisers, der einen wohlgenährten Abt absetzen will. Ein einfacher Schäfer löst die Rätselfragen, die der Kaiser dem Abt stellt. Denn Mutterwitz lernt man nicht auf der Universität. Der Kaiser macht dafür den Schäfer zum Abt. Doch der Schäfer lehnt ab, da er weder rechnen, schreiben noch Latein könne, und bittet um Gnade für den Abt. Da bestimmt der Kaiser, daß der Schäfer nicht mehr für den Abt arbeiten muß.
Das „Lied von der Treue“ handelt von der Entführung der Geliebten eines Marschalls durch einen Junker. Die beiden hauen mit den Schwertern aufeinander ein, bis der Junker vorschlägt, die junge Frau entscheiden zu lassen. Sie entscheidet sich für ihren Entführer, der aber auch noch die Hunde des Marschalls fordert. Nun schlägt der Marschall vor, die Hunde entscheiden zu lassen. Doch die Hunde bleiben beim Marschall.
„Graf Walter“ will sich von der Verantwortung für die Schwangerschaft eines Mädchens loskaufen. Doch sie begleitet ihn als Knappe verkleidet zu zwölf Jungfrauen. Die schönste soll seine Braut werden. Nachdem das Mädchen ihr Kind geboren hat, nimmt der Graf sie doch noch zur Frau.
Beichte eines Mannes, der ein edles Mädchen nicht hintergehen will
Wolfgang Friedrich meint, Bürger habe sich in dieser Selbstbeschreibung für Elise Hahn (1769-1833) aus zwei Gründen zu negativ dargestellt: um seine zukünftige (dritte) Frau zu prüfen und um ihr Interesse zu wecken. „Unbedingte Gültigkeit können ihre Angaben nicht beanspruchen; Bürger neigte ohnehin zu Übertreibungen“ (Friedrich 80).
Helmut Scherer hält es für keinen Widerspruch, durch eine negative Selbstbeschreibung ein Mädchen gewinnen zu wollen, das Bürger als Dichter verehrte: „Denn Bürger baut wohl darauf, daß, wer so hart mit sich zu Gericht geht, als Mann von wahrhafter Größe bewundert wird und in der Empfängerin nur das Gefühl zurücklassen kann: welch edler Charakter“ (Scherer 283).
Bemerkenswert ist, daß Bürger Fräulein Hahn, die er noch nicht gesehen hatte, davor warnt, aus seinen Werken „auf vollkommenen und unbefleckten Adel meiner Seele“ zu schließen (S. 296). Er meint, unter günstigeren Umständen hätte er sich besser entwickeln können. Eine herrschsüchtige Frau hätte leichtes Spiel mit ihm.
Als er seine erste Frau Dorette geb. Leonhart (1756-1784) geheiratet habe (am 22.11.1775), habe er sie schon nicht mehr geliebt, sondern sei in deren Schwester Molly (1758-1786) verliebt gewesen, „die damals noch ein Kind und kaum vierzehn bis fünfzehn Jahr alt war“ (S. 302). „Die Angetraute entschloß sich, mein Weib öffentlich und vor der Welt nur zu heißen, und die andere, in geheim es wirklich zu sein“ (S. 303).
Bürger warnte Fräulein Hahn ausdrücklich vor sich: Er sei „großer Eifersucht fähig“, andere würden schlecht über ihn reden, sie solle auf den Rat ihrer Mutter hören (S. 304).
Folgende Passage zeigt sein Menschenbild: „Wir sind insgesamt sinnliche Menschen, und auch die Sinnlichkeit will ihr Recht haben. Unsere Sinne müssen ein wechselseitiges Behagen an einander finden, welches sich nicht gerade nach Jugend und Schönheit, sondern oft nach einem unerklärbaren Etwas richtet, das sich weder malen, noch beschreiben, sondern allein im Innersten fühlen läßt. Dieses Etwas läßt sich weder geben, noch nehmen“ (S. 305).
Da Fräulein Hahn seinen Brief nicht beantwortete, hätte Bürger die Angelegenheit auf sich beruhen lassen müssen. Denn er hatte geschrieben, er wolle sie besuchen, wenn sie sich ihn als ihren zukünftigen Ehemann vorstellen könne. Doch Bürgers Geduld reichte nur einen Monat, dann war sie zu Ende, und er reiste trotz ausbleibender Antwort nach Stuttgart. „Hätte er nur den nächsten Posttag abgewartet“, wäre ihm viel Leid erspart geblieben, denn als er noch unterwegs war, traf „in Göttingen Elises Absage ein“ (Scherer 285).
„Spontan erwärmen sich der Göttinger Professor und die junge Stuttgarterin füreinander, und der Mutter bleibt nichts weiter übrig, als ihre Widerstände gegen diese Beziehung aufzugeben“ (Scherer 286).
Die Ehe ging schief, weil im Grunde beide Gatten nur an sich selbst dachten: Bürger wollte mit Elises Mitgift seine Finanzen aufbessern, Elise wollte mit Bürgers Hilfe in die bessere Gesellschaft eingeführt werden, um ihre dichterische Karriere voranzutreiben. Bürger wollte eine Hausfrau, die sich um seine Kinder kümmerte, Elises Mutter konnte sich nicht vorstellen, daß ihre Tochter dazu in der Lage war. Bürger wollte mit seiner Eroberung prahlen, doch ihr gemeinsamer Sohn Agathon war behindert und kränklich. Elise stillte ihn nur kurz.
