Einführung in das Werk von Hans Küng

Eine Auswahl der Werke von Hans Küng (geb. 1928) habe ich in diesem Aufsatz systematisch geordnet: Autobiographische Schriften, Schriften zur Theologie, Kirchenkritik, Religionsgeschichte, Kunst, Naturwissenschaft und zum Projekt Weltethos.

Der besseren Lesbarkeit halber stehen Untertitel und Jahreszahlen nur im Literaturverzeichnis. Da es zahlreiche Wiederholungen bzw. Überschneidungen gibt, genügt für Menschen, die wenig Zeit haben, die Lektüre von "Wegzeichen in die Zukunft". Dort ist das Wesentliche knapp zusammengefaßt.

1. Autobiographische Schriften

Bibelkritik Hans KüngDie drei umfangreichen Bände Erkämpfte Freiheit, Umstrittene Wahrheit und Erlebte Menschlichkeit sind glänzend geschrieben. Hier lernt man Küng als Menschen kennen: Was hat ihn bewegt? Was machte er in seiner Freizeit? Was erlebte und erlitt er unter seinen Zeitgenossen? Warum und wie verlor Küng seinen katholischen Lehrstuhl? (Für Neugierige: 1. Warum: weil er nicht nur die Kirche, sondern besonders die Amtsführung von Papst Johannes Paul II. kritisierte, der sich außerhalb der Kirche für die Menschenrechte einsetzte, sie aber innerhalb der Kirche verweigerte. 2. Wie: indem er hereingelegt wurde. Anstatt daß den Vorschriften entsprechend nochmals diskutiert wurde, wurde Küng vor vollendete Tatsachen gestellt.) Darüber hinaus handelt es sich um ein Stück Zeitgeschichtsschreibung mit guten Einführungen etwa in das Zweite Vatikanische Konzil und die Studentenbewegung.

2. Schriften zur Theologie

Rechtfertigung ist der Titel von Küngs Dissertation. Er zeigt darin, "daß die fundamentale Streitfrage zwischen der römisch-katholischen Kirche und der Reformation seitdem als beigelegt betrachtet werden darf" (S. I). Thema ist die Frage, wie der Mensch vor Gott bestehen kann: Genügt der Glaube allein, oder müssen auch Werke der Nächstenliebe dazukommen? Das Buch ist im ganzen sehr schwierig zu lesen und nur bibelfesten Spezialisten zu empfehlen.

Konzil und Wiedervereinigung enthält Küngs Gedanken über die Reform der Katholischen Kirche im Rahmen des Zweiten Vatikanischen Konzils mit dem Ziel der Vereinigung mit den protestantischen Kirchen.

Küng nennt hier folgende Gründe dafür, daß die Katholische Kirche Luthers Reformanliegen zurückgewiesen hat:

  • Die Kirchenleitung konnte "die geistige Not der Zeit" nicht verstehen (S. 94).
  • Luther hielt manches Unkatholische, was er ablehnte, für katholisch und manches Katholische, für das er eintrat, für unkatholisch.
  • Luther hat "gut-katholische Anliegen zum Teil höchst mißverständlich und uneinheitlich, ja widersprüchlich formuliert, zum Teil in polemischer, ja häretischer Einseitigkeit zur Geltung gebracht" (S. 96).
  • Luther hat seine persönliche Bibelinterpretation "prinzipiell über die Kirche und ihre Tradition" gestellt (S. 96).

Den Weg zur Wiedervereinigung sieht Küng in der gemeinsamen Wahrheitssuche, nicht in Kompromissen, "Verschweigen der Gegensätze", seichter Toleranz oder "Übertünchen der Wahrheit durch die 'Liebe'" (S. 146).

In Menschwerdung Gottes gibt Küng eine "Einführung in Hegels theologisches Denken als Prolegomena zu einer künftigen Christologie" – so der Untertitel.

Christ sein ist Küngs bekanntestes Buch. Es ist bemerkenswert undogmatisch geschrieben und vermeidet jegliche Form von süßlichem Predigtton. Es geht auch um historische Fragen: Hat Jesus gelebt? Wie steht es um die Dokumente? Wie ist sein Verhältnis zum Judentum? Was wollte er eigentlich? Was kann man heutzutage noch mit den Wundererzählungen anfangen? Das klingt alles spannend und interessant. Die Lektüre ist trotzdem mühsam. Das liegt wahrscheinlich daran, daß Küng das Buch immer wieder umgeschrieben hat.

