Seite 2: Wo findet man das "Ich" des Menschen?

Mathilde Ludendorff bezeichnet diese "höheren Selbstwertgefühle" als das "gottahnende Ich". Zu dessen Veränderung ist dem Menschen die Möglichkeit gegeben. Das Ich selbst kann der Antrieb zu seiner eigenen Veränderung sein.

Gerade die Veränderbarkeit des Ichs läßt die Forscher an seiner tatsächlichen Existenz zweifeln. So wird das Beispiel eines Kindes angeführt, das nach schwerstem sexuellen Mißbrauch ein zweites Ich entwickelt habe. "Manchmal, so sagt die dazugehörende Theorie, überlebt ein Kind solchen wiederholten Horror nur, wenn es seine Identität aufspaltet und mehrere Bewußtseinszentren ausbildet. Vor allem dann, wenn die engsten Bezugspersonen, häufig die Eltern, die Täter oder billigenden Mitwisser sind, kann ein Kleinkind seine Seele nur retten, wenn es fantasiert, daß nicht ihm, sondern einer anderen Person die Gewalt angetan wurde.

IchEs ist eine psychodynamisch rationale Reaktion, denn so kann das Kind seine Beziehung etwa zur Mutter aufrechterhalten, ohne wahnsinnig zu werden: Ein Kind kann nicht verstehen, daß die gleiche Person, die ihm nach all seinen Instinkten Schutz und Vertrauen schenken soll, ihm schwersten Schaden zufügt. Dabei geht es nicht um vorübergehende Fantasien. Viele Psychotraumatologen nehmen an, daß auf diese Art tatsächlich in einem Hirn zwei oder viele autonome Selbste mit unterschiedlichen Charakterzügen und Erinnerungen entstehen können, die noch nicht einmal voneinander wissen müssen." (Siefer/Weber, a. a. O., S. 31)

Schizophrene bemerken kurz vor Ausbruch ihrer Krankheit, daß sie "noch reflektieren können und Ich-Bewußtsein haben. Sie merken aber, wie es ihnen langsam abhanden kommt." Gerade diese Selbstbeobachtung, diese "tiefere Einsicht in die Konstruiertheit des Ichs" - so die "erschreckende These" -, "treibt Menschen in den Wahnsinn. Das Erwachen der Vernunft gebiert Ungeheuer" in solchem Falle. Da drängt sich die Frage auf: "Wie ist es juristisch zu werten, wenn die psychiatrischen Gutachter in einem neuerlichen Mordfall tatsächlich einem Neben-Ich die Schuld zuschieben? Muß man dann die ganze Ich-Schar einsperren? ... Wir müssen uns dringend eine Frage stellen: Wieso haben wir dann überhaupt ein Ich?" (ebd., S. 29-31) Eine kluge Frage!

Die Logik der Logiker

Doch als Antworten entdecken wir in dem Buch weit und breit ausschließlich Hinweise auf Nützlichkeit. Wenn sich das Ich also krankhaft aufspalten kann, welchen Nutzen soll es dann haben, wird gefragt. Sind die Tiere und Pflanzen ohne Ich-Bewußtsein nicht viel besser dran? Dieses allein von der Vernunft geleitete, im Diesseits verhaftete darwinsche Nützlichkeitsdenken hat sich bis in den heutigen Wissenschaftsbetrieb erhalten und ist trotz seiner Hilflosigkeit gegenüber den inneren Zusammenhängen der Welt allein anerkannt: Das Nützliche werde ausgelesen, Nicht-Nützliches ausgemerzt. Nach Popper probiert die Evolution aus und verwirft wieder nach dem "Prinzip Versuch und Irrtum". (Karl R. Popper, Alles Leben ist Problemlösen, 1994)

So beantwortet der Philosoph Metzinger die Frage, "warum im Laufe der Evolution das Selbstbewußtsein überhaupt erfunden wurde", folgerichtig mit der Vermutung, "daß es gleichsam eine Waffe war, die im Verlauf des kognitiven Wettkampfs halbwegs vernunftbegabter Affen in die Welt kam und im Lauf der Zeit immer mehr optimiert wurde". (Siefer/Weber, a. a. O., S. 262)

Erstaunlich ist, daß der Mann nicht auf den Gedanken kommt das männliche Waffen- und Wettkampfdenken allmählich mal zu hinterfragen, das seit Darwin der Schöpfungsgeschichte gegenüber unaufhörlich in Mode ist. "Wenn es das Selbstbewußtsein gibt, dann wird dieses schon irgendeinen Sinn für den Fortbestand der Art haben. Welchen nachweislichen Vorteil selbstbewußte Lebewesen gegenüber anderen haben, ist nicht klar belegbar, ebenso wenig wie der Zeitpunkt festzulegen ist, an dem es in die Welt trat" (ebd.), grübeln auch die Autoren Siefer und Weber. In ihrem angeblich sinnlosen Weltall gibt es nur einen Sinn, nämlich den, daß Lebewesen Nützliches für den Wettkampf ums Dasein erwerben und ausfeilen. Doch welchen Sinn soll dieser "Sinn" haben?

KampfNach ihrer Logik gilt bei den Logikern folgerichtig eine Fähigkeit als sinnlos, wenn sie in ihr keinen Nutzen fürs Überleben der jeweiligen Art erkennen können. Auf andere Antriebe in der Schöpfung kommen sie nicht bzw. lehnen darüber Hinausgehendes als Spinnerei ab. Dabei bemerken sie nicht, daß auch ihre Nützlichkeitsthese nichts als eine unbewiesene Annahme darstellt. Für diese Vernünftler ist Evolution "ein blinder Prozeß, etwas, was einfach nur passiert. Die Evolution ist keine Macht im eigentlichen Sinne, ein Wille etwa, der mit Bewußtsein verbunden ist" - nach dieser Art, die Welt anzuschauen, ist aber auch wohl überhaupt kein Wille im Sinne Arthur Schopenhauers und Mathilde Ludendorffs.

