Seite 3: Reflektionen über die Rolle des Zeithorizonts im Denken

Vergangenheit ist nur Gedächtnis oder wie wir unsere Identität ausbilden

Jeder hat eine persönliche Geschichte, die den Zeithorizont seines Denkens prägt. Diese persönliche Geschichte lebt in unserer Erinnerung weiter - ist der Hintergrund unserer Erfahrungen. Der Zeithorizont unserer persönlichen Vergangenheit spiegelt sich im Gedächtnis wieder. Unsere persönliche Geschichte ist uns jedoch nur insofern transparent, als wir uns an sie erinnern, d.h. sie rekonstruieren können.

Doch unser Gedächtnis vermag es nicht, unsere eigene Geschichte kontinuierlich zu rekonstruieren. Je weiter wir versuchen in unsere Vergangenheit zu blicken, desto bruchstückhafter werden die Erinnerungen oder wir haben sie gar gänzlich vergessen. Doch was geschieht, wenn wir unsere eigene Geschichte vergessen? Die "Vergangenheit" ist nicht vergangen und vorbei, sondern spielt für die Gegenwart eine tragende Rolle. Unsere Erfahrungen bringen Struktur in die Ereignisse und befähigen uns zu Entscheidungen und zu Handeln.

Stellen Sie sich für einen Moment vor, daß Sie Ihr Gedächtnis verloren haben, sich an nichts aus Ihrer Vergangenheit erinnern können. Sind Sie ohne Ihre Erfahrungen noch derjenige der Sie jetzt sind? Würden Sie dann noch von sich als Person sprechen? Kann es eine Person oder ein Individuum ohne Geschichte überhaupt geben?

DenkenIch denke - Nein! Erst mit einer eigenen Geschichte (Vergangenheit) können Sie sich als Person identifizieren - erst mit den Erinnerungen an sich selbst, können Sie eine Kontinuität in Ihrer Persönlichkeit ausmachen. Eine Person ohne Vergangenheit kann keine Identität ausbilden, da die Person nichts hat, womit sie sich selbst vergleichen kann. Wir erschaffen unsere eigene Identität erst dann, wenn wir uns unserer vergangenen Identitäten bewußt sind. Erst im Vergleich können wir uns selbst als "kontinuierlich anwesend" erkennen.

Sicher ist diese Form des Gedächtnisverlustes ein Extremfall, der nur sehr wenigen Menschen widerfährt. Aber ist das "Vergessen" der eigenen Vergangenheit nicht ebenso ein Verlust der eigenen Persönlichkeit? Ähnelt das eigene Vergessen nicht einen zerstückelten Kinofilm, bei dem ein schlechter Cutter Stück für Stück einzelne Szenen entfernt, bis nur mehr ein zusammenhangsloses Flickwerk übrig bleibt? Verlieren wir mit dem Vergessen unserer Geschichte nicht auch Stück für Stück unsere Persönlichkeit?

Ich will an dieser Stelle auf diese Fragen keine vorschnelle Antwort geben. Lassen wir sie als Denkanregung stehen, die Sie selbst bedenken können, um die Rolle oder Wirkungen Ihres eignen Zeithorizonts zu erfassen. Wie drastisch die Wirkungen des Vergessens - und damit eines kontinuierlichen Schrumpfens des eigenen Zeithorizonts sind - vermag nur jeder für sich selbst zu beantworten.

Prinzipiell kann der Mensch aus Erfahrungen lernen - er kann sie aber auch aus dem Zeithorizont entfernen, in dem er vergangene Erfahrungen aus dem Denken bewußt verändert, verbannt, vergißt oder einfach ignoriert. Je weiter wir unseren Zeithorizont einengen, desto weniger Background steht uns zur Verfügung. Wenn wir selbst unsere eigene Geschichte vergessen, entwurzeln wir uns vollständig. Übrig bleibt nur mehr der Konsument, der lediglich das "Hier und Jetzt" - die momentane Bedürfnisbefriedigung im Blick haben kann und nurmehr von Augenblick zu Augenblick zu leben weiß.

