Einführung zur Lektüre der Werke von Hans Jonas

Hans Jonas war ein deutscher Philosoph, der 1903 in Mönchengladbach geboren und 1993 in New York gestorben ist. Er wurde unter anderem durch sein Werk „Das Prinzip Verantwortung“ bekannt. Im folgenden Artikel lesen Sie eine Einführung in sein Leben und Werk als Philosoph.

Kurzvita von Hans Jonas

Hans Jonas (1903-1993), geboren in Mönchengladbach, studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte. Unter seinen Lehrern waren Edmund Husserl (1859-1938), Martin Heidegger (1889-1976) und Rudolf Bultmann (1884-1976). Seit 1924 verband ihn eine Freundschaft mit Hannah Arendt (1906-1975), die er in einem NT-Seminar bei Bultmann kennenlernte.

1933 emigrierte er nach England, 1935 wanderte er nach Palästina aus und freundete sich mit Gershom Scholem (1897-1982) an. 1936 schloß er sich freiwillig der Hagana (Selbstschutzorganisation der jüdischen Gemeinschaft in Palästina) an. 1937 begegnete er Lore Weiner, seiner späteren Frau, mit der er zwei Töchter und einen Sohn hatte. 1938/39 war er als Dozent an der Hebräischen Universität in Jerusalem tätig. 1940-45 leistete er freiwilligen Wehrdienst in der First Palestine Anti-Aircraft Battery und der Jewish Brigade Group (Erinnerungen 204 und 207). 1942 wurde seine Mutter zunächst ins Ghetto von Lodz, dann nach Auschwitz deportiert und dort ermordet, was Jonas erst 1945 erfuhr. Nach dem Zweiten Weltkrieg besuchte er auch Karl Jaspers (1883-1969), der ihn als Habilitanten abgewiesen hatte.


1946-48 kehrte Jonas zu seiner Philosophiedozentur nach Jerusalem zurück und unterrichtete außerdem Alte Geschichte an der British Council School of Higher Studies. 1948 nahm er am 1. Israelisch-Arabischen Krieg teil. 1949 zog er nach Kanada und übernahm eine Professur an der McGill University in Montreal. 1950-54 lehrte er an der Carleton University (Ottawa). 1955-76 unterrichtete er als Philosophieprofessor an der New School for Social Research (New York). 1987 wurde ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen.


Den besten Einstieg zum Kennenlernen bieten die Gespräche mit Ingo Hermann in "Erkenntnis und Verantwortung", mit Rachel Salamander als Grundlage der "Erinnerungen" (1989) und die Interviews in "Dem bösen Ende näher" (1993). Zur Einführung: "Hans Jonas" von Franz Josef Wetz.

1. "Gnosis und spätantiker Geist" (1934/54)

Dieses sehr umfangreiche, zweibändige Werk ist mit Vorsicht zu genießen, da Jonas die Gnostiker auf der Basis von Heideggers Existenzphilosophie liest (I 90). Vor allem dessen bekanntestem Werk "Sein und Zeit" entnimmt Jonas das begriffliche Instrumentarium. Das bedeutet für den Leser: Wer die Gnosis kennenlernen will, lese besser zuerst die Textsammlungen von Leisegang, Lüdemann/Janßen, Förster, Böhlig und Dietzfelbinger oder die Einführung von Iwersen.


Bultmann war von dem Werk begeistert und meinte, noch aus keinem Buch hätte er "so viel für eine wirkliche Erkenntnis des geistesgeschichtlichen Phänomens der Gnosis gelernt" (Vorwort, I VI). Doch auch Bultmann wurde von Heidegger "nachhaltig beeinflußt" und benutzte dessen "Daseinsanalyse" als "wertvolle Hilfe beim Aufweis existentialer Strukturen" (Härle/Wagner 48).

2. "Das Prinzip Leben" (1973)

Die ab 1950 einzeln erschienenen zwölf Kapitel des Buches wurden als Ganzes zuerst unter dem Titel "Organismus und Freiheit. Ansätze zu einer philosophischen Biologie" veröffentlicht. Jonas bringt hier "eine ‚ontologische‘ Auslegung biologischer Phänomene" (Vorwort, S. 9). Themen sind u.a. Lebensphilosophie, Körperlichkeit, kausales und teleologisches Denken, Darwinismus, Stoffwechsel, Tierseele und Wahrnehmungstheorie.

