Seite 5: Vom Untergang der Ontologie und Aufstieg des systemischen Denkens

Das Paradox der Beobachtung

Als letzten Beitrag will ich hier noch einige Grundüberlegungen Luhmanns zu dem Paradox des Beobachtens anfügen, welches durch das Beobachten selbst erzeugt wird.

Das Beobachten produziert eine Unterscheidung, indem es eine Unterscheidung anwendet. Dabei kann die Beobachtung nur eine Seite der Unterscheidung in den Blick bringen. Sie aktualisiert in einem Zuge eine Zweiheit als Einheit. Würde die Beobachtung beide Seiten benutzen wollen, würde sie damit gleichsam die Unterscheidung selbst und damit die Beobachtung annullieren - quasi zwischen zwei unvereinbaren Werten oszillieren.

Durch die gezielte Vernetzung von Beobachtungen wird Selbstbeobachtung möglich - und damit die Möglichkeit der Systembildung - was die Zeitlichkeit des Geschehens strukturiert.

Damit ein Beobachter beide Seiten einer Unterscheidung sehen kann, muß er zum Wechseln der Grenzen Zeit verbrauchen. Er entfaltet die Paradoxie in ein Vorher/Nachher und eben diese Fähigkeit macht ihn zum Beobachter.

Beobachten ist immer doppeltdifferenziell, indem es eine Unterscheidung benutzt und sich im Operationsmoment selbst von dieser Unterscheidung unterscheidet. Doppeltdifferenziell in dem Sinne: Eine Beobachtung führt eine Differenz in die Welt ein (erste Operation). Gleichzeitig entscheidet sie sich für eine Seite der Differenz (zweite Operation), den sie als Beobachtetes bezeichnet und damit fixiert. Es handelt sich bei diesen beiden Operationen um eine Operation (Einheit der Zweiheit).
Diese Paradoxie wohnt in der Beobachtung selbst inne und kann nicht vermieden werden. Daher geht Luhmann davon aus, daß wir dieses Paradox als "Letztformel" bzw. als unhintergehbare Voraussetzung akzeptieren müssen.

Wenn die Paradoxie nicht entparadoxiert wird, dann ist ein Beobachter unfähig seine Operationen fortzusetzen. Wenn etwas sich zugleich auch als sein Gegenteil darstellt, kann nicht weiter angeschlossen werden - ewige Verdammnis ewigen Oszillierens - bzw. letzlich Auflösung des Systems. Damit also keine Blockaden entstehen, müssen Paradoxien unsichtbar gemacht werden.

Was bedeutet eigentlich das Entparadoxieren?

Es bedeutet zunächst nicht, dasjenige, welches invisibilisiert wird - die Paradoxe Ausgangssituation - zu eliminieren. Es wird keine logische Weltbereinigung dabei erzielt, sondern der Aufbau kognitiver Komplexität, Möglichkeiten der Anschlußfähigkeit zu aktualisieren und damit erst die Möglichkeit, dass Systeme überhaupt entstehen können.

Welche Möglichkeiten stehen zur Verfügung?

  1. Die Konstruktion von Zeit, d.h. das Konstruieren eines Nacheinander ist solch eine Möglichkeit. Indem sich für eine Seite entschieden wird und die andere (für ein nachher) offen gehalten wird, kann an die fixierte Seite angeschlossen werden und damit die "Gleichzeitigkeit allen Operierens" unsichtbar gemacht. Das "alles-auf-einmal" wird in ein: "zuerst-dies-dann-das" überführt und damit entparadoxiert. Diese Konstruktion von Zeit in ein Vorher-Nachher-Verhältnis dürfte der Grund sein, warum wir damit gleichermaßen das Schema von Ursache-Wirkung konstruieren.

  2. Eine zweite Möglichkeit zu Entparadoxieren, welche auch mit der Konstruktion Zeit zusammenhängt ist die Objektkonstruktion. Der Beobachter erster Ordnung konzentriert sich auf das Bezeichnen und kreiert das, was als seiend erfahren werden kann (fraglos).