Es ist nicht zu erwarten, daß die Logiker bei ihren Erforschungen der Naturerscheinungen darin erfolgreich sein werden, einen Sinn des Weltalls und dessen Werdeganges bis hin zum Ich des Menschen zu finden. Wenn sie wenigstens Kants "Kritik der reinen Vernunft" zur Kenntnis nehmen und verstehen würden, dann würden sie bei genügend starkem Wahrheitswillen - und gerade den kann ihnen niemand absprechen - zumindest den Vernunftsübergriff unterlassen, uns Menschen als "wechselnde Muster in einem sinnlosen Universum" (Metzinger, zit. ebd., S. 285) zu bezeichnen, nur weil Sinn und Seele nicht Erscheinung und damit nicht meßbar sind.

Der Vernunft wird es ein ewig verschlossenes Rätsel bleiben, auf welche Weise das Ich der Menschenseele mit dem Gehirn zusammenwirkt und wie es dazu kommt, sich zu entfalten und damit das Gehirn umzugestalten. Gerade diese Vorgänge verschließen sich auch bewußtem, vernunftgeborenem Wollen. Sie können nicht verursacht werden, sondern vollziehen sich spontan wie alles schöpferische Geschehen.

Ein "Philosoph", der sich allein dem Vernunfterkennen verschreibt, trägt daher seine Berufsbezeichnung "Philo-Soph", das heißt "Freund der Sophia", der Göttin Weisheit, zu Unrecht. Doch immerhin stellt Metzinger in einem Gespräch fest, und seine Sprache ist nun auch zu verstehen: "Die Wissenschaftler werden belohnt, wenn sie alles kaputtmachen. Aber wir müssen uns auch fragen: Wer räumt eigentlich hinterher auf?" (ebd., S. 292)

Das Ich als Tatsache längst erkannt

"Bewußtheit bedingt Erscheinung", das ist seit 80 Jahren klar, seit Mathilde Ludendorff ihr einzig dastehendes Werk "Schöpfunggeschichte" veröffentlicht hat. (Mathilde Ludendorff, Schöpfunggeschichte (Erstauflage 1923), Pähl 1954) Ohne Gehirn ist augenscheinlich das Sein einer Einzelseele mit ihrem Ich-Bewußtsein nicht möglich. Sie erlischt mit dem Tod des Leibes. Einen Sinn in allem zu erkennen, erfordert ein Sich-Aufschließen des Ichs dafür. Solange das Ich eines Forschers oder eines sogenannten Philosophen sich dazu nicht herbeiläßt und seine Vernunft nicht in ihre naturgegebenen Schranken weist, werden zu alten Irrtümern neue gehäuft werden, mag die Naturwissenschaft auch noch so tief in die letzten Feinheiten der Materie vordringen.

Was in der Psychologie und Philosophie Mathilde Ludendorffs seit Jahrzehnten an klaren Erkenntnissen über seelische Vorgänge und deren Sinn vorliegt, ist bisher nicht widerlegt worden. Es gibt den Wunsch zum Guten, es gibt den Wahrheitswillen und die Freude am Schönen, es gibt die Mutterliebe und den göttlichen Stolz, die Menschenwürde, die Erhabenheit über Nützlichkeits- und Vorteilsdenken, und es gibt das Anwachsen all dieses seelischen Erlebens und Könnens im Ich, wenn dieses sich dafür aufschließt und sich dabei entfaltet, und es gibt auch das Gegenteil, das frei gewählte Absterben der Aufmerksamkeit und der Liebe für alles Hohe.

"Somit unterscheidet sich das "Ich" der verschiedenen Menschen so sehr, daß es uns ganz widersinnig erscheint, ihnen den gleichen Namen zu geben und zu wähnen, sie könnten einander verstehen." (Mathilde Ludendorff, Des Menschen Seele, a. a. O., S. 99) Dies alles ist Wirklichkeit, auch wenn es in der Erscheinung nicht verfolgt werden kann, weil es sich dem Auge der Vernunft entzieht.

Mathilde Ludendorff erkannte: "Das Ich als einzige Stätte der Freiheit im All"

"Seit unermeßlichen Zeiten schritt das Werden der Schöpfung
Still und feierlich dem fernen, hehren Ziele der Freiheit entgegen! ...
Und endlich, in dem Erfüller des Schöpfungzieles, dem Menschen,
Erwacht dann der Schöpfer dieser gewordenen Seele, das Ich,
Und wie ein Ahnen ist diesem Ich ein göttliches Leben geschenkt.
Es kennt dieses Ich ... Zeiten der Feier der Seele ...
Es sind die Stunden dem göttlichen Leben geweihter Ruhe;
Da schweiget Lustsehnen, Leidangst und schweiget ererbtes Wollen.
In solchen Stunden wählt dann das Ich, ursachlos wie Gott selbst,
Das Göttliche, steigt auf in Gottnähe oder schafft sich Gotteinklang ...
Oder aber das Ich verwertet die Stunde der Ruhe zur Selbstverkümmerung." (ebd., S. 46-47)

Mag der Sitz des Ichs den Nur-Logikern auch unauffindbar bleiben - das Ich ist erlebbar, und somit ist es.

06.08.2019 © seit 03.2006 Heidrun Beißwenger
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