Tagebuch Story: Gerettet! U-Boot-Krieg in der Ostsee

Diese Story stammt aus den Tagbuchaufzeichnungen von Ursula Starke, die sich im Jahre 1945 auf dem Flüchtlingsschiff Wilhelm Gustloff befand, welches von einem sowjetischen U-Boot versenkt wurde. Sie beschreibt die dramatischen Ereignisse der Rettungsaktion, wie sie ihr bis heute im Gedächntis geblieben sind.

U-Boot-Krieg in der Ostsee

Die Tatsache, "daß ich von russischen Torpedos auf den Meeresgrund geschickt werden sollte, schluckte ich runter", berichtet Ursula Starke, die eine der größten Schiffskatastrophen der Menschheitsgeschichte, der durch sowjetischen Beschuß verursachten Versenkung des Flüchtlingsschiffes Wilhelm Gustloff, mit 6600 Menschen an Bord, mit knapper Not entkam und in der späteren sowjetischen Besatzungszone Zuflucht fand. Selbst dem Chronisten jener Flucht von Millionen Menschen über die Ostsee, Heinz Schön gegenüber, hat sie bis heute geschwiegen. Erinnerungen an deutsche Leiden, durch die Sieger verursacht, waren im Nachkriegsdeutschland, besonders in der DDR, nicht erwünscht.

Jetzt ist Ursula Starke 80 Jahre alt, hat alle Dienst- und Ehren-Ämter niedergelegt und erlaubt uns die Erstveröffentlichung ihrer Tagebuchaufzeichnungen aus dem Jahre 1945, als sie als zwanzigjährige Lehrerin, aus Goldap in der Rominter Heide/Ostpreußen geflohen, in Sachsen gelandet war. "Arbeitslos, geldlos, freundelos", hatte sie unmittelbar nach ihrer Ankunft bei ihren Verwandten in Oschatz Zeit, ihre Erlebnisse in einem - heute nach 60 Jahren vergilbten - Schulheft niederzuschreiben, ehe sie in Leipzig - wie schon in der Vergangenheit in Goldap - die Stelle einer Organistin übernehmen konnte und im zugehörigen Pfarrhaus Unterkunft fand.

"... Endlich wurde ein neuer Zug nach Pillau angekündigt. Alles stürzte zum Bahnsteig. Auch wir eilten zu unserem Gepäck. Allein, der Zug wollte und wollte nicht kommen. Die Kälte war fast unerträglich. Endlich, endlich lief der Zug ein. Eine unübersehbare Menschenmenge stürzte sich auf die wenigen Wagen ... Kaum aber hatten wir uns gesetzt, als Fliegeralarm gegeben wurde. Es war ein unheimliches Heulen. Der Zug lief aus und kroch die Strecke entlang, bis Ratshof. Da, ein Leuchtschirm, gleich darauf ein furchtbares Krachen!

Unwillkürlich duckten wir uns alle. Gott sei Dank war unser Zug nicht getroffen worden und fuhr weiter. In Pillau empfing uns ein Schneesturm, der fast die Kleider vom Leibe riß. Die Wartesäle waren geschlossen oder gar nicht vorhanden, kein geschütztes Plätzchen war zu erspähen. Wir setzten uns vor die Türe eines Reichsbahnbüros und erwarteten den Tag. Dann wies man uns einen Luftschutzkeller an ...

Ich lag auf einer harten Bank und überlegte, was nun werden sollte. Ich hörte die Leute von Schiffskarten und Anmeldungen sprechen. Schließlich hielt es mich nicht länger, ich stahl mich in die Stadt, um die Schiffskarten zu besorgen.

Am Hafen war reges Leben. Ich hatte noch nie so große Schiffe gesehen und wollte nun sogar damit fahren? Vor den Schiffen, die am Kai vor Anker lagen, standen Offiziere, die Zivilisten an Bord nahmen. Jeder mußte eine Schiffskarte vorzeigen. Als ich fragte, ob es denn nicht auch ohne ginge, verneinte man bedauernd und schickte mich zum »Goldenen Anker«, einem der ersten Lokale der Stadt. Auch hier war die Menschenmenge unübersehbar. Alles wartete auf die Schiffskarten. Sollte ich mich dazustellen? Es mußte wohl sein.

Mutlos machte ich mich auf den Rückweg zu unserem Keller, um auch die anderen und das Gepäck zu holen. Die beiden Männer ließen sich Zeit, obgleich ich zur Eile trieb. Dann ... ging ich mit den beiden am Hafen entlang dem »Anker« zu. Kurz vor der Brücke vertrat uns ein hochaufgeschossener Matrose den Weg und fragte, ob wir über See ins Reich wollten. Als wir bejahten, zog er uns zu einem Schlepper, der in See stechen sollte. Wir waren überglücklich - ohne Schiffskarten!

