Outdoor Ratgeber: Kauf und Ausrüstung eines Geländewagens

Teaser: Der Begriff "Geländewagen" wird heute ziemlich inflationär benutzt. Die meisten High-Tech-Modelle versagen jedoch in hartem Gelände kläglich. In diesem Outdoor-Ratgeber erfahren Sie von einem erfahrenen Geländewagen-Experten, was so ein Fahrzeug können muß. Sie bekommen viele Hinweise und Tipps, auf was Sie beim Kauf und bei der Ausrüstung eines echten Geländewagens achten sollten.

Jeep CommanderZuerst sollten wir die Frage klären: Für was brauchen Sie einen Geländewagen? Für das Vorfahren vor der Discothek? Als Familienkutsche? Für den wöchentlichen Einkauf? Oder benötigen Sie ein Fahrzeug, mit dem Sie einen etwas schwereren Anhänger ziehen können, der nicht in jedem Feldweg stecken bleibt?

In all diesen Fällen können Sie getrost auf das zurückgreifen, was Ihnen unter modischen Bezeichnungen wie "Off Road", etc. als Geländewagen auf dem Markt angeboten wird. Denn Sie brauchen keinen "wirklichen Geländewagen" und die weitere Lektüre dieses Ratgebers erübrigt sich für Sie!

In diesem Artikel gehe ich von Fahrzeugen aus, die den wirklich Anforderungen des harten Outdoor-Betriebs - fernab von jeglicher Zivilisation - gerecht werden müssen. Wenn Sie ein derartiges Fahrzeug benötigen, werden Sie im weiteren viele hilfreiche Anregungen finden.

Spielzeug oder Geländewagen?

Wenn man untersucht, was auf dem Markt als "Geländewagen" angeboten wird, so kommt man zu dem Ergebnis, daß 98% aller so betitelten Fahrzeuge diese Bezeichnung nicht verdienen. Vielen Fahrzeugherstellern geht es lediglich darum, einen "Lifestyle" zu verkaufen oder sie suchen Kunden, die lediglich ein etwas größeres und zugkräftigeres Fahrzeug benötigen, das nicht an jedem Bordstein hängen bleibt.

So zählen beispielsweise auch die Söhne wohlhabender Eltern, die abends vor der Disco etwas Eindruck schinden möchten, zu diesem Kundenkreis. Daher soll so ein Fahrzeug natürlich "cool" aussehen, wie man es aus Hollywood-Filmen kennt. Somit wird von der Industrie und ihren Marketing-Strategen darauf Wert gelegt, daß in einem dieser so genannter "Geländewagen" alles eingebaut wird, was als modern, komfortabel und fortschrittlich gilt. Modern soll er aussehen und natürlich auch wie ein Geländewagen wirken - zumindest für den unbedarften Kunden.

Die meisten High-Tech-Spielzeuge würden im harten Gelädeeinsatz kläglich versagen. Warum?

Der Geländewagen ist ein Arbeitsgerät!

Wer mit der Materie vertraut ist, dem ist klar, daß Chrom und Plüsch nichts an einem Geländewagen zu suchen haben. Geländewagen sind Arbeitsgeräte, die Mensch und Ladung sicher von A nach B befördern sollen - jenseits befestigter Wege und häufig abseits jeder Zivilisation und Infrastruktur.

Auch unter ungünstigsten Umständen und katastrophalen Bedingungen müssen solche Fahrzeuge funktionieren. Selbst bei Unfällen, Defekten oder Verschleißproblemen muß ein Geländewagen mit dem Bordwerkzeug wieder fahrtauglich gemacht werden können. Bedenken Sie - im Notfall müssen Sie das Fahrzeug auch ohne fremde Hilfe wieder in Gang bekommen! In der Wildnis gibt es keine Service-Werkstatt!

Stabilität ist das A und O

Ein Geländewagen muß über einen separaten und äußerst robusten Rahmen verfügen. Bei einer selbsttragenden Karosserie besteht die Gefahr, daß beim harten Geländeeinsatz wichtige Teile, wie Achsen usw. einfach aus dem Blech gerissen werden. Die Fahrgastzelle sollte auch bei einem mehrfachen Überschlag einen ausreichenden Schutz für die Insassen gewährleisten. Die Türen sollten auch nach dem Herabkollern eines längeren Steilhangs nicht klemmen oder es müssen zumindest Notausstiege vorhanden sein.

