Bakunin als Philosoph

Michail Alexandrowitsch Bakunin (1814-1876) kam nach Deutschland, um Philosophieprofessor in Moskau zu werden. Er studierte vor allem Fichte und Hegel. „Eine Abkehr von der Philosophie der Theorie und Hinwendung zur Philosophie der Tat unter linkshegelianischem Einfluß erfolgte in Dresden (A. Ruge) und in der Schweiz (G. Herwegh, W. Weitling), v. a. aber nach persönlicher Bekanntschaft mit Proudhon und Marx 1844 in Paris“ (MEL 3/390). Seine Ziele waren „‚Sturm und Leben und eine neue, gesetzlose und darum freie Welt'“ (Brief an Georg Herwegh 1848, zit. n. B 240).

Am 9.12.1849 schrieb Bakunin an seinen Freund Adolf Reichel: „Ich glaube, ich könnte jetzt kein philosophisches Werk öffnen, ohne mich zu übergeben. Was sagst Du dazu, mein lieber Schleiermachianer?'“ (Huch 103) Den größten Zweck des menschlichen Lebens sah er in der Humanität (Brief an Reichel vom 11.5.1850, Huch 104).

Bakunin als Philosoph

Als Revolutionär, der die preußische, österreichische und russische Monarchie zerstören wollte, wurde Bakunin von Deutschland und Österreich zum Tod verurteilt, aber nach Rußland ausgeliefert. Dort gab es keine Todesstrafe. So saß Bakunin zehn Jahre lang ohne Urteil in Einzelhaft und wurde schließlich nach Sibirien verbannt. „1861 floh er über Japan und die USA nach London“ und wurde wieder als Revolutionär aktiv; „zuletzt trieb er philosophische Studien in Locarno“ (MEL 3/391).

„Der Bakunismus, der wenig originelle Gedanken ausbildete und in vielem nur den Proudhonismus weiterführte, wurde zur verbreitetsten Strömung des Anarchismus außerhalb und innerhalb der Arbeiterbewegung“ (MLWPh 1/197). Er ist eine „idealistische Weltanschauung und anarchistisch-atheistisch-sozialrevolutionäre Gesellschaftslehre“ (MLWPh 1/196).

Bakunin „ersetzt […] die marxistische Lehre vom Klassenkampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie und von der für den Sieg der sozialistischen Revolution unumgänglichen Diktatur des Proletariats durch die abstrakte Losung einer Befreiung der menschlichen Individualität von jeglicher ideologischen, politischen und ökonomischen ‚Autorität'“ (MLWPh 1/197).

„BAKUNINS an Max STIRNER gemahnender Individualimus und Subjektivismus geht so weit, daß er auch der Wissenschaft das Recht abspricht, über eine unverbindliche Ratgebung hinaus die Gesellschaft zu leiten, da das theoretische Denken seiner Natur nach nur das allgemeine, nicht aber das Individuelle erfassen könne“ (MLWPh 1/197).

Die Beichte (1851)

Dieser für Kaiser Nikolaus I. abgefaßte Brief ist keine wirkliche Beichte, da er unaufrichtig ist. Bakunin wollte den Kaiser einerseits über den Zustand Rußlands aufklären, andererseits freigelassen werden. „Die überschwenglichen Loyalitätsbeteuerungen sind nur Mittel zum Zweck“ (Kersten 18).

Tatsächlich wollte Bakunin den Kaiser stürzen. Nikolaus I. wußte das und ließ Bakunin nicht frei. Außerdem verriet Bakunin seine Genossen nicht. Seine Mitgefangenen versuchte er zu entlasten. „So erfuhr der Zar nichts, was er nicht schon gewußt hätte“ (Kersten 22). Da Bakunins geheuchelte Demütigung nutzlos war, meint Kersten: „Die ‚Beichte‘ ist die wahre Schuld seines Lebens“ (Kersten 25).

Bakunin bezeichnete seinen Brief an Nikolaus I. später nur als „‚eine Art Beichte, etwa in der Art von Dichtung und Wahrheit'“ (zit. n. Kersten 10, vgl. a. B 140, SA 687). Es gibt „oft keine Möglichkeit […], eine Linie zwischen ihnen zu unterscheiden. Geschehnisse und Erlebnisse, die tatsächlich stattgefunden haben, wechseln mit solchen, die von der Phantasie geboren sind“ (Polonski 39).

Im folgenden gehe ich nur auf das ein, was Bakunin über seine philosophischen Bemühungen schreibt. Auch in diesem Punkt muß man an seiner Ehrlichkeit zweifeln, da er sich gegenüber Nikolaus I. als gläubiger Christ ausgibt, der auf Mt 26,42// anspielt: „ich flehte zu Gott, mir Kraft zu schenken, um den bitteren Kelch, den ich mir selbst bereitet hatte, mit Würde und ohne elende Schwäche zu leeren“ (B 49).

Tatsächlich liebte Bakunin die religiöse Musik, doch von den „‚bestehenden Religionen'“ hielt er nichts. „‚Nichts hasse ich so sehr als die Heuchelei einer aufgewärmten Lüge. Aber Religion brauchen wir alle, in allen Parteien fühlt man den Mangel an derselben; sehr wenige Menschen glauben an das, was sie tun, die meisten handeln entweder nach einem abstrakten System […] oder nach ihren materiellen Interessen'“ (Brief vom 9.12.1849 an Reichel, Huch 103).

Bakunin erzählt Nikolaus I., er sei beim Examen an der Artillerieschule (in Sankt-Petersburg) durchgefallen und habe den Militärdienst quittiert. Dann habe er Deutsch gelernt und sich „mit Feuereifer dem Studium der deutschen Philosophie“ ergeben, von der er „Erleuchtung und Rettung“ erwartet habe (B 53).

1840 sei er nach Deutschland gereist, „um an der Berliner Universität Vorlesungen zu hören.“ Er habe eineinhalb Jahre studiert, aber „allen politischen Fragen fremd gegenüber“ gestanden; „von der Höhe der philosophischen Abstraktion sah ich verächtlich auf die Politik herab […]. Ich beschäftigte mich wissenschaftlich, vor allem mit der deutschen Metaphysik, deren Studium ich mich beinahe bis zur Betäubung ergab; ich dachte Tag und Nacht nur an die Hegelschen Kategorien“ (B 53f).

Bakunins Haß auf Deutschland und die Deutschen berührt merkwürdig. Man studiert doch nicht in einem Land, das man haßt! Wer hält das aus? Ricarda Huch erklärt das so: Bakunin erwartete von den Deutschen, daß sie sich so verhielten, wie man es von jemand erwarten konnte, der Goethe, Schiller, Fichte, Hegel und E. T. A. Hoffmann gelesen hatte.

„Es schien ihm selbstverständlich, daß er den Gehalt dieser deutschen Dichtung im deutschen Leben finden würde; anstatt dessen sah er zahme, vorsichtige Menschen in sauber gepflegter, hübsch verzierter Umgebung, irgendwelchen vorgeschriebenen Beschäftigungen oder einem geordneten, unschädlichen Müßiggang ergeben; vor einer pedantischen, uniformierten, leicht gereizten und knurrenden Regierung sich duckend. Die Gebildeten schwärmten für Goethes Götz und Schillers Räuber, für griechische Freiheit und römische Republiken; aber wenn ihre Ideale ihnen im Leben begegnet wären, so hätten sie sie der Polizei angezeigt oder wären vor ihnen davongelaufen“ (Huch 56).

Kurz: Bakunin erwartete Revolutionäre, fand aber Spießbürger und Philister. Allerdings ging es ihm in Paris auch nicht anders.

In seinem Brief vom 9.12.1849 an Reichel heißt es: „‚meine sichersten Freunde bleiben doch Deutsche; ist es nicht sonderbar, ein Slawe, ein Russe, findet seine letzten Freunde in Deutschland'“ (Huch 103). In dem Brief, mit dem Bakunin August Röckel nach Prag schickte, nannte er ihn „‚einen meiner besten Freunde'“ (B 221).

Jedenfalls behauptet Bakunin in seiner „Beichte“, Deutschland, die deutschen Professoren und die Deutschen überhaupt hätten ihn „von der philosophischen Krankheit“ geheilt, an der er gelitten habe. Er habe sich davon überzeugt, daß die ganze Metaphysik nichtig und eitel sei: „ich suchte Leben in ihr, aber sie ist langweilig, wirkt tödlich, ich suchte Taten, sie aber ist die absolute Untätigkeit“ (B 54).

„Wer das deutsche Leben auch nur flüchtig kennt, kann die deutsche Wissenschaft nicht lieben; die deutsche Philosophie ist ein reines Produkt des deutschen Lebens und nimmt unter den echten Wissenschaften den gleichen Platz ein, wie die Deutschen selbst unter den Völkern. Sie wurde mir endlich widerwärtig, und ich wandte ihr ganz den Rücken. So wurde ich von der deutschen Metaphysik geheilt, aber nicht von dem Drang nach Neuem, vom Verlangen und der Hoffnung, in Westeuropa einen dankbaren Gegenstand für meine Interessen und ein weites Wirkungsfeld zu finden. Der unselige Gedanke, nicht nach Rußland zurückzukehren, zuckte bereits in meinem Gehirn auf: ich gab die Philosophie preis und ergab mich der Politik“ (B 54).

