Seite 4: Perspektiven der Erkenntnis

Neue Gesamtdeutung der alten platonischen Trias

Die Naturwissenschaft, unter anderem die Soziobiologie, die Evolutionäre Anthropologie und Evolutionäre Psychologie liefern gegenwärtig fortlaufend Neuerkenntnisse über die evolutionären Ursprünge der drei soeben genannten menschlichen Denk- und Erlebnisbereiche, die seit dem griechischen Philosophen Platon mit den Worten »das Wahre, das Gute und das Schöne« umschrieben werden (Erkenntnistheorie, Moral und Ästhetik).

Mit den an dieser Stelle nur äußerst knapp angerissenen philosophischen Fortschritten nach Immanuel Kant (die verdeckt werden durch zahlreiche, heute gut aufzeigbare fehlerhafte Grenzüberschreitungen der Kantischen Vernunftgrenzen durch die philosophische Richtung des »Deutschen Idealismus«, die in erster Linie für die tiefe Zerklüftung zwischen Geistes- und Naturwissenschaften seit mehr als 150 Jahren verantwortlich zu machen ist (13, S. 26 - 331), gelangt man gerade von der Naturwissenschaft her zurück zu einer modern-gereiften, philosophisch überzeugenden, ja fast als allgemeinverbindlich anzusprechenden Gesamtdeutung dieser alten (platonischen) Trias vom Wahren, Guten und Schönen als den Urgrundprinzipien allen Seins und aller Wirklichkeit.

In diesem Zusammenhang werden dann auch die aufzeigbaren Wechselbeziehungen, die Einheit zwischen den Bereichen des Wahren, des Guten und des Schönen wichtig: Ein »schönes« Kunstwerk, das nicht im vollgültigen Sinne als »wahr« bezeichnet werden kann, wird allgemein als »Kitsch« betrachtet. (Intuitiv erfaßte) Schönheit gilt auch für viele Naturwissenschaftler inzwischen in selbstverständlicherer Weise als »Wahrheitskriterium«. (14, S. 68 ff.) Ihnen ist etwa die »Schönheit« einer mathematischen Gleichung zugleich auch ein erster Hinweis darauf, ob sie stimmen könnte oder nicht. Und weiterhin: Eine gute Handlung hat auch ästhetische Aspekte. In dem Wort »edel« schwingen diese zum Beispiel mit. Hierüber hat sich wiederum der Philosoph Friedrich Schiller ausführlich geäußert.

Die Philosophin Mathilde Ludendorff hat das freiwillige Erleben des Wahren, Guten und Schönen - und das Handeln aus diesem Erleben heraus - als den Sinn allen Lebens in den Mittelpunkt der menschlichen Lebensgestaltung gestellt. Sie hat es zudem (scheinbar in überraschendem Einklang mit dem »Anthropischen Prinzip« der modernen Kosmologie) als Ursprung und Ziel der Weltentstehung gedeutet. Dieses Erleben hat sie zusammengefaßt mit dem Begriff »Gotterleben« benannt. (12)

Eine solche philosophische Deutung soll(te) letztlich nur eine nüchterne, zusammenfassende, gültige Deutung all dessen sein, was - sowieso - schon da ist, was sowieso schon - überall - geschieht oder was geschehen ist und von Menschen immer schon so oder in ähnlicher Weise erlebt und als das Wesentliche des Lebens herausgestellt worden ist. (Zu dem hier abgesteckten Argumentationsrahmen insgesamt: 10)

Wie ordnet sich in diesen Argumentationsrahmen das Phänomen »Volk« ein?

Es sind nun noch zwei Bemerkungen als Ergänzung des Ausgeführten anzufügen:

  1. inwieweit es bei den Menschen und Völkern naturwissenschaftlich nachweisbare, genetisch verankerte, also angeborene, unterschiedliche Haltungen, »Neigungen« und Herangehensweisen gegenüber »dem Göttlichen« (dem metaphysischen Bereich) gibt, die dann kulturell durchgestaltet werden; inwieweit weiterhin Verantwortungsübernahme für das genetische Überleben der einander (genetisch) ähnlichen (verwandten) Menschen ein Weg zum moralisch »Guten«, zur »Gottverantwortung« werden kann - von der dann letztlich auch der Philosoph Hans Jonas spricht (»Prinzip Verantwortung«) -, all dies ist für die vorliegende Argumentationskette von besonderer Bedeutung, muß jedoch weiteren Beiträgen vorbehalten bleiben.

