Die Geschichte des Kriegerwesens

Vorwort

Wie alles was über eine lange Zeit gewachsen ist, so hat auch die Idee der Krieger eine lange Geschichte. Sie reicht bis in die Frühzeit der Menschen hinein. Selbst im Tierreich finden wir mit den Raubtieren den Keim der Idee. Sie zeigt sich hier ihrer primitivsten Form – im einfachen Kampf ums Überleben. Diesem „natürlichen“ Jagdinstinkt kommt beim Homo Sapiens in seiner frühen Form – als Jäger und Sammler – eine besondere Bedeutung zu. Der Mensch gewann seine Stärke durch die Kombination von Kooperation und intelligentem Handeln. Diese Kombination erwies sich evolutionär als so erfolgreich, daß er als einzige Spezies fähig war sogar Raubtiere zu jagen, die ihm physisch überlegen waren.

Krieger Jagd Seine besondere Fähigkeit war das intelligente Handeln – also die Fähigkeit aus Erfahrung zu lernen. Diese Fähigkeit machte es möglich, daß er seine Überlebenstechniken im Laufe der Geschichte verfeinern konnte. Die Erfindung der Sprache tat ein übriges, daß Erfahrungen innerhalb eines Stammes weitergegeben werden konnten. So entstand mit der Zeit ein großer Erfahrungsschatz, der den rein triebhaften Anlagen weit überlegen war. Sowohl der Philosoph Feuerbach als auch Goethe formulierten diese Erkenntnis in dem Satz, daß „Menschen nur durch Menschen zum Menschen werden.“

Die Untersuchung von Wolfskindern zeigt deutlich, daß das, was wir unter „Menschsein“ verstehen, lediglich als Anlange in uns schlummert. Diese reift aber erst durch die Interaktion und dem Lernen von anderen zu ihrer vollen Blüte heran. Der Mensch entwickelt sich durch die gemeinschaftliche Interaktion mit anderen im vorgegebenen Rahmen seiner Kultur.

Zusammenfassend kann man festhalten, daß die Entwicklungsmöglichkeiten des Kriegerwesens immer abhängig von den Fähigkeiten der umgebenden Gesellschaft sind.

Wie die Geschichte zu berichten weiß, haben im Laufe der Jahrtausende bereits viele Gesellschaftsformen ihren Auf- und Untergang erlebt. Gesellschaft ist somit kein statisches „Etwas“, sondern ein sich prozeßhaft wandelndes Gebilde. Weiterhin wissen wir heute, daß die vom Menschen gewählte Gesellschaftsform ein Spiegel seiner Denkgewohnheiten und der darin enthaltenen Werte ist, die als gemeinschaftlicher Konsens getragen werden.

Aus diesem Grunde wählte ich bei meinen geschichtlichen Forschungen die Perspektive der Soziologie. Ich ging der Frage nach, welche grundlegenden Gesellschaftsformen wir im Laufe unserer Geschichte entwickelt haben und welche Formen des Kriegerdaseins hieraus entstanden sind. Das Ausgangsmaterial für meine Beobachtungen entnahm ich den soziologischen Studien von Prof. Niklas Luhmann. Er gilt heute wohl als der bedeutendste Soziologe der Neuzeit, dem es erstmals gelang über die Systemtheorie das Phänomen der Gesellschaft umfassend beschreibar zu machen.

Bei meinen weiteren Ausführungen spielt seine Einteilung der Evolution der Gesellschaft die maßgebliche Rolle. Ich habe die Beschreibung so weit vereinfacht, daß der Leser keine speziellen Kenntnisse über Systemtheorie benötigt. Meine Darstellung bezieht sich auf die Folgerungen seiner Theorie, während ich deren Begründung wegen der enormen Komplexität auslasse. Wer sich zusätzlich mit den Hintergründen der Systemtheorie befassen will, kann dies am besten bei Luhmann selbst tun.

Luhmann benennt die evolutionären Stufen der Gesellschaft folgendermaßen:

  • Segmentäre Gesellschaft
  • Stratifikatorische oder hierarchische Gesellschaft
  • Funktional differenzierte Gesellschaft

Sehen wir uns diese Gesellschaftsformen einmal näher an und betrachten die darin entstandenen Kriegerideen.

