Seite 2: Vom Untergang der Ontologie und Aufstieg des systemischen Denkens

Problematiken des alteuropäischen oder ontologischen Denkens

Beginnen wir mit der Kritik am Identitätskonzept des alteuropäischen Denkens, die Gotthard Günther formulierte. Er stellt hierbei die Frage, wie wir uns - als Subjekte - einer objektiven Erkenntnis der Dinge versichern können. Dies ist insofern problematisch, als es kein "einheitliches" Subjekt gibt, sondern nur eine Vielzahl von ontologischen "Ich-Zentren", die in ihrem "Erkennen der Welt" Beschreibungen liefern, die nicht zur Deckung gebracht werden können.

Es gibt zum Zweiten keine Regel (oder Naturgesetz), welche garantieren kann, daß diese unzähligen "Ich-Zentren" (in ihren unterschiedlichen Erleben/ Perspektiven) eine objektive oder allgemeingültige Beschreibung der Realität überhaupt zustande bringen können. Damit ist für Gotthard Günther die Vision einer letztendlich Wahrheit, die allen Dingen innewohnt bzw. von einem "Supersubjekt" entdeckt werden kann, eine Illusion.

Zudem ist auch die Einteilung der Welt in Subjekte und Objekte problematisch, da sich aus dieser Konstruktion einige - für das zweiwertige Denken - unlösbare Paradoxien ergeben.

Ein Beispiel: Einerseits soll man sich das Subjekt als von der Welt getrennt denken - denn erst diese Gegenüberstellung der Welt gewährleistet, daß das Subjekt - die ihm gegenüberliegende Welt - erkennen und beschreiben kann. Hieraus ergibt sich das Paradox, daß das Subjekt einerseits ein Teil der Welt ist und andererseits eben diese "von Außen" betrachten soll.

In anderen Worten: Der Mensch und sein Erkennen muß einerseits von der übrigen Welt getrennt sein, das Subjekt (als Teil des Ganzen) muß andererseits zugleich innerhalb und außerhalb des Ganzen gedacht werden.

Adorno meint hierzu: "Das Ich muß sich seiner objektiven Möglichkeiten versichern, wenn es sich selbst erfassen will und doch erkennen, daß es im Objekt (hier Objekt als Konstrukt des Ichs) immer nur sich selbst wiederfindet."

Kant: "Das Objekt ist ein Konstrukt des Subjekts, daß das Subjekt in eine Realität, die es jenseits seiner Erlebniswelt vermutet, hineinprojeziert."

Nimmt man diese Einwände ernst, so beginnt der - vormals so sicher wirkende - Aufbau des alteuropäischen Denkens bereits schwer zu wanken.

Aber gehen wir weiter in der Kritik des ontologischen Denkens. Der nächste gewichtige Einwand wurde von dem Physiker Heisenberg - in seiner bekannten "Heisenbergschen Unschärferelation" - formuliert. Die Ergebnisse seiner quantenmechanischen Forschungen untergraben gleich mehrere Fundamente des ontologischen Denkens. Er untersuchte hierbei, welche die Eigenschaften und Wirkungsweisen den kleinsten Teilchen zu eigen sind.

In einfachen Worten zusammengefaßt besagt die "Heisenbergsche Unschärferelation":

"Die physikalischen Größen von Ort und Impuls eines Teilchens können nicht gleichzeitig gemessen werden. Wird der Ort gemessen, wird der Impuls unscharf - wird der Impuls gemessen, wird der Ort unbestimmbar. Ort und Impuls ist komplementär."

Daraus folgt: Was man als Beobachter erkennt, hängt davon ab, wie und wo man hinsieht - es gibt damit also keine "objektive" Beobachtungsmöglichkeit von Phänomenen.

Weiterhin sagt Heisenberg, daß die kleinsten Teilchen keine existierenden Dinge, sondern eher Möglichkeiten oder "eine Tendenz zum Sein" sind. Wir stehen damit als "Subjekte" keiner Welt mehr gegenüber, die man objektiv erkennen kann, sondern können letztlich nur sagen, daß das, was wir beobachten davon abhängt, wie wir beobachten.