  2. Der in diesem Aufsatz erläuterte Gedankengang kann abschließend noch einmal gut in Abgrenzung zu den Grundanliegen des auf der Akademie ebenfalls abgehaltenen Seminars »Kunst und anschauliches Denken« erläutert werden. In dem zuletzt genannten Seminar ist in redlichem Bemühen versucht worden, Beurteilungskriterien für Kunst jenseits des »vernünftig-logischen Denkens« zu finden. Sie sind hier in einem sogenannten »anschaulichen Denken« gesucht worden. In dem Verlauf der Ausführungen konnte den Teilnehmern klar werden, daß dieses anschauliche Denken, bei dem vor allem (Ausdruck von) »Bewegung« im Kunstwerk gesucht wird, sich vornehmlich durch die Einordnung des Gesehenen in raum-zeitliche Begründungszusammenhänge (in denen ja auch »Bewegung« verläuft) vollzieht.

Prinzipielle Grenzen auch im Bereich der Kunst?

Bei dem Diskurs dieses Themas wurde - zumindest im Seminar - eine prinzipielle Grenze hin zu Beurteilungskriterien, die jenseits auch des »anschaulichen« Denkens liegen könnten, nicht überschritten, bzw. nicht als Ausgangspunkt der Bewertung vorausgesetzt. Ein metaphysischer Bereich als Urgrund und Quelle allen Seins und aller Kunst wurde hier nicht in Rechnung gestellt. (- Vielleicht fehlt ohne tiefergehende physikalische Kenntnisse heute dazu einfach der Mut?)

Andererseits wurden aber dann auch die biologischen Wurzeln des menschlichen Schönheitserlebens, die, wie heute immer deutlicher wird, sehr viel auch mit dem Willen zur Fortpflanzung und überhaupt zum genetischen überleben zu tun haben, nicht in Rechnung gestellt.

Man kann zu der Ansicht gelangen, daß erst von diesen beiden genannten Ausgangspunkten her Bewertungskriterien für künstlerisches Schaffen erhältlich sind, die so in allgemeinere Argumentationszusammenhänge eingeordnet sind und dann nicht mehr so willkürlich, isoliert und zusammenhanglos zu den übrigen Bereichen menschlichen Wissens und menschlicher Erfahrung stehen, daß schon allein von dieser Positionierung innerhalb des Gesamtbaues unseres Wissens her ihnen auch größere Allgemeingültigkeit zugesprochen werden kann.

Die heutige Erkenntnislage sollte also zu einer Neu- und Aufwertung solcher Kunstphilosophen wie etwa Friedrich Schiller oder Mathilde Ludendorff führen, die die genannte Grenze des raumzeitlichen Denkens klar anerkannten aber nicht an ihr innehielten oder umkehrten, sondern sie deutlich herausgestellt als Ausgangspunkt ihrer Kunstphilosophie (und dann natürlich auch politischen Theorie!) wählten. So dichtete Friedrich Schiller zum Beispiel den scheinbar widersinnigen (»paradoxen«) Satz, entnommen seinem Gedicht »Worte des Wahns«:

»Was kein Ohr vernahm was die Augen nicht sahn, ist dennoch das Schöne, das Wahre!«

Es sollte hierbei darauf hingewiesen werden, daß der philosophische [»Deutsche«] Idealismus als eine bestimmte philosophische Denkrichtung und »Idealismus« als eine lebenspraktische, geistige Haltung und Gesinnung zwei ganz unterschiedliche Paar Schuhe sind. Dem »Deutschen Idealismus« als philosophischer Richtung ist Friedrich Schiller keineswegs zuzurechnen.

06.08.2019 © seit 04.2004 Erich Meinecke
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