Simone de Beauvoir: Tips zur Lektüre ihrer Werke

Simone de Beauvoir (1908-1986) lernen wir als Mensch am besten in ihren Briefen kennen. Sie erzählt freimütig von ihren sexuellen Abenteuern mit Männern und Frauen.

Simone de Beauvoir Ihre tiefe Liebe zu Sartre wurde dadurch nicht berührt. Die Zärtlichkeiten der Frauen, die in sie vernarrt waren, ödeten sie zeitweise sogar an. Von Sartre hatte sie allerdings auch Alpträume.

Die vierbändigen Memoiren von Beauvoir ("Memoiren einer Tochter aus gutem Hause", "In den besten Jahren", "Der Lauf der Dinge", "Alles in allem") sind dagegen mühsam zu lesen. Mitunter geht sie einem seitenlang auf die Nerven, z. B. mit einer Aufzählung von Kirchen, die sie besucht hat. Wie Sartre war sie Atheistin.

Ihr berühmtestes und bekanntestes Buch ist "Das andere Geschlecht", das zur Programmschrift der Frauenbewegung wurde. In "Das Alter" prangerte sie den Umgang der Gesellschaft mit den alten Menschen an. Beide Bücher sind enzyklopädisch angelegt, d. h. Beauvoir trug alles zusammen, was ihr erwähnenswert schien, und ordnete es systematisch.

Die Romane von Beauvoir haben zum Teil ("Sie kam und blieb", "Die Mandarins von Paris") einen autobiographischen Hintergrund, ebenso die frühen Erzählungen "Marcelle, Chantal, Lisa …" über fünf Frauen, deren Entwicklung durch eine verklemmte Einstellung der Gesellschaft zum Sex erschwert wird. "Alle Menschen sind sterblich" ist eine phantastische Geschichte über einen Unsterblichen. "Das Blut der anderen" spielt während des Zweiten Weltkriegs. In "Die Welt der schönen Bilder" schreibt Beauvoir gegen die Verlogenheit alltäglicher Euphemismen an.

"Eine gebrochene Frau" enthält neben der Titelerzählung über eine gescheiterte Ehe noch zwei weitere Geschichten: "Das Alter der Vernunft" schildert eine rechthaberische Mutter, die mit ihrem Sohn bricht, der sie als Tyrannin empfindet. Im "Monolog" kotzt sich eine vom Leben enttäuschte Frau auf ziemlich ordinäre Weise aus.

Die beiden Essaysammlungen "Auge um Auge" und "Soll man de Sade verbrennen" haben mich nicht überzeugt. Es ist dasselbe wie bei den Abstraktionen anderer Autoren (z. B. Hegel, Jaspers, Heidegger, Sartre): Sie täuschen die Allgemeingültigkeit im Grunde nur vor. Autobiographische Berichte, verbunden mit Reflexionen darüber, wären ehrlicher gewesen. Besonders "Für eine Moral der Doppelsinnigkeit" in der zweiten Sammlung über die Freiheit wirkt wie eine Aufarbeitung von Sartres "Das Sein und das Nichts".

In "Ein sanfter Tod" setzte sich Beauvoir mit dem Tod ihrer Mutter im Krankenhaus auseinander, in "Die Zeremonie des Abschieds" interviewte sie Sartre. Ihr Reisebericht über Amerika ("Amerika Tag und Nacht") ist spannend zu lesen, ihr Buch über China ("China – Das weitgesteckte Ziel") ist dagegen langweilig und ähnlich unrealistisch wie das "Nordkoreanische Reisetagebuch" von Luise Rinser: Beiden Frauen wurde von den Kommunisten Theater vorgespielt, damit sie positiv über das Land berichteten.

Was bleibt nach der Lektüre zurück? Es ist keine Philosophie oder Weltanschauung (etwa Existentialismus, Atheismus, Feminismus, Sozialismus), sondern die Erinnerung an eine außergewöhnliche Frau, die ihr Leben bewußt gestaltete.

Gunthard Heller

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