Oldtimer: Lukrative Nostalgie oder Wirtschaftslast?

Teaser: Spätestens seit der Abwrackprämie suggerieren uns Politik und Wirtschaft - alte Fahrzeuge sind eine Belastung und sollen verschrottet werden. Doch sind Oldtimer wirklich nur "Umweltsünder" und eine "Wirtschaftslast"? In diesem Artikel erfahren Sie mehr über die Bedeutung historischer Fahrzeuge und deren Nutzen für Kultur und Wirtschaft.

Innerhalb eines Jahrhunderts verschmolzen Automobilindustrie und Politik so stark miteinander, dass eine weltweite Wirtschaftspolitik eine untrennbare Symbiose eingegangen zu sein scheint. Eine Symbiose, welche die derzeitige schwerste, weltweite Finanzkrise in der Geschichte durchlebt.

Historische Fahrzeuge werden dieser Tage oft zu Unrecht als Last abgetan und mit der sogenannten „Abwrackprämie“ hinter dem Deckmantel der Sicherheit und des Umweltschutzes aus dem Verkehr gezogen. Dass Oldtimer jedoch keine Last, sondern einen großen Wirtschaftszweig bilden, will Agnès Arnold vom Hambacher Oldtimer-Verein im folgenden Artikel vermitteln.

Was ist ein Oldtimer?

OldtimerHenry Ford ließ ab 1914 mit der Tin Lizzy das erste Fließbandauto der Welt produzieren. Der Automobilmarkt dehnte sich bis heute immer weiter aus, so dass in Jahrzehnten unzählige Modelle verschiedenster Hersteller entstanden.

Aber nur wenige dürfen sich Oldtimer nennen: Die allgemein anerkannte Definition eines Oldtimers ist ein Fahrzeug, das älter ist als 30 Jahre und nicht mehr produziert wird oder dessen Hersteller bereits auch nicht mehr existiert.

Darunter fallen ebenfalls Motorräder, Traktoren, Busse und Lastwagen. Sie alle sind historische Fahrzeuge.

Die Fédération Internationale des Véhicules Anciens (FIVA)

„Mit historischen Fahrzeugen ist es wie mit schönen Frauen und guten Weinen: Beide kosten viel Zeit und Geld!“ (Agnès Arnold)

Die Fédération Internationale des Véhicules Anciens (FIVA) ist die Weltorganisation der Oldtimer-Klubs, welche seit dem Gründungsjahr 1966 bis heute über 75 Mitgliedsorganisationen in über 60 Ländern in sich versammelt. Damit ist sie Repräsentant für über eine Million Oldtimer-Liebhaber weltweit. Der ADAC, als einer von drei größeren Vertretern Deutschlands, erhielt am 12. April 2008 von der FIVA den ANF-Status, der den nationalen Hauptverband in einer Nation darstellt.

Ziele der FIVA sind die Förderung von „weltweiter Freundschaft und gegenseitigem Verständnis durch Unterstützung und Mithilfe an Anlässen für historische Fahrzeuge, die Vereinigung von weltweit über einer Million Enthusiasten aus über fünfzig Ländern und der Erhalt eines wichtigen Teils unserer Industriegeschichte durch die Verteidigung des Rechts, historische Fahrzeuge weltweit auf öffentlichen Straßen zu fahren.“ (Quelle: FIVA.org)

Die FIVA hält also mit samt ihren internen Ordnungen die Welt der Oldtimer-Liebhaber am Leben. Der Mitgliederbestand ist im Jahr 2007 bis zum Jahr 2008 um satte 33% von 750.000 auf 1 Million angestiegen. Amtierender Präsident seit 2007 ist Horst Brüning.

Kritik an der Oldtimer-Leidenschaft

Oltimer kolonneMeist ist es das Unverständnis dafür, wie man in ein „uraltes“ Fahrzeug Unsummen hineinstecken kann und wie man mit den heutigen Benzinkosten zurechtkommt. Einige kritisieren vor allem den Punkt „Sicherheit“.

Gesetzlich sollen darum jetzt alle Oldtimer mit Sicherheitsgurten ausgestattet werden. Bis 1974 war dies in Deutschland keine Pflicht.

Somit wird ein originaler Oldtimer zwangsrestauriert. Ein weiterer Kritikpunkt ist der „Umweltschutz“.Viele Oldtimer besitzen in ihrem Originalzustand nicht einmal einen Katalysator (später dazu mehr). Kritiken kommen aber nicht nur von Außenstehenden, wie Agnès Arnold weiß:

„Von den Puristen unter den Sammlern müssen sich einige Autoliebhaber sagen lassen, dass ihr restauriertes Schmuckstück nicht original ist. Dies betrifft Eigentümer von sogenannten Replikaten - z.B. von Bugatti-Modellen - die aussehen wie die originalen Fahrzeuge, aber natürlich nur nachgebaut sind. Diese Replikate wurden aber auch mit Liebe und viel Arbeit – und Kosten – fertiggestellt und kein seriöser Eigentümer gibt an, ein Original zu besitzen.“

Neben den politisch diskutierten Aspekten gibt es auch noch die Diskussionen auf der Straße. Einige Zeitgenossen können es gar nicht leiden, wenn an der Kreuzung eine Kolonne älterer Fahrzeuge vorbeifährt. Oft wird versucht, diese „lästigen“ Oldtimer an den unmöglichsten Stellen zu überholen – meist sind es dann neue Sport- oder Luxusautomobile.