In 20 Thesen zum Christsein gibt Küng eine knappe Zusammenfassung des Buchs. Das Christsein kondensiert er hier in der Formel "Christusglauben und […] Christusnachfolge" (S. 52). Einwand von mir: Jesus verwies seine Jünger auf Gott, nicht auf sich – vgl. Mt 7,21: "Nicht jeder, der zu mir sagt: 'Herr, Herr', wird in das Himmelreich eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters tut, der im Himmel ist." Diese Ausrichtung auf Gott hin erleichtert überdies die Verständigung mit Angehörigen anderer Religionen, besonders Juden und Muslimen, während Küng mit seiner Christuszentrierung das Christentum auf eine Jesus-Sekte reduziert.

Existiert Gott? ist Küngs philosophischstes Buch und als Ergänzung zu "Christ sein" gedacht. Küng behandelt darin u.a. die theologischen Positionen von Descartes, Pascal, Spinoza, Kant, Fichte, Hegel, Schopenhauer, Nietzsche, Comte, Feuerbach, David Friedrich Strauß, Marx, Engels, Lenin, Freud, Wittgenstein, Teilhard de Chardin, Whitehead, Bloch, Horkheimer, Heidegger, Barth und Einstein. Küngs Antwort auf die Titelfrage ist zwar "ja" (vgl. die Kapitelüberschrift "Gott existiert", S. 607), doch letztlich kann er nur darlegen, warum man den Glauben an Gott verantworten kann.

In 24 Thesen zur Gottesfrage faßt Küng seine zentralen Aussagen zusammen: "Grundvertrauen" ist rationaler als "Grundmißtrauen". Atheisten können nicht beweisen, daß Gott nicht existiert, doch widerlegen kann man sie auch nicht. Den Gottesglauben kann man aus dem Wirklichkeitsvertrauen ableiten (S. 5f).

Für seine Vorlesungen an der Yale University über Freud and the Problem of God (identisch mit dem Freud-Kapitel in "Existiert Gott?") im Jahr 1979 wurde Küng von der American Psychiatric Association 1986 der Oscar-Pfister-Preis verliehen. Dafür bedankte er sich mit dem Vortrag über Religion – Das letzte Tabu?

Küng stellt hier fest, daß ein Teil der Psychiater, Psychologen und Psychotherapeuten die Religion bzw. Religiosität verdrängen. Er bedauert, daß sie kritische Theologen kaum rezipieren, die Freuds Religionskritik ernst nehmen. Freud selbst habe über seinen Weg zum Atheismus leider nicht geschrieben. Die Verdrängung der Religiosität werde durch die weltliche Ersatzbefriedigung religiöser Bedürfnisse ("Geld, Karriere, Sex, Wissenschaft, Partei, Führer"; S. 124) noch verschlimmert. So fragt Küng, ob ein Teil der modernen Neurosen auf diese Verdrängung der Religiosität zurückgeht und ob deren Aufhebung womöglich einen therapeutischen Effekt hätte.

Mehr noch: "Kann die geistige Krise der Zeit wirklich überwunden werden, wenn die religiösen Tiefendimensionen des Menschseins außer acht gelassen werden?" (S. 130) Und: Ist die Begründung jeglicher Ethik ohne Religion überhaupt möglich?

Küng warnt vor der Pathologisierung religiöser Erfahrungen. Laut Albert Schweitzer sei es falsch, etwas nur deshalb für krank zu halten, weil es fremd sei. Hans Heimann zufolge müsse man vielmehr innerhalb der Religion zwischen normal und krank differenzieren lernen, anstatt religiöse Phänomene insgesamt zu pathologisieren.

Wahre Religiosität wirke befreiend, heilend, stabilisierend und unterstütze den einzelnen bei der Selbstverwirklichung.

In Credo interpretiert Küng das Apostolische Glaubensbekenntnis vor dem Hintergrund von Bibel und moderner Wissenschaft. Das Ergebnis ist unbefriedigend.

Warum sollte ich etwa sagen:

"Ich glaube an Gott, den Vater, den allmächtigen,

den Schöpfer des Himmels und der Erde.

Und an Jesus Christus,

seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,

empfangen durch den Heiligen Geist,

geboren von der Jungfrau Maria" -

wenn das nur folgendes bedeuten soll:

Nur, wer an Gott glaube, verstehe den Evolutionsprozeß und habe dadurch die "Hoffnung auf eine letzte Gewißheit und Geborgenheit" (S. 42). Da Gott "überpersönlich" und "reiner Geist" sei, könne das "Vater" genausogut "Mutter" und noch mehr bedeuten (S. 45). Das Attribut der Allmacht sei "nach Auschwitz, dem Gulag und zwei Weltkriegen" problematisch und weise lediglich auf die Begrenztheit "menschlicher Macht" hin (S. 42f) bzw. habe ethische Konsequenzen (S. 49).