Der politische Hintergrund: „Auch im 19. Jahrhundert setzte Rußland den Weg äußerer Expansion fort. […] Rußland gewann auf Kosten Preußens und Österreichs weite Gebiete Polens durch die Schaffung eines in Personalunion mit Rußland verbundenen Königreichs (Kongreßpolen). […] In Europa spielte Rußland unter Nikolaus I. die Rolle eines ‚Polizisten‘. 1830/31 schlug die russische Armee einen Aufstand der Polen nieder und beseitigte die polnische Autonomie fast völlig. 1849 halfen russische Truppen Österreich, die Revolution in Ungarn zu unterdrücken, und 1850 griff Nikolaus I. offen in die deutsche Frage ein, als er auf Preußen Druck zur Annahme der österreichischen Forderungen nach Aufgabe der preußischen Unionspläne (Olmützer Punktation) ausübte“ (MEL 22/138).

Die Olmützer Punktation ist ein „am 29. November 1850 in Olmütz von Preußen und Österreich geschlossener Vertrag, der einen Schlußstrich unter den Versuch König Friedrich Wilhelms IV. von Preußen und seines Außenministers J. M. von Radowitz zog, die in der Frankfurter Nationalversammlung gescheiterte deutsche Einheit unter preußischer Führung auf antirevolutionärem Wege zu verwirklichen […]. Unter dem Druck Rußlands und angesichts seiner eigenen militärischen Unterlegenheit verzichtete Preußen auf seinen Widerstand gegen die auf österreichisches Betreiben beschlossene, preußische Sicherheitsinteressen berührende Bundesintervention in Kurhessen, erklärte sich zu gemeinsamem Vorgehen mit Österreich in der schleswig-holsteinischen Frage bereit und leitete seine Rückkehr in die Frankfurter Bundesversammlung ein“ (MEL 17/635).

Den Kommunismus lernte Bakunin anhand des Buchs „Der Sozialismus und Kommunismus in Frankreich“ von Lorenz von Stein kennen. Sein Verhältnis zur Religion wurde geprägt durch „Das Leben Jesu“ von David Friedrich Strauß. „Es eröffnete sich mir eine neue Welt, auf die ich mich mit der Gier eines Verdurstenden stürzte. Es schien mir, als hörte ich eine neue Verheißung, die Offenbarung einer neuen Religion der Erhabenheit und Würde, des Glückes und der Befreiung des ganzen Menschengeschlechtes. Ich begann die Werke der französischen Demokraten und Sozialisten zu lesen und verschlang alles, was ich mir in Dresden verschaffen konnte“ (B 55).

„Kaum war ich in Dresden etwas von meiner philosophischen Krankheit geheilt, als in der Schweiz meine politischen Verirrungen begannen. Aber da die politische Erkrankung schwerer, schädlicher und tiefer in der Seele wurzelt als die philosophische, forderte auch ihre Heilung mehr Zeit und bitterere Erfahrungen; sie führte mich in diese wenig beneidenswerte Lage, in der ich mich jetzt befinde, ja, und auch jetzt noch weiß ich selbst nicht, ob ich gesundet bin“ (B 57).

Hier notierte Nikolaus I. am Rand „NB.“, also notabene = merke wohl! Das bedeutet: Bakunin war immer noch Anarchist, er bereute nicht, seine Beichte war unecht und verlogen, also mußte er im Gefängnis bleiben.

Bakunin behauptet, er habe die kommunistische Theorie bekämpft und sich nur für die „Tatsachen“ interessiert, nämlich das „Leben der Arbeiter überhaupt“. Er selbst sei „nie Kommunist gewesen“ und habe mit den Kommunisten keine „weitere Verbindung“ gehabt, gemeint ist: Er habe ihnen nur zugehört. Er habe „mit den Kommunisten“ keine „gemeinsame Sache“ gemacht (B 59).

Er habe sie zwar kennengelernt, ihre Werke gelesen, ihre Theorien studiert, aber „niemals einer Sekte oder einer Gesellschaft“ angehört. Bei „ihren Unternehmungen, ihrer Propaganda und Aktionen“ sei er „absolut unbeteiligt“ gewesen (B 60); „im übrigen gehört sehr wenig dazu, das Alberne, Widerspruchsvolle und Unmögliche in jeder bisher bekannten sozialen Theorie nachzuweisen, denn keine von ihnen könnte auch nur drei Tage praktisch bestehen“ (B 62).

Bakunin wollte unabhängig bleiben und kein Werkzeug kommunistischer Propaganda werden. „In Gedanken und in der Theorie war ich ein überzeugter, ja fanatischer Demokrat, aber im Leben war ich unerfahren, naiv und unschuldig, fast noch ein Kind“ (B 65).

Am 17.4.1848 schrieb Bakunin an Pawel W. Annenkow: „Übrigens ist die Republik in Deutschland unvermeidlich: die alte Gewalt fällt überall in Trümmer, sie ist überall der Initiative beraubt; eine revolutionslose Anarchie, das ist Deutschlands Zustand und nur eine Republik kann den vernichteten und beschimpften Deutschen Bund ersetzen und Deutschland die Einheit geben, dies Ideal jedes Deutschen“ (SA 664).

In Paris lernte Bakunin 1844 Marx kennen. Über ihn schrieb er am 28.12.1847 an Annenkow: „er verdirbt die Arbeiter, indem er Raisonneurs aus ihnen macht, derselbe theoretische Wahnsinn und die unbefriedigte mit sich selbst unzufriedene Selbstzufriedenheit“ (SA 662). Bakunin schlug sich mit „Übersetzungen aus dem Deutschen“ durch, „oder studierte Geschichte, Statistik, politische Ökonomie, sozialökonomische Systeme, theoretische Politik, aber auch Mathematik und Naturwissenschaften“ (B 71).

Bakunin hielt die Russen für „besser, gütiger, großherziger“ als die Menschen im Westen (B 116), doch die politischen Zustände in Rußland hielt er für schlechter, da es in Rußland keine Meinungs- und Pressefreiheit gab. „In Rußland ist der Hauptantrieb die Furcht, die Furcht aber tötet jegliches Leben, jeglichen Geist, jede edle Seelenregung. Für einen Menschen, der die Wahrheit liebt, ist es hart und schwer, in Rußland zu leben; nicht anders ergeht es dem, der seinen Nächsten liebt, der in allen Menschen die Würde und die Unabhängigkeit der unsterblichen Seele liebt, mit einem Worte, dem Menschen, der nicht nur unter den Verfolgungen leidet, deren Opfer er ist, sondern auch unter denen, die seinen Nachbarn betreffen“ (B 117).

Außerdem prangerte Bakunin die Korruption in Rußland an, die dort schlimmer als in anderen Staaten sei. „Im Westen gelingt es dem öffentlichen Dieb selten, sich zu verbergen, weil auf jeden tausend Augen blicken, weil jeder des Diebstahls und des Unrechtes überführt werden kann, und dann ist auch kein Ministerium mehr imstande, den Dieb zu schützen. In Rußland kennen hin und wieder alle den Dieb, den Bedrücker, das Individuum, das für Geld Unrecht tut; alle wissen es, aber alle schweigen, weil sie Angst haben; und auch die Obrigkeit selbst schweigt, weil sie um ihre eigenen Sünden weiß, und alle ständig nur fürchten: der Minister möchte es erfahren, denn der ZAR […] ist so weit, wie der Himmel hoch ist!“ (B 118)

Für Beamte sei es in Rußland „schwer und fast unmöglich“, die Korruption zu vermeiden, da alle korrupt seien und einen ehrlichen Beamten hassen würden; „zuerst wird er als Sonderling verschrien, als ungeschliffener und unzugänglicher Mensch, und wenn er sich nicht bessert, dann vielleicht sogar als Liberaler, als gefährlicher Freidenker, und nun beruhigt man sich nicht eher, bevor er nicht zertreten, bevor er nicht vom Antlitz der Erde vertilgt ist“ (B 118).

Als Heilmittel gegen die Korruption betrachtete Bakunin „Adel des Herzens, selbständiges Denken, die stolze Furchtlosigkeit eines reinen Gewissens, die Achtung vor der eigenen und fremden Menschenwürde und schließlich die öffentliche Verachtung für alle Unehrlichen, für alle Entmenschten, die öffentliche Schande, das öffentliche Gewissen!“ (B 119)

„Aber diese Eigenschaften, diese Kräfte blühen nur dort, wo die Seele freien Spielraum hat, wo nicht Sklaventum und Furcht überwiegen. In Rußland aber hat man Scheu vor diesen Tugenden, nicht weil man sie nicht lieben wollte, sondern weil man fürchtet, mit ihnen möchten auch freie Gedanken eingeschleppt werden …“ (B 119f).

