Einführung zur Lektüre der Werke von Hans Jonas

Hans Jonas war ein deutscher Philosoph, der 1903 in Mönchengladbach geboren und 1993 in New York gestorben ist. Er wurde unter anderem durch sein Werk "Das Prinzip Verantwortung" bekannt. Im folgenden Artikel lesen Sie eine Einführung in sein Leben und Werk als Philosoph.

Kurzvita von Hans Jonas

Hans Jonas (1903-1993), geboren in Mönchengladbach, studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte. Unter seinen Lehrern waren Edmund Husserl (1859-1938), Martin Heidegger (1889-1976) und Rudolf Bultmann (1884-1976). Seit 1924 verband ihn eine Freundschaft mit Hannah Arendt (1906-1975), die er in einem NT-Seminar bei Bultmann kennenlernte.

1933 emigrierte er nach England, 1935 wanderte er nach Palästina aus und freundete sich mit Gershom Scholem (1897-1982) an. 1936 schloß er sich freiwillig der Hagana (Selbstschutzorganisation der jüdischen Gemeinschaft in Palästina) an. 1937 begegnete er Lore Weiner, seiner späteren Frau, mit der er zwei Töchter und einen Sohn hatte. 1938/39 war er als Dozent an der Hebräischen Universität in Jerusalem tätig. 1940-45 leistete er freiwilligen Wehrdienst in der First Palestine Anti-Aircraft Battery und der Jewish Brigade Group (Erinnerungen 204 und 207). 1942 wurde seine Mutter zunächst ins Ghetto von Lodz, dann nach Auschwitz deportiert und dort ermordet, was Jonas erst 1945 erfuhr. Nach dem Zweiten Weltkrieg besuchte er auch Karl Jaspers (1883-1969), der ihn als Habilitanten abgewiesen hatte.

1946-48 kehrte Jonas zu seiner Philosophiedozentur nach Jerusalem zurück und unterrichtete außerdem Alte Geschichte an der British Council School of Higher Studies. 1948 nahm er am 1. Israelisch-Arabischen Krieg teil. 1949 zog er nach Kanada und übernahm eine Professur an der McGill University in Montreal. 1950-54 lehrte er an der Carleton University (Ottawa). 1955-76 unterrichtete er als Philosophieprofessor an der New School for Social Research (New York). 1987 wurde ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen.

Den besten Einstieg zum Kennenlernen bieten die Gespräche mit Ingo Hermann in "Erkenntnis und Verantwortung", mit Rachel Salamander als Grundlage der "Erinnerungen" (1989) und die Interviews in "Dem bösen Ende näher" (1993). Zur Einführung: "Hans Jonas" von Franz Josef Wetz.

1. "Gnosis und spätantiker Geist" (1934/54)

Dieses sehr umfangreiche, zweibändige Werk ist mit Vorsicht zu genießen, da Jonas die Gnostiker auf der Basis von Heideggers Existenzphilosophie liest (I 90). Vor allem dessen bekanntestem Werk "Sein und Zeit" entnimmt Jonas das begriffliche Instrumentarium. Das bedeutet für den Leser: Wer die Gnosis kennenlernen will, lese besser zuerst die Textsammlungen von Leisegang, Lüdemann/Janßen, Förster, Böhlig und Dietzfelbinger oder die Einführung von Iwersen.

Bultmann war von dem Werk begeistert und meinte, noch aus keinem Buch hätte er "so viel für eine wirkliche Erkenntnis des geistesgeschichtlichen Phänomens der Gnosis gelernt" (Vorwort, I VI). Doch auch Bultmann wurde von Heidegger "nachhaltig beeinflußt" und benutzte dessen "Daseinsanalyse" als "wertvolle Hilfe beim Aufweis existentialer Strukturen" (Härle/Wagner 48).

2. "Das Prinzip Leben" (1973)

Die ab 1950 einzeln erschienenen zwölf Kapitel des Buches wurden als Ganzes zuerst unter dem Titel "Organismus und Freiheit. Ansätze zu einer philosophischen Biologie" veröffentlicht. Jonas bringt hier "eine 'ontologische' Auslegung biologischer Phänomene" (Vorwort, S. 9). Themen sind u.a. Lebensphilosophie, Körperlichkeit, kausales und teleologisches Denken, Darwinismus, Stoffwechsel, Tierseele und Wahrnehmungstheorie.