Vom Horizont der Zukunft - unser Ende

Interessanterweise setzt Heidegger für das Dasein die Zeitdimension der Zukunft als primär an. In anderen Wir denken immer voraus in die Zukunft, wenn wir Entscheidungen treffen.

Da es uns immer um das eigene Seinkönnen geht, erkundet der Mensch ständig die Möglichkeiten in der Zukunft - er läuft der Gegenwart in Gedanken vorweg, um die Auswirkungen seines Tuns im Vorblick erfassen zu können und es - als gewesene Zukunft - als Handlungswissen in der Gegenwart wieder zu entlassen. Dies ist nicht nur gelegentlich oder unter bestimmten Umständen der Fall, sondern all unser gegenwärtiges Handeln entstammt aus dem Vorlaufen unserer Sorge um uns selbst in der Zukunft.

Anschaulicher kann dies werden, wenn wir uns eine alltägliche Begebenheit - wie das Kochen - vorstellen. Schon bevor wir kochen, wissen wir, daß wir Hunger haben. Schon bevor wir das Gericht zubereitet haben, wissen wir wann und wie wir es kochen wollen. In der Gegenwart arbeiten wir unseren "Entwurf" nurmehr ab, indem wir das Gericht tatsächlich kochen. Ohne ein solches Vorlaufen in die Zukunft (Planung/ Entwurf) bzw. ein Zurückbringen dieser Erkenntnisse aus der Zukunft (d.h. die gewesene Zukunft kehrt in die Gegenwart zurück und leitet uns beim Ausführen der Handlung an) wäre überhaupt keine zielgerichtete Handlung möglich.

Zur Veranschaulichung dieses Sachverhalts mag auch ein Gedankenexperiment von Nutzen sein. Fragen Sie sich, welche Handlungen möglich wären, wenn ein Mensch die Zukunft in keiner Weise "vordenken" könnte.

Man könnte sich nicht einmal ein Butterbrot schmieren, weil selbst bei einem so simplen Vorgang schon die Vorstellung eines "fertigen Butterbrotes" vorhanden sein muß, um die einzelnen Schritte ( ... Brot schneiden - Butter aus dem Kühlschrank holen etc. ...) in der Gegenwart zu "wiederholen". Die Vorstellung des fertigen Butterbrotes - und der Weg der dahin führt - muß für uns schon im voraus erschlossen sein, damit wir diese Tätigkeit ausführen können.

Horizont der Zukunft und die Fähigkeit moralisch zu handeln

GefängnisDoch inwiefern ist die Zukunft für die Perspektive des Zeithorizonts im Denken interessant? Das "Sich-vorweg-sein" im Denken eröffnet dem Menschen erst die Möglichkeit, Konsequenzen seiner eigenen Entscheidungen und Handlungen absehen zu können.

Sehen wir uns als Beispiel einen Gewalttäter an, der im Affekt handelt. Was passiert, wenn ein Hooligan einen Passanten im Affekt brutal zusammenschlägt? Der Affekt reduziert den Zeithorizont des Täters auf das Gegenwärtige, er sieht nur seine eigenen verletzten Gefühle oder ergötzt sich an der Unterwerfung eines Schwächeren. Dies mag ihm kurzfristig die Anerkennung seiner Kumpels einbringen, aber schon die kurz- oder mittelfristigen Konsequenzen seiner Handlungen werden völlig ausgeblendet.

Würde er nämlich ernsthaft an seine Zukunft denken - also die Auswirkungen seiner Handlungen in den nächsten Wochen/ Monaten/ Jahren etc. - so könnte er selbst darauf kommen, daß ihm dieser "kurzfristige Kick" von ein paar Minuten unter Umständen 10 Jahre Knast einbringt.