Bakunin war gegen den russischen Expansionismus und fragte sich: „‚Welchen Nutzen hat Rußland von seinen Eroberungen? Und wenn es sich die halbe Welt unterwürfe, würde es glücklicher, freier und reicher werden? Würde es auch nur stärker sein? Und würde das mächtige russische Zarenreich […] nicht schließlich zerfallen, wenn es seine Grenzen noch weiter ausdehnt? Wo ist das letzte Ziel dieser Erweiterungen? Was bringt es den unterjochten Völkern an Stelle der geraubten Unabhängigkeit?'“ (B 123)

Ehrenwerte Ziele wie „‚Freiheit, Aufklärung, Volkswohlfahrt'“ schließt er aus (B 123f). Seine folgenden rhetorischen Fragen stelle ich gleich als Aussagen dar: Die ganze Welt muß nicht russisch sein. Es ist fraglich, ob sich Westeuropa „‚jemals der russischen Sprache und Seele, dem russischen Herzen öffnen'“ kann. Es ist unklar, ob auch nur alle Slawen Russen werden können (B 124).

Fazit: Die eroberten Völker werden nur ausgerottet und verdummt. Man kann einwenden, daß man ein Volk, das es nicht mehr gibt, nicht mehr verdummen kann, doch mit der Logik nimmt es Bakunin nicht so genau. Ein Beispiel ist der folgende Trugschluß: „Die Revolution ist notwendig und folglich möglich“ (B 169). Doch vielleicht meint Bakunin ja mit „Ausrottung“ nur den Verlust der nationalen Identität.

Bakunins revolutionärer Drang ist nicht vom Verstand, sondern affektiv bestimmt: Er unterliegt „ganz dem Dämon der Zerstörung“, ist starrsinnig, leidenschaftlich, arbeitet fieberhaft und unermüdlich (B 169f).

Das sieht man auch an seinen Vorstellungen von der Verfassung nach einer erfolgreichen Revolution: Eigentlich wollte er eine Republik, aber ein Parlament lehnte er ab. Stattdessen träumte er von einer vorübergehenden Diktatur, die die Menschen befreien, selbständig machen und reifen lassen sollte. „Was nach dieser Diktatur kommen würde, wußte ich nicht, ja, ich war der Ansicht, daß es überhaupt niemand voraussagen könnte“ (B 129). Wie man frei werden sollte, wenn in Prag nach der Revolution „alle Klubs, Zeitschriften und sonstigen Äußerungen einer geschwätzigen Anarchie abgeschafft worden“ wären (B 157), bleibt Bakunins Geheimnis.

Ricarda Huch spricht Bakunin den „Trieb zu Macht und Herrschaft“ ab (Huch 129), nachdem sie ihn als geborenen Diktator bezeichnet hat (Huch 27). Tatsächlich schrieb Bakunin inbezug auf Rußland, er hätte nicht an sich selbst „für diesen hohen Posten gedacht“ (B 129). Inbezug auf Polen schrieb er, er habe viel geredet, Ratschläge gegeben und Befehle ausgeteilt. Er habe „eigentlich allein die ganze ‚Provisorische Regierung'“ gebildet (B 204).

Nur eines stand für ihn fest: Er liebte die Freiheit und haßte jede Form der Unterdrückung, „mehr noch, wenn sie andere als mich selbst betraf – mein eigenes Glück in fremdem Glücke zu suchen, meine eigene Würde in der aller mich Umgebenden, frei zu sein in der Freiheit anderer – das war mein ganzer Glaube, das Bestreben meines ganzen Lebens“ (B 131).

Bakunins Gesinnungsethik ist pure Heuchelei: Er behauptet zu wissen, „daß nicht so sehr die Tat als die Absicht den Verbrecher ausmacht“ (B 134). Doch wenn man seine späteren Schriften liest, sieht man, daß er seine Gedankenverbrechen munter weiter beging. Er wollte in Böhmen „eine radikale Revolution“ mit der Umwälzung aller Verhältnisse. Ihm schwebte vor, „den Adel und die feindlich gesinnte Geistlichkeit zu verjagen, sämtliche herrschaftlichen Güter ohne jede Ausnahme zu konfiszieren und unter die besitzlosen Bauern zu verteilen […]. Ich wollte alle Schlösser vernichten, sämtliche Verwaltungs-, Gerichts- und Staatsakten sowie die herrschaftlichen Papiere und Dokumente verbrennen und alle Hypotheken samt den übrigen eine gewisse Summe, etwa 1000 bis 2000 Gulden, nicht übersteigenden Schulden für getilgt erklären“ (B 155f).

Den folgenden Satz von Bakunin kommentierte Nikolaus I. mit „Es war Zeit!“ Er lautet: „Die Deutschen waren mir mit einem Male widerwärtig geworden, so widerwärtig, daß ich mit keinem Deutschen mehr ruhig sprechen, ja daß ich die deutsche Sprache und die deutsche Stimme nicht mehr hören konnte“ (B 139).

Diese Aussage widerspricht seiner früheren Behauptung, daß er die Deutschen hasse, die wiederum seinen Aussagen in den Briefen widerspricht. Nikolaus I. mußte merken, daß Bakunin log, und er reagierte entsprechend.

Später vollzog Bakunin dann wieder eine Kehrtwende, als er schrieb, die Anarchie und Meinungsfreiheit seien typisch für die Deutschen. Das kommentierte Nikolaus I. so: „Eine treffende Wahrheit!“ (B 182) Bakunin führte das noch näher aus: „man kann jeden Deutschen ohne weiteres für jede Angelegenheit gewinnen, solange er sich selbständig glaubt und nicht argwöhnt, man wolle ihn irgendeinem Zwang unterwerfen“ (B 187f).

Man sieht: Die Beichte ist ein einziger Salat von Lügen und Widersprüchen, also revolutionäre Propaganda. Um die Polen anzustacheln, verschwieg Bakunin ihnen z.B. alle Mißerfolge und übertrieb die revolutionären Erfolge in Prag.

Er rechtfertigt sich folgendermaßen dafür: „kurz, ich hielt sie von den wirklichen Umständen und Vorbereitungen etwas fern und glaubte mich berechtigt, so zu handeln, da ich deutlich sah, daß die Zentralisation [gemeint: Zentrale], die mir durch sie keine Unterstützung, weder Geldmittel noch Offiziere, noch den versprochenen ungarischen Agenten geschickt hatte, mir auch diese beiden nur gesandt hatte, nicht etwa, um sich mir wirklich anzuschließen, sondern um möglichst die böhmische Bewegung in die Hand zu bekommen und sie für ihre eigenen, mir unbekannten, ausschließlich polnischen Zwecke auszunutzen“ (B 181).

Spione konnte Bakunin nicht ausstehen. Er hielt sie für Schufte. Der Hintergrund: Er wurde selbst für einen Spion gehalten.

Bittschrift an Alexander II. (1857)

„Wenn ich ein neues Leben beginnen könnte, würde ich es anders führen“, heißt es gegen Ende dieser Bittschrift (B 217). Das war gelogen: Nach seiner Flucht hätte Bakunin ein neues Leben beginnen können, tat es aber nicht. Er machte gerade so weiter wie vor seiner Verhaftung.

Briefe (1860-1866)

Bakunin bekennt sich zu Freiheit, Logik und Gerechtigkeit. Darin sieht er den Lebenssinn. Wie in seiner „Art Beichte“ zitiert er das Neue Testament (Joh 1,11), behauptet aber, sein religiöses Gefühl wäre im Gefängnis vernichtet worden, wenn er noch eines gehabt hätte. Er habe nur „ganz und voll das heilige Gefühl des Aufruhrs […] bewahren“ wollen (SA 688) und wünsche eine Revolution in Rußland. Die russischen Bauern aufzuwiegeln empfinde er als Erfüllung einer heiligen Pflicht. Das sei seine tatsächliche Beichte. Er bekennt also offen, daß er im Gefängnis gelogen hat.

Seine Aussage bei den Verhören durch die Deutschen und Österreicher zitiert Bakunin: „‚Meine Prinzipien kennen Sie, ich habe sie nicht verhehlt und sie laut geäußert; ich wünschte die Einheit des demokratisierten Deutschlands, die Befreiung der Slaven, die Zerstörung aller künstlich zusammengefügten Reiche, vor allem die Zerstörung des österreichischen Kaiserreiches. Ich bin mit der Waffe in der Hand ergriffen worden, Sie haben genug Beweismaterial, um mich zu richten. Und ich werde auf keine Frage weiter antworten'“ (SA 687).

Von der Freimaurerei hält er nichts: „Sie mag wohl als Maske oder als Paß nützlich sein, etwa Ernstes aber in der Freimaurerei suchen, ist wohl ebenso schlimm oder möglicherweise noch schlimmer, als im Weine Trost suchen“ (SA 700f). Stattdessen gründete er seine eigene geheime Gesellschaft, die er als international und revolutionär-sozialistisch bezeichnete. Sich selbst nannte er „Sozialist“ (SA 712).

