Seite 3: Perspektiven der Erkenntnis

Prinzipielle Schwierigkeiten für menschliches Erkennen in den Grenz- (und Neugestaltungs-) Bereichen von Raum Zeit und Materie

Diese Zusammenhänge, die an dieser Stelle nur kurz angedeutet werden können, sind vor allem deutlich geworden in dem räumlich allerkleinsten erforschbaren Bereich (Mikrokosmos, Atomtheorie, Quantenphysik) wie auch in dem räumlich allergrößten erforschbaren Bereich (Makrokosmos, Universum, Relativitätstheorie). Und ebenso in dem zeitlich entferntesten Bereich (nämlich dem Urknall vor ungefähr 14 Milliarden Jahren, als das Weltall, der Raum, die Zeit und alle Materie, die Naturkonstanten und Naturgesetze - aus dem Nichts - entstanden!).

In all diesen Forschungsbereichen ist deutlich geworden, daß das naturwissenschaftliche Denken grundsätzlich an - vor allem genau und präzise zu definierende - Grenzen gestoßen ist und daß das Weltall und alles Sein tatsächlich von naturwissenschaftlich Nichterkennbarem überall und fundamental durchdrungen ist. Wer an dieser Stelle sagt, das hätte man immer schon wissen können, beachtet nicht, welche Folgen die Auswirkungen des »Laplace'schen Dämons« auf die gesamte Kulturentwicklung der beiden letzten Jahrhunderte hatte.

Der französische Naturforscher Laplace (1749 - 1827) war der Meinung, alles Wirkliche würde früher oder später auch von der menschlichen Logik durchdrungen werden können. »Sire, der Hypothese ,Gott'«, antwortete er stolz und hochfahrend auf eine ausnahmsweise einmal bescheidenere Anfrage Napoleons hin, »der Hypothese ,Gott' bedürfen meine Theorien nicht.« Dieser kaltschnäuzigen Haltung ist sicherlich ein Großteil der eindrucksvollen Erfolge der Naturwissenschaften zu verdanken. Heutige Naturforscher und Sachbuchautoren weisen aber gern auf diese überholten Ansichten aus dem 19. Jahrhundert hin, um aufzuzeigen, welche Veränderungen sich gegenwärtig in unserem Naturverständnis vollziehen.

Denn inzwischen hat sich auch schon für viele Erkenntnisobjekte unseres »Alltagverstandes«, also des »Mesokosmos«, die derzeit vor allem von der sogenannten »Chaosforschung« und ähnlichen Richtungen untersucht werden, der Laplace'sche Übermut als durchaus zu weitgehender Hochmut erwiesen. So können zum Beispiel für den räumlichen und zeitlichen Beginn eines so einfachen Kristallisationsprozesses wie den von Wasser zu Eis Zeit und Ort nicht exakt und präzise vorhergesagt werden - und zwar, was hier wichtig ist: prinzipiell nicht (Physik von »Nicht-Gleichgewichtssystemen«). (10)

Philosophische Weiterentwicklungen seit Kant, die sich weitgehend nahtlos in das moderne naturwissenschaftliche Weltbild einfügen

Diese Erkenntnislage könnte reichste Gelegenheit für die Geisteswissenschaften und die Philosophie (einführend etwa: 11) bieten, ihre uralten Fragen anhand des neu aufgeklärten Tatsachenmaterials völlig neu und sozusagen »gereift«, in einer zeitgemäßen Weise - und zudem vor allem: konsensbildend - zu überprüfen und zu klären.

Alle neuere Philosophie nimmt in der am wenigsten umstrittenen Weise ihren Ausgangspunkt von Immanuel Kant (1724 - 1804). Von der Grundlage des heutigen naturwissenschaftlichen Weltbildes her können die Erkenntnisfortschritte in der Philosophie seit Kant ungefähr wie folgt erläutert werden.