3. "Im Kampf um die Möglichkeit des Glaubens" (1976)

Diese später zum Aufsatz erweiterte Rede hielt Jonas bei der "Gedenkfeier der Philipps-Universität Marburg" für seinen "verstorbenen Lehrer und Freund Rudolf Bultmann" (Vorwort, S. 5).


Dessen Anliegen der Entmythologisierung faßt Jonas, der diesen Begriff übrigens geprägt hat (Erkenntnis und Verantwortung 10, 49f) folgendermaßen zusammen: Bultmann ging es darum, "den Text freizumachen für die wahre, nämlich existentiale Interpretation; und die Hindernisse für den Glauben hinwegzuräumen, die durch den Widerspruch des mythologischen mit dem modernen Weltbild erzeugt werden" (S. 53).


Jonas meint, die biblische Mythologie sei für den modernen Menschen in drei Punkten anstößig: hinsichtlich des Weltbilds, der Wunder und des Eingreifen Gottes in die Welt.


Die Annahme des kopernikanischen Weltbilds zwinge zur Aufgabe der "Vorstellung der leiblichen Himmelfahrt […], da wir uns Elias, Jesus und Maria ja nicht als Astronauten vorstellen wollen" (S. 56; die Vertreter der Präastronautik-Theorie tun genau das: vgl. meinen Aufsatz über Bacons Mytheninterpretationen). Am "Stillstehen von Sonne und Mond" (vgl. Jos 10,12f) und "Eliae Himmelfahrt im feurigen Wagen" (vgl. 2 Kön 2,11) "hängt nicht viel" (S. 58; nach Velikovsky, der in "Welten im Zusammenstoss" mit Verweis auf Jos 10,11 eine Unterbrechung der Erdumdrehung durch Meteoriteneinschlag für möglich hält, aber schon!).


Die "meisten biblischen Wunder" hält Jonas für "physikalisch nicht unmöglich […] – aber auch religiös nicht wirklich wichtig". Er ist der Ansicht, Juden hätten es überhaupt mit Wundern leichter als Christen, da sie "insgesamt nicht die Substanz seines Glaubens" berühren (S. 57). Dagegen berühren "Geburt, Auferstehung und Himmelfahrt" sowie Wiederkunft Jesu "durch ihre Verbindung mit der Christologie" den Glaubenskern der Christen (S. 58).


Bultmann löst das Eingreifen Gottes in die Welt durch eine doppelte Sichtweise: Ein Ereignis sei einerseits natürlich, andererseits "’als Geschenk oder Strafe Gottes zu verstehen’" (S. 60). Jonas ist das zu wenig: Die Natur lasse "neutrale Schwellensituationen" mit mehreren Möglichkeiten zu, von denen ein Mensch oder Gott dann eine herbeiführen könne. Man dürfe doch Gott nicht weniger als einem Menschen zutrauen (S. 63f)!

4. "Das Prinzip Verantwortung" (1979)

Das ist Jonas‘ bekanntestes Werk geworden. Er nannte es auch Tractatus technologico-ethicus (KNLL 8/839). Es handelt von der "Problematik des technischen Fortschritts" (S. 295), mit dem verantwortlich umzugehen ist. Nachdem Hannah Arendt "ein wichtiges Kapitel" des Buchs gelesen hatte, sagte sie zu Jonas: "Soviel steht fest, Hans, das ist das Buch, das der liebe Gott mit dir im Sinne gehabt hat" (zit. n. Dem bösen Ende näher 57).

5. "Macht oder Ohnmacht der Subjektivität?" (1981)

Das Bändchen enthält einen Exkurs zum "Prinzip Verantwortung", in dem Jonas eine Voraussetzung jeglicher Ethik bestätigt, die vor dem Hintergrund unserer alltäglichen Erfahrung eigentlich selbstverständlich ist, aber von materialistisch-deterministisch eingestellten Naturwissenschaftlern immer wieder bezweifelt wurde: nämlich daß unser "Denken und Wollen" unser "Handeln bestimmen kann" (S. 68).

6. "Technik, Medizin und Ethik" (1985)

Diese Aufsatzsammlung ist eine Ergänzung zum "Prinzip Verantwortung" mit Blickpunkt auf die Praxis, besonders "im Bereich der Humanbiologie und der Medizin" (S. 9). Jonas behandelt u.a. Zensur und Wissenschaftsfreiheit, Menschenversuche, Eugenik, Gentechnologie, Organtransplantation und Intensivmedizin.