Jetzt denkt Bürger, daß die Heirat am 29.9.1790 eine Torheit war. Im November 1991 reden die Ehegatten nicht mehr miteinander und schreiben einander nur noch. Bürger kritisiert, daß Elise ihm widerspricht, daß sie zu spät aufsteht, daß sie mit jungen Männern Feste feiert, daß er für den Haushalt drei Mägde braucht, die er nicht bezahlen kann. Elise kritisiert Bürgers Vergangenheit und seine Intoleranz gegenüber ihren Schwächen.
Beide sind sich einig, daß sie einander nicht mehr lieben. Elise betrügt Bürger mit dem Grafen Friedrich August Burkhard von Hardenberg. „Bald werden in der Stadt satirische Zeichnungen, die Bürger als gehörnten Ehemann zeigen, schmunzelnd herumgereicht. Gerüchte über Liebschaften der umschwärmten jungen Frau machen die Runde. Die unglückliche Ehe wird zum Tagesgespräch“ (Scherer 296).
„Stundenlange Besuche adliger junger Herren in ihrem Zimmer erzürnen den Eifersüchtigen täglich mehr“ (Scherer 297). Jetzt straft Bürger seine eigenen Worte in seiner Beichte Lügen, indem er Elise auf Schritt und Tritt beobachtet, ihre Briefe liest, die Namen ihrer Liebhaber herauszufinden versucht und sogar Löcher in die Wände bohrt, um sie des Ehebruchs zu überführen.
In seiner Beichte hatte er geschrieben: „Gott bewahre mich vor einem Weibe, das mich für meine Liebe nicht vollauf wieder liebt! […] Leicht könnte ich dann der unerträglichste Mensch werden. […] Freilich nicht, nach gemeiner Männer Weise, zum Hüten und Auskundschaften der Schritte und Tritte meines Weibes; nicht zur Einschränkung ihrer Freiheit in irgend einer Art des Umganges“ (S. 304).
Am 31.3.1792 wird die Ehe geschieden. Elise hatte Göttingen schon am 6.2.1792 verlassen. Da Agathon bei Bürger bleibt, verzichtet Elise auf die Rückgabe ihrer Mitgift (mit Ausnahme ihrer Unterwäsche und Kleider). Das Scheidungsgericht hält ihre Schuld aufgrund von Passagen in den Liebesbriefen von Hardenberg für erwiesen und verbietet ihr, erneut zu heiraten. Bürger wird eine vierte Ehe ausdrücklich erlaubt, doch er stirbt am 8.6.1794.
Elise macht Karriere als Dichterin und kann von ihren Werken leben. Noch 17 Jahre nach der Scheidung beklagt sie sich über Bürgers sexuellen Heißhunger. Doch darauf hatte Bürger sie in seiner Beichte vorbereitet: „Denn wenn ich einmal echt und von Herzen liebe, so liebe ich gewiß unveränderlich, und keine Fülle des Genusses kann mich des geliebten Weibes satt und überdrüssig machen; so gemein auch die Bemerkung ist: der Genuß sei das Grab der Liebe. Nur Afterliebe, die den heiligen Namen nicht verdient, erkaltet im Bett der Ehe. Der wahren Liebe, meiner wahren Liebe bleibt dies immer ein Brautbett“ (S. 303).
Für Agathon (1791-1813) bestellt das Gericht einen Vormund, zu dem er nach Bürgers Tod zieht. Später zieht Agathon zu einem Vetter seines Vaters, der Pastor ist. Agathon wird Gärtner, stirbt aber früh.
Vorrede zur zweiten Ausgabe der Gedichte (1789)
Bürger schreibt ausführlich über die Gefahren der Nachahmung: Er wolle nur seine eigenen Fehler verantworten, nicht diejenigen von Fremden. Wenn sie seine Ängste kennen würden, würden sie ihn nicht als Führer wollen.
Außerdem sei es überhaupt unzuträglich, „fremde Eigenheiten nachzuahmen“. Was man beim Original schätzen oder doch wenigstens ertragen könne, sei beim Nachahmer „oft unausstehlich“. Es sei so, als ob jemand ein geraubtes oder erbetteltes Kleidungsstück trage, das nur selten die richtige Größe habe und zu seinem Träger passe (S. 319).
Wer ihn, Bürger, nachahmen wolle, um seine „Hochachtung und Liebe zu gewinnen“ (S. 319), greife zum falschen Mittel. Seine Nachahmer sollten sich wenigstens auf das beschränken, was „eine zuverlässige Kritik ausdrücklich gut geheißen hat“ (S. 320).
Doch noch nicht einmal darauf könne sich ein Nachahmer verlassen, weil ihm (Bürger) womöglich die Kritiker um seiner Tugenden willen manches nachsehen würden.
- Mit „Tugenden“ meint er sein „Bestreben nach Klarheit, Bestimmtheit, Abrundung, Ordnung und Zusammenklang der Gedanken und Bilder; nach Wahrheit, Natur und Einfalt der Empfindungen; nach dem eigentümlichsten und treffendsten […] Ausdrucke derselben“ u.a.
- Mit dem, über was die Kritiker hinwegsehen würden, meint er so „manchen verwerflichen Bürgerianismus“, also persönliche Marotten (S. 320). In seinem Brief vom 13.7.1790 an Gerhard Anton Gramberg schreibt Bürger, daß er unter „vielen und großen Original-Unarten“ vor allem eine als Bürgerianismus bezeichne, nämlich, daß er Briefe jahrelang nicht beantworte (S. 218f).
