Genesis des Denkens - Wandlung der Wirklichkeiten

Dieser Artikel dokumentiert die "Wirklichkeiten" des menschlichen Denkens vom Mittelalter bis in die Neuzeit. Anhand einer Bilderreise wird der Leser durch die Jahrhunderte geführt und erhält dadurch eine Vorstellungen, wie drastisch sich das Verhältnis von Raum, Zeit und Weltverständnis verändert haben. Wer unsere jetztige Sicht der Welt für selbstverständlich hält übersieht, daß unsere "Realität" ein Spiegel unseres Denkens ist.

Das was wir heutzutage für selbstverständlich halten ist das Produkt eines jahrtausendalten Konstruktions- und Erkenntnisprozesses des menschlichen Geistes. Erst durch die Hervorhebung der Unterschiede wird offensichtlich, wie groß die Kluft im Denken zwischen unseren Vorfahren und dem heutigen Menschen ist.

Wer geneigt ist über die primitive Weltanschauung unserer Vorväter zu lächeln, sollte berücksichtigen, daß unser eigenes empirisches Weltbild nur ein vorübergehendes Paradigma der Wirklichkeit ist. Die Entwicklung der Erkenntnisfähigkeit des Menschen steht nicht am Ende sondern markiert nur einen winzigen Punkt in dem Prozess der Selbstentdeckung des Menschen. In der Unendlichkeit der Zukunft sind noch Wege verborgen, die heute noch kein Gelehrter erahnt. Diese Reise soll uns helfen zu verstehen, wie wir zu dem wurden, was wir sind. Sie soll dazu anregen Geschichte nicht als ein unhinterfragtes Paradigma zu sehen, sondern verstehen zu lernen, wie sich die Menschheit im Laufe der Jahrhunderte selbst erschaffen hat.

Wer seine eigene Geschichte nicht kennt ist gezwungen sie zu wiederholen - sagt ein altes Sprichwort. Wir stehen nicht am Ende, sondern erst am Anfang einer großartigen Entdeckungsreise unseres eigenen Bewußtseins und unserer Möglichkeiten.

Das alte Land

Was kennzeichnet das Denken des Mittelalters?

Denken im MittelalterDer Mensch des Mittelalters dachte die Welt als Netz symbolischer Bezüge. Alles ist mit allem verwandt, alles steht mit allem in einer naturgemäßen, gottgegebenen symbolischen Beziehung. Die Dinge (und Menschen) sind eingebunden in eine vorhandene bestehende Weltordnung und sie gewinnen ihre Identität aus ihrem dynamischen Wechselspiel mit anderen Dingen (und Menschen).

Naturerkenntnis ist interpretierendes Nachvollziehen des geheimen Sinns der Dinge. In den sichbaren Zeichen und Erscheinungen der Welt kann deren unsichtbarer Sinn, ihr von Gott verliehener Wert und Zweck nachvollzogen werden. Gott zu gefallen heißt umgekehrt, die Dinge so zu gestalten, daß sie die von Gott gegebene Ordnung möglichst vollendet in die Welt bringen.

Beispiel: jeder magisch interessierte Leser wird in der als Kabbalah bezeichneten Wissenschaft zugrundeliegenden Denkart dieses mittelalterliche Denkschema wiederentdecken: Mars ist in diesem Sinne rot und kriegerisch, daß er Teil einer Sphäre von Bedeutung in der alles durchdringenden Weltordnung ist, der eben diese Qualitäten eignen. Dies ist für den mittelalterlichen Menschen kein erfundenes oder willkürlich gedachtes "Modell", keine Theorie, sondern unmittelbar gegebene Tatsache.

Beispiel: in gleicher Weise kann aus der Betrachtung des Vogelfluges auf die Zukunft und aus bestimmten Zeichen (Malen) am Körper des Menschen auf dessen Charakter geschlossen werden. Um eine Hirnkrankheit zu heilen, hilft es, eine Walnuss zu essen.

Beispiel: Alles in der Welt hatte aneinander teil und der Geist aller Dinge war eins. Die Eskimos beispielsweise glaubten offenbar, daß es zwar viele, viele Seehunde gäbe, daß aber jeder nur eine Erscheinungsform des _einen_ Seehundes sein, vom Geiste des Seehunds. D. h. der eine Seehund manifestierte sich als die vielen. Daher konnten die Eskimos zu diesem Seehundsgeist beten, daß er erscheinen solle, daß sie zu essen hatten.