7. "Wissenschaft als persönliches Erlebnis" (1986)

Diese Rede hielt Jonas auf Bitte der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg anläßlich der Feier ihres 600-jährigen Bestehens. Er hatte Bedenken: "Denn eigentlich gehört vom wissenschaftlichen Tun doch nur an die Öffentlichkeit, was dabei herausgekommen, nicht, was in einem vorgegangen ist" (S. 7). So nahm er sich vor, "persönliche Erinnerung als Leitfaden allgemeinerer Reflexion zu nutzen" (S. 8).


Was Jonas hier über die naturwissenschaftliche Forschung sagte, ist in zwei Punkten zu korrigieren: 1. Auch in der Naturwissenschaft kommt es auf die einzelne Forscherindividualität an – es kann nicht ohne weiteres ein anderer herausfinden, was dem einen nicht gelingt. 2. Auch in der Naturwissenschaft ist die Auseinandersetzung mit der Wissenschaftsgeschichte notwendig, da Experimente nicht nur einen Fortschritt in der Forschung bringen, sondern durch ihre Anordnung auch in die Irre führen können (S. 10f).


Als "Erlebnissumme" seiner "Wissenserfahrung" nannte Jonas abschließend den "Glauben, daß es sich um dies große Abenteuer des Seins, das da auf dem Spiele steht, um das Leben und den Menschen lohnt, daß es der eigenen Mühe und selbst Qual wert ist – einschließlich des Preises der Sterblichkeit für sein Immer-wieder-Jungwerden in Neugeborenen" (S. 31).

8. "Technik, Freiheit und Pflicht" (1987)

Jonas hielt diese Rede anläßlich der "Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels für 1987" (Vorwort, S. 5). Er fragte sich zunächst, warum er diesen Preis überhaupt bekam, da doch der Friede in seinen Werken kein Thema ist. Doch das erklärte der Stiftungsrat: Basis des Friedens ist die Verantwortung, die das zentrale Prinzip von Jonas‘ Ethik ist.


Erwähnenswert sind noch drei Dinge:



  • Jonas wehrte sich gegen die Unterstellung, er befürworte die Diktatur zur schnelleren Problemlösung in extremen Situationen. Tatsächlich handelte es sich um ein Mißverständnis: Jonas war es darum zu tun, das Eintreten derartiger Situationen bereits im Vorfeld zu verhindern, weil demokratische Entscheidungsprozesse in derartigen Fällen zu langwierig sind (S. 42).

  • Jonas wollte den Grundrechtsschutz für den einzelnen Menschen erweitern durch einen ebenfalls in der Verfassung garantierten "Schutz für die Grundpflichten des Ganzen gegenüber der Zukunft. Anders als dort gälte hier: Verboten ist, was nicht ausdrücklich erlaubt wird" (S. 44).

  • Jonas bevorzugte die Abwehr gemeinsamer Gefahren wie etwa des Reaktorunfalls in Tschernobyl oder des Sterbens unserer Wälder als bessere Friedensgrundlage gegenüber der gegenseitigen Abschreckung während des Kalten Kriegs (S. 45).

9. "Materie, Geist und Schöpfung" (1988)

Ausgangspunkt der kleinen Schrift ist die Ablehnung der Hypothese, "daß im Entstehungsaugenblick der Welt (also im sogenannten ‚Urknall‘) außer der gesamten Energie des Kosmos auch schon die Information entstanden war", die als eine Art "’kosmogonischer Logos’" die Entwicklung des Weltalls ermöglichte (S. 7). Jonas begründet seine Ablehnung so: "Information ist ein Gespeichertes, und zu irgendwelchem Speichern hatte der Urknall noch keine Zeit" (S. 11).

Im weiteren Verlauf verläßt Jonas wie im "Gottesbegriff nach Auschwitz" (1984; vgl. meinen Aufsatz über Leibniz) den Bereich der Philosophie im engeren Sinn und entwickelt seine Spekulation von einem Gott, der nach der Schöpfungstat seiner Macht entsagt und deshalb auf die Hilfe der Menschen angewiesen ist.

Im Schlußkapitel geht Jonas noch auf die Frage ein, welche Bedeutung es für uns hätte zu wissen, "ob es noch anderswo intelligentes Leben gibt" (Überschrift, S. 66). Seine Antwort (abgesehen von der rein theoretischen): Gar keine. Ein Gespräch wäre wegen der großen Entfernungen nicht möglich, das Gefühl einer kosmischen Einsamkeit der Menschheit ist für Jonas nur eine abstrakte Größe, unsere Einstellung gegenüber dem Weltall würde sich auch nicht ändern und wir wären trotzdem für unsere Handlungen verantwortlich.

