Seite 2: Reflektionen über die Rolle des Zeithorizonts im Denken

Der Zeithorizont als selbst gesetztes Kontinuum ...

ZaunBei Erwachsenen ist der - im Denken berücksichtigte - Zeithorizont nicht mehr so einfach zu ermitteln. Der Zeithorizont ist nicht konstant, sondern kann bei ein und derselben Person variieren. Ebenso kann eine Person - je nach Thema - verschiedene Zeithorizonte anlegen, die sie bei einer Planung oder Entscheidung im Blick hat. Um den Zeithorizont zu bestimmen, müssen alle drei Zeitlichkeiten berücksichtigt werden.

Der Zeithorizont unseres Denkens ist immer auf alle drei Dimensionen der Zeit verteilt. Dies ist auch dann der Fall, wenn der von uns im Denken berücksichtigte Horizont verschwindend gering sein mag - wir nur "von einem Tag zu nächsten leben. Insofern ist auch der Aufruf oder die Forderung ganz und gar im "Hier und Jetzt" zu leben nicht möglich, da ein Mensch ohne Vergangenheit und Zukunft gar nicht existieren kann.

Erst seine Ausdehnung in der Zeitlichkeit erlaubt ihm eine Identität zu entwickeln, zu erhalten oder zu verändern. Ohne Vergangenheit könnten wir nichts wissen/lernen oder bereits Gelerntes anwenden - ohne Zukunft könnten wir nicht entscheiden, ob, wann und wofür wir das Gelernte anwenden.

Je stärker sich ein Zeithorizont auf das lediglich Gegenwärtige bezieht, desto geringer werden unsere Wahlmöglichkeiten für unser Seinkönnen. Ein Mensch, der nur das Gegenwärtige im Blick hat, vermag auch keinen Sinn im eigenen Tun und Lassen zu finden oder zu wählen - zumindest keinen, der einen weiter trägt, als die momentanen biologischen Bedürfnisse zu befriedigen.

Sinn fragt immer nach einem "Wozu?" und bildet dadurch prinzipiell eine endlose Kette an Fragen und Antworten, die letztlich in die Unendlichkeit führen - hinein in einen infiniten Regreß. Dieses Problem ist uns aus dem "Münchhausentrilemma" bekannt, was besagt, daß man Wahrheit nicht begründen kann, da jede Begründung immer hinterfragbar oder bezweifelbar ist. Ein Hinterfragen eines willkürlich gesetzten Grundes würde sich so immer in einer endlosen Kette von Zweifel und Begründungen enden, die niemals abgeschlossen werden kann.

Damit mag man ausschließen können, daß man niemals einen allgemeingültigen oder wahren Grund (oder Sinn im Leben) finden kann. Dies hindert uns jedoch nicht daran einen Sinn zu wählen bzw. uns für einen Sinn oder Selbstentwurf im Leben zu entscheiden. Dieser kann dann zwar nicht beanspruchen letztbegründet zu sein, aber dies mag auch in der Natur der Sache liegen, denn der Sinn für ein Individuum ist eine persönliche Sache und keine Angelegenheit, die auf die gesamte Menschheit verallgemeinert werden kann oder sollte.

Unsere Entscheidung schwebt somit über einem Abgrund, den wir selbst gewählt haben. Wir können dieser Entscheidung zwar keinen Wahrheitsanspruch abverlangen, aber wir können ihr selbst Bedeutung geben. Eine Bedeutung die sich zirkulär verstrebt - sozusagen ein freischwebendes Fundament an hermeneutischen Bedeutungsmustern erzeugt.

Unsere Wurzeln - der Horizont der Vergangenheit

"Wer die Geschichte nicht kennt, ist gezwungen sie zu wiederholen." (Goethe)

Was spricht Goethe mit diesem Gedanken an? Es sagt, daß Denken eine Geschichte hat. Die Geschichte unserer Kultur gibt uns Auskunft darüber, wie wir zu dem geworden sind, der wir heute sind. Warum unsere Kultur bestimmte Vorlieben und Abneigungen im abendländischem Denken pflegt, die im Laufe der Jahrtausende gewachsen sind. Sie sagt uns, was unsere Väter für Überzeugungen vertraten, wie sie die Evolution der Menschheit vorantrieben, woran sie scheiterten, welche Errungenschaften sie uns hinterließen, wie sie versuchten eine - für sie - ideale Form der Gesellschaft zu entwerfen.

Doch was kann uns der Verweis auf die Geschichte noch sagen? Er kann uns sagen, daß unsere Denkgewohnheiten keine Naturgesetze - also unabänderliche, feste Normen - sind. Es sind Gewohnheiten im Denken, die geschichtlich entstanden sind - so gesehen sind diese Denkgewohnheiten "willkürlich" oder kontingent, d.h. auch anders möglich.

Eine zweiwertige Logik als "Maß der Wahrheit" zu setzen, ist nur eine Möglichkeit unter vielen Anderen. Wie Gotthard Günther aufzeigt, kann man eine dreiwertige (oder mehrwertige Logik) ebenso konsistent konstruieren. Dies hätte aber dann zur Folge, daß wir nicht mehr nur in simplen zweiwertigen Kategorien denken und entscheiden (gut/böse - schön/häßlich - wahr/falsch), sondern komplexere Denkschemata ausbilden müßten, um logische Schlußfolgerungen ableiten zu können.

