Seite 4: Vom Untergang der Ontologie und Aufstieg des systemischen Denkens

Kommunikation bezeichnet Luhmann als die dreifache Selektion von Information, Mitteilung und Verstehen, die zu einer Einheit verknüpft werden, an die eine weitere Kommunikation anschließen kann. Der einzelne Kommunikationsakt ist mit dem Verstehen/Nicht-Verstehen abgeschlossen. Kommunikationsangebote können angenommen und abgelehnt werden. Durch die Möglichkeit des Annehmens/ Ablehnens ergibt sich zugleich die Möglichkeit, daß die Kommunikation anschlußfähig bleibt.

Die Unterscheidung zwischen Information und Mitteilung ist die Bedingung der Möglichkeit, daß nicht nur Laute ausgetauscht, sondern kommunikative Äußerungen als solche wahrgenommen werden. Beobachtet ein möglicher Teilnehmer einer Kommunikation diese für sich nicht als Angebot von Information, Mitteilung und Verstehen, bleibt die Kommunikation wirkungslos.

Soziales SystemKommunikation ist ein selbstreferentieller Prozeß - die Kommunikation kontrolliert Verstehensmöglichkeiten und Verstehenskontrollen und generiert die dafür nötigen Elemente aus sich selbst heraus. Dafür sind psychische Systeme als Umwelten notwendig, damit ein soziales System entstehen kann.

Psychische Systeme und soziale Systeme sind insofern verschieden, weil sie mit unterschiedlichen Elementen operieren - psychische Systeme operieren mit Gedanken und soziale Systeme mit Kommunikation. Ihre Getrenntheit beruht auf dem Umstand, daß sie als rekursive Netzwerke unterschiedliche Operationen ausführen, über die sie sich identifizieren bzw. reproduzieren - wobei sich ihre Operationen nicht überlappen.

Wie man aus dem bisher gesagten unschwer erkennen kann, benötigt Luhmann für seine Systemtheorie weder ein Subjekt noch Objekte, sondern konstruiert seine Theorie ausschließlich mit der System/ Umwelt-Differenz. Das formgebende Element der Systemtheorie ist somit die Operation der Unterscheidung. Sehen wir uns nun näher an, was Luhmann unter einer Unterscheidung versteht.

Eine Unterscheidung bildet eine Form im Formlosen, die sich dadurch kennzeichnet, daß sie eine "Innenseite" und eine (unsichtbare) "Außenseite" erzeugt. Sobald diese Form bezeichnet wird, wird sie zu dem, was Luhmann "Beobachtung" nennt. Als Operation kann man beim Beobachten nicht bewußt zwischen Unterscheiden und Bezeichnen trennen, da in der Beobachtung quasi beides gleichzeitig zusammenkommt. Aber durch die Beobachtung unserer Beobachtung - also Beobachtung zweiter Ordnung (man könnte es vielleicht auch Selbstreflektion nennen) können wir die Konstituenten der Beobachtung erkennen.

Um also zu einem neuen Denken oder Weltverständnis zu gelangen, gehen wir im weiteren nicht mehr von einer Einheit - als Konstruktionsprinzip von Welt - sondern von Differenzen aus. Luhmann formulierte es folgendermaßen ...:

"Entscheide, mit welcher grundlegenden Differenz du beginnen willst. Ist ein derartiger Anfang gesetzt, gilt es weiterhin zu beachten, daß die Anfangsunterscheidung "wiedereintrittsfähig" gebildet wird - also intern weiter bearbeitbar bleibt." (Luhmann)

DifferenzEine Differenz hat mindestens zwei Seiten, um für uns sichtbar zu werden (bzw. um überhaupt zwischen Etwas und etwas Anderen einen Unterschied zu bilden), wobei wir immer nur eine Seite des Unterschieds wahrnehmen. Durch das Bezeichnen einer Seite des Unterschieds erzeugen wir eine Beobachtung - z.B. ein System. In anderen Worten - wenn wir zwischen System und Umwelt unterscheiden, müssen wir eine der beiden Seiten des Unterschieds wählen - sprich wir können nicht beides gleichzeitig beobachten. Haben wir eine Seite dieser Differenz gewählt, so wird die andere Seite für uns "unsichtbar".

Das Beobachten gewährleistet die Anschlußfähigkeit der systeminternen Operationen. Damit wird in den Prozess eine "Gestalt" eingeführt. Operativ handhabbar wird eine Unterscheidung dadurch, daß eine Seite naturgemäß ausgezeichnet ist. Durch die Identifikation mit einer Seite der Unterscheidung kann sie an weitere Operationen angeschlossen werden. In anderen Worten - die Beobachtung, d.h. den operativen Vollzug einer Unterscheidung durch Bezeichnung, macht Anschlußfähigkeit überhaupt erst möglich.