10. Zur Tradition der Beschäftigung mit Außerirdischen in der Philosophiegeschichte

Drei Beispiele: Cusanus, Bruno und Kant.

Nicolai de Cusa (Nikolaus von Kues, 1401 – 1464), meist kurz "Cusanus" genannt, schreibt in "Die belehrte Unwissenheit" (1488) u.a. über die gegenseitige Beeinflussung der Planeten und fährt dann fort:

"Aus solchen Überlegungen wird deutlich, daß der Mensch nicht zu wissen vermag, ob die Region der Erde in den besprochenen Hinsichten auf einer unvollkommeneren und geringeren Stufe steht im Verhältnis zu den Regionen der anderen Sterne, der Sonne, des Mondes und der übrigen.

Das gilt auch für den Ort, etwa, daß diese Weltstelle der Wohnsitz von Menschen, Tieren und Pflanzen wäre, die geringer in ihrer Stufe sind gegenüber den Bewohnern der Region der Sonne und anderer Sterne. Denn wenn auch Gott der Mittelpunkt und der Umkreis aller Sternregionen ist und von ihm Naturen verschiedenen Ranges ihren Ausgang nehmen, die in jeder Region wohnen, auf daß nicht diese Vielzahl von Stätten des Himmels und der Sterne leer sei und nur diese Erde, die vielleicht zu den geringsten zählt, bewohnt, so scheint es doch im Rahmen der Geistnatur keine edlere und vollkommenere Ausprägung geben zu können als die Geistnatur, die hier auf dieser Erde und in ihrer Region zu Hause ist, mag es auch auf anderen Sternen Bewohner anderer Gattungen geben" (II 101).

Giordano Bruno (1548 – 1600) läßt in "Über die Ursache, das Prinzip und das Eine" (1584) den Teofilo sagen, daß "die prächtigen Gestirne und leuchtenden Himmelskörper […] ebenso viele bewohnte Welten, gewaltige Organismen und erhabene Gottheiten sind"; diese Welten seien "nicht allzu unähnlich dieser hier, die uns beherbergt" (S. 54).

In zweiten Dialog von "Über das Unendliche, das Universum und die Welten" (ebenfalls 1584) läßt Bruno den Elpino die Meinung des Philotheo folgendermaßen wiedergeben: "Ihr wollt sagen, […] daß dieser selbe Luftraum, wie er die Erde, den Mond und die Sonne umgibt und diese enthält, sich in ebendieser Weise immer weiter ins Unedliche ausbreitet, wo er unendlich viele andere Gestirne und große Lebewesen enthält" (S. 89).

Im dritten Dialog desselben Werks läßt Bruno den Elpino folgende Verständnisfrage stellen: "Damit wollt Ihr also sagen, daß den Bewohnern der Sonne nicht die Sonne ihr Tageslicht gibt, sondern ein anderes Gestirn in ihrer Umgebung?" (S. 101) Sein Gesprächspartner Philotheo gibt eine bejahende Antwort.

Weiter unten im selben Dialog fragt Burchio: "So sind also die anderen Welten genau wie diese bewohnt?" Fracastorio antwortet: "Wenn nicht genau so und wenn nicht besser, dann um nichts weniger und nichts geringer; denn ein vernünftiger und halbwegs wacher Verstand kann sich unmöglich vorstellen, daß unzählige Welten ebensolcher oder besserer Bewohner bar sein sollten – Welten, die ebenso wie diese oder herrlicher als sie erscheinen" (S. 118f).

Im fünften Dialog taucht das Thema nochmals auf. Bruno läßt den Philotheo von "unendlich vielen Welten" sprechen (S. 174) und dann sagen: "Dies sind nun alles Welten, die von ihren Lebewesen bewohnt und bebaut werden" (S. 176).

Immanuel Kant (1724 – 1804) befaßt sich mit dem Thema relativ ausführlich im "Anhang, von den Bewohnern der Gestirne" (I 377-394) zu seiner Schrift "Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels, oder Versuch von der Verfassung und dem mechanischen Ursprunge des ganzen Weltgebäudes nach Newtonischen Grundsätzen abgehandelt" (1755).