Kriegerwesen in der Urgesellschaft

Krieger Germanen Geschichte Die sogenannte segmentäre Gesellschaft ist die älteste uns bekannte Gesellschaftsform. In Europa war sie etwa bis zum Aufstieg des römischen Reiches und der anschließenden Etablierung der christlichen Religion vorherrschend. Diese archaischen Gesellschaften kennzeichnen sich durch das Familien-, Horden- oder Stammesleben, welches ihren Kern ausmacht. Im Zentrum steht der Führer des Stammes, der alle wesentlichen Belange der Gemeinschaft bestimmt.

Im deutschsprachigen Raum sind die germanischen Volksstämme ein bekanntes Beispiel einer derartigen Kultur. Urgesellschaften kannten nur einen niedrigen Spezialisierungsgrad und damit nur eine sehr geringe Arbeitsteilung. Die lebenswichtigen Funktionen mußten von allen Mitgliedern gleichermaßen beherrscht werden. Alle Funktionen, die man im Großen (Stamm) finden konnte, waren auch in den kleinen Segmenten (Dorf, Familie) vertreten. Dies ermöglichte es jedem Dorf/ Familie durch Selbstversorgung weitgehend autonom agieren zu können.

Der Einzelne mußte viele verschiedene Rollen einnehmen – so war man Vater, Gutsherr, Bauer, Krieger, Richter, Schamane etc. gleichzeitig in einer Person. „Reine Krieger“ waren die seltene Ausnahme, die sich nur mächtige Führer als bewaffnetes Begleitpersonal leisten konnten.

Bemerkenswert ist, daß die Germanen von allen möglichen Rollen gerade das Kriegertum besonders herausstellten. Das Kriegerwesen und dessen Tugenden galt als Ideal der Mannbarkeit. Dies läßt sich durch die überlieferten Heldensagen und die Ideale der heidnischen Religion belegen. Man mußte sich als Mann und Krieger beweisen – mit dem Schwert in der Hand sterben – um nach Walhalla einziehen zu dürfen. Eine Erklärungsmöglichkeit hierfür ist, daß die Wehrhaftigkeit und das Überleben des Stammes eng miteinander verknüpft waren.

Ein Stamm mit vielen wehrhaften Männern konnte erfolgreich für das Überleben der Gemeinschaft sorgen. Da immer wieder mit kriegerischen Übergriffen zu rechnen war, ist es kein Wunder, daß sich gerade diese Rolle zum Idealisieren eignete.

Die Stammesfürsten entstammten bestimmten Blutlinien, die sie für eine Führerschaft prädestinierten. Was sich Regenten erlauben konnten, war hauptsächlich von ihrem Charisma und der Tradition der Gemeinschaft abhängig. Einige Werte die aus der damaligen Zeit sind Treue, Loyalität und Freundschaft. Also alles Werte die sich rekursiv auf die Stammesgemeinschaft selbst bezogen. Allgemeine Gesetze, die stammesübergreifend galten, waren zu dieser Zeit noch gänzlich unbekannt. Gerechtigkeit (Recht) bezog sich immer primär auf den eigenen Stamm oder Familie. Fremde oder Feinde waren in diesem Sinne „rechtlos“, d.h. sie konnten nur auf die Gnade des Stärkeren hoffen.

Es wurden zwar Bündnisse mit anderen Stämmen geschlossen, die sich aber im labilen Wechselspiel der Kräfte sehr schnell wieder auflösen konnten. Da es keine verbindlichen Verträge gab, kam dem Ehrenwort eines Mannes besondere Bedeutung zu – dies war sozusagen die einzige Versicherung gegen einen Vereinbarungsbruch. Man findet in den Heldenlieder noch weitere Wertvorstellungen der Germanen, z.B. in einer Schlacht das Leben von Greisen, Frauen und Kindern zu verschonen. Dagegen zu verstoßen war jedoch bestenfalls eine Art „Kavaliersdelikt“. Zumindest solange dieses „Fehlverhalten“ nur bei fremden Stämmen zum Vorschein kam.

Das vorherrschende Heldenbild war primär von der Kampfkraft des Helden geprägt. Moralisch hochstehende Persönlichkeiten wurden geachtet, besonders effektive Schlächter wurden verehrt. Selbst die Blutrache war als Mittel, die eigene Ehre wieder reinzuwaschen, akzeptiert. Da die Freunde und Familie höher standen als Fremde, war es durchaus denkbar, daß man aus Loyalitätsgründen in den Krieg zog. Freundschaft stand über der Gerechtigkeit – denn Gerechtigkeit konnte als eine „für alle geltende Regel“ noch nicht gedacht werden.