Beobachtung muß somit als eine Operation verstanden werden, die Identitäten generiert. Das Beobachten ist ein Autopoietischer Vorgang - Beobachtung werden aneinander angeschlossen - sonst wäre die Operation des Beobachtens wirkungslos. Somit ist der Beobachter immer ein System! Sowohl psychische Systeme also auch soziale Systeme sind "sinnproduzierende Systeme."

Die Systemgrenzen werden von deren Sinnkonstruktion - als Anschlußmöglichkeiten - begründet. Sinn reduziert damit einerseits die Komplexität und erhält sie andererseits. Sinnhaftes operieren ist immer eine Selektion, die verhindert, daß systeminterne Möglichkeiten vernichtet werden.

Sinn artikuliert sich in einer grundlegenden Differenzerfahrung - die Differenz von Aktualem und - aufgrund dieser einschränkenden Voraussetzung - künftig Möglichem. Sinn erlebt sich immer im Verweisungshorizont von anderen Möglichkeiten. Sinn zwingt sich somit selbst zum Wechsel, d.h. der Aktualitätskern bedarf aufgrund der Verweisungsstruktur immer anderen und neuen Möglichkeiten, um weiter sein zu können. Sinn bedarf des Prozesses, da der Aktualitätskern ständig zerfällt. Sinn erzeugt Information. Sinn ist das Medium um Formen hervorzubringen und kann ebenfalls subjektfrei konzipiert werden.

Beobachtung zweiter Ordnung bezeichnet bei Luhmann das "Beobachten des Beobachtens." In diesem Fall beobachtet der Beobachter mit einer zweiten Operation – die zeitlich versetzt ist – die zurückliegende Beobachteroperation. Aber auch die Beobachtung zweiter Ordnung kann sich nicht selbst beobachten. Man könnte sagen, daß die Beobachtung zweiter Ordnung in Bezug auf ihre eigene Unterscheidung somit eine Beobachtung erster Ordnung ist. Diese ermöglicht reflexive Einsichten für die eigene Beobachtung. Diese Form der "Erkenntnis" hat einen Als-Ob-Charakter.

Dieser Beobachtungsbegriff beinhaltet einige nennenswerte Implikationen.

  1. Nicht nur sinnverarbeitende Systeme können beobachten, sondern auch autopoietische Systeme – z.B. kann ein Thermostat die Temperaturabweichungen unterscheiden und die Temperaturabweichung bezeichnen.

  2. Die Beobachtung ist eine systeminterne Operation. Beobachtung ist somit immer eine Konstruktion eines Systems – genauer – eine operativ hergestellte Konstruktion eines Systems. Die Beobachtung kann nur sehen, was sie mit Hilfe der Unterscheidung sehen kann, sie kann nicht sehen, was sie mit dieser Unterscheidung nicht sehen kann. Folglich gibt es jeweils mehr als eine Entscheidungsmöglichkeit, mit der man etwas beobachten kann.

  3. Keine Beobachtung kann im Moment des Beobachtens, sich selbst beobachten. Jede Beobachtung nutzt folglich die eigene Unterscheidung als ihren blinden Fleck.

  4. Auch die Beobachtung zweiter Ordnung ist an die eigenen Unterscheidungen gebunden und produziert somit ihre eigenen blinden Flecke. Aber – ein Beobachter zweiter Ordnung kann zumindest sehen, daß er nicht sehen kann, was er nicht sieht.

  5. Die Beobachtung zweiter Ordnung führt zu einem radikal gewandelten Welt-, Seins- und Realitätsverständnis. Damit entfällt die "wahre" Sicht der Dinge. Aus der Sicht eines Beobachters erster Ordnung scheint die Sichtweise eines Beobachters zweiter Ordnung vollkommen beliebig. Beliebig ist sie jedoch schon deshalb nicht, da sich jede Gesellschaft fragen muß, ob sie Beobachterperspektiven zweiter Ordnung überhaupt zuläßt.

  6. Innerhalb eines sozialen Systems kommt der Begriff der Paradoxie ein wichtiger Stellenwert hinzu. Paradoxe Aussagen oszillieren zwischen zwei Werten, ohne daß eine eindeutige Aussage gefunden werden kann. Jede Beobachtung – die Vollständigkeit beansprucht, verstrickt sich, sobald sie sich selbstrefferentiell miteinbezieht, in eine Paradoxie. Normalerweise wird diese Paradoxie einfach ausgeblendet.
06.08.2019 © seit 10.2005 Tony Kühn  
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