Politische Gedichte
Bürger wendet sich gegen die Willkür und den Raub der Fürsten, gegen den Tod der Soldaten in der Schlacht, gegen Aberglauben, Zensur und Despotismus. Er tritt ein für Menschenrechte, Freiheit und Aufklärung. Anstelle der Monarchie, Aristokratie und Demokratie empfiehlt er die Logokratie, also die Herrschaft der Vernunft.
Liebeslieder
Hier fällt mir eine adäquate Wiedergabe der Gedanken Bürgers schwer. Das liegt daran, daß die Liebeslieder von Bürger lediglich Schwärmereien sind, die den Affekt der Verliebtheit mit immer neuen Wendungen umschreiben.
Immerhin kann ich sagen, daß Bürger rät, trotz der damit verbundenen Schmerzen die Liebe nicht zu verdrängen. Dasselbe gilt für einen guten Rat: Wer ihn „auszureißen trachtet, / Der zerfleischet ganz sein Herz“ (S. 342).
Eugen Dühring meint, Bürger habe im „Bereich der Liebe […] nicht blos gefühlt, sondern zu denken wenigstens versucht […]. Aus diesem Grunde ist in seinen Liebesliedern weniger Illusion und mehr Wirklichkeitssinn, als sonst dieser Gattung dichterischer Bethätigung eigen zu sein pflegt“ (Dühring I 222).
Über „Schön Suschen“ schreibt Dühring: „Hier sind die Stufen gekennzeichnet, auf denen der Liebesaffect zu seiner Höhe hinauf- und von seiner Höhe hinabsteigt und dann gleichsam in der Ebene bei einem ruhigeren Stande anlangt“ (Dühring I 222).
Wenn ich vor diesem Hintergrund das Gedicht noch einmal lese, um diese Stufen der Liebe zu finden, kommt folgendes heraus:
- Die Liebe tut wohl, der Abschied ist nicht schmerzlich.
- Die Liebe tut immer noch wohl, doch nun fällt der Abschied schwer. Der Ich-Erzähler ist besessen von Suschen und kann nur noch an sie denken.
- Die dritte Phase gleicht der ersten.
Was die folgenden Verse bedeuten, ist mir unklar: „Gar anders ward es mir: / Doch alle Tugend, Sittsamkeit, / Und Schönheit blieb an ihr“ (S. 424). Was oder wer bleibt hier tugendhaft, sittsam und schön? Die Zeit? Suschen? Die Liebe?
Dühring fährt fort: „Hier ist auch die Fragestellung ‚warum sich’s liebt und küsst‘ an die Weisen gerichtet […]. Die Vergleichung mit dem Winde, dessen Woher und Wohin wir nicht kennten, muss uns nun freilich etwas altväterisch unkundig erscheinen, da wir den Wind zureichend aus der verschiedenen Lufterwärmung herzuleiten, also die verschiedentliche Lufterwärmung als Ursache nachzuweisen wissen. An einer gleich zulänglichen Liebestheorie wäre auch nicht zu verzweifeln; doch ein Eingehen auf diesen Punkt führte hier zu weit ab“ (Dühring I 222).
Natürlich kann man die Liebe so wie den Wind aus irgendwelchen chemischen Vorgängen im Gehirn erklären. Doch beide Erklärungen erklären nicht, was sie sollen. Sie zeigen lediglich die materielle Seite von Vorgängen auf, deren Ursachen wir trotzdem nicht kennen.
Eine Erklärung wäre es zu sagen, daß geistige Wesen für das Wetter und die Liebe verantwortlich sind. Das liegt dem Materialisten und Religionsfeind Dühring natürlich ferne, doch Bürger denkt durchaus in diesen Bahnen, wenn er sich in „Das hohe Lied von der Einzigen“ auf den griechischen Hochzeitsgott Hymen bezieht. Er wurde „als geflügelter Jüngling mit einer Hochzeitsfackel und einem Kranz“ dargestellt und galt als Sohn von Dionysos und Aphrodite oder von Apollon und einer Muse. Er wurde „bei jeder Eheschließung feierlich angerufen“ (Lurker 183).
Natürlich beruft sich Bürger auch auf Amor (vgl. „Amors Pfeil“), den römischen Liebesgott. „In der lateinischen Poesie wird Amor auch Cupido (von cupiditas ‚Verlangen‘, ‚Leidenschaft‘) genannt. […] In der antiken Kunst wurde Amor als puer alatus (geflügelter Jüngling) dargestellt; Pfeile und Bogen und/oder eine Fackel sind seine Attribute“ (Lurker 26f).
Die Griechen nannten ihn Eros. Er war der Sohn des Kriegsgottes Ares und der Liebesgöttin Aphrodite. „Im Volksglauben und bei den Künstlern ist er der geflügelte Jüngling, der mit Pfeil und Bogen Götter und Menschen ins Herz trifft und ihre Liebe entzündet. […] In der weltbewegenden Macht des Eros erkannten die Orphiker den Weltschöpfer (kosmogonos)“ (Lurker 130).
Dieser Gedanke findet sich auch bei den Christen: „Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt, denn Gott ist die Liebe“ (1 Joh 4,8). „Und wir haben die Liebe, die Gott zu uns hat, erkannt und geglaubt: Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm“ (1 Joh 4,16).