Die Mehrheit der Fußgänger dreht sich dann doch mit einem Lächeln um und winkt den Fahrern der historischen Karosserien zu. Die bunten Tupfer, welche die Oldtimer auf der Straße bilden, bringen Farbe ins hektische Leben. Manch einer zieht da schnell sein Handy heraus, um ein Foto davon zumachen, bevor diese Erscheinung wie eine Wolke weiterzieht.

„Solche Eindrücke lassen den richtigen Oldtimer-Fan über eventuelle Kritiken hinwegsehen.“ (Agnès Arnold)

Studie belegt den weltweiten Wirtschaftsfaktor "Oldtimer"

Wirtschaftsfaktor oldtimerVereine, Veranstaltungen, Rallyes (u.a die Mille Miglia in Italien und das 24-Stunden-Rennen von Le Mans in Frankreich) sowie Technik- und Automobilmuseen wie in Sinsheim, Deutschland, haben in den Monaten Mai bis September Hochkonjunktur.

Jeder große Hersteller würdigt die Geschichte seines Erfolges ebenfalls, ob Mercedes-Benz in Stuttgart, Peugeotin Sochaux oder Ferrari in Modena.

Der Philosoph George Santayana meinte einmal: „Wer sich der Geschichte nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen“. Gemäß diesem Zitat werden mehrtägige, semi-militärische „Camps“ dafür eingerichtet, um frühere Bedingungen beinahe originalgetreu wieder aufleben zu lassen. Hier wird nicht Krieg gespielt – hier treffen sich aktive Geschichtsliebhaber, um Wissen auszutauschen und Freundschaften zu schließen.

Dies sind aber nur die Blätter an den weit verbreiteten Ästen am Oldtimer-Baum. Zwischen 2005 und 2006 führte die FIVA weltweit eine Studie zum Thema „Oldtimer“ durch. Das Ergebnis wurde Ende 2006 präsentiert; die wichtigsten Ober- und Unterpunkte kurz zusammengefasst:

Wirtschaftszahlen für Oldtimer

  • 3 Milliarden Euro Einnahmen am Exporthandel
  • 4,9 Milliarden Euro ließen Klubmitglieder in Versicherungen, Anschaffungen, Kraftstoff, Wartungen, Ersatzteile und Nebenprodukte wie Zeitschriften, Bücher und Kleidung fließen
  • 16 Milliarden Euro Jahresumsatz europaweit durch historische Fahrzeuge

Arbeitsmarkt für Oldtimer

  • über 55.000 Menschen der Oldtimer-Bewegung verdienen ihren Lebensunterhalt voll oder teilweise in der EU
  • 22% bilden Ausbildungsbetriebe
  • 43% der 9.000 Betriebe und Geschäfte planen innerhalb von drei Jahren Neueinstellungen
  • 67% der Leistungen werden von Firmen erbracht, die älter als 10 Jahre sind

Fahrzeuge

  • 1,95 Millionen historische Fahrzeuge gibt es in der EU
  • ca. 1,5 Millionen davon sind verkehrstauglich und zugelassen
  • 71% weisen nicht mehr als 1.500 km im Jahr als Fahrleistung auf
  • 83% aller historischen Fahrzeuge werden weniger als dreimal pro Woche genutzt

Gesellschaft und Kultur

  • 29% der Eigentümer haben ein Jahreseinkommen von weniger als 30.000 Euro
  • 49% der Eigentümer sind zwischen 41 und 60 Jahre alt
  • 78% der historischen Fahrzeuge haben einen Wert von weniger als 15.000 Euro
  • über 75 Millionen Menschen besuchen jährlich die EU-weit 700 Verkehrsmuseen

Um den Punkt der Umweltverschmutzung nochmals aufzugreifen, seien die 71% jener Fahrzeuge hervorzuheben, welche weniger als 1.500 km im Jahr zurückliegen, ebenso die 83% der Fahrzeuge, die weniger als dreimal in der Woche benutzt werden. Da Oldtimer durch Gesetze immer mehr dem Umweltschutz entgegenkommend zwangsrestauriert werden, ist die Diskussion über die Umweltverschmutzung absolut hinfällig.

Im Vergleich: In der EU gibt es 1,5 Millionen zugelassene Oldtimer, von denen 1,38 Millionen nicht mehr als 1.500 km im Jahr zurücklegen.

Laut Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) befanden sich am 1. Januar 2009 über 41 Millionen PKW auf deutschen Straßen.