Seine Aussagen über die Wahrheit sind widersprüchlich: „Hört denn Wahrheit und Recht auf, Wahrheit und Recht zu sein, weil sich ein ganzes Volk dagegen erklärt? […] Die Wahrheit ist keine Abstraktion und kein Produkt persönlicher Willkür, sondern nur der logischste Ausdruck jener Prinzipien, die in der Masse leben und wirken“ (SA 714).

Prinzipien und Organisation einer internationalen revolutionär-sozialistischen Geheimgesellschaft (1866)

Das Ziel von Bakunins Gesellschaft ist der „Sieg des Prinzips der Revolution auf der Erde“, die Auflösung der bestehenden Strukturen und „die Neubildung zunächst der europäischen, dann der universellen Gesellschaft auf den Grundlagen der Freiheit, der Vernunft, der Gerechtigkeit und der Arbeit„. Er bekennt sich zum Atheismus und ersetzt „den Gotteskult durch die Achtung und Liebe der Menschheit“ (SA 3).

Der Sozialismus (1867)

Bakunin will ein Reich der Gerechtigkeit auf der Erde gründen, in dem es keine Ausbeutung mehr gibt. Das Erbrecht und den Staat will er abschaffen.

Föderalismus, Sozialismus und Antitheologie (1867)

Bakunin legte diese Schrift dem „Zentralkomitee der Liga für Frieden und Freiheit“ vor, um es „mit seinem Programm in ein Instrument der Revolution umzuwandeln“ (Bernhard Küppers, in: KNLL 2/82).

Frieden und Freiheit seien nur möglich, wenn der Staat abgeschafft und eine freie Föderation von Individuen, Gemeinden, Provinzen, Nationen und Vereinigten Staaten von Europa bzw. der ganzen Erde geschaffen werde.

„Bakunins Philosophie ist ein widersprüchliches, eklektisches Gebilde, das die Dialektik HEGELS und den Materialismus FEUERBACHS, den Positivismus, den anarchistischen Sozialismus PROUDHONS und den Individualismus STIRNERS in sich vereinigt“ (Küppers, in: KNLL 2/83).

Programm und Reglement der Geheimorganisation der Internationalen Bruderschaft und der internationalen Allianz der sozialistischen Demokratie (1868)

Bakunin verneint den freien Willen und alles, was nach Autorität oder Regierung aussieht. Stattdessen ruft er „die Anarchie an, diese Manifestation des Lebens und der Aspiration des Volkes, aus der die Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, die neue Ordnung und die Kraft der Revolution selbst hervorgehen sollen“ (SA 73).

Bakunins Umgang mit Begriffen

Susanne Hillmann tut sich schwer damit, Bakunin ein Etikett anzuhängen: „Er läßt sich schwer klassifizieren als Philosoph, Schriftsteller oder Politiker und ist weder zu definieren als Theoretiker noch als Praktiker“ (Hillmann 231).

Ricarda Huch zeigt auf, in welchem Begriffsdschungel sich Bakunin bewegte: „Er liebte die Räuber als die unversöhnlichen Feinde des Staates und der ganzen vom Staat errichteten Ordnung. Natürlich meinte er nicht Einbrecher und Großstadtdiebe, sondern Banden, die frei in der Wildnis leben nach Art der Kosaken, bevor sie von der Regierung gefesselt werden. […] Er nennt das Räuberwesen eine der ehrenhaftesten Formen des russischen Volkslebens, einen verzweifelten Protest des Volkes gegen die niederträchtige Ordnung des Staates“ (Huch 135).

Den Begriff „Anarchie“ gebrauchte Bakunin sowohl abschätzig im Sinne von Willkür als auch rein negativ als Herrschaftslosigkeit. „Daneben definiert er die Anarchie gelegentlich als ‚freie Initiative freier Individuen in freien Gruppen‘ oder ‚allseitige Entwicklung aller auf Grund der frei organisierten Arbeit‘; ferner: das Erwachen des spontanen Lebens aller lokalen Leidenschaften, auf allen Punkten, und: die vollständige Offenbarung des entfesselten Volkslebens, aus welcher Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, eine neue Ordnung hervorgehen wird“ (Huch 136).

Die Gleichheit im mechanischen Sinn lehnte Bakunin ab. Er erkannte durchaus, daß die Menschen individuell verschieden sind: „‚Die Einförmigkeit ist der Tod. Die Mannigfaltigkeit ist das Leben.'“ Andererseits fand er, daß es ohne „eine gewisse Gleichheit […] überhaupt kein Volk“ gibt. „Die Gleichmacherei […] ist eine Folge der Zentralisation“ (Huch 138). Stattdessen befürwortete er das, was wir heutzutage Chancengleichheit nennen: Er sprach von „Ebenbürtigkeit“ oder der „Gleichheit des Ausgangspunktes“ (Huch 139).

Bakunin forderte zwar die Vermögensgleichheit, verstand sich aber nicht als Kommunist, sondern als Kollektivist. Unter Kollektivismus verstand er „eine Bildung von Gruppen […], die Grund und Boden und Arbeitsmittel gemeinsam besitzen und alle ihre Angelegenheiten selbst verwalten. Was er wollte, war Gemeinsamkeit auf Grund gemeinsamer Interessen und gemeinsamen Besitzes und zugleich Wahrung persönlicher Freiheit und persönlicher Initiative“ (Huch 139).

Den Atheismus Bakunins stellt Ricarda Huch als ziemlich schillernd dar, wobei sie sich selbst widerspricht: „Was auf Freiwilligkeit beruht, kann nur bestehen durch Glauben an eine übermenschliche sittliche Macht, also durch Religion“, schreibt sie einerseits (Huch 139). Andererseits habe Bakunin „die menschliche Solidarität“ als den „Mittelpunkt seines Glaubens“ betrachtet (Huch 142), sich zu Feuerbach bekannt und den Deismus sowie die Entwicklung des Protestantismus nach Luther bekämpft.

„Die Nächstenliebe in der deistischen Zivilisation bedeutete im besten Falle eine Art Wohlfahrtspflege, während es Bakunin auf gemeinsames Leben auf Grund gemeinsamer Interessen und gemeinsamen Besitzes ankam“ (Huch 142).

Kurz: Ricarda Huch betrachtet den Solidaritätsgedanken von Bakunin als Ersatzreligion. „Die Forderung, daß der Mensch den Teufel im Leibe haben müsse, war ein wesentlicher Punkt in Michels Weltanschauung. […] Er liebte die Revolte, die er im Satan personifizierte“ (Huch 144).

Bakunins Antisemitismus

Susanne Hillmann faßt sich kurz: „Er haßte die Deutschen und die Juden und griff diese oft in maßloser Weise an“ (Hillmann 233).

Ricarda Huch ist ausführlicher: „Wen nun aber Bakunin durchaus nicht leiden mochte, das waren die Juden, und Marx war ein Jude“ (Huch 154). Bakunins Einstellung faßt sie so zusammen: „Die Geldwirtschaft ist mit dem modernen Industriestaat unzertrennlich verbunden und ebenso unzertrennlich von jeher mit dem Judentum; die Juden eigneten sich für das Geldwesen wie jedes dekadente Volk, das, weil es nicht mehr aus eigener Kraft wächst und gedeiht, das Bedürfnis fühlt, sich künstlicher Stützen zu bedienen. Wie die Wissenschaft ist auch das Geldwesen eine Abstraktion von der Natur und der lebendigen Persönlichkeit“ (Huch 154f).

Das ist nicht alles. Bakunin wurde geradezu gehässig: Er schilderte die Juden „als unruhig, nervös, neugierig, indiskret, geschwätzig, intrigant, ausbeutend, Agenten des Handels, der Belletristik, der Politik und Journalistik, Literatur- und Finanzkommis.

‚Nun gut‘, so sagt er, ‚diese ganze jüdische Welt, die eine einzige ausbeuterische Sekte bildet, eine Art Blutsaugervolk, einen zehrenden Kollektivparasiten, […] diese Welt ist jetzt, wenigstens zum größten Teil, zur Verfügung von Marx auf der einen, der Rothschild auf der anderen Seite“ (Huch 155).

Die Anziehung zwischen dem Sozialisten Marx und dem Bankier Rothschild erklärte Bakunin damit, daß der Sozialismus von Marx autoritativ sei und die „‚Zentralisation des Staates'“ verlange, „‚und wo Zentralisation des Staates ist, muß es notwendigerweise eine zentrale Staatsbank geben'“ (Huch 155).

Doch auch Bakunins Haltung zur Zentralisation war widersprüchlich: Einerseits meinte er, man müsse dem Volk helfen und von ihm lernen, andererseits sah er ein, daß es auch belehrt werden mußte. „Er wußte auch, daß ohne Führer eine Vielheit von Menschen nicht handeln kann; es mußte also Führer […] geben […]; ihre Macht sollte nur nicht offiziell sein, sie sollten Vertrauensmänner, Vertreter des Gesamtwillens sein […]. Innerhalb der geheimen Gesellschaft sollte es Führerschaft und strengste Disziplin geben, die er doch im allgemeinen bekämpfte; allerdings unterstanden ihr nur solche, die sie durch ein freiwilliges Gelübde, um eines Ideals willen, auf sich genommen hatten“ (Huch 145).

