Regeln der Diskussionsleitung: Wer fragt, der führt!

18.11.2005
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Wacki Bauer
www.philognosie.net
  

Egal, ob Sie Diskussionen leiten oder Gespräche moderieren wollen, Sie benötigen für eine professionelle Gesprächsführung einige grundlegende Kenntnisse und Werkzeuge. In diesem Artikel will ich Ihnen den Aspekt des "Fragens" näherbringen und erläutern, wie ein guter Diskussionsleiter eine Diskussion durch konkrete Fragestellungen führen kann. Damit Sie die Schlüsselrolle von Fragen in einem Gespräch besser verstehen können, werden wir uns zunächst mit der Funktion von Fragen in einem Gespräch befassen - ihre Natur und Wirkungsweise näher beleuchten.

DsikussionsfehlerFragen regen - im Gegensatz zu fertigen Antworten - die Teilnehmer zum Denken an. Diesen Grundsatz hatte schon Sokrates entdeckt, in dem er durch seine Fragen die Gesprächspartner anleitete über ihr Weltbild oder ihr Wissen zu reflektieren. Das berühmteste Beispiel ist wohl, wie er einem ungebildeten Sklaven des "Satz des Pythagoras" formulieren ließ. Sprich - er leitete dessen Gedanken durch Fragen so gezielt, daß der Sklave selbst durch sein Denken diesen Lehrsatz hervorbringen konnte.

An diesem Beispiel zeigt sich, daß die Fragemethode auch für Lehrer geeignet ist, die Schüler einen bestimmten Inhalt oder Zusammenhang näherzubringen. Der Vorteil - gegenüber dem Nennen einer Antwort - ist, daß die Beteiligten eines solchen Gesprächs selbst über das Thema nachdenken, was den Haftwert (Erinnerung) des Ergebnisses enorm steigert. Beim Nachdenken über eine Frage erzeugt der Teilnehmer nämlich bereits Verknüpfungen - persönliche Assoziationen etc. - zu dem Thema und erinnert daher auch besser den Kontext, in dem die Frage relevant war.

Sie müssen dabei bedenken, daß wir in einer "Gesellschaft des Vergessens" aufwachsen, d.h. wir werden tagtäglich über die Medien mit Informationen zugeschüttet und wählen ständig aus, was unwichtig oder vergessenswürdig ist. Kein Mensch könnte die auf ihn einprasselnden Informationen in vollem Umfang verarbeiten - je mehr Informationen uns - gewollt oder ungewollt - überfluten, desto mehr müssen wir uns angewöhnen zu vergessen - auszusortieren.

Dabei werden wir mit Antworten, Statements, Meinungen, Fakten überschüttet, über die wir gar nicht mehr nachdenken müssen, da wir sie schon vorgefertigt vorgesetzt bekommen. Fragen hingegen lassen "Leerstellen" in unserem Denken erscheinen, die wir nur selbst - durch aktives Nachdenken - füllen können. Diese Funktion erfüllen Antworten nicht - man braucht darüber nicht nachzudenken - sie mit eigenen Assoziationen zu verknüpfen - man kann sich lediglich entschließen, sich die Antwort zu merken oder zu vergessen.

Somit sind Fragen das Hauptelement jeder Moderation - durch Fragen werden die Gedanken der Teilnehmer gesteuert. Die Kunst zu fragen besteht darin, die Fragen so zu stellen, daß ...:

  • die Gespräche in Gang gebracht und in Gang gehalten werden,
  • das Wissens- und Erfahrungspotential der einzelnen Teilnehmers "herausgearbeitet" und eingebracht wird und
  • die Gruppenarbeit sich konsequent auf das gesteckte Ziel zu bewegt.

DiskussionsleiterWichtig für den Dikussionsleiter ist, sich selbst zurückzunehmen und den Gesprächsteilnehmern die Initiative zu überlassen. Wenn Sie gute Fragen finden, werden Sie feststellen, daß die Antworten der Gesprächsteilnehmer genauso gut oder besser sind, als das Statement, daß Sie selbst hätten beitragen können. Zudem sprechen die Gruppenteilnehmer ihren eigenen Slang - also eine Sprache, die von den anderen Teilnehmern besser verstanden wird, als Ihre eigene Ausdrucksweise.

Fragen können ebenso dazu dienen einen Gesprächsfluß in Gang zu halten. In Pausen können Sie aktiv Teilnehmer ansprechen - beispielsweise - "Was meinen Sie?" oder "Wer möchte dazu etwas sagen?" oder "Welche persönliche Meinung haben Sie zu diesem Thema?".