Mit der Fähigkeit des "Vordenkens" würde er sich die Affekthandlung zehnmal überlegen - denn wer will ernsthaft einen kurzen Adrenalinstoß gegen 10 Jahre Freiheitsentzug eintauschen? Der Zeithorizont ist im Affekt drastisch geschrumpft auf das Gegenwärtige - die Zukunft ist nur noch für die nächsten Minuten im Blick. Wie wir in diesem Beispiel sehen können, ist die Fähigkeit einen größeren Zeithorizont überblicken zu können die Voraussetzung für moralisches Denken. Die Fähigkeit moralisch Denken zu können ist die Voraussetzung, um Verantwortung zu übernehmen. Veranschaulichen wir uns dies an einem weiteren Beispiel.

Der Horizont der Zukunft oder die Fähigkeit Verantwortung übernehmen zu können

Sehen wir uns als nächstes den Unterschied des Zeithorizonts bei einem Fließbandarbeiter und einem Manager an. Der Fließbandarbeiter tätigt immer dieselben Handgriffe - die Komplexität der Arbeit ist relativ gering und er muß nur einen sehr begrenzten Einblick in die Zukunft haben, gerade soviel, um zu wissen, wie das fertige Produkt seiner Arbeit aussehen muß.

Chel ManagerEin Manager, der eine große Firma führt, muß Jahre - oder gar Jahrzehnte - im Blick haben. Er muß künftige Entwicklungen erkennen können und fähig sein Entwicklungen zu initiieren, die erst Jahre später Früchte tragen werden.

Je weiter ein Mensch den Zeithorizont seines Denkens ausdehnen will, desto komplexer werden Zusammenhänge, die er berücksichtigen muß, um die richtige (oder erfolgreiche) Entscheidung zu fällen. Aber gerade sein vorlaufendes Durchdenken der Zukunft, macht es möglich Verantwortung zu tragen. Denn Verantwortung tragen heißt immer, sich der möglichen Konsequenzen seiner eigenen Handlungen bewußt zu sein.

Insofern können nur Menschen Verantwortung übernehmen, die es vermögen, die Komplexität eines langfristig vorlaufenden Zeithorizontes bewältigen zu können. Damit haben wir ein weiteres Element des Zeithorizonts entdeckt - die Fähigkeit Komplexität zu verarbeiten. In anderen Worten - je weiter ich meinen Blick in die Zukunft ausdehnen will, desto größer wird die Komplexität an Möglichkeiten, mit denen ich zu rechnen habe. Das Möglichkeitsfeld der Zukunft erschließt immer mehr "wenn-danns", die ich denkend verarbeiten muß, um eine Richtung zielstrebig einschlagen zu können.

Man könnte hier die Analogie des Schachspiels wählen. Der Fließbandarbeiter hätte in diesem Bild immer nur den nächsten Zug seiner Figuren im Blick, während der Manager es vermag, mehrere Züge im Voraus zu denken. Dieses Vordenken macht es möglich, daß er strategisch an ein Schachspiel herangeht - den Ausgang plant. So könnte er u.U. bereits vier Züge im Voraus sehen, daß sein Gegner schon Schach-Matt ist, während sich dieser sich noch über das "Geschenk" des Bauernopfers freut.

Insofern ist es konsequent, wenn Heidegger sagt, daß der Sinn des Daseins sich für das Dasein erst vollständig erschließt, wenn der persönliche Zeithorizont sich von der Geburt bis zum Tod erstreckt. Erst durch das "Vorlaufen zum Tode" kann der Sinn eines gesamten Lebens erkannt und angestrebt werden. Je kürzer ein Mensch eine Zukunft erschließt, desto weniger kann er von seinem eigentlichen Seinkönnen erfahren.

Ich hoffe mit diesem Beispielen einen kleinen Einblick eröffnet zu haben, wie sich der Zeithorizont eines Menschen sich auf das Denken auswirkt. Doch dies kann nur ein kleiner Fingerzeig sein - die volle Bedeutung kann uns erst dann vollends klar werden, wenn wir selbst beginnen den Zeithorizont unseres eigenen Denkens zu erkennen und zu reflektieren.

06.08.2019 © seit 03.2006 Tony Kühn  
Kommentar schreiben