3. "Im Kampf um die Möglichkeit des Glaubens" (1976)

Diese später zum Aufsatz erweiterte Rede hielt Jonas bei der "Gedenkfeier der Philipps-Universität Marburg" für seinen "verstorbenen Lehrer und Freund Rudolf Bultmann" (Vorwort, S. 5).

Dessen Anliegen der Entmythologisierung faßt Jonas, der diesen Begriff übrigens geprägt hat (Erkenntnis und Verantwortung 10, 49f) folgendermaßen zusammen: Bultmann ging es darum, "den Text freizumachen für die wahre, nämlich existentiale Interpretation; und die Hindernisse für den Glauben hinwegzuräumen, die durch den Widerspruch des mythologischen mit dem modernen Weltbild erzeugt werden" (S. 53).

Jonas meint, die biblische Mythologie sei für den modernen Menschen in drei Punkten anstößig: hinsichtlich des Weltbilds, der Wunder und des Eingreifen Gottes in die Welt.

Die Annahme des kopernikanischen Weltbilds zwinge zur Aufgabe der "Vorstellung der leiblichen Himmelfahrt […], da wir uns Elias, Jesus und Maria ja nicht als Astronauten vorstellen wollen" (S. 56; die Vertreter der Präastronautik-Theorie tun genau das: vgl. meinen Aufsatz über Bacons Mytheninterpretationen). Am "Stillstehen von Sonne und Mond" (vgl. Jos 10,12f) und "Eliae Himmelfahrt im feurigen Wagen" (vgl. 2 Kön 2,11) "hängt nicht viel" (S. 58; nach Velikovsky, der in "Welten im Zusammenstoss" mit Verweis auf Jos 10,11 eine Unterbrechung der Erdumdrehung durch Meteoriteneinschlag für möglich hält, aber schon!).

Die "meisten biblischen Wunder" hält Jonas für "physikalisch nicht unmöglich […] – aber auch religiös nicht wirklich wichtig". Er ist der Ansicht, Juden hätten es überhaupt mit Wundern leichter als Christen, da sie "insgesamt nicht die Substanz seines Glaubens" berühren (S. 57). Dagegen berühren "Geburt, Auferstehung und Himmelfahrt" sowie Wiederkunft Jesu "durch ihre Verbindung mit der Christologie" den Glaubenskern der Christen (S. 58).

Bultmann löst das Eingreifen Gottes in die Welt durch eine doppelte Sichtweise: Ein Ereignis sei einerseits natürlich, andererseits "'als Geschenk oder Strafe Gottes zu verstehen'" (S. 60). Jonas ist das zu wenig: Die Natur lasse "neutrale Schwellensituationen" mit mehreren Möglichkeiten zu, von denen ein Mensch oder Gott dann eine herbeiführen könne. Man dürfe doch Gott nicht weniger als einem Menschen zutrauen (S. 63f)!

4. "Das Prinzip Verantwortung" (1979)

Das ist Jonas' bekanntestes Werk geworden. Er nannte es auch Tractatus technologico-ethicus (KNLL 8/839). Es handelt von der "Problematik des technischen Fortschritts" (S. 295), mit dem verantwortlich umzugehen ist. Nachdem Hannah Arendt "ein wichtiges Kapitel" des Buchs gelesen hatte, sagte sie zu Jonas: "Soviel steht fest, Hans, das ist das Buch, das der liebe Gott mit dir im Sinne gehabt hat" (zit. n. Dem bösen Ende näher 57).

5. "Macht oder Ohnmacht der Subjektivität?" (1981)

Das Bändchen enthält einen Exkurs zum "Prinzip Verantwortung", in dem Jonas eine Voraussetzung jeglicher Ethik bestätigt, die vor dem Hintergrund unserer alltäglichen Erfahrung eigentlich selbstverständlich ist, aber von materialistisch-deterministisch eingestellten Naturwissenschaftlern immer wieder bezweifelt wurde: nämlich daß unser "Denken und Wollen" unser "Handeln bestimmen kann" (S. 68).

6. "Technik, Medizin und Ethik" (1985)

Diese Aufsatzsammlung ist eine Ergänzung zum "Prinzip Verantwortung" mit Blickpunkt auf die Praxis, besonders "im Bereich der Humanbiologie und der Medizin" (S. 9). Jonas behandelt u.a. Zensur und Wissenschaftsfreiheit, Menschenversuche, Eugenik, Gentechnologie, Organtransplantation und Intensivmedizin.

