Seite 2: Tagebuch Story: Gerettet! U-Boot-Krieg in der Ostsee

Endlich tauchte in der Ferne ein hoher dunkler Schatten auf. Rettung? Es war ein Schiff. Es kam näher und - entfernte sich wieder. Unsere Hoffnung sank. Doch endlich wieder ein Schiff! Es kam näher, immer näher! Wir riefen, schrien, winkten. Das Schiff hielt. Oben wurden dunkle Schatten sichtbar. Strickleitern wurden herabgeworfen. Die Menschen kletterten hinauf, einer nach dem anderen, unsagbar langsam, denn sie waren alle erstarrt. Unser Boot lag noch weitab. Zwischen ihm und dem Schiff drängten sich unzählige verlassene Schlauchboote. Mit Stangen versuchte man, sie beiseite zu schieben, eine mühsame Arbeit.

Mich überfiel ein furchtbarer Schüttelfrost, der Verstand verschwamm. Da raffte ich mich auf und versuchte, über die leeren Schlauchboote zu einer Strickleiter zu gelangen. Die Füße wollten nicht mehr, aber der Wille war stärker. Einer der Obenstehenden warf mir ein Tau entgegen, ich ergriff es und begann zu klettern. Wie gut, daß die Hände noch nicht starr waren. In der Schule hatte ich es nie fertiggebracht, am Tau emporzusteigen, hier ging es, als hätte ich es unablässig geübt. Aber das Schiff war hoch. Etwa in der Mitte des Seiles verließen mich die Kräfte. Unter mir gluckste das schwarze Wasser. Ich fürchtete zurückzufallen. Doch die Matrosen zogen und zerrten, bis ich an Bord war. Hier verließen mich meine Kräfte.

Man schleppte mich eine Treppe hinunter in einen hellen Raum. Dort sank ich zusammen. Ich hörte noch, wie einer sagte: »Vollkommen fertig!« Dann schnitt man die Kleider auf und bearbeitete mich mit Decken. Den Pullover ließen sie ganz. Schließlich steckte man mich in eine Marineuniform und half mir ins Bett. Ich versank in einen unruhigen Schlaf. Plötzlich ein furchtbarer Schmerz an den Füßen. Irgend jemand war schon wieder dabei, die weißen Glieder zu reiben. Ich biß die Zähne aufeinander, ich stöhnte. Der Schmerz war unerträglich. Endlich hörten sie auf und gingen zum nächsten.

Ich schlief. Als ich wieder zu mir kam, saß Elvira vor meinem Bett. Sie konnte laufen und war weniger erschöpft. Ich war sehr froh. Von Zeit zu Zeit hörten wir es draußen krachen. Die Matrosen sagten: "Das Schiff wirft Wasserbomben!" Später hörten wir aber, daß ein russisches U-Boot hinter uns her war und Torpedos hinter uns herfeuerte. Deshalb war das Schiff auch so früh von der Unglücksstelle weggefahren und hatte sogar noch drei Matrosen auf dem Wasser zurücklassen müssen.
Wir fuhren und fuhren. Als ich mich etwas kräftiger fühlte, stieg ich aus dem Bett und begann in dem Haufen nasser Kleider mein Zeug zu suchen. Ich fand Pullover und Unterwäsche. Alles andere war fort. Nun besann ich mich auch, daß meine Zeugnisse, die Ausweise und Lebensmittelkarten untergegangen wären. Ein furchtbarer Schreck durchfuhr mich. Als ich aber hörte, was andere Leute verloren hatten, wurde ich ruhiger. Da lagen z.B. Mütter, die drei oder mehr Kinder eingebüßt hatten, dort wieder weinten Kinder um ihre ertrunkenen Eltern. So viel Leid auf kleinem Raume hatte ich noch nie erlebt.

Es gab Suppe zu essen, die aber von den meisten verschmäht wurde. Denn wieder machte sich die Seekrankheit bemerkbar. Ich litt nicht und aß meine Suppe mit Heißhunger. Ein wohliges Gefühl des Gerettetseins durchzog mich.

Am Nachmittag des folgenden Tages legten wir in Saßnitz an. Alle sollten an Land gehen. Ich konnte es nicht, denn ich besaß keine Schuhe. Die Uniformen ließ man uns. So stapfte ich barfuß über das vereiste Deck. Ein Matrose holte mich ein und stellte mir ein Paar Sandalen hin. Ich dankte. Nun ging es besser. Die Füße wollten noch immer nicht gehorchen. Doch mit Elviras tatkräftiger Hilfe konnte ich den Weg zu einem schönen dänischen Luxusdampfer, »Prinz Olaf«, schaffen.