BodenfreiheitBodenmatten sind für den Fahrerraum ungeeignet, da sich darunter Keimzellen für Durchrostungen bilden. Riffelblech oder ein Holz-Rost aus Abachi ist angebrachter. Man muß davon ausgehen, daß der Fahrer häufig schlammige Stiefel hat. Entsprechend groß und rutschsicher sollten auch die Pedale ausgelegt sein.

Die Armaturen müssen minimalistisch, groß, gut beleuchtet und mit kratzfestem Glas versehen sein. Die Schalter sollten wasserdicht, unzerbrechlich und auch mit steifgefrorenen oder verölten Fingern, gut zu bedienen sein. Bei den Sitzbezügen ist auf extrem strapazierfähiges und leicht zu reinigendes Material zu achten.

Sämtliche wichtigen elektrischen Leitungen müssen doppelt und auf zwei verschiedenen Seiten des Fahrzeuges verlegt sein. Ebenso verhält es sich bei den Hydraulikleitungen. Hier muß ein Ventil sofort die Leitungsstrecke verschließen, bei der ein Druckverlust auftritt. Es ist unabdingbar, daß der Innenraum möglichst vielseitig verwendet werden kann. Denn auch ein krankes Kamelfohlen, ein blutendes Wildschwein, einige Fässer Kerosin, einige Kisten mit Maschinenteilen, einige Zentner Briketts oder eine kleinere (z.B. unter Fischvergiftung leidende) Schulklasse will transportiert sein. Empfehlenswert ist es im Innenraum über eine Kartenleselampe und stabile Zurr-Ösen verfügen zu können.

Die Karosserie

Das ein Geländewagen ein Arbeitsgerät ist, habe ich schon erwähnt. Daher will ich an dieser Stelle kurz auf einige wichtige Kriterien bezüglich der Karosserie eingehen. Achten Sie auf ...:

  • Völlige Begehbarkeit (auch mit schlammigen oder sandigen Stiefeln)
  • Stabilität (zumindest ein armdicker Ast muß zur Seite gedrückt werden können, ohne daß nennenswerte Schäden dabei entstehen)
  • Zähes Material (deformierte Bereiche müssen, ohne Reißen des Materials, mit Hammer, Brechstange oder Winde wieder gerichtet werden können)
  • Verschraubte Einzelteile (alle Teile müssen, um die Instandsetzung zu erleichtern, leicht entfernt oder ausgetauscht werden können)

Im harten Gelände sind Zierleisten und Plastik-Blenden völlig fehl am Platz.

Der Rahmen

Der Rahmen ist das "Rückgrad" eines robusten Fahrzeugs. Er soll stabil, jedoch nicht unbedingt steif sein. Bauartbedingt kann es angebracht erscheinen, daß er an einigen Stellen eine beabsichtigte Verwindungsfähigkeit aufweist, um die Achsschränkung zu erhöhen. In manchen Fällen bringen Rahmen aus Federstahl Vorteile. Zudem sind Überrollbügel oder -käfige, die direkt mit dem Rahmen verschraubt sind, anzuraten!

Die Federung

Logischerweise ist die Federung für einen Geländewagen enorm wichtig. Dem Federweg kommt eine besondere Bedeutung zu, der möglichst großzügig ausgelegt sein sollte. Komponenten äußerst robust und reparaturfreundlich auszulegen, ist eine Selbstverständlichkeit. Auch wenn bei Sportwagen und PKWs eine Einzelradaufhängung üblich ist, ist sie bei einem Geländewagen nicht unbedingt ideal. Viele erfahrene Geländefahrer schwören auf Starrachse mit Blattfedern. Hier gilt es zu beachten, daß einfach alles Vor- und Nachteile hat.

Die Argumente von Anhänger einer Starrachse haben durchaus Hand und Fuß. Häufig ist jedoch die verhältnismäßig geringe Bodenfreiheit in der Mitte - bedingt durch das Differential - von Nachteil. Eine Portalachse wäre eine mögliche Lösung.