Auch diese Gedanken waren Bürger vertraut, der Zeit seines Lebens Pietist blieb. Sein Vater war Dorfpfarrer. In Halle studierte Bürger Theologie. Christian Adolf Klotz (1738-1771) brachte ihm die Aufklärung nahe.
„Im Elternhaus und auf dem Pädagogium war Bürger pietistischen Einflüssen ausgesetzt gewesen. Jetzt verließ er die Theologie, deren Studium sein Großvater verlangt hatte, und begann die antiken Sprachen und Literaturen, Geschichte und Rechtswissenschaften zu studieren. Er beschäftigte sich also mit Fächern, denen die Aufklärer große Bedeutung zumaßen. Auf dem Gebiet der Rechtswissenschaften und der Rechtspflege kämpften sie für vernunftgemäße Gesetze und eine humane Anwendung des Strafrechts. Die altgriechische und römische Philosophie und Literatur erschien ihnen als Ausdruck des Lebens in einer freien und naturhaften Gesellschaft“ (Friedrich 11).
In „Das Mädel, das ich meine“, nennt Bürger Gott als Ursache der Liebe:
Wer hat, wie Paradieseswelt,
Des Mädels blaues Aug‘ erhellt? –
Der liebe Gott! Der hat’s getan,
Der’s Firmament erleuchten kann;
Der hat, wie Paradieseswelt,
Des Mädels blaues Aug‘ erhellt (S. 354).
Wieder zurück zu Dühring. Für ihn fallen derartige Ergüsse unter „die angebibelten oder ähnlichen Züge hebräischer oder sonst beschränkter Denkweise“ (Dühring I 224).
Seine eigene Liebestheorie faßt Dühring so zusammen: „Die Intensität hoher Leidenschaft beruht, wie wir meinen, auf starker harmonischer Erregung, also nicht minder auf der Empfänglichkeit der einen Seite, als auf der energischen Antriebsfähigkeit auf der andern Seite.“ Bürger habe „die Liebesgefühle nicht erklärt, aber in ihrer Thatsächlichkeit zum unmittelbaren Ausdruck gebracht“ (Dühring I 222).
Vermischte Gedichte
Sexualität. Bürger geißelt die Prostitution („Lais und Demosthenes“). Er preist die sexuelle Enthaltsamkeit der Männer („Männerkeuschheit“) und beklagt die Selbstbefriedigung („Bekenntnis“).
Erziehung. Die Unsitte des Wickelns lehnt Bürger ab („Gespräch beim Ball“). Schon Rousseau regte sich darüber auf: „Aus Angst, der Körper könne sich durch freie Bewegungen verbilden, beeilt man sich, ihn mißzugestalten, indem man ihn in die Zwinge legt. Mit Vergnügen würde man ihn lähmen, um eine Verkrüppelung zu verhindern“ (Emil 16f).
Den Ursprung des Wickelns sieht Rousseau darin, daß „die Mütter, pflichtvergessen, ihre eigenen Kinder nicht mehr stillen wollen“ und sie deshalb „gewinnsüchtigen Frauen anvertrauen. Diese geben sich natürlich keine Mühe, da sie als Mütter fremder Kinder keinen Naturtrieb in sich fühlen. Ein ungewickeltes Kind müßte man unaufhörlich behüten; ein gewickeltes wirft man in die Ecke und kümmert sich nicht um sein Geschrei“ (Emil 17).
Priscilla Robertson bemerkt über die Kindererziehung im 19. Jahrhundert: „Deutsche Babys wurden fester und länger gewickelt als französische“ (deMause 571). Die italienischen Babys wurden „so fest eingewickelt, daß ihnen durch den Druck das Blut in den Kopf stieg und die kleinen Gesichter sich purpurn färbten, und wenn Mitglieder der aufgeklärten Mittelschichten Zweifel an dieser Praxis äußerten, stießen sie auf den Widerstand des Klerus“ (deMause 572).
In der Gegenwart wird das Wickeln durch die Gabe von Psychopharmaka (Neuroleptika, Tranquilizer) und zahlreiche Impfungen ersetzt, um die Kinder ruhigzustellen und zu schwächen. Natürlich wird der wirkliche Zweck nicht offen zugegeben, sondern als medizinische Behandlung maskiert, begründet durch psychiatrische Etikettierungen und die angebliche Prävention gegen Infektionskrankheiten.
Kritiker. Bürger vergleicht die Rezensenten mit kläffenden Wadenbeißern, die man am besten nicht beachtet („Der Hund aus der Pfennigschenke“). Das Lästern gilt ihm in dem Gedicht „Trost“ sogar als Qualitätsmerkmal: „Die schlechtsten Früchte sind es nicht, / Woran die Wespen nagen“ (S. 532).
Auch in „Über Antikritiken“ zeigt Bürger, daß er von Erwiderungen nichts hält, da man nur ärgere Beschimpfungen ernte: „Man lasse dem das letzte Wort, / Dem doch das erste nicht gebühret!“ (S. 543)
Bürger selbst hat sich an seine eigene Einsicht nicht gehalten und ist in „Vorläufige Antikritik“ und „Der Vogel Urselbst“ über Schiller hergefallen, der ihn in „Über Bürgers Gedichte“ herabgewürdigt hatte (vgl. meinen Aufsatz: „Dühring: Die Grössen der modernen Literatur“ Band I). Schillers Rezension beeindruckte Bürger so sehr, daß er danach noch mehr an seinen Gedichten herumfeilte und manchmal über das Ziel hinausschoß. Das heißt, daß frühere Fassungen besser waren als die endgültige.