Die Jungfrauengeburt sei tiefenpsychologisch gesehen lediglich ein Glaubenssymbol für einen Bewußtseinsprozeß, der in jedem Menschen stattfinden könne (S. 57). Der Wortgebrauch sei entstanden durch eine falsche Bibelübersetzung: Aus der "jungen Frau" (hebr. alma) sei in der Septuaginta "Jungfrau" (griech. parthenos) geworden und "auch ins Neue Testament eingewandert" (S. 55). Die Kindheitsgeschichten im Matthäus- und Lukasevangelium dienten dem Bekenntnis und der Verkündigung und besagten, daß Jesus als Sohn Davids der Messias sei (S. 62).

Hier muß man erst einmal schlucken: In zwei einander widersprechenden Stammbäumen wird Jesus über seinen Vater Joseph auf den König David zurückgeführt, um zu beweisen, daß er der Messias sei. Auf dieser Grundlage spricht der Gläubige im sonntäglichen Gottesdienst das Glaubensbekenntnis, daß Jesus nicht von Joseph, sondern vom Heiligen Geist empfangen wurde!

Doch auch hier findet Küng einen Ausweg: "Der Heilige Geist wird nicht als zeugender Partner oder Vater, sondern als wirkende Kraft der Empfängnis Jesu verstanden" (S. 64). Außerdem gehöre die Jungfrauengeburt "nicht zur Mitte des Evangeliums" (S. 65; vgl. a. S. 69). Sie sei ein Symbol dafür, daß mit Jesus "von Gott her […] ein wahrhaft neuer Anfang gemacht worden" sei (S. 66).

Die Frage, ob diese Deutung nicht die Weihnachtsbotschaft zerstöre, beantwortet Küng so: "Nicht nur die historische Kritik und nicht nur die Säkularisierung und Kommerzialisierung, sondern auch die verharmlosende Idyllisierung und die psychologisierende Privatisierung können den Sinn der Weihnachtsbotschaft und des Weihnachtsfestes entleeren" (S. 66).

Die Kindheitsgeschichten in den genannten beiden Evangelien hätten auch eine "politische Dimension" (S. 67): Hier werde Jesus als neuer Herrscher angekündigt, der sich auf die Seite der Armen stelle und den römischen Kaiser Augustus ablösen werde.

Anhand von Küngs Interpretation, die ich hier zusammengefaßt habe (Küngs Ausführungen erstrecken sich über 52 Seiten!), kann man die Problematik der Theologie sehen: Einerseits will sie lediglich Glaubensverkündigung sein, andererseits bedient sie sich der Wissenschaft als Hilfsmittel. Heraus kommt dabei ein Zwitter, den man nicht recht packen, sondern wieder nur glauben kann – oder auch nicht.

Da all das (zumindest für mich persönlich) unbefriedigend ist, biete ich hier eine Alternative vor dem Hintergrund der modernen Ufologie an: Auch die Außerirdischen glauben an Gott (Däniken 182ff, 188, 213; Magocsi 108; Onec 53, 551). Sie sind Geschöpfe wie wir. Sie zeugten seit der Antike immer wieder Nachkommen mit Menschen, was sowohl in die biblische (vgl. Gen 6,1-4) als auch heidnische Mythologie eingegangen ist. Die Rede vom Heiligen Geist ist eine phänomenologische Beschreibung dessen, was Menschen davon mitbekommen: Sie spüren, daß da etwas ist, können es aber nicht recht fassen, da es sich in Träumen und auf eine Art mitteilt, die das alltägliche Weltbild der fünf Sinne überschreitet. Aus menschlicher Sicht wurden die Aktivitäten der Außerirdischen Gott zugeschrieben, ja sie wurden in der Antike zum Teil als Götter angebetet, und zwar auch von den Juden, nicht nur von den übrigen Völkern. Das ist im Alten Testament überliefert, das zum großen Teil den Kampf des jüdischen Gottes gegen seine Konkurrenten dokumentiert. Daß dieser Gott irgendwann zum höchsten Gott schlechthin erklärt wurde, hat seine Parallele bei den Griechen und Römern: Irgendwann wurde Zeus bzw. Jupiter zu Gott schlechthin, wobei seine persönlichen Attribute, die auch für Jahwe im Alten Testament reichlich bezeugt sind, mehr und mehr in den Hintergrund traten.

Küng weist auf diese Interpretation der Jungfrauengeburt ausdrücklich hin: Der ägyptische Pharao habe als Sohn von Amon-Re, Perseus, Herakles, Homer, Platon, Alexander der Große und Augustus hätten als Göttersöhne gegolten. "Es ist unübersehbar: Etwas exklusiv Christliches ist gerade die Jungfrauengeburt aus sich selbst heraus nicht!" (S. 63)

Daß Küng diese Interpretation nicht einfach übernimmt, begründet er dreifach:

  • Maria werde ihre zukünftige Empfängnis vorher mitgeteilt.
  • Es sei vom Heiligen Geist die Rede.
  • In den übrigen neutestamentlichen Schriften (also außer Mt und Lk) sei keine Rede von der Jungfrauengeburt.