Im Gegensatz zu seinem Haß auf Juden und Deutsche liebte Bakunin die Russen und Italiener: „Er fand, daß die Russen sich mit keinem westeuropäischen Volke so gut verstehen könnten wie mit den Italienern, weil in beiden Ländern die Zustände noch verhältnismäßig fließend wären und weil sowohl Russen wie Italiener nicht gerne arbeiteten. Geschäft und Gewinn komme ihnen nicht in erster Linie, sie arbeiteten nur, soweit es zum Leben nötig sei“ (Huch 132).

Die Aufstellung der Revolutionsfrage (1869)

Bakunin betrachtete Staat und Volk als unversöhnliche Gegensätze: „Einer der Gegner muß zugrunde gehen: entweder der Staat mit all seinem flitterhaft gebildeten Lumpengesindel oder das Volk“ (SA 95). Er selbst stellte sich auf die Seite des Volks und wollte es aufwiegeln, um die staatliche Ordnung zu zerstören.

Die Prinzipien der Revolution (1869)

Die Revolution definierte Bakunin als „eine radikale Umwälzung, eine Ersetzung aller Formen des zeitgenössischen europäischen Lebens ohne Ausnahme durch neue, ihnen gänzlich entgegengesetzte“ (SA 100). Daß sein Zerstörungswille als Terrorismus verstanden werden würde, war ihm egal.

An die Genossen der internationalen Arbeiter-Assoziation von Locle und La Chaux-de-Fonds (1869)

Bakunin wettert gegen die Freimaurer, den Katholizismus, den Staat, den Patriotismus und Gott. Stattdessen vertritt er seine Evolutionstheorie, die darin besteht, daß der Mensch sich vom Tier zum Menschen entwickeln muß.

Beiträge zur Genfer Zeitung „Égalité“ (1869)

Der Schlüssel zum Weg in ein gerechtes und menschliches Paradies ist für Bakunin die Assoziation der Arbeiter. Er träumt von einem friedlichen Umsturz ohne Gewalt. Den Nationalismus will er zugunsten eines reinen Menschentums abschaffen. Jede Form der Herrschaft ist für Bakunin „die Verneinung des Sozialismus“ (SA 149). Unter Glauben versteht er, etwas „mit Leidenschaft“ zu wollen (SA 177).

Bakunin kritisiert die Schulen, in denen die Schüler mit Lügen vergiftet würden, und die Universitäten, in denen die Studenten indoktriniert würden, sich selbst zu respektieren und das Volk zu verachten. Er bevorzugt die demokratischen und liberalen Naturwissenschaften vor den autoritären und aristokratischen Geisteswissenschaften. Die Wissenschaft müsse der Arbeit dienen und dürfe sie nicht beherrschen wollen. Auch Genies müßten wie alle anderen „von ihrer Hand- und Kollektivarbeit leben“ (SA 185).

Die Abschaffung des Erbrechts würde zur Abschaffung von Familie und Staat führen, meinte Bakunin.

Das knutogermanische Kaiserreich und die soziale Revolution (1871)

Bakunin mißtraute allen, „die immer das Wort Disziplin im Munde führen.“ In Frankreich sei das Wort meist ein Synonym für Despotismus und Automatismus (SA 220). Bakunin schwebte eine Gemeinschaft ohne Macht vor: „jeder gehorcht nur, weil der Führer ihm nur das befiehlt, was er selbst will“ (SA 221).

Frage: Wozu braucht man dann einen Führer? Die Deutschen würden „viel mehr dem Gehorsam als dem Widerstand, mehr frommem Vertrauen als der Empörung“ zuneigen, meinte Bakunin (SA 278). Sie würden lieber langsam reformieren als einen Umsturz herbeiführen.

Historische Sophismen der doktrinären Schule der deutschen Kommunisten (1871)


„Während die Idealisten alle geschichtlichen Vorgänge […] von der Entwicklung der Ideen herleiten, wollen die deutschen Kommunisten im Gegenteil in der ganzen Menschheitsgeschichte […] nur Reflexe oder notwendige Gegenschläge der Entwicklung der wirtschaftlichen Vorgänge sehen. Während die Idealisten behaupten, daß die Ideen herrschen und die Tatsachen hervorbringen, sagen dagegen die Kommunisten, […] daß die Tatsachen der Ursprung der Ideen sind, die stets nur der ideale Ausdruck geschehener Tatsachen sind“ (SA 296f).

Die Commune von Paris und der Staatsbegriff (1871)

Bakunin behauptet, er habe stets „sozusagen nur aus Notwehr“ geschrieben „und nur, wenn eine leidenschaftliche Überzeugung mich dazu zwang, meinen instinktiven Widerwillen gegen jede öffentliche Ausstellung meines eigenen Ichs zu besiegen.“ Er sei „weder ein Gelehrter, noch ein Philosoph, noch selbst Schriftsteller von Beruf“, aber „ein leidenschaftlicher Wahrheitssucher“ und „ein leidenschaftlicher Liebhaber der Freiheit […], die keine anderen Beschränkungen kennt, als die uns von den Gesetzen unserer eigenen Natur vorgeschriebenen“ (SA 299).

Drei Vorträge vor den Arbeitern des Tals von St.-Imier im Schweizer Jura (1871)

Bakunin grenzt Privat- und Staatsmoral voneinander ab: „In der privaten Moral gibt es, soweit sie nicht von den religiösen Dogmen vergewaltigt ist, eine ewige Grundlage, die mehr oder weniger in jeder menschlichen Gesellschaft erkannt, verstanden, angenommen und verwirklicht ist. Diese Grundlage ist nichts anderes als die Achtung vor dem Menschen, die Achtung der Menschenwürde, des Rechts und der Freiheit aller menschlichen Einzelwesen“ (SA 319f).

Die Staatsmoral sei diesen Werten entgegengesetzt. Sie strebe nach Macht und Expansion. „Deshalb machen die Staatsmänner, Diplomaten, Minister, alle Staatsfunktionäre stets Gebrauch von Verbrechen, Lügen und infamem Verrat, um dem Staat zu dienen. Sobald eine Schändlichkeit im Dienst des Staats verübt wird, wird sie eine verdienstliche Handlung. Das ist die Staatsmoral. Sie ist die wahre Negation der menschlichen Moral und der Menschheit“ (SA 320).

Den Individualismus betrachtet Bakunin als Konkurrenzkampf von Egoisten.

Die neuere Geschichte gliedert er in drei Revolutionen: gegen die Kirche (Luther), gegen den Adel (Französische Revolution) und gegen die Bürger (1848).

Protest der Allianz (1871)

Bakunin unterscheidet zwei Arten von Korruption: Man läßt sich durch Geld bestechen – oder handelt aus „Eitelkeit und Ehrgeiz“ (SA 350).

Staat, Beherrschung und Ausbeutung sind für ihn dasselbe, und die Politik sei eine notwendige Äußerung davon. Deshalb müsse man Staat und Politik abschaffen.

Die Wissenschaft definiert Bakunin als „die allgemeine Erfahrung vorgeführt, verglichen, systematisiert und entsprechend erläutert“ (SA 373).

In dem Punkt, „daß sich kein Volk von Westeuropa mehr von einem neuen religiösen oder den Messias spielenden Scharlatan oder einem politischen Schurken hinreißen lassen wird“ (SA 384), hat sich Bakunin leider getäuscht.

Persönliche Beziehungen zu Marx (1871)

Den Konflikt mit Marx hielt Bakunin für unvermeidlich. Marx, Engels und andere seien von der Macht korrumpiert worden. Marx sei doktrinär, eitel, verlogen, voller Haß, niederträchtig und intrigant. Außerdem sei er „Pangermanist bis ins Mark der Knochen“ (SA 399).

„Wir waren ziemlich befreundet. […] Aber es bestand nie eine offene Intimität zwischen uns. Unsere Temperamente vertrugen sich nicht. Er nannte mich einen sentimentalen Idealisten, und er hatte recht; ich nannte ihn einen perfiden und tückischen eitlen Menschen, und ich hatte auch recht“ (SA 403).

Gott und der Staat (1871)

In dieser fragmentarischen Schrift stellt Bakunin die Tatsachen über die Ideen. Er betrachtet die Menschen als Affen, die denken und sich empören können. Dementsprechend ist seine Einstellung zur Religion.

Den Schöpfungsmythos und die Erzählung vom Sündenfall in der Bibel (Gen 2,4B-3,24) interpretiert er so: Jahwe hat die Menschen aus Langeweile geschaffen oder, um sie zu versklaven. Da kommt „Satan, der ewige Rebell, der erste Freidenker und Weltenbefreier“. Jahwe ist wütend und verflucht die Menschen (GS 57).

