Seite 2: Stefan Zweig als Philosoph, Biograph und Dichter

9. Dramen

In Tersites porträtierte Zweig "den leidenden Menschen statt jenes [gemeint ist Achill], der durch seine Kraft und Zielsicherheit den andern Leiden erschafft" (Welt 114). Ludwig Barnay, der Direktor des Königlichen Schauspielhauses Berlin, war an dem Stück interessiert und wollte den Achill mit Adalbert Matkowsky besetzen. Doch Matkowsky starb, bevor es zur Aufführung kam.

Den Einakter Der verwandelte Komödiant schrieb Zweig für den Schauspieler des Wiener Burgtheaters Joseph Kainz. Dieser war begeistert, der Direktor des Burgtheaters nahm das Stück an, bevor er es auch nur gesehen hatte. Doch Kainz starb nach der Rückkehr von einer Gastspielreise an Krebs, bevor es zu einer Aufführung kam.

Die Tragödie Das Haus am Meer wurde von Alfred Baron Berger, dem neuen Direktor des Burgtheaters, angenommen, doch er starb zwei Wochen vor den ersten Proben. Schon nach dem Tod von Kainz war Zweig "abergläubisch"geworden. Nach Bergers Tod stellte er fest: "Der Fluch war also noch in Kraft, der auf meinen dramatischen Werken zu lasten schien" (Welt 117).

In Das Lamm des Armen wollte Zweigs Freund Alexander Moissi die Hauptrolle bei der Uraufführung spielen. Zweig "lehnte […] unter einer Ausflucht ab", weil er an den Tod von Matkowsky und Kainz dachte, ohne Moissi die Wahrheit zu sagen. "Jedenfalls: ich für meine Person wollte nicht ein drittes Mal für den größten deutschen Schauspieler der Zeit Anstoß des Verhängnisses sein" (Welt 117f).

Doch es nützte nichts: Moissi bat Zweig um die Übersetzung von Pirandellos Non si sà mai, Zweig akzeptierte, die internationale Uraufführung sollte in Wien stattfinden, Moissi erkrankte an einer schweren Grippe, fiel ins Fieberdelirium und starb.

Zweig kommentierte: "Selbstverständlich sehe ich in dieser Wiederholung nichts als einen Zufall." Aber: Ohne die Toten wäre er früher erfolgreich gewesen und "hätte dafür die Jahre des langsamen Lernens und Welterkundens versäumt. Damals habe ich mich verständlicherweise als vom Schicksal verfolgt empfunden […]. Aber nur in ersten Jugendjahren scheint Zufall noch mit Schicksal identisch. Später weiß man, dass die eigentliche Bahn des Lebens von innen bestimmt war; wie kraus und sinnlos unser Weg von unseren Wünschen abzuweichen scheint, immer führt er uns doch schließlich zu unserem unsichtbaren Ziel" (Welt 119).

In Jeremias wollte Zweig zeigen, "dass derjenige, der als der Schwache, der Ängstliche in der Zeit der Begeisterung verachtet wird, in der Stunde der Niederlage sich meist als der einzige erweist, der sie nicht nur erträgt, sondern sie bemeistert." Zweig sagte in dem Stück, was er während des Ersten Weltkriegs "im Gespräch mit den Menschen um mich verschweigen musste. Ich hatte die Last, die mir auf der Seele lag, weggeschleudert und war mir selbst zurückgegeben; in eben der Stunde, da alles in mir ein 'Nein' war gegen die Zeit, hatte ich das 'Ja' zu mir selbst gefunden" (Welt 165f).

Zweig bezeichnete das Stück (wahrscheinlich Anfang Februar 1918) als sein "aufrichtigstes und wichtigstes Werk, das einzige, das ich in einem höheren Sinn als ein für mich notwendiges empfinde" (Briefe 83). Als Begründung kann eine frühere Briefstelle vom 3. Mai 1917 dienen: "Denn Alles, was in mir an Widerstand, Verzweiflung wider die Zeit und ihre Wortführer niedergezwungen kämpfte, hat sich in verwandelter Form frei gemacht. Es war mein Ventil, um nicht zu ersticken in einer Welt, die einem das Wort verschloß" (Briefe 72).

10. Biographische Schriften

Mit seinen Biographien hielt sich Zweig während des Dritten Reichs finanziell über Wasser. Die Biographien über Erasmus von Rotterdam, Magellan, Sebastian Castellio, Maria Stuart, Marie Antoinette, Joseph Fouché, Franz Anton Mesmer, Mary Baker-Eddy und Sigmund Freud sind spannend wie Romane zu lesen. Zweig fühlte sich stets von derjenigen Persönlichkeit angezogen, die "nicht im realen Raume des Erfolgs, sondern einzig im moralischen Sinne recht behält, Erasmus und nicht Luther, Maria Stuart und nicht Elisabeth, Castellio und nicht Calvin" (Welt 114).