Dies führte zu manchen Dramen, die heute noch in den Heldenliedern besungen werden. So gesehen könnte man die damaligen Werte als eine Art „Bandenkodex“ beschreiben, die für einen verallgemeinerbaren Kriegerkodex ungeeignet sind. Am ehesten läßt sich der Aspekt der Eigenverantwortlickeit in die Moderne übertragen. Gemeint ist die Fähigkeit eigene Werte und Überzeugungen zu bilden und nach ihnen zu leben.

Da die Familie nicht mehr im Zentrum des gesellschaftlichen Lebens steht, können auch einige der alten „Ehrvorstellungen“ nicht mehr greifen. Es gibt heute kein „Individualrecht“ mehr, genauso wie der Aspekt der Selbstjustiz keine Möglichkeit mehr hat sich zu etablieren.

Ähnliches gilt für die Führungsstruktur, die auf das Charisma eines Führers aufbaut. Dieses Zentrum ist auf die verbindende Kraft der Freundschaft/ Familie angewiesen und hat heute höchstens noch als Subsystem eine Überlebenschance.

Dennoch ist die Fähigkeit sich eigene Werte zu bilden – einen persönlichen Ethos zu entwickeln – eine aktuelle Anforderung an den Krieger. Denn sie beschreibt nach wie vor den Ausgangspunkt jeder Persönlichkeitsentwicklung.

Kriegerwesen in hierarchischen Gesellschaften

Die nächste Stufe in der Evolution der Gesellschaft bezeichnet Luhmann als die hierarchische Gesellschaft. Den weltanschaulichen Überbau in Europa lieferte das Christentum als monotheistische Religion. Sie breitete sich nach dem Untergang Roms in Europa immer weiter aus.

Krieger Christen Kreuzritter Das Christentum vertrat erstmals eine absolutistische Weltanschauung, die als ein gemeinsamer Nenner für eine Hierarchisierung tauglich war. Die hierarchische Gesellschaft braucht als Grundlage eine unhintergehbare Einheit und allgemeine Gültigkeit.

Der Garant für deren Wahrheit war Gott selbst. Da die Lehre universell gültig war, konnten andere Glaubensvorstellungen per definitionem nur fehlgeleiteter Götzendienst sein. Schon die Struktur dieses Glaubens sieht vor allein zu herrschen, um das Reich Gottes auf Erden zu verwirklichen. Wie sonst sollte man die Erlösung der Menschheit gewährleisten?

Luhmann sagt dazu: „Die Sinnhaftigkeit der Welt als Schöpfung Gottes und die Notwendigkeit ein gottesfürchtiges Leben zu führen, galt erstmals für jeden – unabhängig von seiner sozialen Position. Die Zentralinstanz der Kirche sorgte dafür, daß jeder seinen Platz in der von Gott vorgegebenen Ordnung finden konnte.“

Die Hierarchisierung selbst hatte einen religiösen Sinn, weil sie den Pflichtenkreis konkretisiert, innerhalb dessen der Einzelne ein gottesfürchtiges Leben führt. Diese neue Ordnung war revolutionär, da sie erstmals die vielen Einzelinteressen von Stämmen, Stammensverbänden oder ganzen Völkern in einer einheitlichen „göttlichen Ordnung“ vereinigte.

Diese Gesellschaftsform gleicht einer Pyramide, wobei der Papst oder der König an der Spitze stand. Darunter folgten die Kardinäle und Fürsten – danach die Bischöfe und Adelstand usw. – bis hinunter zum Leibeigenen, welche die Basis bildeten.

Im christlichen Weltbild war das zentrale Leitbild die göttliche Ordnung, die von der Bibel als absoluter Wert vorgegeben war. Diese Ordnung fand in der Welt der Hierarchie ihren natürlichen Ausdruck. Diese allgemein anerkannte „göttliche Ordnung“ war auch der erste Schritt hin zu einer allgemeinen Gesetzgebung.

Da vor Gott alle gleich waren, war es nur eine Frage der Zeit, bis sich dieser Gedanke auch in einem Rechtssystem niederschlagen mußte. Einem Rechtssystem, in dem erstmals alle – unabhängig von der Herkunft und gesellschaftlichen Stand – gleich zu behandeln waren.