Weiterhin gibt es nach diesen Erkenntnissen keine letztendliche Einheit in der Realität mehr - wie es sich noch die Atomisten (Atome sind die kleinsten Bauteilchen, aus denen die gesamte materielle Realität aufgebaut ist) vorgestellt haben. Im Bereich der Quanten haben wir keine Entitäten, sondern nur Wahrscheinlichkeiten, die sich - je nachdem wie wir sie beobachten - verändern.

Der letzte Kritikpunkt den ich hier anführen möchte kommt von Humberto Maturana und Valera - ihres Zeichens Biologen, die erstaunliche Ergebnisse zu diesem Thema (genauer zu der Funktion unseres Nervensystems) beigesteuert haben. Zunächst ging es in der Forschungsarbeit der beiden Biologen darum herauszufinden, wie das menschliche Nervensystem "äußere Reize" verarbeitet. Dabei kamen Sie zu der Erkenntnis, daß das Nervensystem sich als ein in sich geschlossenes System beschreiben läßt, daß nur (selbstreferentiell) systeminterne Operationen wahrnimmt und verarbeitet.

Wie kann man sich das vorstellen? Hierzu ein Beispiel:

Stellen Sie sich vor, in einem U-Boot zu sitzen, welches völlig von der Außenwelt abgeschottet ist. Sie können nun verschiedene Apparaturen in dieses U-Boot installieren - z.B. ein Mikrofon - um festzustellen, wie es mit der Umwelt um sie herum bestellt ist. Wenn Sie nun mit dem Mikrofon bestimmte Töne hörbar machen, stellt dieses "Hören" keinen "Austausch" mit der Umwelt dar, sondern das Mikrofon (Verstärker, Boxen etc.) rechnet selbst konstruierte Impulse als Darstellungen eines unbekannten Außen um. Damit "hören" Sie nicht was draußen wirklich ist, sondern nehmen nur die von ihnen produzierten und verarbeiteten Daten wahr und "projezieren" diese quasi nach "Außen".

Dies als Analogie, um zu veranschaulichen, was und wie ihr Nervensystem arbeitet. Die Konsequenzen dieser Erkenntnis sind für das alteuropäische Denken dramatisch.

Denn Maturana/ Valera haben das Nervensystem (und Gehirn) als operational geschlossenes System erkannt, welches mit der Umwelt nur durch eine strukturelle Kopplung verbunden ist, d.h. Reize aus der Umwelt bewirken lediglich eine Irritation des Systems - dadurch werden systemstruktureigene Operationen ausgelöst.
Erregungszustände einer Nervenzelle codieren nur Intensitäten - keine Qualitäten. Alle Zellen kennen nur Klick-Klicks als systeminterne Sprache. Das Gehirn errechnet daraus Bedeutung - erzeugt diese aber immer selbstreferentiell und selbstexplikativ.

Kognitive Prozesse erzeugen damit "kein Abbild", sondern eine systeminterne Beschreibung einer Realität. Bei diesen Operationen gibt es keinen echten Endpunkt (außer im Falle des Todes), da solche Prozesse nie endende rekursive Schleifen durchlaufen. Somit hat kein Organismus als Organismus Zugang zu seiner Umwelt. Nur über die Beobachtung eigener interner Operationen und Zustände gewinnt ein Organismus die Vorstellung davon, was ihm als Realität erscheint.

Alles was traditionellerweise als "Erkennen" gedacht wird, ist im Grunde nichts anderes, als ein Beobachten der eigenen Operationen. Alles was traditionellerweise als "Erkanntes" gedacht wird, ist nichts anderes als eine selbstreferentielle Beschreibung der eignen Operationen - eine Konstruktion des Systems.

Erkennen können nur geschlossene Systeme. Daraus folgert Luhmann, daß uns "Realität" nicht kognitiv zugänglich ist. Damit gewinnt die Kategorie der Selbstreferenz den Status der "Seinsbeschreibung" schlechthin und die alteuropäische Vorstellung der Erkenntnismöglichkeiten eines Menschen sind endgültig widerlegt.

06.08.2019 © seit 10.2005 Tony Kühn  
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