Im Salon 1. Klasse ließ ich mich in einen rotledernen Klubsessel fallen und schlief wieder. Stunden vergingen. Wir warteten auf Kleider, die man uns geben wollte. Schließlich bemerkte uns ein Schiffsingenieur und lieh uns Strümpfe und Oberhemden. Sogar Schuhe fanden sich. Bald kannte uns die ganze Schiffsbesatzung. Der Ingenieur erzählte uns viel von seinen Norwegenfahrten und räumte uns schließlich sogar seine Kabine ein. Wir waren glücklich.

In jener Nacht sah ich mir zum ersten Male nach dem Unglück meine Beine an, die noch immer unerträglich schmerzten. Bluterguß neben Bluterguß! Die Knöchel dick geschwollen, kein Wunder, daß ich hinken mußte.

Am nächsten Tage kamen die Kleider. Sie waren zum Volksopfer gespendet worden. Da wir Marineuniform anhatten, kamen wir gleich zu Anfang dran. Ich bekam Rock und Bluse und ein fadenscheiniges kariertes Jäckchen. Strümpfe und Schuhe gab mir eine mitleidige Frau aus Saßnitz. Wir konnten reisen ..."

Ergänzung zum U-Boot-Krieg in der Ostsee

"Rund 2,5 Millionen Menschen wurden 1944/45 über die Ostsee vor dem Zugriff sowjetischer Truppen gerettet. 1081 Schiffe - 672 Handelsschiffe und 409 Kriegsschiffe - waren hieran beteiligt. Dieser Einsatz deutscher Kriegs- und Handelsschiffe in den letzten 10 Monaten des Zweiten Weltkrieges bei der Rettung von Flüchtlingen, Verwundeten und Soldaten über die Ostsee findet in der Geschichte der Seefahrt kein vergleichbares Beispiel. 245 Handelsschiffe gingen bei der Flucht über die Ostsee verloren, sanken durch Torpedotreffer, Minen oder Bomben. 33.082 Menschen fanden dabei den Tod in den Fluten." (1)

Heinz Schön gilt als bester Kenner dieses beispiellosen Rettungswerkes. Als Angehöriger der Handelsmarine war er bis Kriegsende daran beteiligt und wie Ursula Starke Überlebender des Gustloff-Unterganges. Seinem Bericht entnehmen wir:

Am 30. Januar 1945, um 12.30 Uhr ist die Wilhelm Gustloff endlich zum Auslaufen bereit. Seit Tagen haben Tausende an Bord genommene Flüchtlinge diesen Augenblick herbeigesehnt. Jahrelang hat die Gustloff in Gotenhafen am Kai gelegen und ist nicht mehr gefahren. Sie ist auf eine Spitzengeschwindigkeit von 15-16 Knoten ausgelegt. Kapitän Petersen will diese bei der Ungewißheit über die verbliebene Fahrtüchtigkeit des Schiffes aber nicht voll nutzen. Er setzt eine Begrenzung der Höchstgeschwindigkeit bei 12 Knoten fest, obwohl ihm bewußt ist, daß er damit der Fahrgeschwindigkeit feindlicher U-Boote nicht mehr viel voraus hat. Er bedenkt aber auch das nur notdürftig geflickte Loch, das der Gustloff bei einem Bombenangriff auf Gotenhafen in die Wellenhose der Schiffsschraube gerissen worden ist.

Schiffslisten werden zunächst noch gewissenhaft geführt: 6050 Menschen sind an Bord. Nun sind die Leinen los, die Fahrt soll beginnen, da nähert sich ein kleiner Dampfer, die Reval, mit 500 bis 600 Menschen an Bord, die um Mitnahme flehen. Trotz unvorstellbarer Überbelegung werden auch sie noch an Bord der Gustloff genommen, als Namenlose. Ursula Starke ist unter ihnen. Die Gustloff läuft nun mit etwa 6600 Menschen aus, darunter neben 162 Verwundeten "mehr als 1000 Soldaten und Marinehelferinnen der U-Boot-Waffe". Sie sind es, die den feindlichen Beschuß später rechtfertigen sollen.

Der Tag der Abfahrt, der 30.1.1945, ist auch ein Jahrestag, in zweifacher Hinsicht sogar: Vor 12 Jahren, am 30.1.1933, wurde Hitler Reichskanzler, und vor 50 Jahren, am 30.1.1895, wurde Wilhelm Gustloff geboren, der spätere Gauleiter der NSDAP in der Schweiz, "der wenige Tage nach dem 30.1.1936 in Davos erschossen wurde und den Hitler zum ersten Märtyrer des Dritten Reiches machte".