Zunächst ist festzustellen, daß das Erkennen der grundsätzlichen Grenzen des physikalischen Forschens als eine klare Bestätigung der großen philosophischen Intuition Immanuel Kants angesprochen werden kann, deren Leistung es ist, gerade diese Grenzen der menschlichen Vernunft herausgearbeitet zu haben. Dies leistete Kant noch ganz ohne unser heutiges Wissen um die evolutionäre Herkunft unseres Erkenntnisvermögens und ohne unser heutiges physikalisches Wissen. Hierbei handelt es sich aber um eine Bestätigung, die gerade von vielen eingefleischten »Kantianern« lange Zeit keineswegs so recht verstanden worden war - wohl im Grunde, weil sie zu einfach und zu schlicht die Kantischen Erkenntnisse bestätigte. Sie war also, das bleibt festzuhalten, nicht im mindesten vorausgesehen worden und ist auch von niemandem in dieser Weise erwartet worden.

Es haben nun Philosophen wie Nicolai Hartmann (1882-1950) (6), Mathilde Ludendorff (1877-1966) (12) und Konrad Lorenz (19031989) (13, 8), sowie der Schüler des Letzteren, der Verhaltensbiologe Irenäus Eibl-Eibesfeldt (geb. 1928) die genannte grundlegende Wende in der Entwicklung der Naturwissenschaft, die sich nach 1900 angebahnt und nach 1945 zur vollen Blüte entwickelt hat, aufgenommen. Sie haben die sich daraus ergebenden Erkenntnisverhältnisse zu dem übrigen menschlichen Wissen und Erleben und den kulturellen Erfahrungen in ein, wie deutlich werden könnte, hinreichend adäquates Verhältnis gesetzt.

Heute gültige Zugänge zum »meta-physischen« Bereich

Jene Welt, die jenseits der menschlichen, naturwissenschaftlichen Vernunft liegt, ist von Immanuel Kant mit dem Ausdruck »Ding an sich« benannt worden. Dieser Bereich wird von der Philosophie seit dem griechischen Philosophen Aristoteles auch als der »metaphysische« Bereich angesprochen. Immanuel Kant siedelte in diesem Bereich die Lösungen über die Fragen nach »Gott, Freiheit und Unsterblichkeit« an, die die Menschheit immer schon umsonnen hat. Kant selbst hat den Zugang zu dieser metaphysischen Welt (die er, wie angedeutet, klar von all dem abgrenzte, was von der Vernunft erkennbar ist) vor allem im Bereich des Moralischen gesucht. Dabei hat Kant unter anderem seinen berühmten »kategorischen Imperativ« entwickelt.

Der Philosoph Friedrich Schiller (1759-1805) hatte die Philosophie Immanuel Kants begeistert aufgenommen und einige in ihr liegende »Verrenkungen« im Bereich der Moral, besonders aber im Bereich der Ästhetik gerade gerückt und vom Standpunkt des selbst schaffenden Künstlers aus nun gültiger geklärt. Schiller, dessen Einfluß auf die deutsche und abendländische Kulturentwicklung ja auch heute noch gar nicht vollständig übersehbar ist (denn das Einflußreichste ist oftmals das Verborgenste), hat vor allem das Schönheitserleben des Menschen (die Ästhetik) als den wesentlichsten Zugang des Menschen zum sogenannten »Ding an sich«, zum »metaphysischen« Bereich herausgestellt.

Der »hypothetische Realismus« von Nicolai Hartmann, Konrad Lorenz und Mathilde Ludendorff (6, 12, 13) hat dann auch für den Bereich der Erkenntnis des »Wahren« anerkannt, daß das »absolut Wahre« über diese Welt gerade nicht in den Grenzen der rein logisch naturwissenschaftlich denkenden Vernunft gefunden werden kann. Nach ihm können wir unsere Welt - letztlich - nur »hypothetisch« als »real«, »wirklich«, »wahr« erkennen. Jedoch kann - entsprechend eines weiterführenden Gedankenganges - dem hypothetischen Charakter aller Wahrheits- und Wirklichkeitserkenntnis aufgrund aller Begleitumstände eine sehr große Wahrscheinlichkeit zugesprochen werden, tatsächlich »wahr«, »real« und so weiter zu sein.

06.08.2019 © seit 04.2004 Erich Meinecke
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