Seine Erasmus-Biographie bezeichnete Zweig als verschleierte "Selbstdarstellung" (Welt 246). Für seine Biographie über Marie Antoinette hat er "tatsächlich jede einzelne Rechnung nachgeprüft, um ihren persönlichen Verbrauch festzustellen, alle zeitgenössischen Zeitungen und Pamphlete studiert, alle Prozessakten bis auf die letzte Zeile durchgeackert." Es war sein "Ehrgeiz, immer mehr zu wissen, als nach außen hin sichtbar wird" (Welt 207).

Andererseits stand Zweig jeder Form der Geschichtsschreibung kritisch gegenüber: "Geschichte kann man nie genau reproduzieren – wer weiß denn 'die Wahrheit!' - wir müssen sie erfinden" (Briefe 333). Das bedeutet für seine Biographien: Man kann sie lesen, um Zweigs Sicht auf einen Menschen kennenzulernen, darf sie aber nicht als historische Fachliteratur ansehen.
So kritisierte Hermann Kesten an Zweigs Biographie über Marie Antoinette, daß in ihr "die Französische Revolution, ja die Weltgeschichte als eine Fußnote zu Freuds psychoanalytischen Vorlesungen erscheint" (zit. n. Arens 90).

Oliver Matuschek faßt die Problematik anhand von Zweigs "Text über Gustav Mahlers Heimkehr" so zusammen: "Tatsachenbericht und erzählerische Beigaben machten den Stoff für Zweig erst formbar, und oft genug konnte er erst durch diese Mischung die von ihm beabsichtigte Wirkung erzielen. [...] Ob und wo genau die Wahrheit in Dichtung übergeht, bleibt ungewiß. Man sollte Zweig keinesfalls die Unwahrheit vorwerfen, doch darf man niemals vergessen, seine symbolgeladenen Berichte mit kritischem Blick zu lesen. Er war immer Erzähler, nicht Historiker, auch wenn er sich der historischen Dokumentation verpflichtet sah" (S. 174). "Daß seine Phantasie und Fabulierfreude gelegentlich mit ihm durchging, nahm er zugunsten der dramatischen Wirkung seiner Texte billigend in Kauf. Dabei kannte er sehr wohl die Grenzen der Deutungsmöglichkeiten" (S. 223f).

Der Germanist Alfred Bergmann bescheinigte Zweig sogar "eine gewisse 'Neigung zum Schwindel'" (Matuschek 218).Mit seinem Buch über Fouché veröffentlichte Zweig die "Biographie eines Menschen, den ich nicht mag -, um ein Bildnis des reinen Politikers zu geben, der jeder Überzeugung dient, jeden Posten annimmt, in allen Sätteln sitzt und nie eine eigene Idee hat und die gewaltigsten Menschen seiner Zeit eben durch diese Flexibilität überdauert. Es soll ein Hinweis und eine Warnung für die Politiker von heute und allezeit sein und das Gefährliche in bildnerischer Form andeuten, das der 'brauchbare', der geriebene Politiker für alle Nationen und Europa bedeutet" (Briefe 193).

Gegenüber Hermann Kesten bereute Zweig, das Buch geschrieben zu haben: Man könne nicht erfolgreich sein, wenn man über einen Menschen schreibe, der einem nicht sympathisch sei.Immer wieder wird man überrascht, etwa, wenn Mesmer als integrer Mensch und seriöser Wissenschaftler auf der Suche nach der Lebenskraft, Marie Antoinette als mittelmäßige "Durchschnittsfrau" (S. 8) dargestellt werden. Maria Stuart wird entromantisiert, Mary Baker-Eddy als "Tyrannin und Despotin bis zum letzten Hauch" (S. 251) geschildert, mit der es keiner ihrer Mitmenschen aushielt. Sie sei von einem einzigen Gedanken besessen gewesen: Da Gott gut sei, könne es keine Krankheit geben; sie sei nur ein Irrtum.

Zweigs Negativdarstellung der Begründerin der Christian Science basiert auf seiner Quellenbewertung: Die Biographie von Sibyl Wilbur hält er für "Schönfärberei" (S. 130), er übernimmt Mark Twains Kritik an Baker-Eddys angeblicher Geldmacherei und Expansionsstreben und gibt aus der Biographie von Georgine Milmine vor allem die Schwarzmalerei von Baker-Eddys Zeitgenossen wieder: Milmine mache Baker-Eddy "psychologisch interessant", Wilbur mache sie "unheilbar lächerlich" (S. 132).