Zwei Ziele sind der Gustloff vorgegeben: Kiel und Flensburg, wo je die Hälfte der Fahrgäste an Land gehen soll. Nicht der küstennahe Weg wird genommen mit einer Wassertiefe, die dem Dampfer, nicht aber abgetauchten U-Booten genügt hätte, und der auch das Ausmaß einer möglichen Katastrophe eingeschränkt hätte, sondern der "Zwangsweg 58" mitten auf der Ostsee mit etwa 60 Meter Wassertiefe muß gewählt werden wegen der dort geringeren Minengefahr.

Als Geleitschiffe stehen lediglich 2 kleine Torpedo-Fangboote zur Verfügung, die aber wegen zu schwerer See bald wieder entlassen werden müssen. Auf Höhe der Halbinsel Hela erhält die Gustloff über Funk den Befehl zu ankern und die Mitteilung, daß in Gotenhafen 2 Torpedoboote eingetroffen seien, die noch Brennstoff bunkern müssen und dann zur Gustloff auslaufen sollen. Auf ihrem Weg muß das eine wegen eines Schadens umkehren. So bleibt lediglich das Torpedoboot Löwe als Geleitschutz.

Inzwischen ist es Nacht geworden. Die Fahrt wird fortgesetzt, mit dem Geleitschiff Löwe voraus. Beide Schiffe sind vollkommen abgedunkelt. Schneetreiben hat eingesetzt. Windstärke 6 rührt die Ostsee zu beachtlichem Wellengang auf. "Hohe Brecher schlagen über die Back". Das Thermometer zeigt -18° Luft- und 0° Wassertemperatur.

Um 20.35 Uhr trifft ein Funkspruch ein: "Ein aus 6 Fahrzeugen bestehender Minensuchverband befindet sich auf Gegenkurs. Es besteht Kollisionsgefahr." Das stellt Kapitän Petersen vor die Schwierigkeit, sich für eine von zwei Gefahren entscheiden zu müssen: Zusammenstoß mit entgegenkommenden Schiffen oder durch Setzen der Positionslichter Sichtbar-Werden auch für den Feind. Petersen läßt die Positionslichter setzen, ohne zu ahnen, daß der sowjetische Kommandant Marinesko sie vom Turm seines U-Bootes sofort ausmacht. Der Russe sieht seine Stunde gekommen, sich die Auszeichnung eines "Helden der Sowjetunion" zu "verdienen", zumal seine Weste nicht ganz weiß ist. Die Gustloff hat an Rettungsmitteln an Bord:

"12 große schiffseigene Gustloff-Rettungsboote mit einer Tragfläche von je etwa 50 bis 60 Personen, insgesamt also für 700 Personen 18 große Marinekutter für je 30 Personen, insgesamt also für 540 Personen 380 Marineflöße für je 10 Personen, insgesamt also für 3800 Personen".

Für alle rund 5000 Flüchtlinge und Verwundeten ist somit Platz in Booten, Kuttern und Flößen. An alle Menschen an Bord sind Schwimmwesten ausgegeben worden, so daß sich - theoretisch - alle bis zu ihrer Rettung über Wasser halten könnten. Immer wieder war ermahnt worden, die Schwimmwesten umgelegt zu behalten, auch im Schlaf, wie auch die Kleidung nicht abzulegen. Von allzu vielen wird das nicht befolgt.

Der Schneesturm hat seit einigen Stunden den Empfang von Funksprüchen lahmgelegt, so daß die Schiffsführung der Gustloff von der Außenwelt abgeschnitten ist und auch die seit Stunden ausgestrahlten U-Boot-Warnungen nicht erhält. Auch das U-Boot-Ortungsgerät des Geleitschiffes Löwe ist eingefroren.

Um 21.16 Uhr feuert Marinesko seine 4 Torpedos auf die Gustloff ab. Drei treffen sie zwischen Bug und Mittelschiff, das 4. bleibt im Abschußrohr stecken. Die Wucht der einströmenden tonnenschweren Wassermassen läßt das Schiff nach vorn und Backbord absacken. Der überwiegende Teil der Mannschaft, die die Boote hätte zu Wasser lassen können, ist im Vorschiff eingeschlossen, weil sich die Schotten zum Mittelschiff bei dem Wasserandrang von vorn selbsttätig geschlossen haben.

Bis zum gänzlichen Untergang des Schiffes aber vergehen 66 Minuten, in denen sich entsetzliche und erschütternde Tragödien abspielen. Ergreifend ist die Hilfsbereitschaft und der Einsatz vieler Verantwortlicher. Der Funker Rudi Lange z.B. findet ein noch tauglich gebliebenes UKW-Gerät und setzt damit bis zuletzt, unter Einsatz seines Lebens, seine Notrufe ab. Der Arzt Dr. Richter, "wohl der einzige auf der sinkenden Gustloff, der für seine Abteilung einen »Katastrophenplan« ausgearbeitet hat", läßt auf der Geburtshilfestation von seiner "Gruppe Eins" die 4 Mütter, die an Bord entbunden haben, mit ihren Neugeborenen in Decken hüllen und zu Booten bringen. "Gruppe Zwei" trägt die Schwerverwundeten in die Boote" usw. "Vor allem auch die Schwestern leisten in diesen Minuten Beispielhaftes."