Das Rittertum stellt eine der bekanntesten Kriegererscheinungen dieser Zeit dar. Die Verherrlichung dieser Ideale ist bis in die Moderne hinein lebendig geblieben. Das Ritterwesen entstand in der Karolingerzeit im 13. Jahrhundert und erlebte unter den staufischen Kaisern im 14. Jahrhundert seine Blütezeit.

Die berühmten Rittertugenden bezogen neben den reinen Kampfregeln erstmals auch gesellschaftliche Verhaltensweisen mit ein. Besonders die Idee den Schwachen zu helfen, machte diese Krieger unter dem gewöhnlichen Volk äußerst beliebt. Betrachten wir im weiteren ihre Tugenden, um uns ein umfassenderes Bild machen zu können.

Hierzu zählten:

  • Edelmut
  • Alle christliche Tugenden – vor allem der Dienst an der Kirche
  • Höfische Sitte
  • Verehrung vornehmer Damen (Minne)
  • Tapferkeit, Loyalität, Großzügigkeit
  • Das Schwert in den Dienst der Armen und Bedürftigen zu stellen

Krieger Kreuzritter Geschichte Die Germanen betrachteten die Welt noch „schicksalhaft“, d.h. man konnte sich dem Schicksal fügen oder sich dagegen wehren. Das christliche Weltbild erhob dagegen das eigene Gewissen und die freie Entscheidung – also den Aspekt die Welt nach dem eigenen Willen zu gestalten – als Maßstab für Heil oder Verdammnis.

Das eigene Verhalten war ausschlaggebend, ob man in den Himmel oder in die Hölle kam. Der Mensch war keinem Schicksal mehr unterworfen, sondern konnte nach diesem neuen Paradigma selbst über sein Leben entscheiden. Die Idee des freien Willens und der Mündigkeit war geboren.

Damit kommt eine weitere revolutionäre Änderung im Denken der Menschen hinzu. Denn diese Verantwortung nötigte das Individuum selbst über den Sinn und Zweck seiner Taten nachzudenken. Dies konnte aber nur erreicht werden, wenn der Mensch lernt über sich selbst zu reflektieren. Es sollten aber noch viele Jahrhunderte vergehen, bis die so angeregte Entwicklung das Christentum selbst in Frage stellte.

Diese unhinterfragte göttliche Ordnung hatte aber auch ihre Schattenseiten. Da die Bibel die einzige Wahrheit verkörperte, stellten andere Religionen eine Gefahr für die Erlösung der Menschheit dar. So konnten unter dem Banner des Kreuzes riesige Heere aufgestellt und gen Jerusalem geschickt werden. Andersgläubige zu töten, zu unterwerfen oder zu missionieren war nach religiösen Vorgaben nur ein logischer Schritt innerhalb der Vision, die Welt zu retten.

Die Religion war das Bindeglied dieser Kriegerkaste. So stellt sich mir die Frage, inwieweit die Religion heute noch als Kern des Kriegerwegs aktuell sein könnte. Heute dürfte jedem klar sein, daß der Traum einer einzigen weltumspannenden Religion ausgeträumt ist. Der Islam bringt zwar noch „Gotteskrieger“ hervor, allerdings werden diese wegen ihres Fanatismus und ihrer terroristischen Aktivitäten allgemein geächtet.

Jede Religion mit einem Anspruch auf alleinige Gültigkeit, muß schon immer den Keim des Krieges gegen die Ungläubigen in sich tragen. Betrachtet man die Entwicklungen in Europa nach der Renaissance, so wage ich zu behaupten, daß monotheistische Religionen hier ihren Boden endgültig verloren haben.

Immerhin kann heute jeder wissen, daß Religionen von Menschen ausgelegt werden. Wer das Recht hat die heiligen Schriften auszulegen hat die Macht – zumindest solange er Anhänger hat, die seiner Deutung bedingungslos folgen.

Was bleibt, ist die allgemeine Idee der Spiritualität mit dem Kriegerweg zu verbinden. Dies scheint mir auch heute noch möglich zu sein, da der Kriegerweg schon immer etwas mit der Idee der Persönlichkeitsentwicklung zu tun hatte.

Auch wenn der (äußere) Gott nach Nietzsche tot sein mag, so bleibt doch in jedem Menschen der Drang, über sich selbst hinaus zu wachsen, immanent. Vielleicht besteht der Unterschied nur darin, daß wir anfangen in uns selbst nach dem höheren Wesen zu forschen, als es irgendwo „da Draußen“ zu suchen.