Dabei will Wilbur einfach nur "die Wahrheit […] berichten" (S. xiii), was beim Gedächtnisschwund von Augenzeugen und dem Wuchern von Gerüchten auf der Basis von Neid und Abtrünnigkeit gar nicht leicht ist. Daß Gerede ausEifersucht sogar in die Tageszeitungen Eingang fand, ist kein Wahrheitsbeweis. Es ist mir unbegreiflich, wie Zweig von Wilburs Redlichkeit und Baker-Eddys Leid unberührt bleiben konnte, so daß er sie zu einem monströsen Popanz aufbaute.

Bei Mark Twain fielen mir vor allem die fruchtlosen Stilanalysen auf. War er nicht in der Lage, Inspiration und ihr Fehlen, Überarbeitung und das Belassen eines ursprünglichen Texts zu unterscheiden, so daß er auf die Idee kam, Science and Health habe jemand anders als Baker-Eddy geschrieben? Seine falschen und widersprüchlichen Prophezeiungen kann man ihm nachsehen, seine Auffassung, Angehörige religiöser Vereinigungen seien "jeder auf seine eigene Art" (each in his own way) "wahnsinnig" (insane) oder "verrückt" (mad), ist total überzogen.

Milmines Biographie ist ausgewogen. Sie läßt alle zu Wort kommen: Baker-Eddy und ihre Mitmenschen. Warum übernimmt Zweig ausgerechnet die von Unverständnis zeugenden Aussagen anderer? Steckt dahinter allgemein ein gebrochenes Verhältnis zur Frau und zum Christentum? Er liefert immerhin drei Negativbiographien über drei Marien (Maria Stuart, Marie Antoinette, Mary Baker-Eddy)!

Da Freud noch lebte, als Zweig seine Biographie über ihn veröffentlichte, konnte er sie geringfügig korrigieren: Er sei "doch etwas komplizierter" als ein korrekter Kleinbürger (S. 393). Zweig habe die freie Assoziation kaum angedeutet und die Ätiologie der Traumdeutung falsch dargestellt. Außerdem kritisierte Freud Zweigs Zweifel, daß auch andere gute Psychoanalytiker werden könnten.

Am schönsten sind die "Sternstunden der Menschheit" zu lesen, weil Zweig hier nur besondere Augenblicke im Leben von zwölf historischen Persönlichkeiten festhält: Vasco Nuñez de Balboa durchquert Panama und sieht den Pazifik. Sultan Muhammad II. erobert Byzanz. Händel komponiert den "Messias". Rouget komponiert die "Marseillaise". Napoleon verliert die Schlacht von Waterloo. Goethe dichtet die "Marienbader Elegie". Der Kriminelle J.A. Suter wird zum reichsten Menschen auf der Erde und verliert alles wieder. Dostojewskis Hinrichtung wird im letzten Augenblick ausgesetzt. Cyrus W. Field verlegt das erste Telegraphiekabel über den Atlantik. Tolstoi flüchtet vor seiner Frau. Scott unternimmt eine Expedition an den Südpol mit tödlichem Ausgang. Lenin reist während des Ersten Weltkriegs von Zürich nach Petersburg.

Die Kapitel über Balzac, Dickens und Dostojewski in "Baumeister der Welt" sind keine reinen Biographien, sondern eher Würdigungen. Balzac verlor sich in seinem Werk: "Mit jedem neuen Buch schrumpfte […] sein Leben zusammen" (S. 26). "Mit ihm beginnt […] der Gedanke des Romans als Enzyklopädie der inneren Welt" (S. 32).

Dickens "wollte mit seinen Romanen allen armen, verlassenen, vergessenen Kindern helfen, die so wie er einst Ungerechtigkeit erlitten durch schlechte Lehrer, vernachlässigte Schulen, gleichgültige Eltern, durch die lässige, lieblose, selbstsüchtige Art der meisten Menschen" (S. 46f). "Er hat als erster den Alltag ins Dichterische umgebogen" (S. 48). "Helfen wollte er den Armen und den Kindern" (S. 49). "Seine Dichtung ist eminent demokratisch – nicht sozialistisch" (S. 50). "Wie die englischen Philosophen beginnt er nicht mit Voraussetzungen, sondern mit Merkmalen" (S. 54).

Seine Wirkung ging "weit über das Literarische hinaus […]. Reiche Leute besannen sich und machten Stiftungen […]; Hartherzige wurden gerührt; die Kinder bekamen […] mehr Almosen auf den Straßen; die Regierung verbesserte die Armenhäuser und kontrollierte die Privatschulen" (S. 62).