Daß unser heutiges Denken von dieser Art, sich selbst und die Welt aufzufassen, so grundverschieden ist, daß wir allerhöchstens in der Lage sind, uns vage ahnend dort hineinzuversetzen, veranschaulicht u.a. der mittelalterliche Raumbegriff.

Diskontinuierlicher, bedeutungsbeladener Raum

Für uns bezeichenet Raum etwas kontinuierliches, homogenes und etwas überall grundlegend gleichartiges. Egal wohin wir gehen, Raum ist immer von der gleichen Art. Für den mittelalterlichen Menschen war dies nicht der Fall - für ihn war Raum weder kontinuierlich, noch homogen, sondern mit Bedeutung gefüllt, die sich als Sphären voneinander abgrenzten. Die meßbaren Aspekte der Welt waren keine globalen, allgemeinen, wesenshaften Aspekte der Welt. Sie galten nur für begrenzte Ausschnitte der Welt, aber nicht für die Welt insgesamt.

Beispiel: Es gab beispielsweise keinen fortlaufenden (kontinuierlichen) Maßstab, der von der Erde bis zu den Sternen reichte - so wie wir heute eine Entfernung in Lichtjahren angeben würden. Man dachte den Kosmos als System von kugelförmigen Bereichen - Sphären, die sich wie Zwiebelschalen um die Erde legten. Die Sphäre des Mondes, der Sonne, des Mars, des Jupiter usw. Innerhalb dieses Sphärenkonzeptes sind räumliche Distanzen belanglos. Von Relevanz ist die qualitative Verschiedenheit, die unterschiedliche Bedeutung, die jeder Sphäre beigemessen wurde.

Versuchung ChristiBeispiel: In dem Bild "Die Versuchung Christi auf dem Berg" von Duccio di Buoninsegna, 1311 - d.h. einem schon relativ späten Werk des Mittelalters finden wir bereits räumliche Darstellungen. Die Burgen oder Städte werden offensichtlich als Raumobjekte behandelt.

Aber sie sind in einer Weise in einen Gesamtkontext gestellt, die unseren heutigen Sehgewohnheiten krass widerspricht und wirken für unser Auge wie collagenhaft auf den Hintergrund aufgeklebte, ausgeschnittene Elemente, die nur aufgrund ihrer (gedachten) Bedeutung, nicht aber aufgrund ihrer (gesehenen) optischen Darstellung mit ihrer Umgebung in Verbindung stehen.

Beispiel: Das Größenverhältnis der Figuren und der Städte in diesem Bild zueinander - unserem Raumempfinden nach völlig falsch - entspricht den Bedeutungsverhältnissen in der gegebenen Weltordnung, also dem Denken des mittelalterlichen Menschen. Jesus in ein Größenverhältnis zu setzen, das der tatsächlichen, pysischen Größe eines Menschen im Verhältnis zu einer Stadtmauer entspräche, wäre als Blasphemie aufgefaßt worden.

Ca. 650 Jahre später sagte Picasso über den Kubismus: "Als wir den Kubismus erarbeiteten, taten wir es nicht mit Absicht, sondern wir wollten nur ausdrücken, was in uns war." Wir können diese Aussage auf jede Art von Kunstwerk insofern übertragen, als ein Künstler immer seine metaphysichen Grundannahmen über die Welt in seinem Werk mitausdrückt. Was wir deshalb in einem Bild wie der Versuchung sehen, ist der Widerschein der Weltsicht und des Lebensgefühls eines (spät-)mittelalterlichen Malers - einer Weltsicht, die von unserer heutigen durch einen offensichtlich tiefen, rückwärts kaum noch zu überwindenden Riß verschieden und getrennt ist.

"Im gesamten Mittelalter findet sich kein einziges Bild, das räumlich "richtig" gemalt worden ist. [...] In keinem Bild des Mittelalters ist ein durchgehender dreidimensionaler Raum erkennbar. In vielen Bildern hat jeder Gegenstand, jedes Bildelement sein eigenes System perspektivischer Darstellung: Jedes Element ist eine in sich geschlossene räumliche Einheit, aber die Einheit des Gesamtraumes ist aufgegeben worden." (Walter Ötsch, 1998)

Die Grundform der gotischen Malerei ist die Addition. Es sind gleichsam die Etappen und Stationen eines Weges, durch die es den Beschauer führt, und es ist ein panoramisches, revueartiges, kein einseitiges, einheitliches, von einem einzigen Gesichtspunkt beherrschtes Bild der Wirklichkeit, das es erschließt.