Später bereut er das und schickt Jesus, damit die Menschen ihn umbringen. „Dies nennt sich das Mysterium der Erlösung, die Grundlage aller christlichen Religionen“ (GS 57). Doch die Rettung der Menschheit hat nicht geklappt. Das sehe man daran, daß es in Jesu Paradies nur wenige Auserwählte geben werde (vgl. Mt 22,14).

Bakunin betrachtet Jesus als „Prediger der armen Leute […], Freund und Tröster der Elenden, der Unwissenden, der Sklaven und der Frauen […]. Er verprach allen unterdrückten, allen hienieden Leidenden […] das ewige Leben“ (GS 119).

Er unterscheidet „drei Grundprinzipien“ der Entwicklung der Menschheit: Animalität (Wirtschaft), Gedanke (Wissenschaft) und Empörung (Freiheit).

Ähnlich wie Marx will Bakunin die Welt wieder vom Kopf auf die Füße stellen. So macht er aus Voltaires Satz „Wenn es keinen Gott gäbe, müßte man einen erfinden“ (GS 64) eine Art Revolutionsprogramm: „wenn Gott wirklich existierte, müßte man ihn beseitigen“ (GS 73). Begründung: Unter Gott gebe es keine Freiheit.

Daraus konstruiert Bakunin wiederum eine Art negativen Gottesbeweis: „Wenn Gott existiert, ist der Mensch ein Sklave; der Mensch kann und soll aber frei sein: folglich existiert Gott nicht“ (GS 71).

Die Wissenschaft betrachtet Bakunin als „absolute Autorität“. Ihre Aufgabe sei „die geistige Wiedergabe […] der […] Naturgesetze“ (GS 79). Außerhalb dieses Wissenschaftsverständnisses gebe es nur Verlogenheit, Willkür und Despotismus.

Bakunins Kritik des idealistischen Weltbilds und der christlichen Theologie ist schwierig zu lesen, da er ständig eigene und beanstandete Anschauungen vermischt. Beispiele als Denkanstöße:

  • Zum Verhältnis zwischen Mensch und Gott: „Wenn sich Gott ganz in jedem Menschen unterbringen könnte, dann wäre jeder Mensch Gott.“ Das ist zumindest inbezug auf das Physische richtig, doch wie steht es mit dem unbegrenzten Geist? Für Materialisten wie Bakunin ist der Geist allerdings „nur das Funktionieren des ganz materiellen Organismus des Menschen“ (GS 94).
  • Wen darf man zu den göttlich inspirierten Menschen rechnen? Bakunin zählt folgende auf: Zarathustra, Buddha, Moses, Konfuzius, Lykurg, Solon, Sokrates, Platon, Jesus, dessen Apostel, Konstantin den Großen, Mohammed, Karl den Großen, Papst Gregor VII., Dante, Luther, Voltaire, Rousseau, Robespierre, Danton und den heiligen Nikolaus. Doch er räumt ein, daß nicht alle von allen anerkannt werden. Seine Kritik geht dahin, daß durch die Anerkennung der göttlich Inspirierten das Autoritätsprinzip „fest aufgestellt“ wird „und mit ihm die beiden grundlegenden Institutionen der Knechtschaft: die Kirche und der Staat“ (GS 97).

Seine Wissenschaftskritik richtet sich gegen zweierlei:

  • das bloße Abstrahieren anstelle des Erfassens der lebendigen Wirklichkeit – demgegenüber sei die Kunst „in gewissem Grade die Rückkehr von der Abstraktion zum Leben“ (GS 102);
  • die Kompetenzausweitung der Wissenschaft – sie habe nur die Aufgabe, „das Leben zu erleuchten, nicht, es zu leiten“ (GS 99) oder gar etwas zu schaffen. Das könne nur das „der Fülle seiner spontanen Aktion wiedergegebene Leben“ (GS 107). Den letzten Punkt kann man in der Gegenwart als Kritik an der Technisierung interpretieren.

„Die wahre Geschichtswissenschaft zum Beispiel existiert noch nicht“, behauptet Bakunin, und macht das daran fest, daß sie außerstande sei, das Individuelle zu erfassen: „Individuen sind unfaßbar für den Gedanken, die Reflexion, selbst für das menschliche Wort, das nur Abstraktionen auszudrücken fähig ist“ (GS 106).

Die Sozialwissenschaft betrachtet Bakunin als „Wissenschaft der Zukunft“ (GS 106). Er weist ihr die Aufgabe zu, „die allgemeinen Ursachen der individuellen Leiden“ anzuzeigen, vor allem die „nur zu häufige Opferung und Unterordnung von lebenden Individuen zugunsten abstrakter Allgemeinheiten“. Außerdem soll die Sozialwissenschaft uns „die allgemeinen Bedingungen der wirklichen Emanzipation der lebenden Individuen in der Gesellschaft zeigen“ (GS 107).

Bakunins Ausführungen über Gott und die Götter als menschliche Erfindungen lassen sich nur unter der Annahme eines kollektiven Wahnsinns aufrechterhalten, der sich über Jahrtausende erstreckte. Das ist sehr viel unwahrscheinlicher, als daß den antiken Aussagen über die Götter reale Erfahrungen zugrunde liegen.

Bakunins Defizit an spirituellen Erfahrungen zeigt sich auch bei seinen Aussagen über Seele und Geist. Er konstatiert dogmatisch: „Andererseits ist es sicher, daß kein Mensch den reinen, von jeder materiellen Form losgelösten, getrennt von einem tierischen Körper existierenden Geist je sah oder sehen konnte“ (GS 111).

Dem widersprechen zahlreiche außerkörperliche Erfahrungen, die über Jahrtausende zurückreichen. Es gilt hier dasselbe, was ich über Gott und die Götter schrieb: Bakunins Ausführungen über Seele und Geist als menschliche Erfindungen lassen sich nur unter der Annahme eines kollektiven Wahnsinns aufrechterhalten, der sich über Jahrtausende erstreckte. Das ist sehr viel unwahrscheinlicher, als daß den antiken Aussagen über Seele und Geist reale Erfahrungen zugrunde liegen.

Selbst wenn man annimmt, daß Außerirdische, Dämonen, Teufel, Engel oder sonstige Wesenheiten den Menschen Erfahrungen von Gott, Göttern, Seele und Geist übermittelt und dabei gelogen haben, wäre immer noch zu erklären, wie die menschliche Konstitution beschaffen sein müßte, damit das Verlassen des Körpers als real empfunden wird. Daß ein Traum irreal ist, weiß man, weil man danach aufwacht. Aber welches Kriterium könnte es bei einer außerkörperlichen Erfahrung geben? Ich weiß keines.

Bakunins Ausführungen über den Staat sind einseitig. Es ist keine Ausbeutung, wenn Straßen gebaut und Verbrecher gejagt werden oder zum Schutz eines Landes ein Heer unterhalten wird. Sein Satz „Die Freiheit, die Sittlichkeit und Würde des Menschen besteht gerade darin, daß er das Gute tut, nicht weil es ihm befohlen wird, sondern weil er es begreift, weil er es will und liebt“ klingt gut, ist aber bestenfalls ein Endzeitideal, d.h. in den Worten Bakunins, wenn aus den Menschentieren echte Menschen geworden sind.

Brief an die Internationalisten der Romagna (1872)

Bakunin schreibt in diesem umfangreichen Brief an Ludovico Nabruzzi und die anderen Internationalisten der Romagna vom 23.1.1872 (SA 756-787), daß „die ganze Philosophie des Sozialismus“ in der folgenden Aussage enthalten sei: Die „ökonomische Unterwerfung des Arbeiters unter den Besitznehmer der Rohstoffe und der Arbeitswerkzeuge“ ist „die Quelle der Knechtschaft in all ihren Formen […]: des sozialen Elends, der geistigen Herabwürdigung, der politischen Unterwerfung“ (SA 760).

Seine Trennung von Marx und dessen Freunden begründet Bakunin so: Marx wolle „den Wiederaufbau der Gesellschaft und die Konstituierung der Einheit der Menschheit […] von oben nach unten, durch irgendwelche Autorität und durch sozialistische Beamte, Ingenieure und andere offizielle Gelehrte“. Bakunin will diesen Wiederaufbau dagegen „von unten nach oben, durch die freie Föderation der von dem Joch des Staates befreiten Arbeiterassoziationen aller Art“ (SA 770f).

Seine Schüler hätten Marx, „der schon an und für sich zur Selbstanbetung neigte“, zu einer „Art doktrinären Papst gemacht“. Das habe dazu geführt, „daß er jeden zu verabscheuen beginnt, der den Hals vor ihm nicht beugen will“ (SA 771). Marx sei autoritär geworden und habe die Internationale zu einem „Werkzeug des bürgerlichen Radikalismus gemacht“ (SA 775).

Brief an die spanischen Brüder der Allianz (1872)

Eine „offizielle, obligatorische Theorie der Internationale“ lehnt Bakunin in diesem Brief ab, denn er meint, sie könne „in Wirklichkeit nie etwas anderes darstellen als den von dem Denken einiger auf das Denken Aller ausgeübten Despotismus“ (SA 799), der in der Praxis zur Verketzerung und Ausbeutung führe.