Bei Dostojewski arbeitete Zweig das Typische seiner Romanhelden heraus: "Alle leben sie Varianten eines einzigen Erlebnisses: der Menschwerdung" (S. 104). Eine unbestimmte Kraft in ihnen wird zur Idee, die sie zu Ende denken, bevor sie sie loswerden wollen. "Ihre Selbstzerstörung zerstört nur die Schale um den inneren Menschen und ist Selbstrettung im höchsten Sinn." Sie "vernichten ihr soziales Ich, den dunklen Raupenstand ihres inneren Wesens, um wie Schmetterlinge sich der abgestorbenen Form zu entschwingen" (S. 106); "alle lieben sie das Leiden, weil sie darin das Leben; das geliebte, so stark spüren […]. Es ist ihr stärkster Existenzbeweis: […] 'ich leide, also bin ich'" (S. 102).

Hölderlin stellte Zweig als Dichter dar, der seiner Berufung so kompromißlos folgte, daß er sich selbst zerstörte. Tolstoi galt Zweig als "so ziemlich der komplizierteste Fall der ganzen Literatur" (Briefe 179).

Der Sammelband "Europäisches Erbe" enthält abgesehen von Zweigs letzter Arbeit über Montaigne lauter kurze Essays, auch über wenig bekannte Persönlichkeiten. Am schönsten ist der Essay über 1001 Nacht.

"Mich lockte sehr, über Montaigne zu schreiben, den ich jetzt viel und mit großem Genuß lese, ein anderer (besserer) Erasmus, ganz ein tröstlicher Geist" (Briefe 334), "ein Meister und Lehrer der Resignation und des Rückzugs auf sich selbst" (Briefe 336), "'homme libre'", "Vorkämpfer für die innere Freiheit in einer Zeit wie der unseren [1942], der an der gleichen Verzweiflung leidet, weil er gerecht und weise bleiben will durch seinen fanatischen Freiheitssinn (unter Beiseitelassen und Verachtung für allen zeitigen äußeren Erfolg" (Briefe 345).

11. Reiseberichte

Zu seiner "Reise nach Rußland" im Jahr 1928 wurde Zweig von der Regierung der Sowjetunion eingeladen. Anlaß war die Feier des hundertsten Geburtstags von Leo Tolstoi (1828-1910) mit "Eröffnung des Tolstoi-Museums und des Tolstoi-Hauses" (II 606) sowie der Enthüllung eines Denkmals. Er beschränkte sich darauf, seine Eindrücke wiederzugeben. Da war zunächst die Geduld der Russen, verbunden mit einer "unbeschränkten Leidensfähigkeit" (II 584f): Sie konnten warten, kleine Wohnungen ertragen und ohne Luxuswaren auskommen.

Moskau war voller Kirchen. Die Photos von Lenin waren allgegenwärtig. Lenins Grabmal war überlaufen wie ein Wallfahrtsort: "Führerverehrung statt des Heiligendienstes" (II 591). Die Regierung "hat sehr richtig gefühlt, daß, gerade weil die marxistische Lehre eine in sich sachliche, unmystische, eine logische und durchaus amusische ist, man sie rechtzeitig in Mythos verwandeln und mit aller Inbrunst des Religiösen erfüllen müsse" (II 593).

Moskaus Museen erschienen Zweig als die "einzigen großen Revolutionsprofiteure" (II 593). Ihre Zahl habe sich vervier- bis verzehnfacht: "nirgends so sinnlich, so glücklich wie in der Kunst drückt sich der marxistische Gedanke aus, daß alles allen gehören solle" (II 595).

Am meisten war Zweig vom "Heroismus der russischen Intellektuellen" beeindruckt (II 596), die in Rußland ausharrten, obwohl sie nicht anerkannt wurden. Sie harren aus, "weil sie es für ehrlos halten, ihren Posten zu verlassen um besserer Verdienstmöglichkeiten in Europa willen, und dies nur aus dem stolzen Gefühl sittlicher Verpflichtung, aus dem Bewußtsein, daß nichts heute Rußland […] so notwendig ist wie gute Universitäten, gute Schulen und Museen, eine vollendete und volksmäßige Kunst" (II 598f).

"Als entscheidender Eindruck bleibt: wir haben alle unbewußt oder bewußt an Rußland ein Unrecht getan und tun es noch heute. Ein Unrecht durch Nichtgenugwissen, Nichtgenuggerechtsein" (II 615). Es werde zu wenig nach Rußland gereist, die Vielfalt seiner Leistungen werde ignoriert, statt einer gerechten Beurteilung würden Vorurteile gepflegt und fremde Meinungen nachgeplappert.

Die "Kleine Reise nach Brasilien" (1936) unternahm Zweig im Anschluß an seine Teilnahme am Pen-Kongreß in Buenos Aires (Argentinien). Sie war für ihn "geradezu eine Seelenkur. Denn ein Gemeinschaftsgefühl von Vertrauen […] hebt immer die eigene Seele mit" (III 401).