Kant will hier "keine anderen Sätze anführen, als solche, die zur Erweiterung unseres Erkenntnisses wirklich beitragen können, und deren Wahrscheinlichkeit zugleich so wohl gegründet ist, daß man sich kaum entbrechen kann, sie gelten zu lassen" (I 377).

Seinen eigenen Standpunkt faßt er so zusammen: "Ich bin der Meinung, daß es eben nicht notwendig sei, zu behaupten, alle Planeten müßten bewohnt sein, ob es gleich eine Ungereimtheit wäre, dieses, in Ansehung aller, oder auch nur der meisten, zu leugnen" (I 377f).

Inbezug auf den Jupiter fragt Kant: "Wenn er keine Bewohner hat, und auch keine jemals haben sollte, was vor ein unendlich kleiner Aufwand der Natur wäre dieses, in Ansehung der Unermeßlichkeit der ganzen Schöpfung? Und wäre es nicht vielmehr ein Zeichen der Armut, als des Überflusses derselben, wenn sie in jedem Punkte des Raumes so sorgfältig sein sollte, alle ihre Reichtümer aufzuzeigen?" Gleich anschließend stellt er fest: "Allein, man kann noch mit mehr Befriedigung vermuten, daß, wenn er gleich jetzt unbewohnt ist, er dennoch es dereinst werden wird, wenn die Periode seiner Bildung wird vollendet sein" (I 378).

Dahinter steht die Annahme, daß die Existenz eines Planeten den Zweck hat, "Menschen, Tiere und Gewächse unterhalten zu können" (I 378). Wie Kant zu dieser Annahme kommt, schreibt er zwar nicht, doch es ist leicht zu erraten: Die Erde ist für die Menschen da, heißt es doch im Alten Testament, die Menschen sollen sich vermehren und die Erde beherrschen (Gen 1,28).

Anscheinend wurde die Thematik der Außerirdischen nicht erst seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sondern schon zu Kants Zeiten lächerlich gemacht, denn ein Schreiberling verglich die einschlägigen Überlegungen zu diesem Thema mit der Philosophie von Läusen auf dem Kopf eines Menschen. Diese Läuse halten ihren Wohnort ebenso wie die Menschen für eine große Kugel und sich selbst für die Krone der Schöpfung. Schließlich entdeckt eine Laus den Kopf eines Aristokraten und belehrt ihre Genossen: "’sehet hier ein neues Land, hie wohnen mehr Läuse‚" (I 379).

Kant findet diesen Vergleich von Läusen mit Menschen durchaus nicht geschmacklos: "Laßt uns ohne Vorurteil urteilen. Dieses Insekt, welches, sowohl seiner Art zu leben, als auch seiner Nichtswürdigkeit nach, die Beschaffenheit der meisten Menschen sehr wohl ausdrückt, kann mit gutem Fuge zu einer solchen Vergleichung gebraucht werden. Weil, seiner Einbildung nach, der Natur an seinem Dasein unendlich viel gelegen ist: so hält es die ganze übrige Schöpfung vor vergeblich, die nicht eine genaue Abzielung auf sein Geschlechte, als den Mittelpunkt ihrer Zwecke, mit sich führet" (I 379).

Die Menschen pflegen nach Kant dieselbe Einbildung wie die Läuse, wenn sie ihr Dasein für notwendig halten. Doch in Wirklichkeit sind alle Lebewesen gleich wichtig. Leben gehört notwendig zu einem Planeten: "Wenn die Beschaffenheit eines Himmelskörpers der Bevölkerung natürliche Hindernisse entgegen setzet: so wird er unbewohnt sein, obgleich es an und vor sich schöner wäre, daß er Einwohner hätte" (I 380). "Indessen sind doch die meisten unter den Planeten gewiß bewohnt, und die es nicht sind, werden es dereinst werden" (I 381).

Nach allgemeinen Betrachtungen über die Natur des Menschen schreibt Kant: "Die Einwohner der Erde und der Venus können ohne ihr beiderseitiges Verderben ihre Wohnplätze gegeneinander nicht vertauschen" (I 385).

Er begründet das mit physiologischen Gegebenheiten, etwa der größeren Hitze auf der Venus. Da der Jupiter weiter von der Sonne entfernt liege, müßten seine Bewohner um so empfänglicher für das Sonnenlicht sein. Kant stellt sogar ein allgemeines Gesetz auf: Je weiter jemand von der Sonne entfernt wohnt und je kürzer der Tag auf seinem Planeten ist, desto langlebiger sei er, desto feinstofflicher sei sein Körper und desto höher entwickelt müßten auch seine geistigen Fähigkeiten sein. Umgekehrt: Außerirdische, die näher an der Sonne wohnen, seien niedriger entwickelt, hätten grobstofflichere Körper und würden kürzer leben als wir Menschen hier auf der Erde.