All das wirkt reichlich blaß:

  • Die Mutter des Apollonios von Tyana erfuhr von dem ägyptischen Gott Proteus höchstpersönlich, daß sie ihn gebären würde (vgl. Philostratos, Buch I, Kap. IV). Mnemarchos, der Vater des Pythagoras, erfuhr beim Orakel von Delphi von Pythia, daß seine Frau mit einem Sohn schwanger sei, der alle Menschen überragen und ihnen helfen würde (vgl. Iamblichos, Kap. 5). Epimenides, Eudoxos und Xenokrates argwöhnten damals, Apollon sei der Vater des Pythagoras, doch Iamblichos weist das zurück und spricht Apollon lediglich eine geistige Führerschaft des Pythagoras zu (Kap. 6).
  • Bei Matthäus heißt es eindeutig, Maria sei "vom heiligen Geist" (ek pneumatos hagiou) schwanger (Mt 1,18.20). Bei Lukas sagt der Engel Gabriel zu Maria: "Der heilige Geist wird auf dich kommen, und die Kraft des Höchsten [dynamis hypsistou] wird dich überschatten" (Lk 1,35). Ich kann hier nichts prinzipiell anderes als bei den Geburtsgeschichten von Apollonios und Pythagoras sehen.
  • Das Fehlen weiterer Hinweise im NT auf die Jungfrauengeburt zeigt lediglich, daß in der Antike die Meinungen über das Phänomen geteilt waren. Es war für Außenstehende unklar, ob das jeweilige besondere Kind einen irdischen oder außerirdischen Vater hatte. Jedenfalls gab es einen geistigen Bezug zu einem Gott, der das Kind führte. Das gilt auch für Jesus.

Im Gegensatz zur Jungfrauengeburt gehört die Auferstehung Jesu für Küng "zur unaufgebbaren Grundsubstanz des christlichen Glaubens" (S. 162). Das hält ihn jedoch nicht davon ab, die Berichte darüber als zweierlei abzutun:

  • als "Überzeugung vom 'natürlichen' Hineinsterben und Aufgenommenwerden in die eigentliche, wahre, göttliche Wirklichkeit: verstanden als ein Endzustand des Menschen ohne alles Leiden" (S. 148);
  • und "als eine Radikalisierung des Glaubens an den Schöpfergott" (S. 158).

Daß der Auferstandene dem Lukasevangelium zufolge sich von den Jüngern hat berühren lassen und etwas gegessen hat (Lk 24,36-42), erwähnt Küng nicht einmal, auch nicht die Zweifel des Thomas, die durch die Berührung Jesu aufgelöst wurden (Joh 20,24-28). All das sind für Küng also wie alles andere lediglich "visionäre Vorgänge im Inneren, nicht in der äußeren Realität […]; Gott vermag ja auch durch die Psyche des Menschen zu wirken" (S. 145). Nur der Auferstehungsglaube der Jünger sei als historisch zu betrachten (S. 150). Von einem "Scheintod Jesu" will Küng nichts wissen (S. 139).

Jesu Unterweltsabstieg und Himmelfahrt werden von Küng nahezu weginterpretiert: ersterer sei neutestamentlich nicht eindeutig belegt (vgl. 1 Petr 3,18ff), letztere werde nur von Lukas angeführt (vgl. Lk 24,50-53; Apg 1,6-11), die Stelle bei Markus (Mk 16,19) sei eine spätere Zutat; ersterer sei ein "Symbol für die Heilsmöglichkeit auch der vorchristlichen und damit nichtchristlichen Menschheit" (S. 135), letztere sei keine "Art der Weltraumfahrt" wie bei "Elija und Henoch", "Herakles, Empedokles, Romulus, Alexander dem Großen und Apollonius von Tyana" (S. 137), sondern ein Auferstehungszeugnis: "Ostern haben nur die verstanden, die nicht zum Himmel emporstaunen, sondern in die Welt gehen und für Jesus Zeugnis ablegen!" (S. 138)

Ewiges Leben? ist Küngs spirituellstes Buch. Hier geht es u.a. um Visionen, Nahtoderfahrungen, Reinkarnation und Prophetie.

Menschenwürdig sterben über die Problematik der Sterbehilfe enthält Beiträge von Küng und Walter Jens, die sich beide auf den Standpunkt des Patienten stellen, der menschenwürdig sterben und möglichst wenig leiden will, sowie Beiträge des Kinderarztes Dietrich Niethammer und des Juristen Albin Eser, die jeweils aus ihrer Standesethik heraus argumentieren.

15.06.2016 © seit 10.2014 Gunthard Heller
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