Eine Hochschwangere, deren Entbindung gerade begonnen hat, bekommt eine Spritze zur Unterbrechung der Geburt, wird in Decken gehüllt und auf "das erste Rettungsboot der Gustloff" gesetzt, "das überhaupt zu Wasser gelassen wurde". Im Boot setzen die Wehen wieder ein. Welch eine Not!

Inzwischen sind bereits unzählige im Schiff Eingeschlossene ertrunken oder durchleben das Grauen vor einer unentrinnbaren schrecklichen Todesart. "Eine nicht zählbare, wie fast irrsinnig scheinende Menschenmasse kämpft um den Weg nach oben, ins Freie. Verzweifelte entwickeln Riesenkräfte. Stärkere schlagen brutal Schwächere nieder. Hunderte stampfen rücksichtslos über Zusammengebrochene hinweg."

Außer den Funksprüchen des Rudi Lange, die nicht weiter als 2000 Meter reichen, und dem Abschuß roter Leuchtkugeln hat die Gustloff keine Möglichkeit, auf ihre Seenot aufmerksam zu machen. Doch nun zeigt sich der Wert des Torpedobootes Löwe: Es gibt - ebenfalls über UKW - den Funkspruch weiter, dreht bei und holt Schiffbrüchige an Bord, darunter die Gebärende. Ein in die Nähe kommendes Minensuchboot empfängt den UKW-Funkspruch und setzt weitere Funksprüche ab. Der Schwere Kreuzer Admiral Hipper steuert mit Höchstgeschwindigkeit von 32 Knoten auf die Unglücksstelle zu. Begleitet wird er vom Torpedoboot T36.

T36 "macht Motorengeräusche in allernächster Nähe" aus. "Jeden Moment können aufs neue die alles vernichtenden Torpedos heranschießen." "Auch nur eine Minute längeres Verweilen an dieser Stelle" würde auch den Untergang des Schweren Kreuzers Admiral Hipper bedeuten mit seinen 3000 Menschen an Bord, davon die Hälfte Flüchtlinge. Augenblicklich setzt sich das Schiff mit hoher Geschwindigkeit von der Katastrophenstelle wieder ab.

Die Besatzung des T36 hat bereits auf der Herfahrt ihren Rettungseinsatz vorbereitet. "Mit geringer Maschinenkraft gleitet das Torpedoboot durch das Feld der Treibenden. Dann packen die tapferen Seeleute wortlos zu und beginnen ein Rettungswerk, das in der Seegeschichte bis auf den heutigen Tag einmalig ist."
"Der Standort des feindlichen U-Bootes ist noch immer unverändert ... Backbord 15 Grad - 1400 m ... Während das Torpedoboot seine Rettungsaktion ohne Unterbrechung fortsetzt, setzt das russische U-Boot zum Angriff an ... Bis zum allerletzten Augenblick will" der Kommandant "mit seiner Besatzung ausharren und so vielen Schiffbrüchigen wie möglich das Leben retten ...

Jetzt eben signalisieren die Geräte ein Herumholen des U-Boot-Bugs um 30-35 Hektometer. Sofort dreht auch T36 bei, genau der U-Boot-Bewegung entsprechend, um bei einem etwaigen Torpedoschuß keine Breitseite zu bieten. Während sich das stumme Duell zwei einander unsichtbarer Gegner unter nervenzerreißender Spannung vollzieht, merken weder die Schiffbrüchigen noch die Besatzung, was sich hinter den ... Bewegungen des Torpedobootes verbirgt."

1200 Meter - 1000 Meter! "Um keinen Preis näher rankommen lassen als 800 Meter - dann ist's passiert - entweder angreifen oder abhauen ..." Durch Megaphon hören die Ärmsten, die noch im Wasser treiben: "Achtung - Achtung! Weg vom Schiff - U-Boot-Gefahr - Wir fahren los - Wir kommen wieder - Haltet aus - Wir retten Euch ..."

Jetzt geht es um Sekunden. In diesem Augenblick kommt die Meldung: "Richtung 90 Grad - zwotes U-Boot!" Blitzschnell, mit höchster Fahrt entkommt das Schiff den zwei herannahenden feindlichen Torpedos. Unter den 534 Gustloff-Überlebenden an Bord des T36 befindet sich auch Ursula Starke.

Quellennachweis:

1. alle Zitate aus Heinz Schön, Ostsee '45 - Menschen Schiffe Schicksale, Stuttgart 1985

06.04.2017 © seit 08.2006 Heidrun Beißwenger
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