Als Realität nur das anzuerkennen, was meßbar ist - wie es viele modernen Wissenschaften tun - ist ebenfalls nur eine willkürliche Entscheidung. Doch jede dieser Entscheidungen hat Konsequenzen und beeinflußt das, was wir sehen können. Wer nur an die Realität der Materie glaubt, für den ist der menschliche Geist - der bekanntlich ja weder gemessen noch gewogen werden kann - ein unlösbares Rätsel.

Ich will damit nicht sagen, daß unsere bisherige Denkgeschichte wertlos ist - im Gegenteil - sie stellt ein wichtiges Fundament in der Geschichte des Denkens dar. Ein Fundament, ohne das eine Weiterentwicklung des Denkens gar nicht möglich wäre. Gesagt sei mit diesen kritischen Anmerkungen nur soviel, daß wir uns beim Entfalten unserer Denkmöglichkeiten nicht am Ende, sondern eher mitten in einem sich entwickelnden Prozeß befinden, der noch viel komplexere Mustern ausbilden wird.

Wir brauchen aber auch nicht mehr ganz von vorne anzufangen, sondern können uns auf die Schultern unserer Väter stellen und mit ihrem Background - der unser kulturelles Erbe ist - weiter in die Zukunft blicken, als sie es selbst jemals vermochten.

Dies ist möglich, wenn wir die Geschichte der Menschheit in unseren Zeithorizont aufnehmen. Wir können uns nur selbst verstehen, wenn wir unsere Wurzeln kennen. Je mehr wir unseren Zeithorizont in die Vergangenheit ausdehnen, desto leichter können wir erkennen, wie die Menschheit sich selbst entworfen hat - daß unsere Kultur kein Zufallsprodukt, sondern nur ein gegenwärtiger Übergang im Werden des Menschen ist.

Wir können verstehen, daß alle unsere Möglichkeiten des Denkens, Wissens und der (Selbst-)Gestaltung dem Quell der Vergangenheit entspringen. Wir können uns selbst die Erfahrungen der vergangenen Jahrtausende zueigen machen und damit ein mächtiges Werkzeug und Rüstzeug des Wissens.

Nur wer seine Wurzeln nicht kennt, ist entwurzelt und ist damit gezwungen die Geschichte zu wiederholen. Entwurzelt in dem Sinne, daß der Mensch seine Geworfenheit nur mehr er-leben aber nicht mehr ver-stehen kann. Unsere Existenz beginnt in der Geworfenheit unserer Existenz mit einem Rätsel, welches das "woher" im Dunkeln läßt. Durch ein Verstehen dieser Vergangenheit können wir dieses Dunkel lichten, einen Pfad ausmachen, den unsere Väter vor uns gingen. Denn erst das Verstehen des "Woher" eröffnet uns überhaupt erst den Blick auf ein mögliches "Wohin", denn ein "Wohin" ist immer ein Anschluß an ein bereits gewesenes "Woher".

Es soll heutzutage immer noch Menschen geben, die die Erde für eine Scheibe halten. Selbst der Papst hat erst im letzten Jahrhundert zugestanden, daß die Erde um die Sonne kreist. Wer das Dritte Reich nicht kennt, mag sich heute für einen Demokraten halten und dieselben ausgrenzenden Argumente gegen Sekten verwenden, wie Hitler sie damals gegen die Juden formulierte. Wer die Geschichte der Sklaverei nicht kennt, mag die extremen Formen der Verdinglichung des Menschen (Stichwort - Lohnsklaverei) in unserer heutigen Gesellschaft für völlig normal halten. Wer das Schneeballsystem des Kapitalismus nicht versteht, wird nicht erkennen, daß der Reichtum unserer Gesellschaft auf dem Prinzip der Ausbeutung anderer Länder beruht.

Sicher ist dies nur wie eine willkürliche Aufzählung von verschiedenen geschichtlichen Ereignissen. Man mag fragen, wozu solche Kenntnisse für uns von Nutzen sein sollten. Wenn wir diese Entwicklung nicht verstehen und nicht auf sie aufsetzen können, sind wir verdammt all jenes zu wiederholen, was hunderte Generationen vor uns schon gedacht und ausprobiert haben: Nietzsches falsch verstandene "ewige Wiederkehr des Gleichen". Wer seine eigene Kultur nicht versteht, ist ein Fremder in seinem eigenen Haus.

Wie wir unsere Vergangenheit verändern ...

Erinnern wir uns an die Einheit der drei Dimensionen der Zeit. Hier haben wir bereits festgestellt, daß man keine Dimension isoliert betrachten kann, sondern alle drei Dimensionen - unabhängig davon wieviel von einer Dimension berücksichtigt wird - unser Denken erst ermöglichen. Selbst die Vergangenheit hat keine wirkliche oder feste Identität, sondern wird beim Denken immer neu erschaffen - rekonstruiert - und verändert sich damit kontinuierlich. Ich will Ihnen diese Behauptung an einem Beispiel verdeutlichen ...

Vor einigen Jahrhunderten nahmen die Menschen noch an, die Welt und der Mensch sei - wie in der Genesis beschrieben - von Gott erschaffen worden. Erst als Darwin mit seinen Ideen der Vererbung und Evolution ein anderes Erklärungsmodell lieferte, kam der biblische Mythos ins wanken. Heutzutage sprechen wir wie selbstverständlich von Vererbung, dem Urknall, daß der Mensch vom Affe abstamme. Mit diesem Paradigmenwechsel im Denken, haben wir unsere gesamte Vergangenheit neu geschrieben - wir haben damit die Weltgeschichte neu rekonstruiert - uns eine völlig andere Vergangenheit gegeben.

06.08.2019 © seit 03.2006 Tony Kühn  
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