Krieger Samurai Geschichte Eine andere bekannte Erscheinungsform der Kriegeridee kommt aus dem asiatischen Raum. Hier entstanden im 12. Jahrhundert in der Feudalzeit die sogenannten Samurai. Sie waren anfangs nur das bewaffnete Begleitpersonal des Daimyo, aber schon kurze Zeit später bildeten sie den Kern der Armee der Schogunate.

Samurai heißt übersetzt „Dienender“ und bezeichnet die wesentliche Tugend dieser Kriegerkaste. Als Samurai hatte man seinem Herr absoluten Gehorsam gegenüber zu bringen. Der Herr entschied über das Leben seiner Diener. Als Samurai hatte man das Recht auf eine eigene Gerichtsbarkeit und durfte in der Öffentlichkeit zwei Schwerter tragen.

Verlor man aufgrund von unachtsamen Handelns sein Gesicht, so war der Freitod durch Harakiri ein anerkanntes Mittel seine Ehre wieder herzustellen.

Falls ein Samurai bei seinem Herr in Ungnade gefallen war, konnte er mit dem Harakiri zudem auch seine Familie oder Freunde vor weiteren Verfolgungen schützen. Die Tugenden der Samurai waren im Bushido – ihrem Ehrenkodex festgehalten.

Hierzu zählten:

  • Redlichkeit
  • Ausdauer
  • Anspruchslosigkeit
  • Tapferkeit
  • Höflichkeit
  • Ehrlichkeit usw.

Wer sich heutzutage die Frage nach dem „Weg des Kriegers“ stellt und mit den Lehren der Samurai liebäugelt, sollte deren Hintergrund mit bedenken. Der Weg des Samurais funktionierte in einem streng hierarchischem System, welches absoluten Gehorsam als höchste Tugend voraussetzt. Diese bedingungslose Unterwerfung unter den Willen eines anderen ist in der modernen Welt – mit unseren kulturellen Hintergrund – kaum mehr authentisch möglich.

Zu tief steckt in uns die Erziehung der christlichen Werte, wobei gerade die Eigenverantwortlichkeit und die dadurch bedingte Selbstreflektion einen absoluten Gehorsam nicht mehr als höchsten Wert plausibel erscheinen lassen. Ebenso stecken die Erfahrungen des Dritten Reiches noch zu sehr in unserer Erinnerung, da sie eindrücklich aufzeigten, wohin unreflektierter Gehorsam in letzter Konsequenz führen kann.

Andere Stärken wie: … das Denken an das Ganze, der Primat der Gemeinschaft, die Einpunktigkeit der Lebensführung, die konsequente Zielerfüllung usw., könnten auch in unserer heutigen Zeit als Ideale wieder auferstehen. Der Rahmen, in dem diese Fähigkeiten erlernt werden, wird heutzutage jedoch ein vollständig anderer sein als damals.

Kriegerwesen in der modernen Gesellschaft

Der nächste Evolutionsschritt in der gesellschaftlichen Entwicklung begann etwa in der Zeit der Industrialisierung. Er führte zu der sogenannten funktional differenzierten Gesellschaft, in der wir heute zu hause sind.

Das christliche Monopol – und damit die Grundlage der hierarchischen Gesellschaft – begann spätestens seit der Renaissance zu zerbröckeln. Nachdem der gesellschaftliche Konsens – alles in eine Art Abbild einer göttlichen Ordnung zu sortieren – nicht mehr bestand, erlebte die Wissenschaft ihren kometenhaften Aufstieg.

Wie der Name schon andeutet, zerfiel die hierarchische Gesellschaft mit zunehmender Spezialisierung und Komplexität in immer mehr selbständig agierende Teilsysteme. Diese Subsysteme spezialisierten sich auf bestimmte „Funktionen“ innerhalb der Gesamtgesellschaft und begannen sich immer mehr von anderen Subsystemen abzunabeln.

Beispiele für Subsysteme in unserer heutigen Gesellschaft sind:

a) Wissenschaftsystem – unterteilt die Welt in wahre und unwahre Aussagen.
b) Religionsystem – definiert, was für den Menschen Heil oder Verdammnis bedeutet
c) Wirtschaftsystem – Betrachtet die Welt als Anlageobjekt zur Herstellung und Wiederherstellung von Zahlungsfähigkeit
d) Rechtsystem – unterteilt die Welt in rechtmäßiges und rechtswidriges Handeln

… usw. um einige zu nennen.