Doch kaum hatten wir das Fallreep betreten, als uns ein Offizier zurief, daß vorläufig aus der Überfahrt nichts würde. Traurig wollten wir umkehren, als uns ein Matrose den Schlepper »Reval« zeigte, der ebenfalls den Befehl zum Auslaufen erhalten hatte. Wir kletterten über eine Reihe größerer Schiffe und gelangten schließlich zur »Reval«. Ein dicker Seemann, der gerade mit einem Teller kalter Verpflegung aus der Kombüse trat, half uns beim Einsteigen und führte uns die Treppe hinunter in eine warme Kabine. Ein junges Mädchen aus Tilsit hatte sich uns angeschlossen, und nun wurden wir beide ins Bett gepackt. Wahrscheinlich sahen wir recht übernächtigt aus. Elvira schlief, ich konnte es nicht. Eine sonderbare Starre lag über meinem Gehirn.

Inzwischen war es in dem kleinen Raum lebendig geworden. Noch zwei Familien zogen ein ... Elvira und ich sahen uns das Schiff an. Wir hatten über hundert Bordgäste ... Im Maschinenraum arbeitete ein zweiter Seemann, ein magerer, sehr häßlicher Mensch mit flammendrotem Gesichtsmal. Trotz seiner Häßlichkeit mochte ich ihn sehr gern, was, glaube ich, auf Gegenseitigkeit beruhte. Jedesmal wenn ich den Maschinenraum betrat, leuchteten seine Augen. Oft begegneten wir einander auf Deck. So kam es, daß Elvira und ich nicht wie die anderen Leute hungern mußten. Wir lagen noch tagelang im Hafen. Die Maschinen arbeiteten Tag und Nacht, Kohlen mußten an Bord genommen werden, Süßwasser wurde knapp. Aber wir waren an Bord, und das war die Hauptsache. Eines Abends war bunter Abend in unserer Kabine. Irgendwoher war eine Flasche »C2H5OH« aufgetaucht, die mit Begeisterung leergemacht wurde ...

Als ich einmal an Deck die Schiffe betrachtete, trat ein junger, schlanker Mann zu mir und versuchte, ein Gespräch anzuknüpfen. Er war hochintelligent, dichtete und zeichnete; ich erkannte ihn bald als einen Träumer. Wir hatten viele gleiche Interessen und trafen nun öfter zusammen. Er war Kaufmann, was mir bis zuletzt unverständlich blieb ...

In der folgenden Nacht stach das Schiff in See. An Deck war es sehr schön. Der Mond sah durch die Wolken auf den Hafen herab und tauchte die Schaumköpfchen der Wellen in Silber. Wir hatten noch ein riesiges Torpedoboot im Schlepptau, so kamen wir nur sehr langsam voran. Auf hoher See ging es dann schneller. Das kleine Schiff wurde hin- und hergeworfen. Ich saß unten in der Kabine und kämpfte gegen die Seekrankheit.

Umsonst! Ich stürzte an Deck. Die Knie schwankten, der Kopf schwankte, das Schiff schwankte. Die Matrosen lachten. Manche Leute wollten sterben ... Ich stieg wieder in die Kabine hinab und warf mich flach auf den Boden. Diese Lage war erträglicher ... Am nächsten Morgen war der niedliche Raum kaum wiederzuerkennen. Alles war durcheinandergerollt. Elvira hatte eine Zuckertüte auf den Kopf bekommen und bürstete sich den Zucker aus den Haaren. Wieder lachten die Seeleute. Nach stundenlanger Fahrt durch die Dockanlagen Gotenhafens legten wir an und gingen an Land ...

Ich verabschiedete mich, dankte nochmals und stürzte mit Elvira durch den hohen Schnee einem Riesendampfer zu, der uns weiterbefördern sollte. »Wilhelm Gustloff« stand mit großen Buchstaben daran zu lesen. Hier brauchten wir nicht über das Fallreep zu balancieren. Durch ein breites Tor traten wir ein und gelangten auf einen breiten, hellerleuchteten Gang, wo es appetitlich nach frischem Brot roch. Wir waren glücklich.

Nicht lange, so suchte uns der Träumer auf, und wir plauderten noch ein Weilchen über Literatur. Er bat mich um einen Bogen Papier, da er eine Novelle vollenden wollte. Gegen 2 Uhr wurden wir zum Mittagessen in den Speisesaal geholt. Es gab herrliche heiße Bohnensuppe. Nachdem wir ein Weilchen im Kinosaal auf weicher Matratze geschlafen hatten, gab es schon wieder Abendbrot, das sehr reichlich bemessen war.

Hinterher gab man uns Schwimmwesten. Alles lachte. Auch wir fanden diese Maßnahme lächerlich und dachten nicht daran, die lästigen Korkgürtel umzulegen. Gegen 20 Uhr legten wir uns in unsere Kojen im unteren Schiffsraum. Ich zog den Mantel und die Schuhe aus, packte den Schwimmgürtel unter den Kopf und schlief bald ein, schwer und traumlos.