12. Novellen

"In meinen Novellen ist es immer der dem Schicksal Unterliegende, der mich anzieht", schrieb Zweig in "Die Welt von gestern" (S. 114). Das Wesen der Dichtung beschrieb er allgemein von Freuds "Traumdeutung" her: "Alle Psychologie lehrt uns, daß Träume gehemmte Wünsche sind, aus der Phantasie vorgetriebene Steigerungen über die Wirklichkeit hinaus: und was wäre Dichten denn wacher Traumakt des Künstlers? Wir steigern uns seelisch und moralisch in Werke über die eigene Unzulänglichkeit empor, wir erfinden Intensitäten des Schicksals, die uns von der Realität nichts gegeben haben: Dichten bedeutet für mich Intensificieren, sei es der Welt, sei es des Ich" (Briefe 190).

Die spät bezahlte Schuld handelt von der Schwärmerei eines Backfischs für einen Schauspieler, Peter Sturzentaler. Als Margaret ihn zu Hause aufsucht, demütigt er sie nicht, sondern zeigt viel Takt bei seiner Abweisung. Er schützt sie sogar vor den bösen Zungen der Nachbarn, indem er seine Haushälterin bittet, sie zur Tür zu begleiten.

Viele Jahre später sieht ihn die längst verheiratete Margaret wieder, als sie sich in einem Tiroler Dorf eine Auszeit gönnt. Sie erkennt ihn nicht einmal, doch die Wirtin klärt sie auf. Margaret revanchiert sich für das Taktgefühl von Sturzentaler, indem sie den nunmehrigen Armenhäusler an seinen früheren Ruhm erinnert und ihn vor der Verachtung der Bauren in Schutz nimmt.

Die Sammlung "Menschen" enthält zehn Novellen:

  • In Verwirrung der Gefühle geht es um einen homosexuellen Professor und die Liebesgeschichte seiner Frau mit einem seiner Studenten.
  • Aus dem Leben einer Frau erzählt 24 Stunden, in denen sie vergeblich versucht, einen Spielsüchtigen vom Selbstmord abzuhalten.
  • Die Magd Leporella bringt zuerst die Hausherrin und dann sich selber um.
  • Die Episode am Genfer See handelt von einem russischen Deserteur, der sich umbringt.
  • Phantastische Nacht gibt die Aufzeichnungen eines Barons wieder, der den Wettschein für ein Pferderennen stiehlt, gewinnt, den Gewinn wieder einsetzt, wieder gewinnt, von einer Prostituierten in eine Falle gelockt und überfallen wird. Er verhandelt geschickt, gibt den Verbrechern hundert Kronen und verschenkt den Rest des Geldes an Bettler.
  • Der Zwang handelt von einem mißachteten Einberufungsbefehl während des Ersten Weltkriegs und dem inneren Kampf des Wehrpflichtigen, der Selbstmordgedanken hat.
  • In Sommernovellette macht ein Mann durch anonyme Briefe ein Mädchen in sich verliebt.
  • In Brennendes Geheimnis verhindert ein Junge den Seitensprung seiner Mutter.
  • In der Schachnovelle besiegt ein Dilettant, der als Häftling der Gestapo Schachpartien nachvollzogen hat, einen Schachweltmeister.
  • Die unsichtbare Sammlung gehört einem Blinden, dessen Angehörige seine Sammelstücke verkaufen und ihn darüber belügen.

Der Sammelband "Novellen der Leidenschaft" enthält ebenfalls zehn Novellen:

  • Der Amokläufer handelt von einer Frau, die die Ehe gebrochen hat, schwanger wurde und nun wegen der Abtreibung einen Arzt aufsucht. Da er als Bezahlung mit ihr schlafen will, läßt sie die Abtreibung von einer Kurpfuscherin machen und stirbt daran. Der Arzt vertuscht die Todesursache, indem er den Amtsarzt erpreßt, den Sarg im Meer versenkt und sich umbringt.
  • In Die Frau und die Landschaft küßt ein Mann eine Schlafwandlerin.
  • Der Brief einer Unbekannten handelt davon, wie ein Backfisch sich in einen Schriftsteller verliebt, ein Kind von ihm bekommt und Prostituierte wird. Nach dem Tod ihres Kinds schreibt sie ihm alles und stirbt auch.
  • In Die Mondscheingasse geht es um eine Ehekatastrophe.
  • Geschichte in der Dämmerung handelt von der Verführung eines Knaben, der die Verführerin für ihre Schwester hält.
  • Die Gouvernante bringt sich um, weil ihr wegen ihrer Schwangerschaft gekündigt wird.
  • Buchmendel sind Erinnerungen an einen außergewöhnlichen Buchhändler.
  • In Unvermutete Bekanntschaft mit einem Handwerk beobachtet der Erzähler einen Taschendieb.
  • Angst handelt von einem Ehemann, der seine ehebrecherische Frau dadurch zurückgewinnt, daß er sie von einer Schauspielerin erpressen läßt.
  • In Untergang eines Herzens regt sich ein alter Mann über die Liebschaft seiner Tochter auf, isoliert sich und stirbt.