Vor- und Nachteile von verschiedenen Feder- bzw. Achsentypen:

  • Spiralfedern mit hydraulischen oder pneumatischen Stoßdämpfern: Großer Federweg und gute "Schränkung". Bei pneumatischen Stoßdämpfern besteht zudem eine gute Möglichkeit, die Härte auf die Geländebedingungen anzupassen. Sie sind jedoch meist zu filigran und zu anfällig.
  • Blattfedern und Starrachse: Robust und unproblematisch. Sie weisen jedoch einen verhältnismäßig geringen Federweg und geringe Bodenfreiheit auf.

Der Radstand

Es ist darauf zu achten, daß der Radstand und die Überhänge möglichst gering sind. Wird ein längeres Fahrzeug benötigt, greifen Sie besser auf einen Dreiachser oder Vierachser zurück.

Die Watfähigkeit

Hindernisse wie Gräben, Bäche und tiefe Pfützen wollen bei einer Fahrt im Gelände gemeistert werden. Eine Watfähigkeit von mindestens 130 cm ist dringend anzuraten.

Beachten Sie Kriterien wie ...:

  • Möglichst hoch angebrachter Luftfilter bzw. Lufteinlaß!
  • Wasserdicht gekapselte Elektrik! (Besonders bei Fahrzeugen mit Benzinmotor unverzichtbar)
  • Kein Turbolader! (Dieser würde beim Eintauchen ins Wasser platzen)

LadaDer Luftfilter

Da im Gelände häufig mit großem Staubaufkommen zu rechnen ist, setzen Sie am besten einen Ölbad-Luftfilter ein. Er ist nicht nur besser geeignet größere Mengen an Sand und Staub auszufiltern, sondern braucht auch nicht gewechselt bzw. nur zuweilen gereinigt werden.

In der Wildnis sind Ersatzfilter rar. Experten empfehlen zusätzlich einen "Zyklon"-, Wirbel-Luftfilter als Vorfilter zu installieren.

Der Ölfilter

Auch hier gilt: Ersatz ist im Busch oder in der Wüste nicht so einfach zu bekommen. Geben Sie Ölfiltern, die man leicht selbst reinigen kann, den Vorzug.

Der Treibstoffilter

Ein Treibstoffilter sollte leistungsstark sein, da in vielen Gegenden dieser Erde, Diesel oder Benzin nur ungenügend gereinigt sind. Selbst im zivilisierten und wohlgeordneten Europa kann in Krisenzeiten die Qualität des Treibstoffs zu wünschen übrig lassen.

Die Bereifung

Die Bereifung ist den Geländebedingungen anzupassen. Den Reifen, der einfach alle Bedingungen mit Bravour meistert, gibt es nicht. Unter Umständen ist es erforderlich verschiedene Radsätze mitzuführen.

Nehmen wir zum Beispiel den Sandreifen. Er ist in Sand und Steppe hervorragend zu gebrauchen. In Schlamm oder Schnee setzt er sich jedoch unweigerlich zu. Hier wäre ein Profil mit sehr groben Stollen, die einen großen Abstand zueinander haben, angebracht. Auch wenn es altbacken klingen mag: Diagonal-Reifen sind im Gelände jederzeit Radial-Reifen vorzuziehen. Spätestens nach einer Durchquerung des Atlas-Gebirges weiß jeder, wie schnell Radial-Reifen von scharfkantigen Steinen und Felsen seitlich aufgeschlitzt werden.

Bei den Felgen sollte man mit Stahlfelgen vorlieb nehmen, gleichgültig, was ein diensteifriger Verkäufer einem aufschwatzen will. Alufelgen verbiegen und Gußfelgen zerbrechen im Gelände! Der Durchmesser sollte möglichst groß sein. Sehr breite Reifen haben nur bei lockerem Sand oder bei bestimmten Sorten von Moor- bzw. Sumpf-Boden einen Sinn. In solchen Fällen sollte eher einer Niederdruck-Bereifung der Vorzug gegeben werden.

Die Getriebe

Die Differential-Getriebe sollten sperrbar sein. Wenn bei Kurvenfahrt auf normalen Straßen das Differentialgetriebe auch ein Segen ist, im Gelände ist es häufig fehl am Platz. Das Rad mit dem geringsten Widerstand wird angetrieben, was auf rutschigem Boden - oder wenn ein Rad in der Luft hängt - ein erheblicher Nachteil , also nicht sehr effizient ist! Das (oder die) Verteilergetriebe sollte natürlich, wie alle anderen Getriebe auch, möglichst robust und einfach sein.

27.02.2013 © seit 06.2008 Arto F.J. Lutz

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