Bakunin bekennt sich zu Proudhon, dessen anarchisches System er „erweitert, entwickelt und von all seinem metaphysischen, idealistischen, doktrinären Ansatz befreit“ habe, indem er „klipp und klar die Materie in der Wissenschaft und die soziale Ökonomie in der Geschichte als Grundlage aller weiteren Entwicklungen“ annahm (SA 806).

Brief an die Redaktion der Brüsseler „Liberté“ (1872)

In diesem umfangreichen Brief vom 5.10.1872 (SA 808-841) betrachtet Bakunin „die internationale Solidarität der Arbeiter aller Berufe und aller Länder in ihrem ökonomischen Kampf gegen die Ausbeuter der Arbeit“ als das einzige wirklich verbindliche Gesetz „für alle Mitglieder der Internationale, Einzelpersonen, Sektionen und Föderationen“ (SA 809).

Er beklagt sich über die Diffamierung durch Marx und seine Anhänger und kommentiert: „Was sie gegen mich tun, ist nicht nur odios und ekelhaft, es ist dumm. Wie kommt es, daß diese Herren nicht begriffen haben, daß sie, indem sie mich mit dieser unglaublichen Erbitterung angreifen, vielmehr für meinen Ruhm getan haben, als ich selbst habe tun können; denn alle empörenden Geschichten, die sie mit solchem leidenschaftlichen Haß gegen mich überall verbreiten, werden natürlich unter dem Gewicht ihrer eigenen Absurdität zusammenbrechen, mein Name aber wird bleiben“ (SA 826).

Die Deutschen seien weder aus Gewohnheit noch von Natur her höflich, meint Bakunin. Sie seien „dünkelhaft“ und „in sich selbst vernarrt, was sie keineswegs liebenswürdiger macht“. Die Deutschen würden die Slawen hassen. Dieser Haß sei „der Haß des Unterdrückers gegen den Unterdrückten, dessen schreckliche Empörung er fürchtet.“ Doch diesen Haß würden die Deutschen hinter geheuchelter Verachtung verstecken (SA 830).

Selbst wenn Bakunin etwas Gutes über die Deutschen sagen will, schafft er das nicht ohne Einschränkung: sie seien „arbeitsam, sparsam, vernünftig, fleißig lernend, überlegend, gelehrt, gleichzeitig sehr raisonnierend und hierarchische Disziplin liebend und mit bedeutender Ausdehnungskraft begabt; die Deutschen, die an ihrer eigenen Heimat wenig hängen, suchen überall ihre Existenz zu finden und […] nehmen […] leicht, wenn auch nicht immer glücklich, Sitten und Gebräuche der fremden Länder an, die sie bewohnen“ (S. 835).

Dann nimmt er wieder Fahrt auf: „Aber neben so vielen unbestreitbaren Vorteilen fehlt ihnen einer, die Liebe der Freiheit, der Geist der Empörung. Sie sind das resignierteste und gehorsamste Volk der Erde. Damit zusammen besitzen sie einen anderen großen Fehler, den Geist des Zusammenraffens, der systematischen und langsamen Aufsaugung und Beherrschung, was aus ihnen […] die der Freiheit der Welt gefährlichste Nation machte“ (SA 835).

Bleibt nur die Frage offen, warum der Anarchist Bakunin die Liebe zur hierarchischen Disziplin als unbestreitbaren Vorteil betrachtet. Denkt er, daß das einem revolutionären Führer die Arbeit erleichtert? Jedenfalls bekennt er sich weiter unten zur Freiheit und Solidarität.

Staatlichkeit und Anarchie (1873)

Bei dieser politischen Programmschrift handelt es sich um Bakunins letzte Veröffentlichung zu Lebzeiten. Sie ist seine einzige Schrift auf Russisch und mehr noch als andere seiner Schriften „ein Konspekt unterschiedlichster philosophisch-gesellschaftstheoretischer Denkmodelle (HEGEL, FEUERBACH, STIRNER, PROUDHON u. a.)“ (Peter Heumos, in: KNLL 2/83).

Interessant an dieser umfangreichsten Schrift Bakunins (SA 411-658) sind seine Ansichten über Angriffskriege: „Völker nehmen selten lebhaften Anteil an Kriegen, die von ihren Regierungen außerhalb der Landesgrenzen geführt werden. Solche Kriege pflegen meistens ausschließlich politischer Natur zu sein, wenn nicht ein religiöses oder revolutionäres Interesse hinzukommt“ (SA 493).

Hat Bakunin hier die Raubzüge vergessen?

Im besonderen meint er, „daß in Rußland kein von unserer Regierung geführter Angriffskrieg zu einem nationalen Krieg wird. Erstens, weil unserem Volk nicht nur jedes Staatsinteresse fremd, sondern sogar instinktiv zuwider ist. Der Staat – das ist ein Gefängnis. Welche Notwendigkeit bestünde für ein Volk, sein Gefängnis zu befestigen? Zweitens gibt es zwischen der Regierung und dem Volk keinerlei Verbindung […]; es gibt weder die Fähigkeit noch die Möglichkeit zum gegenseitigen Verständnis“ (SA 494).

Auch Bakunins Kommentar zum Hambacher Fest (1832) ist bemerkenswert. Ca. 20000-30000 Teilnehmer legten hier „unter den Farben Schwarz-Rot-Gold ein Bekenntnis für Deutschlands Einheit und Freiheit“ ab. „Ihre Forderungen nach einer föderativen deutschen Republik und Allianz der demokratischen Kräfte Deutschlands, Polens, Frankreichs, Ungarns, Italiens, Spaniens und Griechenlands als Gegenkraft zur ‚Heiligen Allianz‘ machten das Hambacher Fest zum Höhepunkt der konstitutionellen Einheits- und Oppositionsbewegung nach 1830“ (MEL 11/358).

Bakunin schreibt über die Folgen:

  • Die Kleinbauern „gaben sich mit Worten nicht zufrieden […] und zerstörten Schlösser, Zollämter und Behörden; alle Papiere übergaben sie dem Feuer und weigerten sich, Steuern zu zahlen; sie forderten Land für sich, und auf diesem völlige Freiheit“ (SA 554).
  • 70 Studenten überfielen die „Hauptwache, die das Gebäude des Deutschen Bundes in Frankfurt bewachte.“ Die Regierung wurde „einige Tage vor diesem wahnsinnigen Versuch gewarnt“, hielt es aber „nicht für notwendig, ihm zuvorzukommen, sondern ließ ihn im Gegenteil geschehen, um danach einen guten Vorwand zu haben, die revolutionäre und die revolutionären Bestrebungen in Deutschland endgültig zu vernichten“ (SA 555).

Über die Folgen von Hegels Philosophie weiß Bakunin zu sagen, daß sie „das Leben ihrer Anhänger […] in eine ununterbrochene Kette von somnambulen Vorstellungen und Erkenntnissen“ verwandelte, „sie überall für das Leben untauglich“ machte und dazu verdammte, „in der wirklichen Welt völlig dem zuwiderzuhandeln, was sie im poetischen oder metaphysischen Ideal vergötterten.

So erklärt sich der erstaunliche Umstand, der uns in Deutschland immer wieder verblüfft hat, daß sich nämlich die glühenden Verehrer Lessings, Schillers, Goethes, Kants, Fichtes und Hegels noch heute so häufig zu ergebenen und sogar freiwilligen Vollstreckern von Maßnahmen machen lassen, die alles andere als human und liberal sind, die ihnen aber von der Regierung vorgeschrieben werden“ (SA 557f).

Metaphysik und Leben seien „durch einen Abgrund getrennt. Um diesen Abgrund zu überwinden, muß man einen Salto mortale vollführen, oder das, was Hegel selbst einen qualitativen Sprung aus der Welt der Logik in die Welt der Natur, der lebendigen Wirklichkeit nennt, und das ist bisher noch niemandem gelungen und wird wohl auch niemals gelingen. Wer mit Abstraktionen operiert, der wird in ihnen zugrunde gehen“ (SA 560).

Bakunin empfiehlt stattdessen die Induktion, d.h. den „Weg vom realen Faktum zum Gedanken, der dieses Faktum umfaßt, ausdrückt und damit auch erklärt; in der Welt der Praxis geht dieser Weg vom Leben der Gesellschaft aus, mit dem Ziel, eben dieses Leben möglichst vernünftig zu regeln, seinen Anweisungen, Bedingungen und Bedürfnissen und seinen mehr oder weniger leidenschaftlichen Forderungen entsprechend“ (SA 560).

Mit Metaphysikern meint Bakunin nicht nur Hegeljünger, sondern auch Positivisten und überhaupt jeden, der im Leben „nur die praktische Erscheinung seines Denkens und seiner natürlich immer unvollkommenen Wissenschaft sieht.“ Metaphysiker und Positivisten, die „sich für berufen halten, dem Leben Regeln vorzuschreiben“, sind für ihn „bewußt oder unbewußt Reaktionäre“ (SA 561).