Kant ist sich darüber im klaren, daß es sich bei seinen Überlegungen nur um "Mutmaßungen" handelt und fragt deshalb abschließend: "Wer zeiget uns die Grenze, wo die gegründete Wahrscheinlichkeit aufhöret, und die willkürlichen Erdichtungen anheben? Wer ist so kühn, eine Beantwortung der Frage zu wagen: ob die Sünde ihre Herrschaft auch in den andern Kugeln des Weltbaues ausübe, oder ob die Tugend allein ihr Regiment daselbst aufgeschlagen?" (I 393)

In der "Kritik der reinen Vernunft" (11781, 21787) rechnet Kant seine Ansichten über die Existenz von Außerirdischen zum "doktrinalen Glauben": "Wenn es möglich wäre, durch irgend eine Erfahrung auszumachen, so möchte ich wohl alles das Meinige darauf verwetten, daß es wenigstens in irgend einem von den Planeten, die wir sehen, Einwohner gebe. Daher sage ich, ist es nicht bloß Meinung, sondern ein starker Glaube (auf dessen Richtigkeit ich schon viele Vorteile des Lebens wagen würde), daß es auch Bewohner anderer Welten gebe" (IV 691).

11. Zum heutigen Stand der Außerirdischen-Forschung

Einen Überblick geben J. Allen Hynek (1977) und Illobrand von Ludwiger (11992). Jonas hätte diese Bücher vor seinem Tod ohne weiteres lesen können. Die Thematik wird allerdings bis heute ignoriert bis lächerlich gemacht, obwohl sie immer noch aktuell ist (vgl. die Bücher von Hartwig Hausdorf, Illobrand von Ludwiger 12009 und Leslie Kean).

Das geht auf eine CIA-Konferenz im Januar 1953 zurück, in der um der Nationalen Sicherheit der USA willen beschlossen wurde, "das UFO-Problem […] als einen lächerlichen Unsinn abzutun, praktisch alle Fälle als falsche Auslegungen wegzudeuten und die Existenz der UFOs zu leugnen. So wurden die Grundlagen für die ständige Anti-UFO-Propaganda gelegt […]. Diese Propaganda erhielt große Unterstützung […] durch die Presse in der ganzen Welt" (Rehn 12f; vgl. a. Kean 110-123, Ludwiger 12009, S. 27 und 59f).

Vor diesem Hintergrund erfordert die Behandlung des Themas durch Jonas eine Erwiderung: Es gab bisher zahlreiche Kontakte zwischen Menschen und Wesen unbekannter Herkunft. Die Verständigung erfolgte in der Regel telepathisch. Diese Wesen stellen eine reale Bedrohung dar, da sie Gegenstände (Häuser, Autos, militärische Anlagen) zerstören, Menschen entführen (sogar Morde sind vorgekommen), Tiere verstümmeln und das Bewußtsein von Menschen manipulieren. Letzteres kann jeder leicht selbst herausfinden, wenn er seine Gedanken im Hinblick auf merkwürdige Einfälle und Impulse untersucht. Man frage sich also bei der entsprechenden Gelegenheit: Hätte ich selbst auf diesen Gedanken kommen können?

Die Beantwortung der Frage der Verantwortlichkeit Bewußtseinsmanipulierter ist schwierig: Kann man von allen Menschen erwarten, daß sie Eigen- und Fremdsteuerung ohne weiteres auseinanderhalten können? Konkret: Inwieweit hätten die Menschen, die nach dem Aufruf von Papst Urban II. zum Kreuzzug (1095) "’Gott will es! Gott will es!’" riefen (zit. n. Deschner 564), für ihre Meinung die Verantwortung übernehmen können?

12. "Wissenschaft und Verantwortung" (1990)

Am 9. November 1990 hielt Jonas anläßlich des 40-jährigen Jubiläums der "Philosophischen Gesellschaft Bremerhaven" einen Vortrag mit dem Titel "Von Kopernikus zu Newton. Über die Anfänge des modernen Weltbildes" (mit leicht veränderter Überschrift enthalten in "Philosophische Untersuchungen und metaphysische Vermutungen", S. 103-127). Am Tag darauf fand eine Podiumsdiskussion statt, in der Rainer Hegselmann, Gerhard Roth und Hans-Jörg Sandkühler dem Vortragenden Fragen zur Ethik stellten. Ich greife nur Jonas‘ Imperativ heraus: "Handle so, daß die Folgen deiner Handlung ein zukünftiges Dasein von Menschen auf Erden nicht gefährden" (S. 20).