In „Rime et raison. An die Kläffer“ droht Bürger seinen Kritikern mit der Peitsche.
Nachäffer. Wer einem Harfenspieler die Harfe stiehlt, kann deshalb noch nicht darauf spielen: „Die Harfe machts allein nicht aus, / Stehlt ihm auch Hand und Finger!“, heißt es in dem Gedicht „Lückenbüßer“ (S. 538). Man könnte ergänzen: Stehlt ihm auch Herz und Hirn.
In „Die Aspiranten und der Dichter“ wird deutlich, daß nicht einmal Herz und Hirn ausreichen: Auch die Inspiration muß dazu kommen.
Briefe
Am 2.11.1777 schickte Bürger an seinen Schwager Georg Heinrich Leonhart (1760-1822) ein „Güldnes Büchlein“ mit einer Art Soldatenmoral. Denn Georg wurde 1777 Kadett. Als Georgs Vater Johann Carl Leonhart (1720-1777) starb, wurde Bürger Georgs Vormund.
Er gab seinem Mündel folgende Ratschläge: Er soll fleißig lernen, seine Ausbildung „standhaft und tapfer“ ertragen, sich ordentlich anziehen und sich sauber halten, nichts verschwenden, den Befehlen seiner Vorgesetzten gehorchen und „im ganzen ein braver Mann […] werden“ (S. 173).
Darunter versteht Bürger folgendes: „Ein braver Mann aber ist, der Gott und Religion verehret, der recht tut und dann niemand scheuet. Der brave Mann ist ehrlich, redlich und überall ein Mann von Wort. Er ist tapfer, großmütig, mitleidig, dienstfertig. Er ist unverdrossen zu allem Guten; und hegt einen ewigen Abscheu gegen alle niederträchtige Streiche“ (S. 173f).
Georg soll nicht zu den Huren gehen, nicht streiten und sich immer tugendhaft verhalten.
In seinem Brief an Oberst Carl Wilhelm August von Uslar vom 11.6.1778 lehnte Bürger „Rache und Feindseligkeit“ als „Laster kleiner Seelen“ grundsätzlich ab (S. 183).
Er war davon überzeugt, daß „kein Rekrut niemals gutwillig sich als Soldat anbietet, sondern viele Kosten, schwer Hand-Geld und Mühe angewandt werden müssen, ehe man einen erhält“. Das schrieb Bürger am 10.6.1778 an denselben Oberst …
Aufsätze und Abhandlungen
Aus Daniel Wunderlichs Buch. Bürger formuliert die Korrespondenz- und Konsenstheorie der Wahrheit so: „Wahrheit! […] Noch nie hat dich ein sterbliches Auge ganz erblickt […]. Der scharfsichtigste Weise entdeckt an dir nur kleine einzelne Teile. Tun sie sich zusammen und sagt einer dem andern: ‚Das sah ich! – Und ich das!‘, so ist vielleicht am Ende der Welt möglicher, als itzt, das erhabenste schwerste Abbild der Ähnlichkeit einigermaßen näher zu bringen“ (S. 576).
Den Zweck der Poesie erblickt Bürger darin, die Menschen zur Erkenntnis zu bringen und zu heilen: „Durch Popularität […] soll die Poesie das wieder werden, wozu sie Gott erschaffen, und in die Seelen der Auserwählten gelegt hat. Lebendiger Odem, der über aller Menschen Herzen und Sinnen hin weht! Odem Gottes, der vom Schlaf und Tod aufweckt! Die Blinden sehend, die Tauben hörend, die Lahmen gehend, und die Aussätzigen rein macht! Und das alles zum Heil und Frommen des Menschengeschlechts in diesem Jammertal!“ (S. 581)
Die folgende Passage richtet sich gegen die Materialisten, die alles abstreiten, was sie nicht mit den fünf physischen Sinnen erfassen können, und gegen dogmengläubige Kirchgänger: „Ist es etwa Weisheit, alles zu leugnen, was über die Kräfte und Wirkungen der euch bekannten Natur hinausgeht? […] Ja, übernatürlich ist nicht widernatürlich! Wie viel soll man nun von euerm Glauben an Religions-Geheimnisse halten, wenn Ihr die anderen, weil Ihr sie nicht verstehet, für Undinge ausgebet? Warum sollen euch die Gestalten abgeschiedener Menschen oder überirdischer Wesen nicht erscheinen können, da Ihr an die Fortdauer der Seelen der ersten, und Wiederaufweckung ihrer Leiber glaubet? Warum soll es keine Wirkungen aus Ursachen geben, deren Zusammenhang nicht in einer dicken schweren Hemmkette oder einem Ankerseile euern groben Sinnen betastbar ist?“ (S. 585)
Von der Popularität der Poesie. Bürger liebäugelt mit dem Begriff „Bildnerei“ anstelle von „Dichtkunst“ als Übersetzung des griechischen Worts poiēsis („Poesie“), ist aber damit auch nicht so recht zufrieden. Deshalb erklärt er, was er unter „Bildnerei“ versteht:
„Anders bildet die Natur; anders der Dichter. Die Natur bildet vor, und bildet für die äußeren Sinne. Der Dichter bildet nach für den innern Sinn, das ist, für denjenigen Punkt, auf welchen alles, was die äußeren Sinne auffangen, zusammen geführt wird.