    BeobachterDer Beobachter zweiter Ordnung sieht, wie Objekte entstehen und er sieht weiter, daß Objekte nicht fraglos gegeben sind, sondern zum einen konstruiert, zum anderen eine Strategie des Beobachters darstellen, mit Hilfe deren er Stabilität und Dauer in den Alltag hineinbekommt, eine sog. Überwindung der Flüchtigkeit von Operationen. Ohne Zeit- und Objektkonstruktion, wäre eine Strukturbildung (und Hierarchisierung) und damit Beeinflussung nicht möglich, sondern nur Strukturlosigkeit und Unbeeinflußbarkeit (wegen der Gleichzeitigkeit aller Operationen).

    Durch diese beiden Strategien ist Kreativität und Einflußnahme auf unser Leben erst möglich. Und genau dies leistet die Beobachtung.
    Beide Strategien gehören zusammen, denn wenn eine der beiden Seiten einer Unterscheidung bezeichnet wird, dann wird ein Etwas konstituiert, womit das Operieren sowohl zeitlich, als auch sachlich hierarchisiert wird und damit entparadoxiert: erst dies, dann das; erst dies, dann das.

  3. Es gibt eine dritte Art der Entparadoxierung jenes Grundmechanismus (also Beobachtung), über den die Welt aufgebaut wird : das Soziale.

    KommunikationKonstitutiv für das Soziale ist, dass wir die Welt mit Anderen teilen (alteuropäisch ausgedrückt), d.h. dass wir mit anderen Alter Egos die Welt teilen.
    Die Unmöglichkeit, daß sich Bewußtseinssysteme direkt irritieren können ist ausgeschlossen, deshalb kristallisiert sich ein eigener Bereich heraus: Kommunikation.
    Damit wird die Situation: sich-nicht-verstehen-können, aber sich-verstehen-müssen, entschärft. Das kommunikative Beobachten ist ebenfalls paradox konstituiert und wird entsprechend durch die Unterscheidung: Mitteilung und Information entparadoxiert. Nur dadurch entstanden wiederum Identitäten, alteuropäisch formuliert: Alter Ego und Subjekt. Nur wenn Ego versteht, daß eine Mitteilung an ihn gerichtet wird, kann er konstruieren, daß da jemand anderer ist, der Mitteilende. Durch die Unterstellung eines Alter Egos, kann Verständigung konstruiert werden.

Es gibt eine Bewährung der Kognition selbst. Es muß immer schon ein Handeln oder ein Gedachtes gegeben haben, bevor nach-gedacht werden kann. Der Operation ist nicht zu entgehen. Erst im nachhinein können wir sehen, was die Operation in der Welt bewirkt.

Die Theorie und alles Geschehen findet innerhalb von Gesellschaft statt. Luhmann will an die Wurzel - die Leitdifferenz selbst bearbeiten. System/Umwelt ist eine logisch reflexiv gebaute Unterscheidung, die einen Wiedereintritt erlaubt. Über den Wiedereintritt in das Systemgeschehen, wird die Beobachtung reflektierbar - womit auch das Paradox der Unterscheidung bearbeitbar wird.

Es wird am Ende dieses Reflektionsprozesses keine Einheit geben, sondern immer mehr verschiedene Differenzen. Unsere neue Welt, wird eine Welt der Unterschiede sein, die aus sich heraus immer mehr Unterschiede produziert und damit immer komplexer wird. Der neue Mensch wird ein komplexerer und ständig lernender Mensch werden müssen, damit er die Komplexität seiner Umwelt erfolgreich verarbeiten kann. Zudem wird der neue Mensch lernen müssen, sich selbst zu gestalten bzw. seinem Leben einen eigenen Sinn zu geben - einen eigenen Wahren Willen zu entdecken und zu leben. Er wird bereit sein müssen das Erbe der Götter anzutreten, denn mit dem Ende des ontologischen Denkens sterben auch die alten Götter.

06.08.2019 © seit 10.2005 Tony Kühn  
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