Wo Raum für uns eine Reflexion des Gesehenen und deshalb ein Kontinuum von Homogenität ist, ist Raum noch für den mittelalterlichen Menschen die (nicht bewußte) Reflexion gegebener, quasi nebeneinander gestellter Bedeutung und deshalb eines Eingebunden-Seins des Menschen in die göttliche Ordnung Welt.

Diskontinuierliche, bedeutungsbeladene Zeit

Mittelalterliche Zeit ist symbolhafte Zeit, werthafte Zeit, intentionale Zeit. Jede Zeit hat ihre Symbolik, ihre Bewertung.

SonnenuhrAnders als für uns begann für den Menschen des Mittelalters der Tag mit dem morgendlichen Sonnenaufgang und endete mit dem Sonnenuntergang. Zwischen dem Tag und der Nacht lag ein Zeitriß, ein diskontinuierlicher Wechsel, mit dem die Zeit des Tages, des Göttlichen in der Welt zu ende war und die Zeit der Nacht, des Bösen und Un-Göttlichen in der Unterwelt begann.

Ebenso wie der Raum sich in bedeutungsbeladene Sphären segmentierte, zerteilte sich die Zeit in Zeitblasen, denen bestimmte Qualitäten zueigen waren bzw. als selbstverständlich angenommen wurden.

Beispiel: So gab es für den mittelalterlichen Menschen auf eine ganz selbstverständliche Weise Tage, die gut waren, um Aderlässe durchzuführen, zu Baden, sich die Haare zu schneiden, den Grundstein für ein Haus zu legen oder zu heiraten - und andere Tage, an denen die "zur Zeit" in der Welt befindliche Qualität für diese Handlungen ungünstig war.

Beispiel: In mittelalterlichen Städten gab es daher an jedem öffentlichen Ort eine Glocke und für jeden Zweck gab es eine bestimmte Klangfolge, die der Bevölkerung signalisierte, was gerade geschah. Ob die Stadttore geöffnet oder geschlossen werden sollten, ob eine Ratsversammlung oder der Gottesdienst begann, wurde jeweils durch einen bestimmten Glockenschlag angekündigt. Hörte man ein Glockensignal, das für das eigene Handeln relevant war, wußte man: man muß sich jetzt auf den Weg machen. Die Glocke schlug damit eine gewisse Qualität an, die gleichsam als ihr Nachhall der Glocke von da an in der Welt war.

Zeit zu messen und in geplanter Weise nach dem Fluß der Zeit zu leben galt als etwas Besonderes und Höheres, zu dem der ungebildete Mensch des Mittelalters keinen Zugang hatte. Einzig die christlichen Mönche maßen in ihren Klöstern, die insofern Keimzellen eines neuen Zeitbewußtseins oder Lichtzellen in der Dunkelheit waren, die Zeit und lebten nach geregelten Tagesplänen.

Beispiel: Weil der Tag mit dem Sonnenaufgang begann und mit dem Sonnenuntergang endete, war es für den mittelalterlichen Menschen ganz natürlich und entsprach der gegebenen Weltordnung, (je nach Breitengrad) im Sommer nur 4 Stunden, im Winter dagegen 12 Stunden zu schlafen. Im Sommer hatte man entsprechend mehr zu tun - die Felder wollten bestellt werden und die Wege ins nächste Dorf waren befahrbar. Der Lebensrhythmus des Jahreslaufs und der Natur war auf diese Weise der eigene Lebensrhythmus.

So wundert es auch nicht, daß Nachtwächter als assoziale Gestalten angesehen wurden, denn sie mußten ihren Dienst in den dämonischen Stunden der Dunkelheit verrichten. Dunkelheit war nicht nur die Abwesenheit von "Licht", sondern selbstverständlich die Zeit, in denen Dämonen und Teufel die Welt heimsuchten. Dunkelheit und das Böse waren gleichbedeutend und keine abstrakten Konzepte, wie wir sie heute verstehen.

Weil der Tag aber dennoch in - Sommer wie Winter - 12 Stunden unterteilt war, war eine Stunde eben im Sommer wesentlich länger (nach unserem Zeitmaß bis zu 90 Minuten lang), während sie im Winter sehr viel kürzer war. Dieses Konzept heute so genannter Temporalstunden, die sich in ihrer Dauer flexibel dem Jahresrhythmus anpaßten, war aber nur für die zeitmessenden Mönche und andere Spezialisten bewußt. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung lebte ein "zeitloses" Leben, insofern die Aufmerksamkeit nicht auf den "Fluß der Zeit" gerichtet war, sondern auf die jeweils vorhandenen Qualitäten oder Bedeutungen in der Welt. Die Menschen leben "auf einer Insel in der Zeit, einer Insel, in deren Gesichtskreis das Zukünftige wie auch das Vergangene nicht lag" (Gotthardt Günther).