13. Romane

Ungeduld des Herzens handelt vom Mitleid als Abwehr fremden Leids, von "jener sonderbaren Vergiftung durch Mitgefühl" (S. 46), die einen jungen Offizier in eine Beziehung mit einem gelähmten Mädchen schlittern läßt. Sie verliebt sich in ihn und er verlobt sich mit ihr für den Fall, daß sie wieder gesund wird, obwohl er mit seinem Herzen nicht dahinter steht. Denn er will nicht in den Ruf eines Erbschleichers kommen, der es nur auf die Millionen und den Gutsbesitz ihres Vaters abgesehen hat. Vor seinen Regimentskameraden streitet er die Verlobung ab.

Die "Ungeduld des Herzens" wird beiden bescheinigt: Leutnant Toni Hofmiller (S. 293) und Edith von Kekesfalva (S. 378):- Toni, weil er gefühlsmäßig unsicher und unverläßlich ist, weil er sich rasch entschließt und seine Absichten rasch wieder aufgibt, weil seine Stimmungsschwankungen ihn unverantwortlich machen und weil er weder ausdauernd noch standhaft ist.- Edith, weil sie nicht auf eine Nachricht von Toni wartet, als sie von seiner Abkommandierung erfährt, sondern sich eine Viertelstunde zu früh umbringt. Denn da treffen ihr Arzt und ein Telegramm von Toni ein. Hätte sie noch gelebt, hätte sie erfahren, daß Toni zu ihr steht und bei ihr bleibt, egal, ob sie nun geheilt wird oder nicht.

Tatsächlich ging es Toni nur um die eigene Ehre: Er wollte seine Feigheit wiedergutmachen (das tut er dann im Ersten Weltkrieg und bekommt dafür den Maria Theresienorden) und Edith beweisen, daß er nicht sie, sondern nur seine Mitsoldaten betrogen hat. Daß er sich umbrachte, hat sein Vorgesetzter verhindert, den er bei der Vertuschung des drohenden Skandals um Hilfe gebeten hat.

Nach Ediths Tod fühlt er sich schuldig. "Denn ich war überzeugt, durch meine Schwäche, durch mein erst lockendes und dann flüchtendes Mitleid einen Menschen und dazu den einzigen Menschen, der mich leidenschaftlich liebte, ermordet zu haben" (S. 380). So flieht er vor Ediths Arzt, als dieser zufällig in der Oper neben ihm sitzt. Da er mit seiner blinden Frau zu spät kam, denkt Toni, er habe ihn nicht erkannt. "Aber seit jener Stunde weiß ich neuerdings: keine Schuld ist vergessen, solange noch das Gewissen um sie weiß" (S. 383).

In Rausch der Verwandlung lernt die Postangestellte Christine Hoflehner das Leben der Reichen kennen, als sie von ihrer Tante in ein Hotel eingeladen wird. Als sie wieder in ihr altes Leben im Dorf zurück muß, erscheint es ihr sinnlos. Ferdinand Farrner, den ihr Schwager aus dem Krieg kennt und mit dem sich Christine anfreundet, arbeitet den Plan zu einem Diebstahl der Postgelder aus, dem sie zustimmt. Wenn etwas schiefgeht, wollen sich beide umbringen.

14. Legenden

In Rahel rechtet mit Gott (vgl. Ijob 13,3) bittet Rahel Gott, Jerusalem nicht zu zerstören, und weist ihn auf ihr leidvolles Leben hin (vgl. Gen 29,1-30,24). Sie habe sich Leas erbarmt und ihr geholfen, Jakob zu betrügen. Jakob habe sich ihrer erbarmt, nachdem er sie blutig geschlagen habe. Auch ihrem Vater Laban habe er verziehen und Lea nicht verstoßen. Sie, Rahel, sei eifersüchtig auf Lea gewesen, Gott sei eifersüchtig auf die andern Götter, sie habe ihren Neid bezwungen, um wieviel mehr müsse da Gott seinen Neid bezwingen. Könne er das nicht, sei er kein Gott.

Als Rahel von Licht umhüllt wird, sehen die Engel, "daß Gott mit all seiner atmenden Liebe Rahel ins Antlitz gesehen. Und sie erkannten, daß Gott die Leugnerin seines Wortes mehr liebte um ihres Glaubens Unmaßes und Ungeduld willen denn die Diener, die frommen seines Worts, um ihrer Hörigkeit" (S. 21). Die Menschen bemerken einen sanften Wind (vgl. 1 Kön 19,11) und sehen einen Regenbogen als Zeichen von Gottes Gnade (vgl. Gen 9,13).