Da! Ein ohrenbetäubender Knall, noch einer und noch einer! Im Nu war es in unserer Kabine lebendig. Die Kinder schrien und hielten die Mütter umklammert. Das Licht ging aus, und furchtbar stinkender Qualm benahm uns fast den Atem. Ich tastete nach meinem Mantel - er war fort. Wahrscheinlich hatte ihn Elvira beim Herabspringen mitgerissen. Die Schuhe standen noch unter dem Bett. Ich fuhr hinein, griff zur Schwimmweste und einer Wolldecke und raste mit der Menge nach oben.

Die Treppen waren kaum mehr zu erklimmen. Kinder schrien, stolperten, wurden niedergetreten. Niemand achtete darauf. Wie viele hier auf den Treppen umkamen, weiß niemand. Es waren sicher viele. Endlich war ich an Deck. Meine Kräfte waren fast aufgebraucht, dazu fror ich in dem scharfen Januarwind. Wenn ich wenigstens den Mantel gehabt hätte! Ich zog die große Wolldecke fest um die Schultern und wartete. Oben auf dem Sonnendeck versuchten die Matrosen, die Rettungsboote loszueisen, vergebens! Von 22 Booten ließen sich 4 herabrollen. Ich kam nicht hinein.

Auf der Kommandobrücke stiegen rote Leuchtsignale in die Nacht empor. Alle starrten mit groß aufgerissenen Augen hinauf. Unten gluckste das Wasser. Seeoffiziere erschienen von Zeit zu Zeit auf Deck und beruhigten die Menge: Wir lägen mit Backbord schon auf Grund. Wie gern hätte ich es geglaubt, wenn nur mein Tatsachensinn nicht allzu deutlich das Gegenteil bewiesen hätte!

Das Schiff legte sich von Sekunde zu Sekunde mehr auf die Seite. Es wurde unmöglich, an Bord zu stehen. Alles rutschte gegen den Schiffsbauch. Auch ich wurde herabgerissen, verlor meine Decke, kroch auf Händen und Füßen wieder zur Reling. Schließlich hielt mir ein verwundeter Soldat die Hand entgegen und hielt mich an der Reling fest. Ich starrte hinunter. Das Wasser stieg mit Macht. Ich sah es, ohne nennenswerte Angst zu verspüren ... Noch ein Griff an die Schwimmweste, dann ein Brausen, schließlich Wasser, nichts als Wasser.

Die ersten Sekunden sagten mir, daß meine Schwimmbemühungen vergeblich seien. Die Kleidung war zu schwer, das Wasser ging mir über die Nase. Mit Mühe konnte ich die schweren Stiefel abstreifen und bekam endlich Oberwasser. Ich arbeitete mit Todesverachtung, neben mir tausend andere. Es war totenstill, nur der eisige Wind jagte über das Meer und trieb uns Welle auf Welle über den Kopf. Wir schwammen.

Endlich sah ich ein winziges überfülltes Schlauchboot in der Nähe, und endlich hatte ich es erwischt. Ich klammerte mich an einen Matrosen, wurde energisch abgeschüttelt, ergriff ihn wieder und hielt mich fest. So trieben wir endlose Minuten. Das Schiff war nirgendwo zu sehen. Nichts als Nacht und Wasser! In dieser Schreckensstunde nahm ich jede Einzelheit wahr: den wolkenverhangenen Himmel, den blassen Mond, die Wellen, umhertreibende Päckchen, angstverzerrte Gesichter.

Plötzlich ein Rettungsboot!! Ich stieß mich von dem Schlauchboot ab und erreichte trotz meiner halberfrorenen Glieder den Kahn. Er war übervoll. Trotzdem war ich entschlossen hineinzukommen. Es war nicht einfach, denn ich war so müde. Unversehens ein Ruck, und ich lag auf dem Bootsrand, völlig erschöpft. In der Mitte des Kahnes hatte sich tiefes Schneewasser angesammelt. Soldaten zogen ihre Stiefel aus und schöpften und schöpften. Dabei gossen sie mir das Eiswasser auf Körper und Kopf. Ich rührte mich nicht. Die Beine waren ganz steif. Die Arme steckte ich bei einer Frau unter die Decke. Ganz klar dachte ich, daß ich sie noch brauchen würde.

Am Rande des Kahnes hafteten unzählige blasse Hände. Ein junger Matrose bat mich, ihm die Hände zu wärmen. Ich tat es, so gut ich konnte. Ich versuchte, ihn ins Boot zu ziehen. Ich zwang es nicht. Allmählich ließ eine Hand nach der anderen los. Tiefe Seufzer - die Gestalten sanken ab. Kein Schreien, kein Toben - lautlos ergaben sie sich ...

06.04.2017 © seit 08.2006 Heidrun Beißwenger
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