Inseln ohne Fluchtweg

Wo weder zeitlich noch räumlich der eigene Standpunkt - wie für uns heute - Ausgangspunkt einer strahlenförmigen Ausbreitung in die Zukunft bzw. Himmelsrichtungen ist, sondern als im jeweils Gegebenen gefangen erlebt werden muß, wird auch die heute oft plakativ vorgestellte, bedrückende Stimmung des Mittelalters genauer nachfühlbar: solange eine bestimmte, vorhandene Qualität in der Welt präsent ist, gibt es aus dieser kein Entkommen, das sich nicht dem Vorwurf der Gottlosigkeit aussetzt.

Beispiel: Eine Pest-Epedemie muß als Teil der göttlichen Weltordnung, als Wille Gottes erlebt werden und ist daher nur zu erleiden, nicht zu ändern. Wer in einen bestimmten Berufsstand hineingeboren wurde, war damit auf natürliche, gegebene Weise Teil dieses Standes und hatte keine Möglichkeit, daran etwas zu ändern, die nicht Anmaßung und Aufbegehren gegen die gottgewollte Ordnung der Dinge gewesen wäre.

Denken im MittelalterDie Dinge waren so wie sie waren gottgewollt und man mußte ihrer Ordnung durch sein Handeln genüge tun. So bestanden für den mittelalterlichen Menschen weder räumlich noch zeitlich Fluchtwege im Sinne möglicher, durch eigenes Handeln zu gestaltender Entwicklungslinien. Der mittelalterliche Mensch lebte - räumlich und zeitlich - auf einer Insel, aber keiner paradisischen Insel des Glücks, sondern innerhalb einer bedrückenden Enge, die zudem noch von seiten des Himmels durch die finsteren Drohungen der Apokalypse permanent überschattet war.

"Der irdische Himmel kann mithin keine Aufklärung bringen, im Gegenteil: es sammelt sich, mit dem Unfaßlichen, etwas Bedrohliches, eine Art panischer Schrecken in ihm. Wenn eine Nachricht wie die von der Zerstörung des Heiligen Grabes bekannt wird, ja selbst wenn nur ein gewöhnliches Unwetter hereinbricht, fürchtet eine dem Ende der Zeit entgegensehende Welt, daß unweigerlich das Himmelsgewölbe einstürzen wird, und so blickt man, starr vor Schrecken, dorthin, von wo das Verhängnis herabfahren wird.

Es ist kennzeichnend für diesen geistigen Zustand, daß das Mittelalter seine religiöse Erbauung bis ins 12. Jhdt. hinein nicht aus den Evangelien, sondern aus der Lektüre der Apokalypse bezieht. Diese apokalyptische Unheilsgewißheit läßt sich in den Tonnengewölben der romanischen Kirchen nachspüren: als eine nachgerade körperlich fühlbare Last, die wie ein Himmel aus Blei über den Häuptern lastet." (Martin Buckhardt)

Die Architektur der romanischen Kirchen beruhte - technisch betrachtet - auf dem Prinzip der simplen Addition. Steine wurden bauklotzartig aufeinander gefügt, wo mehr zu tragen war, wurden also mehr Steine benötigt. Dies erklärt die Schwierigkeit, Licht in ein solches Gebäude einzulassen und daher ihre bedrückende Finsternis: Fenster und Öffnungen waren einfach Löcher, Auslassungen, die die Stabilität des Gebäudes beeinträchtigen mußten. So wirkten romanische Kirchen oft wie Ritterburgen, die durch schmale und dafür umso höhere, schießschartenähnliche Fenster nicht in die Welt blickten, sondern sich der Welt geradezu verschlossen. Die Massigkeit der Wände mußte durch weitere Massigkeiten von Stützpfeilern an der Außenseite stabilisiert werden, um zu verhindern, daß die Wände einfach nach außen hin wegklappten. Eine solche Architektur war natürlich auch in ihrer maximalen Höhe stark begrenzt, gewissermaßen am Erdboden festgekettet.