7. "Wissenschaft als persönliches Erlebnis" (1986)

Diese Rede hielt Jonas auf Bitte der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg anläßlich der Feier ihres 600-jährigen Bestehens. Er hatte Bedenken: "Denn eigentlich gehört vom wissenschaftlichen Tun doch nur an die Öffentlichkeit, was dabei herausgekommen, nicht, was in einem vorgegangen ist" (S. 7). So nahm er sich vor, "persönliche Erinnerung als Leitfaden allgemeinerer Reflexion zu nutzen" (S. 8).

Was Jonas hier über die naturwissenschaftliche Forschung sagte, ist in zwei Punkten zu korrigieren: 1. Auch in der Naturwissenschaft kommt es auf die einzelne Forscherindividualität an – es kann nicht ohne weiteres ein anderer herausfinden, was dem einen nicht gelingt. 2. Auch in der Naturwissenschaft ist die Auseinandersetzung mit der Wissenschaftsgeschichte notwendig, da Experimente nicht nur einen Fortschritt in der Forschung bringen, sondern durch ihre Anordnung auch in die Irre führen können (S. 10f).

Als "Erlebnissumme" seiner "Wissenserfahrung" nannte Jonas abschließend den "Glauben, daß es sich um dies große Abenteuer des Seins, das da auf dem Spiele steht, um das Leben und den Menschen lohnt, daß es der eigenen Mühe und selbst Qual wert ist – einschließlich des Preises der Sterblichkeit für sein Immer-wieder-Jungwerden in Neugeborenen" (S. 31).

8. "Technik, Freiheit und Pflicht" (1987)

Jonas hielt diese Rede anläßlich der "Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels für 1987" (Vorwort, S. 5). Er fragte sich zunächst, warum er diesen Preis überhaupt bekam, da doch der Friede in seinen Werken kein Thema ist. Doch das erklärte der Stiftungsrat: Basis des Friedens ist die Verantwortung, die das zentrale Prinzip von Jonas' Ethik ist.

Erwähnenswert sind noch drei Dinge:

  • Jonas wehrte sich gegen die Unterstellung, er befürworte die Diktatur zur schnelleren Problemlösung in extremen Situationen. Tatsächlich handelte es sich um ein Mißverständnis: Jonas war es darum zu tun, das Eintreten derartiger Situationen bereits im Vorfeld zu verhindern, weil demokratische Entscheidungsprozesse in derartigen Fällen zu langwierig sind (S. 42).
  • Jonas wollte den Grundrechtsschutz für den einzelnen Menschen erweitern durch einen ebenfalls in der Verfassung garantierten "Schutz für die Grundpflichten des Ganzen gegenüber der Zukunft. Anders als dort gälte hier: Verboten ist, was nicht ausdrücklich erlaubt wird" (S. 44).
  • Jonas bevorzugte die Abwehr gemeinsamer Gefahren wie etwa des Reaktorunfalls in Tschernobyl oder des Sterbens unserer Wälder als bessere Friedensgrundlage gegenüber der gegenseitigen Abschreckung während des Kalten Kriegs (S. 45).

9. "Materie, Geist und Schöpfung" (1988)

Ausgangspunkt der kleinen Schrift ist die Ablehnung der Hypothese, "daß im Entstehungsaugenblick der Welt (also im sogenannten 'Urknall') außer der gesamten Energie des Kosmos auch schon die Information entstanden war", die als eine Art "'kosmogonischer Logos'" die Entwicklung des Weltalls ermöglichte (S. 7). Jonas begründet seine Ablehnung so: "Information ist ein Gespeichertes, und zu irgendwelchem Speichern hatte der Urknall noch keine Zeit" (S. 11).

Im weiteren Verlauf verläßt Jonas wie im "Gottesbegriff nach Auschwitz" (1984; vgl. meinen Aufsatz über Leibniz) den Bereich der Philosophie im engeren Sinn und entwickelt seine Spekulation von einem Gott, der nach der Schöpfungstat seiner Macht entsagt und deshalb auf die Hilfe der Menschen angewiesen ist.

Im Schlußkapitel geht Jonas noch auf die Frage ein, welche Bedeutung es für uns hätte zu wissen, "ob es noch anderswo intelligentes Leben gibt" (Überschrift, S. 66). Seine Antwort (abgesehen von der rein theoretischen): Gar keine. Ein Gespräch wäre wegen der großen Entfernungen nicht möglich, das Gefühl einer kosmischen Einsamkeit der Menschheit ist für Jonas nur eine abstrakte Größe, unsere Einstellung gegenüber dem Weltall würde sich auch nicht ändern und wir wären trotzdem für unsere Handlungen verantwortlich.

15.06.2016 © seit 01.2015 Gunthard Heller
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