Seite 3: Vom Untergang der Ontologie und Aufstieg des systemischen Denkens

Luhmanns - Theorie

... oder die Grundlagen des neueuropäischen Denkens

So sehr diese Kritik an den Grundlagen unseres Seinsverständnis rüttelt, so nötig mag uns ein neuer Ansatz erscheinen, der das Denken und die Erkenntnisfähigkeit des Menschen wieder auf eine tragfestere Basis stellt. Beginnen wir mit der Grundkonstruktion, die Luhman von Maturana entliehen hat.

NervensystemMaturana beobachtete das Nervensystem unter der Leitdifferenz von System und Umwelt. Lebendige Systeme (Organismen) bezeichnete er als "autopoietische Systeme", d.h. das System hat die Fähigkeit sich selbst zu erzeugen und zu erhalten. Weiterhin arbeiten autopoietische Systeme selbstrefferentiell, d.h. sie verarbeiten nur - und ausschließlich - systeminterne Operationen, mit Hilfe derer eine Umwelt projeziert wird. Die Umwelt dringt somit nicht über die Sinne in den Verstand, sondern wir konstruieren die Umwelt zuerst in "unserem Kopf" und projezieren sie anschließend nach "Außen".

Weiter sagt Maturana, daß lebendige System operational geschlossen und energetisch offen sind. Energetisch offen, da ein Energieaustausch zwischen dem System und Umwelt - z.B. über Nahrung und Wärme - etc. stattfinden kann.

Autopoietische Systeme sind hochspezialisiert und weisen eine "strukturelle Kopplung" mit ihrer Umwelt auf. Strukturell gekoppelt meint, daß das System eine spezifische Beziehung zwischen sich selbst und der Umwelt herstellen kann - man denke an das Beispiel des Mikrofons in dem U-Boot. Strukturell gekoppelte Systeme sind aufeinander angewiesen, d.h. das autopoietische System - oder der lebende Organismus - ist nicht autark bezüglich seiner Umwelt - sondern operiert nur autonom. Die strukturelle Kopplung erlaubt es dem System sich von seiner Umwelt "irritieren" zu lassen - was es aus dieser Irritation macht, wird jedoch systemintern entschieden.

Ein autopoietisches System muß sich in der Evolution bewähren, damit es sich weiter reproduzieren kann, was besagt, daß die strukturelle Kopplung des Systems mit seiner so gut funktionieren muß, das es Irritationen liefert, die das System für die Aufrechterhaltung seiner eigenen Operationen benötigt. Ist die strukturelle Kopplung oder Anpassungsfähigkeit des Systems an seine Umwelt zu speziell, wird es bei größeren Veränderungen der Umwelt sterben.

System UmweltJedes autopoietische System kann zwischen sich selbst und seiner Umwelt unterscheiden - Selbst- und Fremdreferenz. Dies trifft selbst auf eine Amöbe zu, die sich - z.B. bei der Nahrungsaufnahme - nicht selbst frißt, sondern "äußere" Nahrungsquellen verarbeitet. Luhmann sagt daher zurecht, daß organische autopoietische Systeme "Einrichtungen des Körpers zur Selbstbeobachtung" sind.

Doch damit nicht genung: Luhmann greift den Grundgedanken Maturanas - als Leitdifferenz der Beobachtung zwischen System und Umwelt zu unterscheiden - auf und sucht nach weiteren Systemen, die ebenfalls autopoietisch operieren. Die typische Frage des systemischen Denkens ist die "Wie-geschieht-X?-Frage".

Hierbei entdeckt er zwei weitere Systeme, die nach demselben Prinzip funktionieren, wie der Organismus - das psychische System und soziale System (Gesellschaft).

Was können wir uns unter dem Etikett "Psychische Systeme" vorstellen? Grob gesagt ist ein psychisches System unsere "Innenwelt" - also unsere Gedanken und Vorstellungen. Es ist insofern ebenso ein autopoietisches System, da es seine Operationen selbst erzeugt und erhält. Es ist ebenso operativ geschlossen, da eigene Gedanken nur weitere eigene Gedanken prozessieren können bzw. es keine "Schnittstelle" (Gedanken oder Informationsübertragung) zwischen dem System und seiner Umwelt gibt.

Auf die Frage, wie Systeme ihre Operationen anschlußfähig gestalten gibt Luhman zwei Anregungen. Zum Einen nennt er die Elemente der Operationen eines autopoietischen Systems "Beobachtungen", zum Anderen werden diese Beobachtungen über eine interne Sinnkonstruktion miteinander verbunden. Was ist damit gesagt?

Unter "Sinn" versteht Luhmann die Differenz zwischen Aktualtität und Possibilität - also den Unterschied zwischen dem aktualen Erleben und den daraus resultierenden Möglichkeiten. Unter Beobachten versteht Luhmann eine Operation des Unterscheidens und Bezeichnens.

Das zweite autopoietische System, welches Luhmann hinzufügt, nennt er das soziale System oder Gesellschaft. Im Gegensatz zum psychsischen System operiert das soziale System nicht mit Gedanken sondern mit Kommunikation. Oder anders - ein soziales System entsteht durch Kommunikation und zerfällt, sobald diese ausgesetzt wird. Luhmann unterscheidet hier:

  • Interaktionsssysteme - Kommen immer dann zustande, wenn Anwesende zusammen treffen und kommunizieren. (Beispiel: Eine zufällige Begegnung mit einem Bekannten in der Stadt.)
  • Organisationssysteme - Soziale System, die so organisiert sind, daß eine "Mitgliedschaft" an bestimmte Bedingungen geknüpft ist. (Familie, Verein, Arbeitsplatz)
  • Gesellschaftsysteme - Quasi das "Oberste Soziale System, welches alle Interaktions- und Organisationssysteme umfaßt.

Auch das soziale System agiert selbstrefferentiell, da hier nur systemeigene Operationen - in diesem Fall Kommunikation - berücksichtigt werden. Es ist ebenso operativ geschlossen, da Kommunikation nur Kommunikation erzeugen und erhalten kann. Psychische Systeme sind in diesem Fall für das soziale System nur "Umwelt", denn für die Kommunikation spielt es keine Rolle, was ein einzelnes psychisches System denkt.

06.08.2019 © seit 10.2005 Tony Kühn  
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