Alle diese Subsysteme haben sich sogenannte binäre Codes zugelegt, die deren Operationsweise definieren. Die Wirtschaft operiert beispielsweise nach dem Code Zahlen/ Nichtzahlen. In anderen Worten – in einem wirtschaftlichen Unternehmen ist die Perspektive Gewinn oder Verlust zu machen für alle systeminternen Entscheidungen primär.

Das System entwickelt seine Mechanismen nach seinem Code, den es als unhintergehbar setzt. Die Wirtschaft hinterfragt ihr eigenes Wertesystem (Code) nicht, sondern geht wie selbstverständlich davon aus, daß die Welt diesem Code entspricht.

Andere Codes werden nicht berücksichtigt, was im Falle der Wirtsschaft dazu führen kann, das sie Mechanismen entwickelt, die langfristig zur Zerstörung des Klimas oder zur radikalen Ausbeutung der Bodenschätze führen. Sie verursacht also Schäden in anderen Bereichen, die katastrophale Langzeitfolgen nach sich ziehen können.

Dabei kann der Wirtschaft „an sich“ kein Vorwurf gemacht werden, da sie aufgrund ihres Codes Auswirkung in anderen Subsystemen nicht beobachten kann. Hier kann z.B. das Machtsystem – welches der Politik zugeordnet ist – übergreifende Gesetze schaffen. Diese können eine radikale Ausbeutung des Menschen oder der Natur in Grenzen halten.

Diese Zerlegung der Welt in Funktionen ermöglicht einen nie vorher gekannten Spezialisierungsgrad der einzelnen Teilsysteme. Eine negative Auswirkung der rein funktionellen Denkweise, ist die zunehmende „Entmenschlichung“ unserer Gesellschaft.

Hier muß sich der Mensch immer mehr den benötigten Funktionen unterordnen. Er wird damit zunehmend zu einem Objekt degradiert, welches als austauschbares Rädchen sein Funktion in der Maschinerie zu erfüllen hat.

Aus der Kriegerperspektive ist vor allem das Machtsystem interessant, welches sich in drei Teilsysteme aufgesplittert hat.

Die Idee der Gewaltenteilung stammt von Charles Montesquieu (18. Jhd.), welche das System in die …:

  • Judikative (rechtsprechende Gewalt)
  • Legislative (gesetzgebende Gewalt) und
  • Exekutive (ausführende Gewalt)

… gliedert.

Krieger Soldat Geschichte Bringt man diese Aufteilung in eine Metapher so könnte man sagen, das die Judikative und Legislative den Kopf, die Ethik oder das Gewissen des Kriegers repräsentieren. Die Exekutive repräsentiert den Körper, oder dasjenige welches lediglich zur Ausführung der Macht dient.

In anderen Worten hat man mit dieser Gewaltenteilung das Gewissen von der ausführenden Macht entkoppelt. In dieser Struktur ist schon angelegt, daß die zugrundeliegenden Werte des Entscheidens und Handelns von Außen bezogen werden müssen.. Damit ist sie der Pflicht „selbst zu denken“ entbunden. Es ist ihr sogar per Sanktion untersagt, andere Entscheidungen zu treffen, als sie von der Politik oder dem Rechtssystem vorgegeben werden.

Die ausführenden Kräfte wie Polizei und Soldaten sind heute im wesentlichen „Söldner“. Sie sind diejenigen, die gegen Geld vorgegebenen Sanktionen auszuführen haben. Diese Bewertung mag provokant klingen, aber er spiegelt das Wesen der Exekutive am ehesten wieder.

Früher waren Söldner Truppenteile, die sich gegen Bezahlung einem Kampf angeschlossen haben. Der Kampf für oder gegen jemanden wurde als eine Arbeit wie jede andere gesehen. Damals waren sie verpönt, da sie nicht für eigene Werte oder Überzeugungen einstanden, sondern käuflich waren. Ihr Streben nach materiellen Werten stand über ihren ethischen Werten – falls diese überhaupt vorhanden waren.

Die Macht ist durch die Politik im Staat zentralisiert. Damit müssen Werte von dieser zentralen Stelle aus durch Politikern vorgegeben werden. Diese orientieren sich wiederum an der Mehrheitsmeinung, um wiedergewählt zu werden – Recht ist, was gefällt? So bildet sich schnell ein Kreislauf, der sich weniger am Wünschenswerten, Langfristigem oder Nachhaltigen, sondern eher opportun an den kurzweiligen Meinungen der grauen Masse orientiert.