Amerikafahrer des Kopfes - geplante Wirklichkeit

Die bedrückende Enge der Raum-Zeit-Inseln und damit der eigenen Denk-Blase denkend zu verlassen war folgerichtig eine äußerst suspekte, weil gotteslästerliche Angelegenheit. Der Mensch verließ damit seinen angestammten, "gewachsenen" und gottgewollten Platz und maßte sich an, einen selbstgewählten Standpunkt einzunehmen. Spätestens im Hochmittelalter begannen aber allenthalben Menschen eben solche Denk-Wagnisse anzugehen und stückweise Uferabschnitte eines neuen, bislang unbekannten Denk-Kontinents zu erobern und gangbar zu machen.

Gotik DenkenDie Wurzeln eines neues Raumbegriffes werden von vielen Kunsthistorikern im gotischen Kathedralenbau des 12. Jahrhunderts gesehen, jener architektonischen Revolution und Keimzelle neuer gesellschaftlicher Organisationsformen (Bauhütten, Zünfte), aus der anmaßende, himmelstürmende und lichthafte Bauten emporschossen und mit ihnen ein neues Raumverständnis, ein Raumbegriff zweiter Ordnung.

Um die Massigkeit der romischen Kirchengewölbe zu überwinden und höhere, lichtere Gebäude bauen zu können, war es notwendig, eine Kirche zunächst im Kopf, in der Virtualität zu bauen. Wurden zuvor Stein um Stein Massen addiert, war es nun nötig, das Bauwerk als Ganzes zu sehen und die in ihm waltenden Kraftlinien gegeneinander so auszuspielen, daß sie sich gegenseitig aufhoben und stützten.

Die Wirkung, die diese - konstruierte - Architektur entfaltete, war eine bis dato ganz und gar unbekannte und somit erschreckende. Nicht nur, daß sehr viel höhere, mächtigere und nahezu übermenschlich anmutende Bauwerke geschaffen werden konnten. Diese Bauwerke erschufen zudem einen Kirchenraum, der die bedrückende Enge der romanischen Kirchen ganz und gar überwand und im Gegenteil, statt nach unten, zum Erdboden zu lasten, nach oben und außen hin zu explodieren schien. Getragen von Stützpfeilern bislang nie erreichter Feinheit konnten Fenster und Aussparungen in einem Masse einkonstruiert werden, die die Kathedralen viel eher als aus Licht, denn aus Stein konstruiert erscheinen ließen.

Gotische Kirchen sind von ihrem Bauprinzip her Netzwerk-Konstruktionen, ähnlich wie wir sie von heutigen Glashäuser kennen. Ihre Statik ruht auf Rippen oder Gurten, die in schmalen Pfeilern gebündelt und diagonal über das Gewölbe geführt werden. Am höchsten Punkt des Gewölbes kreuzen sich zwei oder mehrere Rippen, Kreuzrippen genannt. Der Zwischenraum eines Kirchenschiffes wird dabei nicht wie in der Romanik durch halbkreisförmige Bögen, sondern durch Spitzbögen, zwei aneinandergelehnte Kreissegmente, überbrückt.

Ein Architekt, der eine gotische Kirche konstruiert, muß den Kirchen-Raum als System-Ganzes, als rationale Einheit denken. Er benötigt dazu die Vorstellung von einem dreidimensionalen Ganzen, von einem einheitlichen Raum, der von Kräftelinien durchzogen ist. In diesem Equlibrium von Druck und Gegendruck muß die Druckverteilung des Gewichtes der Decke, der hochaufragenden Wände und Stützpfeiler räumlich exakt geortet werden, der Druck muß lokalisiert, auf Kraftorte, -linien und -punkte gelenkt werden. Ein Architekt einer gotischen Kirche muß den Kirchenraum als das Modell eines systemischen Raumes entwerfen, in dem jede Linie mit jeder anderen in Beziehung steht, der sich selbst trägt und stabilisiert.

Dieses Modell aber ist eine Repräsentation der Welt im eigenen Denken, die den Architekten in die Lage versetzt, mit der Repräsentation selbst zu operieren, d.h. vor der realen eine gedachte Kirche zu konstruieren - eine Kirche in einer zweiten Welt, einer erst denkend erschlossenen Welt. Gotthardt Günther bezeichnet diese als "zweite Natur".

Mit dem Bau der Kathedrale löst sich das Denken vom Boden der natürlichen Gegebenheiten ab, stellt sich ihm quasi entgegen und gelangt zu einer souveränen Raum-Gestaltung, einer neuen Raum-Ordnung.

11.10.2016 © seit 03.2003 Philognosie Team  
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