In Die Augen des ewigen Bruders verzichtet Virata darauf, Feldherr zu sein, weil er in der Schlacht bei Dunkelheit unwissend seinen Bruder getötet hat. Er legt sein Richteramt nieder, als ihm ein Verurteilter vorwirft, seine Strafe sei schlimmer als der Tod, und er habe sie nicht am eignen Leib erlebt. Deshalb will Virata einen Monat lang Gefängnisstrafe und Geißelung erdulden. Danach bittet er den König um die Freilassung aller Gefangenen, die er verurteilt hat: Gott soll sie richten. Er selbst zieht sich zu seiner Familie zurück und verzichtet darauf, Ratgeber des Königs zu werden. Stattdessen schlichtet er Streit, wenn er vor ihn getragen wird. Als seine Söhne einen Sklaven züchtigen, läßt er alle Sklaven frei.

Von nun an sollen seine Söhne die Arbeit selbst tun. Da sie rebellieren, vermacht er ihnen das Haus und baut sich im Wald eine Hütte. Er will leben, ohne sich schuldig zu machen. Andere folgen seinem Beispiel. Als er in ein Dorf kommt, bemerkt er den Haß einer Frau, die verarmt ist und deren Kinder gestorben sind, weil ihr Mann sie verlassen hat, um dem Beispiel Viratas zu folgen. Da verläßt Virata den Wald und wird Hundeaufseher des Königs, den er überlebt. Als er selbst stirbt, ist er vergessen. Viratas Söhne kommen nicht, als sein Leichnam verscharrt wird. Nur die Hunde heulen zwei Tage lang.

"Es ist ein Glaubensbekenntnis in Form einer Legende", schrieb Zweig in der Woche vor Ostern 1925 an Maxim Gorki, und meinte damit wahrscheinlich "Die Augen des ewigen Bruders" (Briefe 154).

Der begrabene Leuchter bringt die Geschichte des siebenarmigen Leuchters aus dem Tempel Salomons.

Im Jahr 455 ziehen die Vandalen gegen das unvorbereitete Rom. Das Volk erschlägt Kaiser Maximus, als er fliehen will. Papst Leo öffnet Genserich, dem König der Vandalen, die Tore der Stadt, da dieser nur Beute machen will. Die Juden, bei denen es außer den Heiligtümern aus dem Jerusalemer Tempel nichts zu holen gibt, beten.

Elf jüdische Greise und der siebenjährige Benjamin folgen dem Abtransport des Tempelschatzes. Benjamin will einem Sklaven den siebenarmigen Leuchter entreißen, stürzt aber. Der Leuchter zertrümmert ihm den rechten Arm.

Benjamin erlebt es noch, wie das Heer des byzantinischen Kaisers Justinian die Vandalen in Karthago besiegt und der siebenarmige Leuchter nach Byzanz gebracht wird. Benjamin reist hin, um ihn zurückzuholen. Der jüdische Goldschmied Zacharias, dem der Schatzmeister des Kaisers verpflichtet ist, erlangt für Benjamin eine Audienz bei Justinian. Dieser befiehlt, den Leuchter nach Jerusalem in eine christliche Kirche zu bringen. Dort soll er zum Zeichen der Überlegenheit des Christentums über das Judentum unterhalb des Altars stehen.

Zacharias fertigt ein Abbild des Leuchters. Als er dem Schatzmeister beide vorführt, kann dieser keinen Unterschied finden. Vor die Wahl gestellt, wirft er eine Münze und nimmt den falschen Leuchter für den Kaiser mit. Den echten Leuchter bringt Benjamin nach Joppe (Jaffa) und begräbt ihn in einem Sarg im Hinterland. Danach stirbt er. Der Leuchter befindet sich heute noch dort.

Die Legende der dritten Taube (vgl. Gen 8,12) hat Zweig als erster erzählt. Sie ist unsterblich und darf erst heimkehren, wenn Friede auf der Erde ist.

Die gleich-ungleichen Schwestern sind die eineiigen Zwillingstöchter des Langobarden Herilunt und einer Krämerin der Hauptstadt von Aquitanien. Die eine wird Hetäre, die andere Nonne. Da sie beide genau gleich aussehen, bringen sie die Männer durcheinander: der eine sieht in der Krankenpflegerin Sophia die Liebeskünstlerin der letzten Nacht, der andere in der halbnackten Helena die Unberührbare. Schließlich macht Helena aus Sophia eine Hetäre. Doch als das Alter die Haare grau und das Gesicht runzlig macht, gehen sie beide in ein Frauenkloster. Ihr Vermögen hinterlassen sie der Stadt.