13. "Philosophische Untersuchungen und metaphysische Vermutungen" (1991)

Es handelt sich um eine Sammlung von Gelegenheitsaufsätzen, die anläßlich von "Einladungen zu Konferenzen und Kolloquien" entstanden. Themen sind "philosophische Biologie und Anthropologie, Wissenschaftskritik, Technik und Ethik" (Vorwort, S. 7).

Die Aufsätze des dritten Teils, darunter auch "Der Gottesbegriff nach Auschwitz" und "Materie, Geist und Schöpfung", "schweifen mit der Gottesfrage ins Unwißbare, und der Titel ‚philosophisch‘ mag ihnen abgesprochen werden. Die Namensfrage kümmert mich nicht viel." Jonas achtet zwar die Selbstbegrenzung der Philosophie seit Kant. "Aber unverlöschlich ist das Recht von Geistern, die es dazu drängt, ihr Fragen selbst dahin zu treiben, wo es nur noch erratende und bildlich umschreibende Antworten erwarten kann" (ebd. S. 7f).

14. "Philosophie. Rückschau und Vorschau am Ende des Jahrhunderts" (1992)

Jonas kritisiert Husserls Phänomenologie und Heideggers Daseinsanalyse als idealistische Philosophien, die mit ihrem Ignorieren der Körperlichkeit dem Vorurteil der Naturverachtung aufgesessen sind. Für die Philosophie des 21. Jahrhunderts heißt das: Zwischen Geist und Materie muß endlich Friede geschlossen, die Forschungsergebnisse der Naturwissenschaften müssen ins Philosophieren einbezogen werden. Die Verantwortung für die Menschheit erfordert darüber hinaus die Behandlung von Fragen, die über ein beschränktes naturwissenschaftliches Verständnis von Philosophie hinausgehen.

© Gunthard Rudolf Heller, 2012

Literaturverzeichnis

DIE BIBEL – Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Bundes, Freiburg/Basel/Wien 201976


BÖHLIG, Alexander (Hg.): Die Gnosis – Der Manichäismus, Düsseldorf 2007


BRUNO, Giordano: Über die Ursache, das Prinzip und das Eine (De la causa, principio, et Uno, Venedig 1584), Übersetzung von Philipp Rippel, Stuttgart 1997

  • Über das Unendliche, das Universum und die Welten (De l’infinito universo et Mondi, Venedig 1584), übersetzt von Christiane Schultz, Stuttgart 1994

DESCHNER, Karlheinz: Abermals krähte der Hahn, Rastatt 51989


DIETZFELBINGER, Konrad (Hg.): Evangelien aus Nag Hammadi, Andechs 21989



  • Schöpfungsberichte aus Nag Hammadi, Andechs 1989

  • Erlöser und Erlösung – Texte aus Nag Hammadi, Andechs 1990


ENZYKLOPÄDIE PHILOSOPHIE UND WISSENSCHAFTSTHEORIE, hg. v. Jürgen Mittelstraß, 4 Bände, Stuttgart/Weimar 2004

FÖRSTER, Werner (Hg.): Die Gnosis – Zeugnisse der Kirchenväter, Düsseldorf 2007

  • Die Gnosis – Koptische und mandäische Quellen, Düsseldorf 2007

HÄRLE, Wilfried/WAGNER, Harald: Theologenlexikon – Von den Kirchenvätern bis zur Gegenwart, München 1987

HAUSDORF, Hartwig: UFOs – Sie fliegen noch immer. Neueste Fakten, das Wissen der Geheimdienste und die Bedrohung aus dem All, München 2012

HELLER, Gunthard: Philosophie: Francis Bacons Mytheninterpretationen (2012)

  • Kleine Einführung in die Philosophie von Leibniz (2012)

HYNEK, J. Allen: UFO-Report – Ein Forschungsbericht (The Hynek UFO Report, New York 1977), aus dem Amerikanischen übertragen von Tony Westermayr, München 21979

IWERSEN, Julia: Gnosis – Eine Einführung, Wiesbaden o. J.