Man könnte also […] die Poesie Nachbildnerei nennen.
Ob nun gleich auch dieser Ausdruck noch nicht alles erschöpft, so umfaßt er doch den wesentlichen Hauptteil, der auf unveränderliche Regeln […] gebracht werden kann“ (S. 586).
Über Anweisung zur deutschen Sprache und Schreibart auf Universitäten. Bürger will die Rede von einem schönen Stil durch die Rede von einem vollkommenen Stil ersetzen. Unter Vollkommenheit versteht er die „Übereinstimmung der Mittel zum Zwecke“ (S. 595).
Ein „schöner Geist“ müsse vernünftig und sachkundig sein. Er müsse urteilen können: „Der Mangel an Urteilkraft ist eigentlich das, was man Dummheit nennt, und einem solchen Gebrechen ist gar nicht abzuhelfen“ (S. 601).
Das Sprachstudium sei „nichts Geringers, als Studium der Weisheit selbst“ (S. 607). Die Redekünste seien die „Schutzgeister jeder Tugend“ und würden Kirche und Staat besser unterstützen und schützen als das Militär: „Was hält Recht, Eigentum, Freiheit des Menschen besser und kräftiger aufrecht, als Redekünste? […] Es ist nicht wahr, daß Kanonen mehr vermögen, als Gedanken und Worte“ (S. 608).
Ermunterung zur Freiheit (Freimaurerrede). Am 3. März 1775 trat Bürger in die Loge „Zum goldenen Zirkel“ ein. „1776 wurde er in den 2. Grad aufgenommen und noch im gleichen Jahr erhielt er die Meisterwürde. In den Jahren 1777-1783 und 1786-1793 bekleidete er das Amt des Redners“ (Friedrich 83).
Bürger beschrieb in seiner Rede vom 1. Februar 1790 die Loge als Institut, „dessen erhabenster Zweck Beförderung der Glückseligkeit unter den Menschen ist.“ Er führte weiter aus, daß alles Wahre, Schöne, Gute, Edle und Große von der Freiheit als dem „Baume des Lebens seinen Ursprung und seine Nahrung“ empfange (S. 615).
Er rief unverhohlen zur Befreiung der Sklaven und zur Revolution auf, wobei er auf Rousseaus „Gesellschaftsvertrag“ anspielte: „Kein menschliches Gesetz kann uns verbinden, als dasjenige, welches wir uns selbst, oder so gut als selbst, durch diejenigen auferlegt haben, denen wir unser Recht dazu freiwillig übertrugen. Aber auch kein solchergestalt zu Stande gebrachtes Gesetz kann und darf uns verbinden, wenn es uns an unsern Fortschritten zu leiblicher und geistiger Vollkommenheit und Glückseligkeit hindert. Wer sich solche Gesetze gutwillig gefallen, wer sie sich ohne Widerstand aufdringen läßt, wer nicht sein ganzes Vermögen aufbietet, sie zu zertrümmern, oder, wenn das sein Arm nicht mit gutem Erfolg vermag, sich ihnen, durch Verlassung einer so ungedeihlichen Verbindung, zu entziehen, der ist ein Beleidiger, ein Verräter an der Würde der Menschheit“ (S. 618).
Dabei setzte er nicht auf Waffengewalt, sondern auf die Macht der Worte: „Für Menschenrecht und Freiheit möchte ich einen jeden von Ihnen bewaffnen – aber nicht mit Lanzen und Schwertern, welche der Waffenschmied schmiedet: sondern mit Waffen, welche mächtiger sind, als diese“ (S. 617).
Damit meinte Bürger die „Waffen des Geistes“ und zählte „nur die wichtigsten“ auf: „Philosophie, Geschichte, Rechtskunde, und die Kunst, mit Fertigkeit zweckmäßig zu reden und zu schreiben“ (S. 619).
Er scheute sich nicht, seine Botschaft in die Worte Jesu zu kleiden (vgl. z.B. Lk 4,24): „Wahrlich, wahrlich, ich sage Ihnen, es ist, im ganzen genommen, niemand ein Sklav, als der es sein will, oder der da glaubt, er müsse es sein. Kein Despotenfuß vermag festen und sichern Trittes auf einen Nacken zu treten, als nur auf denjenigen, der sich selbst unter ihm in den Staub auf eine Menschen unwürdige Weise hinabdrückt“ (S. 620).
Die Loge „Zum goldenen Zirkel“ (1773) war „eine Art Gegenloge“ zu der „Schottenloge Augusta zu den drei Flammen“ (1765), einer „Nebenloge der ‚Altschottischen Loge Carl zum Purpurmantel‘ in Hannover, die von hohen hannöverschen Beamten geleitet wurde“ und der „konservativ, ja reaktionär eingestellte Professoren“ angehörten (Friedrich 83).
Wolfgang Friedrich schreibt ausführlich über Bürger und die Revolution (Friedrich 77-92). Bürger gehörte zu den wenigen in Deutschland, die „die Ziele, Ergebnisse und zugleich die Methoden der Revolution“ anerkannten (Friedrich 77). Er verteidigte die Französische Revolution „auch noch während der Jakobinerherrschaft“ (Friedrich 78). „Es war da nicht erstaunlich, wenn die hannöversche Regierung es ablehnte, Bürger ein Gehalt zu bewilligen, obwohl er krank war und keine Vorlesungen mehr halten konnte“ (Friedrich 79).