Der Sammelband "Europäisches Erbe" enthält noch die Legende Der Turm zu Babel aus dem Jahr 1930 (S. 214-219). Zweig erweitert Gen 11,1-9 um einen Brückenschlag zur Gegenwart: Nach und nach finden die Menschen wieder zusammen, tauschen Kultur und Bodenschätze aus, überwinden Sprach- und Ländergrenzen. "So begann er allmählich auf Europas Boden wieder zu erstehen, der Turm zu Babel, das Denkmal der brüderlichen Gemeinschaft, das Monument der menschlichen Solidarität" (S. 217).

Doch Gott fürchtet zum zweiten Mal um seine Macht und entzweit die Menschen (im Ersten Weltkrieg). "Noch ist die Stunde nicht reif zu gemeinsamer Tätigkeit, noch zu groß die Verwirrung, die Gott in die Seelen sandte, und Jahre werden vielleicht vergehen, ehe die Brüder von einst wieder in friedlichem Wettbewerb gegen die Unendlichkeit schaffen" (S. 218). Eines Tages, wenn jeder an seinem Platz arbeitet, "wird der Turm wieder aufsteigen, und auf den Höhen werden sich die Nationen wiederfinden" (S. 219).

© Gunthard Rudolf Heller, 2017

Literaturverzeichnis

ARENS, Hanns (Hg.): Der große Europäer Stefan Zweig, Frankfurt am Main 1981

DIE BIBEL – Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Bundes, Freiburg/Basel/Wien 201976

KINDLERS NEUES LITERATURLEXIKON, hg. v. Walter Jens, 21 Bände, München 1996

MATUSCHEK, Oliver: Stefan Zweig. Drei Leben – Eine Biographie, Frankfurt am Main 2008

MILMINE, Georgine: The Life of Mary Baker G. Eddy : and the History of Christian Science (1909), reprint Delhi 2017

SCHIERSE, Franz Joseph: Konkordanz zur Einheitsübersetzung der Bibel, Düsseldorf/Stuttgart 21986

TWAIN, Mark: Christian science, New York/London 1907, Nachdruck o.O. o.J.

WIKISOURCE: https://de.wikisource.org/wiki/Abschiedsbrief_Stefan_Zweigs

WILBUR, Sibyl: Das Leben der Mary Baker Eddy, Übersetzung der autorisierten englischen Ausgabe, Boston (Massachusetts) o.J.

ZWEIG, Stefan: Die Welt von gestern – Erinnerungen eines Europäers, Berlin 2015 (Welt)

  • Briefe an Freunde, hg. v. Richard Friedenthal, Frankfurt am Main 1984 (Briefe)
  • Europäisches Erbe, Frankfurt am Main 1981
  • Essays – Auswahl 1907-1924, Leipzig 1983 (I)
  • Essays – Auswahl 1925-1928, Leipzig 1985 (II)
  • Essays – Auswahl 1929-1942, Leipzig 1990 (III)
  • Silberne Saiten – Gedichte, Frankfurt am Main 41996
  • Tersites · Jeremias – Zwei Dramen, Frankfurt am Main 1982
  • Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam, Frankfurt am Main 1980
  • Magellan – Der Mann und seine Tat, Frankfurt am Main 1961
  • Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt, Frankfurt am Main 172016
  • Maria Stuart, Frankfurt am Main 1981
  • Marie Antoinette – Bildnis eines mittleren Charakters, Frankfurt am Main 1983
  • Joseph Fouché – Bildnis eines politischen Menschen, Frankfurt am Main 1995
  • Die Heilung durch den Geist – Mesmer · Mary Baker-Eddy · Freud, Frankfurt am Main 1990
  • Sternstunden der Menschheit – Zwölf historische Miniaturen, Frankfurt am Main 1979
  • Baumeister der Welt – Balzac · Dickens · Dostojewski · Hölderlin · Kleist · Nietzsche · Casanova · Stendhal · Tolstoi, Stuttgart o.J.
  • Die spät bezahlte Schuld, in: Phantastische Nacht – Erzählungen, Frankfurt am Main 1982, S. 39-69
  • Menschen – Novellen, Stuttgart/Zürich/Salzburg o.J.
  • Novellen der Leidenschaft, Stuttgart/Zürich/Salzburg o.J.
  • Ungeduld des Herzens, Stuttgart/Gütersloh/Wien/Zug o.J.
  • Rausch der Verwandlung – Roman aus dem Nachlaß, Frankfurt am Main 1988
  • Legenden, Berlin/Darmstadt/Wien 1959
01.11.2017 © seit 08.2017 Gunthard Heller
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