Seite 4: Reflektionen über die Rolle des Zeithorizonts im Denken

Anhang - Eine poetische Reflektion des Zeithorizonts

Und wer franzet oder britet ...

Und wer franzet oder britet
Italienert oder teutschet,
Einer will nur wie der andere
Was Eigenliebe heischet.

Denn es ist kein Anerkennen,
Weder Vieler, noch des Einen,
Wenn es nicht am Tage fördert
Wo man selbst was möchte scheinen.

Morgen habe denn das Rechte
Seine Freunde wohlgesinnet,
Wenn nur heute noch das Schlechte
Vollen Platz und Gunst gewinnet.

Wer nicht von dreitausend Jahren
Sich weiß Rechenschaft zu geben,
Bleib im Dunkel unerfahren,
Mag von Tag zu Tage leben.

(von Johann Wolfgang von Goethe)

Dieser kleinen Ausarbeitung zum Thema "Zeithorizont im Denken" noch ein Gedicht von Goethe anzufügen, kommt nicht von ungefähr. Heidegger selbst pflegt seinen Vorträgen immer wieder mit Gedichten zu bereichern. Dabei ging es ihm vordergründig nicht darum, einen trockenen Sachtext mit etwas Poesie aufzulockern. Die Poesie selbst war für Heidegger ein Zugang zu dem, was er Denken nannte.

Gedichte kann man nicht in der Weise lesen und verstehen, wie es bei "Sachtexten" der Fall ist. Es geht bei einem Gedicht nicht darum Informationen möglichst prägnant zu präsentieren, sondern darum die Idee des Dichters in Erscheinung zu bringen. Erst beim Bedenken eines Gedichtes kann sich dessen Tiefe offenbaren - neben dem Gedachten eine Stimmung vermitteln, die in der Struktur, Rhythmus, Klangfarbe und Wortwahl versteckt ist.

Dieses Gedicht stammt aus dem "Buch des Unmuts" im "West-östlichen Divan". Es besteht aus vier Strophen mit ebensovielen Sätzen, die immer aus exakt gleich großen Hälften bestehen. Der Beginn des Gedichtes mutet etwas sperrig an und gewinnt erst in der zweiten Hälfte an Fluß. Man kann es als Rüge oder Ermahnung zum Nachdenken an den Rezipienten verstehen, was durch die kantige Form der ersten Strophen unterstrichen wird.

Betrachtet man die erste Strophe so besteht die Frage, wen Goethe mit diesen Zeilen ansprechen will. Man meint eine ironische Anspielung auf das Nationalbewußtsein herauszuhören, die sich in den vier Nationalitäten verkörpert. Der bittere Beigeschmack der Eigenliebe - der Liebe zum Vaterland - ist die darin implizierte Idee der Abgrenzung zu Anderen. Die fast verzerrt wirkenden Sätze und Wörter verleihen dieser Strophe etwas ironisches - skuriles. Die Wortverdrehungen unterstreichen eine Verdrehung der dahinterliegenden Ideen und geben der nationalistischen Einstellung und ihrer Voreingenommenheit einen lächerlichen Anstrich.

In der zweiten Strophe wird die Abgrenzung und deren Beschränktheit weiter ausgeführt. Welche Werte vertreten wir? Sind es nicht die kleinen Gelüste der Bequemlichkeit, das öffentlichen Ansehen, das Verschieben der guten Vorsätze auf ein Irgendwann, um ein vermeintlich aufkommendes schlechtes Gewissen zu beruhigen? Nur das Heute im Blick behaltend, verlieren wir so ein Morgen, da uns der Aufschub selbst zur Gewohnheit wurde. Unsere kurzsichtige Eigenliebe bleibt so dem Nationalen und Modischen - dem Geschmack des Jedermans - verfallen.

In der dritten Strophe spricht er schon leicht zynisch von der Welt der kleinen Werte. In der Übertreibung des Gesagten, zeigt sich ein Stachel, der dem Leser den Spiegel seiner eignen Vorurteile vor Augen führen soll. Der Aufschub des "Rechten" bringt das "Schlechte" erst zutage - so wird der verloren gegangene Wille zur Änderung offenbar. Denn auch im Aufschieben dessen was zu tun ist, ist keine Aufhebung der Moral zu sehen, sondern markiert ebenso eine Entscheidung, die Dinge laufen zu lassen. Wer das Gute nicht verwirklicht, hinterläßt eine Leerstelle, die sich mit dem Bequemen auffüllt - dem Schlechten erst den Platz schafft.

Erst in der letzten Strophe löst sich die sperrige Form des Gedichtes auf und verkündet mit überraschendem Pathos, was der versäumt, der nur von Tag zu Tage lebt. Die Erfahrung und die Weitsicht selbst ist es, die ihm verwehrt bleibt. Gleich mit der Wendung, daß dreitausend Jahre alte Wurzeln den Baum Europa wachsen ließen. Auf Europa selbst deuten sowohl die genannten Nationen als auch die Jahre. Die Jahre verweisen auf das Alter der europäischen Kultur - vom alten Testament - über Homer bis in die Neuzeit.

Mit diesem Verweis auf die gemeinsamen Wurzeln des scheinbar Getrennten, soll eine größere Verbundenheit hindurchscheinen - das europäische Denken. Gewonnen wird diese Erkenntnis durch die Fähigkeit, sich von der ganzen Geschichte Europas Rechenschaft geben zu können. Wer die Entwicklung von der Antike - von Troja bis Byzanz - von der Illias bis zum "Corpus Iuris" kennt, sieht ein großes Haus, das gemeinsam von allen Nationen bewohnt wird. Die Kenntnis der Geschichte schafft das Fundament, um über den eigenen Tellerand hinausblicken zu können - ein größeres Ganzes zu sehen.

Der Tenor - den Blick von den Differenzen hinweg auf das Gemeinsame zu wenden - ist heute noch so aktuell, wie zu Goethes Lebzeiten.

Warum schreibe ich dies? Ich schreibe dies deshalb, weil Sie meinen Text nur verstehen werden, wenn Sie ihn wie ein Gedicht lesen - ihn wie ein Gedicht zu verstehen versuchen.

Viel Spaß beim Abenteuer des Denkens!

06.08.2019 © seit 03.2006 Tony Kühn  
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