Würdigung und Kritik
Bei der Lektüre des Münchhausen-Buchs ist mir das Lachen ziemlich schnell vergangen. Auch Karl Friedrich Hieronymus Freiherr von Münchhausen (1720-1797) fand es überhaupt nicht lustig, was da unter seinem Namen veröffentlicht wurde.
Er war ein leidenschaftlicher „Jäger und Offizier, der nach einem abenteuerlichen Leben in fremden Ländern und der Teilnahme an zwei Türkenkriegen im Freundeskreis die unglaublichsten Kriegs-, Jagd- und Reiseabenteuer erzählte, die als Lügengeschichten oder Münchhausiaden bezeichnet wurden. 17 Schwankerzählungen, die angeblich von Münchhausen stammten, erschienen 1781 im ‚Vademecum für lustige Leute‘ und wurden 1785 von R. E. Raspe ins Englische übersetzt und erweitert: ‚Baron Münchhausens narrative of his marvellous travels and campaigns in Russia‘. G. A. Bürger übersetzte und vermehrte die 2. englische Ausgabe um 13 Lügengeschichten und gab diesen ihre endgültige und typisch volkstümliche Form“ (MEL 16/591).
„Münchhausen scheute die literarische Öffentlichkeit und war erbost, als sein Name als Gattungsetikett im Teil einer Sammlung von 16 Lügengeschichten auftauchte (M-h-s-nsche Geschichten), die ein anonym gebliebener Autor 1781 im achten Teil des bei Mylius in Berlin erscheinenden Vade Mecum für lustige Leute veröffentlichte. 1783 folgten im neunten Teil zwei weitere Geschichten“ (Volker Hoffmann, in: KNLL 3/325).
„Die feudalen Ideale sind Jagd, Lustpartien und Türkenkrieg, entsprechend obenan steht die Wertschätzung von Essen und Trinken, Pferden und Hunden; auffallend selten kommt Erotisches zur Sprache“ (ebd. 3/326).
Auffallend ist auch der Tod eines jüdischen Pächters, auf den Münchhausen fällt, als ein Heuhaufen verladen wird, auf dem er drei Monate lang bewußtlos gelegen hat. Münchhausen „hatte unschuldiger Weise ihm das Genick gebrochen. Zu meiner großen Beruhigung hörte ich nachher, daß der Kerl ein abscheulicher Jude war, der immer mit den Früchten seiner Ländereien so lange zurückhielt, bis erst bittere Teuerung einriß, und er mit übermäßigem Profite sie verkaufen konnte, so daß also sein gewaltsamer Tod für ihn gerechte Strafe, und für das Publikum wahre Wohltat war“ (S. 710).
Auf wen diese Szene zurückgeht, ist unklar, da sie zwischen den von Raspe stammenden Seeabenteuern steht: Münchhausen selbst? Raspe? Bürger?
Rudolf Erich Raspe (1739-1794) war Professor und Bibliothekar. 1775 floh er nach England, weil er dem Landgrafen Friedrich II. von Hessen-Kassel Gold- und Silbermünzen gestohlen hatte. „Dabei hatte Raspe in besseren Tagen selbst als Inspektor des fürstlichen Antiquitäten- und Münzkabinetts akribisch das umfangreiche Verzeichnis dieser Sammlung erstellt, anhand dessen man nun den entstandenen Schaden auf 3696 Taler bezifferte“ (Scherer 265).
Wieviel Geld das war, kann man daran sehen, daß Bürger als Amtmann im Jahr 150 Taler verdiente. Für die Wohnung bekam er noch 30 Taler zusätzlich, für Schreibmaterial noch 2 Taler. Die Gerichtskosten brachten ihm noch einmal 150 Taler im Jahr ein, da er arme Leute nicht schröpfen wollte.
Raspe dagegen verdiente kräftig mit seinem Münchhausen-Buch: „In kürzester Zeit folgen vier weitere Auflagen“ (Volker Hoffmann, in: KNLL 3/325).
Helmut Scherer schreibt, Münchhausen habe „mit bewußten Übertreibungen den Typ des Aufschneiders entlarven“ wollen (Scherer 259f). Ein Beispiel: Als junge Fähnriche über ihre Eroberungen bei den Frauen prahlten, meinte Münchhausen, das sei noch gar nichts, und verlegte die Erzählungen der Fähnriche nach Rußland an den kaiserlichen Hof. Das Publikum lachte schallend, aber die Fähnriche hörten auf zu prahlen.
„Als Münchhausens Geschichten 1786 unter Nennung seines vollständigen Namens und mit dem fingierten Druckort London erscheinen, ist er außer sich. Seine Erzählungen, sein geistiges Eigentum – entwendet. Zutiefst fühlt er sich beleidigt und in seiner Standes- und Offiziersehre gekränkt. Den ‚Lügenbaron‘ läßt der phantasiebegabte Erzähler nicht gelten und weist jede Anspielung dieser Art empört von sich. Verbittert kapselt er sich von der Außenwelt ab, wird mißtrauisch und wortkarg“ (Scherer 261).