Rund 150.000 mehr als ein Jahr zuvor. Dass dadurch eine viel höhere Anzahl an genutzten Stunden und somit eine immens höhere Schadstoffemission herauskommt, dürfte auf der Hand liegen.

Auch wenn man die Zahl der FIVA-Mitglieder von 2007 und 2008 miteinander vergleicht, erkennt man zwar einen Anstieg von satten 33% von 750.000 auf 1.000.000 Mitglieder, doch die „Emissionswaage“ kippt dadurch noch lange nicht.

Die Zukunft der Oldtimer

Die bereits seit Mitte des letzten Jahrhunderts abzuzeichnende Tendenz zur Wegwerfgesellschaft sollte man laut Agnès Arnold aufhalten und nicht noch unterstützen. Damit werde der Wirtschaft auch nicht dauerhaft geholfen:

„Ich wünsche mir, dass die Politiker auch ein Herz für die Geschichte ihres jeweiligen Landes haben. Was man momentan in Deutschland mit Abwrackprämien liest, ist einfach erschreckend – ähnliches passiert auch in Frankreich.“

Oldtimer motorradKönnte für die Zukunft durch die Massenverschrottung von Youngtimern, der von der hiesigen Umweltprämie betroffenen Risikogruppe von Autos, sogar nicht eine Geschichtslücke entstehen? Als Youngtimer bezeichnet man ältere Autos ab zehn bis maximal 30 Jahren, die wir alle bei ihrer Einführung und/oder Nutzung kennenlernten und die teilweise noch immer produziert werden.

Umweltprämien wurden bereits in mehreren Ländern eingeführt, u.a. in Deutschland, Frankreich, Luxemburg und Rumänien (Januar 2009), Italien (2007-2008; Neuauflage geplant), Slowakei (März 2009) und Spanien (August 2008). Die USA wollen eine Variante der Abwrackprämie für ihre Zwecke bald nutzen.

Präsident Obama will dadurch aber lediglich die „benzinhungrigsten Großkarossen“ von den US-amerikanischen Straßen nehmen. Bereits 2006 wollte Nicolas Sarkozy in Frankreich (damals noch Innenminister) alle Jeeps, Dodge, GMC & Co. aus der Militärzeit gesetzlich als „Waffen“ einstufen und per Gesetz innerhalb eines bestimmten Zeitraums aufspüren und vernichten lassen.

Vereine und Sammler haben um den historischen Wert der harmlosen Fahrzeuge gekämpft und eine „Vertagung der Polemik“ (Zitat: Agnès Arnold) gewonnen. Ein neuer Streit könnte sich – wie jederzeit auch in Deutschland – um die Erweiterungen im TÜV-Fehlerkatalog ereignen, die das Zulassen und Nutzen von historischen Fahrzeugen immer schwieriger macht.

Oldtimer reifenAb dem 1. Oktober 2009 wird stufenweise durch das ECE-Gesetz der „Einheitlichen Regelung für die Genehmigung der Reifen hinsichtlich der Rollgeräuschemissionen“ ein Standardreifen für alle Autos durchgesetzt.

Ziel ist die Verminderung von Straßenlärm. Dadurch werden alle Reifenhersteller umrüsten müssen und alte Reifenarten „verschrotten lassen“.

Obwohl die FIVA mit der EU-Kommission eine Ausnahmeregelung für die Reifen von Fahrzeugen mit dem Baujahr vor dem 1. Oktober 1990 ausgehandelt hat, sieht es für einige Youngtimer doch weiterhin schlecht aus. Nicht auszuschließen ist eine weitere stufenweise Verstärkung dieses Gesetzes in der Zukunft.

„In nicht allzu ferner Zukunft muss man befürchten, dass unsere Kinder das klassische Automobil und seine Geschichte nur noch aus Büchern und Museen kennen werden. Dies wird leider noch früh genug und ohne die heutigen Fehlmaßnahmen der Fall sein, wenn uns das Öl ausgeht. Aber darüber will kein Autofahrer jetzt nachdenken. Ich frage mich nur: Wo bleiben brauchbare Alternativen?“

Brauchbare Alternativen seien laut Nora Sell (www.alternative-autos.de) Autos, die mit Erd-, Auto- oder Biogas angetrieben werden (mit und ohne Benzinreserve). Eine ganz andere Technik stelle das Elektroauto dar. Weitere Alternativen seien Brennstoffzellen und der Hybridmotor. Egal welche Alternative es auch sein wird, die Alten müssen damit rechnen, sich teilweise den Neuen anzupassen – somit wird die Geschichte wieder lebendig und ganze Wirtschaftszweige bleiben erhalten.

Oldtimer – lukrative Nostalgie oder eine Last für die Wirtschaft? Entscheiden Sie selbst. Ein herzliches Dankeschön geht an Agnès Arnold für ihre aufschlussreichen Informationen und ihre Unterstützung und Freude an diesem Thema.

07.04.2014 © seit 06.2009 Thorsten Boose  
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