Da jeder Teilnehmer selbst entscheidet, wann und zu welcher Frage er antworten will, stellen Sie Ihre Fragen pauschal an die Gruppe. Damit sprechen Sie alle Beteiligten an und können so am besten eruieren, wer für an welchem Thema Interesse zeigt, bzw. sich überhaupt angeregt fühlt auf spezifische Fragen zu antworten. Sprechen Sie Teilnehmer dann persönlich an, wenn sie sich selbst melden - oder über die Körpersprache ersichtlich ist, daß sie das Thema bewegt. Dadurch vermeiden Sie peinliche Situationen, die auf die Gesprächsatmosphäre negativ zurückwirken können.

DiskussionsteilnehmerFalls Sie jedoch mit Experten in einer Arbeitsgruppe diskutieren, kann es umgekehrt sehr nützlich sein, einen entsprechenden Experten direkt auf sein Fachwissen anzusprechen. Denn gerade Experten haben verschiedene Fragestellung und dadurch mögliche "Antworträume" schon viel intensiver durchdacht, als Laien. So können Expertenmeinungen einem Thema "Tiefe" verleihen - auch die anderen Diskussionsteilnehmer auf Aspekte hinweisen, an die sie selbst niemals denken würden.

Um an das Wissens- und Erfahrungspotential eines jeden Teilnehmers heranzukommen, ist es erforderlich, mit "offenen" oder den sog. "W-Fragen" zu arbeiten. Dies sind Fragen die mit einem Fragewort, z.B. warum?, was?, weshalb?, wie? (deshalb "W-Fragen"), beginnen und eine ausführliche, tiefergehende Beantwortung erwarten lassen ("Was haben Sie für Erfahrungen gemacht?" oder "Warum sind Sie der Meinung, daß das nicht geht?").

Ist ein Zwischenergebnis erreicht oder eine Diskussion zum Abschluß gekommen, so wird der nächste Schritt hin zum Ziel mit einer weiterführenden oder richtungweisenden Frage eröffnet:

  • "Was ergeben sich daraus für Konsequenzen?"
  • "Warum ist das so wichtig?"
  • "Wie wollen wir dieses Ergebnis jetzt in unser Projekt einbeziehen?".

Vermeiden Sie beim Fragen sogenannte geschlossene Fragen - also Fragen, die man mit Ja oder Nein beantworten kann. Geschlossene Fragen sind nur dann sinnvoll, wenn Sie sich der Zustimmung oder Ablehnung der Gesprächsteilnehmer versichern wollen.

Eine andere Technik ein Gespräch in Gang zu bringen ist provokante Fragen zu stellen. Hier besteht die Kunst darin, die Übertreibung in einem angemessenen Verhältnis zu halten - die Gruppenetikette zu wahren.

Probieren Sie diese Technik selbst einmal aus. Man kann viel dazu sagen, aber die Kunst für einen Moderator besteht darin interessante Fragen stellen zu können. Ob und welche Fragen interessant sind, entscheidet sich operational immer an der aktiven Beteiligung und Engagement der Gesprächsteilnehmer. Ihr einziges Erfolgskriterium ist, daß Sie eine lebendige und interessante Diskussion erzeugen und am Ende der Diskussion das Ziel (die Frage, die es zu klären galt) erreicht haben.

Zusammenfassung:

  1. Fragen Sie freundlich-positiv, bleiben Sie sachlich und werden Sie nie persönlich.
  2. Formulieren Sie Ihre Fragen verständlich, kurz und prägnant. Vermeiden Sie Fachausdrücke und Fremdworte. Stellen Sie keine Doppelfragen mit "und" oder "oder".
  3. Geben Sie Fragen aus der Gruppe grundsätzlich wieder an die Gruppe zurück oder – falls anwesend – an den/die Experten. Sie als Moderator sind nicht dazu da, Fragen zu beantworten (sei es zur Tagesordnung oder zur Organisation).
  4. Richten Sie Ihre Fragen prinzipiell pauschal an die Gruppe und sprechen Sie dann denjenigen an, der sich zuerst meldet. Sprechen Sie keinen an, der sich nicht gemeldet hat (außer bei Störungen oder Expertenbefragung).
  5. Bleibt die Beantwortung Ihrer Frage aus, formulieren Sie die Frage um.
  6. Stellen Sie Ihre Fragen in Form von "offenen" oder "W-Fragen", also Fragen, die eine ausführliche, tiefergehende Beantwortung erwarten lassen.
  7. Stellen Sie Ihre Fragen so, daß diese die Teilnehmer Schritt für Schritt zum Ziel/Ergebnis führen.
  8. Verstärken Sie Ihre Fragen durch entsprechende Mimik und Gestik.
  9. Neutralisieren Sie aggressive Fragen, indem Sie diese positiv-sachlich umformuliert wiederholen.
  10. Provozieren Sie die Gruppe (im Sachlichen) mit Ihren Fragen, wenn die Diskussion nicht in Gang kommen will.

Viel Erfolg bei der Moderation!

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