Es kam noch schlimmer: Der 73 Jahre alte Münchhausen heiratete die 17-jährige Bernhardine von Brun, die nach seinem Besitz und dem Umgang mit jungen Männern schielte. Als sie schwanger wurde, gelang es ihr nicht zu beweisen, daß ihr Ehemann der Vater ihres Kindes war. Durch den Scheidungsprozeß verarmte Münchhausen. „Der Ruf als Lügenbaron untergrub seine Glaubwürdigkeit und erschwerte seine Position vor Gericht. Endgültig zog er sich zurück“. Er starb „im Alter von 87 Jahren an einem Schlaganfall, verlacht, vereinsamt und vom Leben zutiefst enttäuscht“ (Scherer 262f).
Unter dem Strich bleibt, daß Raspe und Bürger Münchhausens Leben ruiniert haben. Vor diesem Hintergrund kann man sich fragen, was von Bürgers moralischen Ansprüchen und seiner Einstellung zur Französischen Revolution zu halten ist: Hätte er ein ganzes Land nicht ebenso leichtsinnig ruiniert wie das Leben eines einzelnen Menschen?
An die Ratschläge, die er seinem Mündel Georg Heinrich Leonhart gab, hatte sich Bürger selbst als Student nicht gehalten:
- In Halle waren „Laster wie Zechen, Spielen, Duellieren, grobe sexuelle Entgleisungen, Schulden machen […] an der Tagesordnung“ (Scherer 114).
- In Göttingen wohnte Bürger über seine finanziellen Verhältnisse hinaus mit meist russischen, sehr betuchten Studenten in einer Art Studentenwohnheim. Bürger konnte weder mit ihrem aufwendigen Lebensstil noch mit ihrer Trinkfestigkeit mithalten und machte Schulden.
Das ist der Hintergrund folgender Ermahnungen: „Hüte dich vor aller Verschwendung; am meisten aber vor Schulden. […] Daher vermeide schlechterdings alles Spiel um Geld, alle Wollüste in Essen und Trinken, kurz alles was Geld kostet und nicht zur Notdurft gehöret“ (S. 173).
Wolfgang Friedrich und Helmut Scherer beschwichtigen:
- „Bürger hat lediglich so studentisch flott gelebt, wie es damals üblich war“ (Friedrich 13).
- „Eine Ausnahme, ein Einzelfall war Bürger nicht“ (Scherer 114).
© Gunthard Rudolf Heller, 2024
Literaturverzeichnis
DIE BIBEL – Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Bundes, Freiburg/Basel/Wien 20 1976
BÜRGER, Gottfried August: Werke und Briefe – Auswahl, hg. v. Wolfgang Friedrich, Leipzig 1958
DÜHRING, Karl Eugen: Die Grössen der modernen Literatur populär und kritisch nach neuen Gesichtspunkten dargestellt, zwei Bände, Faksimile-Nachdruck der zweiten Auflage 1910, Viöl 2000
FECHTER, Paul: Geschichte der deutschen Literatur, zwei Bände, Gütersloh 1960
FRIEDRICH, Wolfgang: Einführung, in: Bürger, Werke und Briefe – Auswahl, Leipzig 1958, S. 7-95
HELLER, Gunthard: Dühring: Die Grössen der modernen Literatur populär und kritisch nach neuen Gesichtspunkten dargestellt Band I (Facebook 2024)
HOFFMANN, Friedrich G. / RÖSCH, Herbert: Grundlagen, Stile, Gestalten der deutschen Literatur – Eine geschichtliche Darstellung, Frankfurt am Main 6 1973
KINDLERS NEUES LITERATUR-LEXIKON, 21 Bände, hg. v. Walter Jens, München 1996 (KNLL)
LAATHS, Erwin: Geschichte der Weltliteratur, München/Zürich 1953
LURKER, Manfred: Lexikon der Götter und Dämonen – Namen · Funktionen · Symbole/Attribute, Stuttgart 2 1989
MARTINI, Fritz: Deutsche Literaturgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 1965
MEYERS ENZYKLOPÄDISCHES LEXIKON, 25 Bände, Mannheim/Wien/Zürich 9 1980/81 (MEL)
ROBERTSON, Priscilla: Das Heim als Nest: Mittelschichten-Kindheit in Europa im neunzehnten Jahrhundert, Übersetzung von Rolf Wiggershaus, in: Lloyd deMause (Hg.): Hört ihr die Kinder weinen – Eine psychogenetische Geschichte der Kindheit, Frankfurt am Main 1980
ROUSSEAU, Jean-Jacques: Emil oder Über die Erziehung, Übersetzung von Ludwig Schmidts, Paderborn/München/Wien/Zürich 8 1987
SCHIERSE, Franz Joseph: Konkordanz zur Einheitsübersetzung der Bibel, Düsseldorf/Stuttgart 2 1986
SCHERER, Helmut: Lange schon in manchem Sturm und Drange – Gottfried August Bürger. Der Dichter des Münchhausen – Eine Biographie, Berlin 1995
WILPERT, Gero von (Hg.): dtv-Lexikon der Weltliteratur, 4 Bände, München 1971
– Lexikon der Weltliteratur Band II – Hauptwerke der Weltliteratur in Charakteristiken und Kurzinterpretationen, Stuttgart 3 1993
Die Angabe des Namens ist optional.
Mit der Nutzung dieses Formulars erklären Sie sich mit der Speicherung, Verarbeitung und Veröffentlichung der angegebenen Daten durch diese Website einverstanden. Mehr Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.