JONAS, Hans: Erkenntnis und Verantwortung (1991), Göttingen 1991


  • Erinnerungen (1989), Frankfurt am Main 2005

  • Dem bösen Ende näher – Gespräche über das Verhältnis des Menschen zur Natur (1992), Frankfurt am Main 11993

  • Gnosis und spätantiker Geist (1934/54), 2 Bände, Göttingen 41988/1993

  • Das Prinzip Leben – Ansätze zu einer philosophischen Biologie (1973), Frankfurt am Main 11997

  • Im Kampf um die Möglichkeit des Glaubens – Erinnerungen an Rudolf Bultmann und Betrachtungen zum philosophischen Aspekt seines Werkes (1976), in: Wissenschaft als persönliches Erlebnis, Göttingen o. J., S. 47-75

  • Das Prinzip Verantwortung – Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation (1979), Frankfurt am Main 12003

  • Macht oder Ohnmacht der Subjektivität? – Das Leib-Seele-Problem im Vorfeld des Prinzips Verantwortung (1981), Frankfurt am Main 11987

  • Technik, Medizin und Ethik – Zur Praxis des Prinzips Verantwortung (1985), Frankfurt am Main 1987

  • Der Gottesbegriff nach Auschwitz – Eine jüdische Stimme (1984), Frankfurt am Main 1987

  • Wissenschaft als persönliches Erlebnis (1986), in: Wissenschaft als persönliches Erlebnis, Göttingen o. J., S. 7-31

  • Technik, Freiheit und Pflicht (1987), in: Wissenschaft als persönliches Erlebnis, Göttingen o. J., S. 32-46 (auch enthalten in: Dem bösen Ende näher, S. 91-102)

  • Materie, Geist und Schöpfung – Kosmologischer Befund und kosmogonische Vermutung (1988), Frankfurt am Main 11988

  • Wissenschaft und Verantwortung (1990), Bremen 11991

  • Philosophische Untersuchungen und metaphysische Vermutungen (1991), Frankfurt am Main/Leipzig 11992

  • Philosophie. Rückschau und Vorschau am Ende des Jahrhunderts (1992), Frankfurt am Main 21993


KANT, Immanuel: Werkausgabe, hg. v. Wilhelm Weischedel, 12 Bände, Frankfurt am Main 1974-88 (Sperrdruck habe ich durch Kursivdruck wiedergegeben)

KEAN, Leslie: UFOs – Generäle, Piloten und Regierungsvertreter brechen ihr Schweigen (UFOs: Generals, Pilots, and Government Officials Go on the Record, 2010), Übersetzung von Helmut Kunkel, Rottenburg 2012

KINDLERS NEUES LITERATURLEXIKON, 21 Bände, hg. v. Walter Jens, München 1996

LEISEGANG, Hans: Die Gnosis, Stuttgart 51985

LUDWIGER, Illobrand von: Der Stand der UFO-Forschung, Frankfurt am Main 41994

  • UFOs – die unerwünschte Wahrheit. Alarmierte Militärs, uninteressierte Wissenschaftler und die andere Wirklichkeit der fremden Besucher, Rottenburg 12009

LÜDEMANN, Gerd/JANSSEN, Martina (Hg.): Bibel der Häretiker – Die gnostischen Schriften aus Nag Hammadi, Stuttgart 1997

MEYERS ENZYKLOPÄDISCHES LEXIKON, 25 Bände, Mannheim/Wien/Zürich 91980/81

NICOLAI DE CUSA: De docta ignorantia – Die belehrte Unwissenheit, Buch I – III, Lateinisch-Deutsch, übersetzt von Paul Wilpert, 3 Bände, Hamburg 31979/21977/11977

REHN, Gösta K.: Die fliegenden Untertassen sind hier!, Übersetzung aus dem Schwedischen von Ulla und Kurt Schmid, Zug/Düsseldorf 1973

SCHIERSE, Franz Joseph: Konkordanz zur Einheitsübersetzung der Bibel, Düsseldorf/Stuttgart 21986

SCHOLEM, Gershom: Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen, Frankfurt am Main 31988

VELIKOVSKY, Immanuel: Welten im Zusammenstoss (Worlds in Collision, New York 1950), aus dem Englischen von F. W. Gutbrod und Th. Hoffmann, o. O. 22008

WETZ, Franz Josef: Hans Jonas – Eine Einführung, Wiesbaden o. J.

Gunthard Heller

Scroll to Top