Bakunin hält Gelehrte insofern für lasterhaft, als sie ihr Wissen und ihren Verstand überbewerten und Unwissende verachten. Wenn man sie regieren lasse, würden sie zu Tyrannen, wenn man sie frei lasse, würden sie nicht nur wie bisher Tierversuche, sondern auch Menschenversuche machen.

Jeder, der Macht besitze, werde zum Unterdrücker und Ausbeuter. Nur die Soziologie mache es möglich, die Gesellschaft umzuwälzen, umzustrukturieren und zu regieren. Macht zersetze alle, nicht nur die Mächtigen, sondern auch diejenigen, die ihr gehorchen müssen.

Die Deutschen seien die geborenen Herrscher und Sklaven. Das deutsche Volk habe „so lange nach dem gerade erst über ihn gekommenen einheitsstaatlichen Segen, dem Segen des Einheits-Knüppels gedurstet, daß man glauben sollte, es wird ihn noch lange, sehr lange genießen. Jedes Volk hat seinen Geschmack, und bei den Deutschen ist der Geschmack am starken Staatsknüppel vorherrschend“ (SA 630).

Das Wichtigste im Anhang A: „Niemals, unter keinerlei Vorwand, noch für irgendwelche Zwecke darf man das Volk betrügen. Das wäre nicht nur verbrecherisch, sondern im Hinblick auf die Erfolge der revolutionären Sache schädlich; schädlich schon allein deshalb, weil jeder Betrug seinem Wesen nach kurzsichtig, kleinlich, eng und immer allzu durchsichtig ist und auf jeden Fall aufgedeckt und enthüllt wird […]. Der Mensch ist nur dann stark, wenn er ganz wahrhaftig und in Übereinstimmung mit seiner innersten Überzeugung spricht und handelt. Dann wird er in jeder Situation immer wissen, was er zu sagen und zu tun hat. Vielleicht wird er fallen, doch kann er weder sich noch seiner Sache Schande bringen. Wenn wir die Befreiung des Volks mit Lügen erreichen wollen, dann werden wir sicherlich in die Irre gehen, vom Weg abkommen und selbst das Ziel aus den Augen verlieren, und wenn wir gar noch irgendeinen Einfluß auf das Volk haben sollten, so werden wir auch das Volk vom rechten Weg abbringen, d. h. im Sinne und Interesse der Reaktion handeln“ (SA 647).

Was Bakunin hier schreibt, gilt nicht nur für Revolutionäre, sondern auch ganz allgemein. Die Fortsetzung gilt allerdings nur für ihn und seine Anhänger, nämlich, daß sie sich zum Atheismus bekennen müßten, falls zur Religion Fragen auftauchen. „Doch sollten wir selbst keine solchen Gespräche provozieren“ (SA 647).

Briefe 1874/75

Bakunin distanzierte sich von „jesuitischer Spitzbüberei“ (SA 848) und interessierte sich besonders für das Böse: „Seit ich einmal erkennen mußte, daß das Böse gesiegt hat, und daß ich es nicht verhindern kann, machte ich mich daran, dessen Evolutionen und Entwicklungen mit quasiwissenschaftlicher, ganz und gar objektiver Leidenschaft zu studieren“ (SA 852).

Er wollte noch drei Werke verfassen: Memoiren, eine Art weltanschauliche Bekenntnisschrift und eine Ethik. Doch es kam nicht mehr dazu.

Würdigung und Kritik

Vieles von dem, was Bakunin wollte, ist heutzutage umgesetzt oder doch zumindest anerkannt: die Selbstlosigkeit, die Gleichheit vor dem Gesetz, insbesondere die Wertschätzung der Frauen, das Subsidiaritätsprinzip, die freiheitliche Demokratie, die Ächtung des Angriffskriegs, der Wille zum Frieden, „die föderative Organisation von Europa“ (SA 724) u.a. Bakunin meinte, Europa werde „in dauerndem Kriegszustande bleiben, bis an die Stelle politischer Machtstaaten wirtschaftliche Bünde getreten wären“ (Huch 170).

Bakunins Religionskritik krankt daran, daß er nur religiöse Systeme kritisiert, aber religiöse Erfahrungen außer acht läßt. Seine Wissenschaftskritik wird leider nur ansatzweise von Außenseitern beherzigt (ohne daß sie Bakunin gelesen haben müssen). Der Trend zur Ausbeutung und zum Menschenversuch unter dem Deckmäntelchen der Gesundheitsvorsorge wird immer stärker.

Bakunins Methoden zur Erreichung seiner Ziele blühen in Form von Terrorismus, false flag-Attentaten und Propaganda (zur Beförderung von Massenmigration, Klimaschutz, Genderismus, Impfpolitik). Daß sie verfeinert und perfektioniert wurden, macht sie nicht weniger verwerflich.

Ricarda Huch hält „den jesuitischen Grundsatz, daß der Zweck die Mittel heilige“, „für richtig mit der Einschränkung, daß der Schaden, welcher durch das Mittel angerichtet wird, nicht schwerer wiegen darf als das Gute, das Zweck ist.“ Diese Einstellung entspricht in etwa der Nutzen-Risiko-Kalkulation im Gesundheitswesen. Ricarda Huch schreibt Bakunin „das untrügliche Gefühl“ zu, „was man tun kann, ohne die eigene Seele zu zerstören“ (Huch 173).

Vor seinem Tod las Bakunin wieder Philosophen (Stuart Mills Autobiographie, Herwegh, Schopenhauer) und die „Kulturgeschichte der Menschheit“ von Georg Friedrich Kolb (1808-1884). Zu Reichel sagte er, „die Philosophie gehe von einem falschen Grundgedanken aus, indem sie den Menschen als selbständiges Einzelwesen und nicht als Teil einer Gruppe auffasse; diese falsche Auffassung sei es, die zum Pessimismus führe“ (Huch 218).

Das stimmt beides nicht. Der Grundgedanke der Philosophie ist richtig, da Erkenntnis stets eine individuelle Angelegenheit ist: ich als Einzelwesen muß etwas wahrnehmen und darüber nachdenken, andernfalls wird nie Philosophie daraus.

Der Pessimismus als Konsequenz dieses Grundgedankens ist nicht notwendig. In einer Gruppe kann man genauso depressiv und pessimistisch werden wie alleine. Das hat mit anderen Faktoren zu tun als der Existenz als Einzel- bzw. Gruppenwesen. Denn wer alleine ist, kann von der geistigen Welt getragen oder von bösen Wesenheiten verfolgt werden; wer in einer Gruppe ist, kann sich mit ihr verbunden fühlen oder gemobbt bis getötet werden.

© Gunthard Rudolf Heller, 2024

Literaturverzeichnis

BAKUNIN, Michail: Gott und der Staat und andere Schriften, hg. v. Susanne Hillmann, Reinbek bei Hamburg 1970 (GS)

– Staatlichkeit und Anarchie und andere Schriften, herausgegeben und eingeleitet von Horst Stuke, Frankfurt am Main/Berlin/Wien 1972 (SA)

BAKUNINS BEICHTE, hg. v. Kurt Kersten, Frankfurt am Main 1973 (B)

DIE BIBEL – Die heilige Schrift des Alten und Neuen Bundes, Freiburg/Basel/Wien 201976

HUCH, Ricarda: Michael Bakunin und die Anarchie, Frankfurt am Main 1988

HILLMANN, Susanne: Zum Verständnis der Texte, in: Gott und der Staat und andere Schriften, Reinbek bei Hamburg 1970, S. 231-234

KERSTEN, Kurt: Einleitung zu Michael Bakunins Beichte aus der Peter-Pauls-Festung an Zar Nikolaus I. – Gefunden im Geheimschrank des Chefs der III. Abteilung der Kanzlei der früheren Zaren zu Leningrad. Mit Autorisation des Herausgebers der russischen Originalausgabe W. Polonski in deutscher Sprache veröffentlicht von Kurt Kersten. Vorwort von W. Polonski, in: Bakunins Beichte, Frankfurt am Main 1973, S. 9-27

KINDLERS NEUES LITERATUR-LEXIKON, 21 Bände, hg. v. Walter Jens, München 1996 (KNLL)

KLAUS, Georg/BUHR, Manfred (Hg.): Marxistisch-Leninistisches Wörterbuch der Philosophie, 3 Bände, Reinbek bei Hamburg 1980 (MLWPh)

MEYERS ENZYKLOPÄDISCHES LEXIKON, 25 Bände, Mannheim/Wien/Zürich 91980/81 (MEL)

POLONSKI, Wiatscheslaw: Michael Bakunin und seine „Beichte“, in: Bakunins Beichte, Frankfurt am Main 1973, S. 28-45

Gunthard Heller

Teilen

Einen Kommentar schreiben

Die Angabe des Namens ist optional.
Mit der Nutzung dieses Formulars erklären Sie sich mit der Speicherung, Verarbeitung und Veröffentlichung der angegebenen Daten durch diese Website einverstanden. Mehr Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.