Wer es heute wagt, die demokratische Herrschaftsform als Krone der Schöpfung zu bekritteln, begeht schon fast ein Sakrileg. Ich merke dies hier als Denker an, der zu Zweifeln wagt, da der den Weg der Krieger durch die Zeitalter hindurch beobachtet. Und dieser Weg hat in der modernen Gesellschaft seinen Eigenwert verloren.

Wer damit argumentiert, daß in demokratischen Gesellschaften ein Mißbrauch von Polizei oder Armee ausgeschlossen werden könnte, der sei mit dem Einfall der Amerikaner in den Irak eines Besseren belehrt. Im Nachhinein zeigt sich, daß die vorgeschobenen Argumente – der Irak bedroht die westliche Welt mit Massenvernichtungswaffen – eine bewußt gewählte Täuschung war. Eine Finte, um einen „plausiblen“ Kriegseintrittsgrund vorzulegen.

Heute ist die vorherrschende Meinung, daß die USA den Irak wegen seiner Ölreserven angegriffen haben. Das Sichern der eigene Wirtschaftsentwicklung stand im Mittelpunkt und die gefürchteten Massenvernichtungswaffen haben niemals existiert.

Wenn man sich in der aktuellen Situation ernsthaft fragt, inwiefern der Weg des Kriegers in dieser Gesellschaft noch möglich ist, muß man weiterhin bedenken, daß sich in unsere Gesellschaft ein steter Verfall der Werte zeigt.

Darf man Philosophen wie Nietzsche trauen, so kann dieser allgegenwärtige Relativismus und Nihilismus nur überwunden werden, wenn das gesamte System zusammenbricht. Es finden sich auch viele geschichtliche Parallelen zum Untergang des römischen Reiches, welches in der Phase der Dekadenz nicht mehr fähig war regenerative Kräfte zu mobilisieren.

Versteht man unter dem Weg des Kriegers nicht nur die Fähigkeit zu kämpfen, sondern sieht darin einen Lebensweg, der eine Persönlichkeit reifen lassen soll, so kann man sagen, daß dieser Weg in unserer heutigen Gesellschaft als Rolle nicht mehr existiert.

Das Reduzieren des Menschen auf reine Funktionen war für die Effektivität und die produktiven Kräfte ein Segen und für die menschliche Entwicklung ein Fluch. Menschen sind intentionale Wesen, die sich nicht auf rein mechanische Tätigkeiten reduzieren lassen, ohne dabei ihr eignes Selbst dabei zu opfern.

Falls der Weg des Kriegers wieder in unsere Gesellschaft zurückgebracht werden kann, so muß dies über ein eigenes Subsystem geschehen, welches fähig ist, eigene Werte zu produzieren. Inwiefern alte Ideale wieder belebt werden können, muß im Einzelfall geprüft werden.

Es muß berücksichtigt werden, daß viele dieser alten Traditionen gesellschaftliche Voraussetzungen hatten, die heutzutage nicht mehr gegeben sind. Allein ihr Untergang zeigt an, daß sie mit der Entwicklung der Gesellschaft nicht mehr Schritt halten konnten.

Daraus würde ich aber nicht folgern, daß diese alten Ideale per se unbrauchbar geworden sind, sondern daß man sich genau ansehen muß, und prüfen, welche dieser Werte sich in einem neuen Kleid wieder reanimieren lassen.

Dies ist meiner Meinung nach nur in einem schöpferischen Prozeß machbar, der einen vollkommen neuen Kriegerweg hervorbringen wird – einen Weg, der bewahrenswerte Ideale der Vergangenheit integriert und auf eine neue weltanschauliche Basis stellt, die auf der Höhe der philosophischen Erkenntnisse steht.

Wer heute einen vergangenen Weg unbesehen zu übernehmen versucht, tauscht den Schein gegen die ehemalige Authentizität der Idee ein. Das Ergebnis ist meist ein Flickwerk aus eitlem Schauspiel, einfacher Schwärmerei und banaler Pseudophilosophie, die oftmals nicht einmal mehr annähernd an die Qualität ihres Originals heranreicht.

Daher braucht es für einen modernen Kriegerweg nicht nur eine ausreichende Kenntnis der Vergangenheit, sondern auch der Fähigkeit die Gegenwart und die Zukunft der Menschheit in einer neuen Vision zu erfassen.

Tony Sperber

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