Seite 2: Perspektiven der Erkenntnis

Verschiedene Arten menschlicher Erkenntnis

Diesem Gedanken kann an dieser Stelle nicht weiter nachgegangen werden (ähnlich gelagerte Irritationen formuliert: 5). Im folgenden soll statt dessen von einfacheren Tatsachen der Ausgang genommen werden: In den Naturwissenschaften steht vor allem die Logik, das Einordnen des Forschungsgegenstandes in die menschlichen Denkformen Raum, Zeit und Ursächlichkeit im Vordergrund des Forschens, der Erkenntnisgewinnung.

In den Geisteswissenschaften steht die Methode des »Erlebens«, des »Nacherlebens«, des »Verstehens« im Vordergrund der Erkenntnisgewinnung. Diesen Unterschied hat vor allem der Philosoph Wilhelm Dilthey (1833 - 1911) ausführlich umsonnen (um zu einer eigenständigen Begründung der Geisteswissenschaften als Wissenschaften zu gelangen). Tatsächlich reicht ja auch für die Erforschung der »Ursachen« von Kunstwerken, politischen Handlungen, von Dichtung und so weiter ein einfaches Einordnen des jeweils erforschten Gegenstandes in Raum und Zeit (wie dies in den Naturwissenschaften geschieht) keineswegs aus.

Erkenntnisgewinnung über die Methode des Erlebens, des Nacherlebens enthält wesentlich mehr subjektive Elemente, als dies für die Erkenntnisgewinnung im Bereich der Naturwissenschaften gesagt werden kann. Als eine Folgerung aus dieser Tatsache hat sich Geisteswissenschaftlern auch die Einsicht in die Notwendigkeit von persönlichen Reifungsprozessen für eine adäquate Art des Verstehens (des Nacherlebens) und der Beurteilung von Geisteswerken (Kunstwerken und vieles andere) herausgestellt. Mit dieser Einsicht wird Selbstbescheidung, der Wille zu wissenschaftlicher und persönlich-subjektiver Redlichkeit, auch methodische Sauberkeit wesentlicher Bestandteil des »Ethoses« des Geisteswissenschaftlers.

Intuition

Der Erlebnischarakter der Erkenntnisgewinnung im Bereich der Geisteswissenschaften wird auf die Spitze getrieben im Bereich der Erkenntnisgewinnung durch Intuition, der plötzlichen und spontanen intuitiven Erfassung von Zusammenhängen, nachdem sich der Forscher lange Zeit intensiv mit einem bestimmten Gegenstand oder Gegenständen der Erkenntnis beschäftigt hat.

Es ist allerdings eine mehr oder weniger vorhandene Selbstverständlichkeit in den Wissenschaften - deren Bedeutung sich die meisten Menschen nur selten wirklich ausreichend klar machen -, daß auch in den Naturwissenschaften dem intuitiven Erfassen von Erkenntis-Zusammenhängen eine sehr wesentliche Rolle zuzusprechen ist. Auch in den Naturwissenschaften hat »Erlebnishaftes« und über das rein Logische Hinausgehendes Anteil an den meisten Erkenntnisprozessen und an der Begeisterung der Forscher für ihren Forschungsgegenstand. (vgl. etwa: 6, S. 177)

Dieser Umstand ist ablesbar an der Erfahrung der (natur-) wissenschaftlichen Praxis und an vielerlei Erlebnisberichten vor allem der genialeren, bedeutenderen Naturwissenschaftler im 20. Jahrhundert. Viele, vielleicht sogar die Mehrheit der heutigen Nobelpreisträger und Sachbuchautoren geben hierüber Auskunft (zur Einführung sehr geeignet etwa: 7, 8). Umgekehrt ist natürlich darauf hinzuweisen, daß in den Geisteswissenschaften das streng logische Einordnen der Gegenstände der Erkenntnis wie etwa Kunstwerke - in Raum und Zeit natürlich eine ebenso notwendige Voraussetzung für Erkenntnis ist - auch wenn dies hier im Forschungsalltag meist nicht so stark vorherrschend ist wie in den Naturwissenschaften.

Das Kernargument der vorliegenden Ausführungen

An dieser Stelle werden nun Ausführungen zu dem Kernargument innerhalb des abzusteckenden Argumentationsrahmens gebracht. 150 Jahre lang ist Naturwissenschaft als der strengste »Beweis« oder doch Hinweis auf das Nichtvorhandensein Gottes in der Welt seitens der breiteren Öffentlichkeit und vieler Wissenschaftler aufgefaßt worden. Genau diese Haltung unterliegt auch - als kaum hinterfragte Selbstverständlichkeit - etwa eingangs besprochenen Ansichten. (1) Naturwissenschaft wurde als genauso lebenskalt und lebensfern angesehen wie die Technik. Nicht zuletzt hat sich ja auch die Naturwissenschaft in sehr engem Wechselspiel mit der Entwicklung der modernen Technik emanzipiert.

Doch dieser bisherigen Einschätzung ist nun das folgende entgegenzuhalten: Gerade seit den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts vollzieht sich auf fast allen Gebieten der Naturwissenschaften ein kumulativer Prozeß der Wissenserweiterung, der schlußendlich gerade und ausgerechnet die besonders »kalt-mathematisch«, »abstrakt-gefühllos« denkenden Physiker zu der Einsicht zurückbringt, daß es in der uns umgebenden und naturwissenschaftlich erforschbaren Wirklichkeit Bereiche gibt, die prinzipiell nicht vollständig in die menschlichen Denkformen von Raum, Zeit und Ursächlichkeit einzuordnen sind, daß hier prinzipielle Grenzen des naturwissenschaftlichen Denkens und Forschens erreicht sind.

Hier hat eine Revolution im Bereich der Naturwissenschaften stattgefunden, die das Selbstverständnis der Geisteswissenschaften bisher nur in flüchtigstem Maße angehaucht, doch kaum tiefgehender erfaßt hat. - Zunächst hat dieser Umstand viele Wissenschaftler und auch das »Laien-Publikum« zutiefst »geärgert« und ärgert sie auch heute immer noch: daß da plötzlich ganz fremdartige, dem Alltagsverstand so gänzlich unzugängliche, »unanschauliche« Bereiche der Wirklichkeit für die menschliche Erkenntnis vorhanden sein sollen, die sich einer vollständig raum-zeitlichen Erfassung der uns umgebenden Wirklichkeit sperren.

»Gott würfelt nicht!«

Hierfür kann etwa als ein berühmtes Zeugnis das Wort Albert Einsteins angeführt werden. Mit ihm brachte er seine - heute längst als überholt erkannte - Kritik an den quantenphysikalischen Vorstellungen Werner Heisenbergs auf den Punkt. Einstein sagte in einer frühen Reaktion auf diese: »Gott würfelt nicht.« Heute dagegen ist die Physik über solch »einfache« Schwierigkeiten beim Verständnis der Natur schon längst hinweggegangen! Den Stand des heutigen Forschens versuchte der Physiker und Nobelpreisträger Stephen Hawking einmal - im Anschluß an seinen Vorgänger Einstein - mit dem »Bonmot« gerecht zu werden: »Manchmal wirft Gott die Würfel so, daß man sie nicht einmal sehen kann.«

Sicherheitshalber ist zu diesen Bonmot's zweierlei anzufügen: Erstens hat man auch schon die - nicht vollständig vorausberechenbaren - Quantensprünge des Elektrons in der Atomhülle nicht im trivialen Sinne »sehen« können. Zweitens sind mit solchen Formulierungen - sowohl derjenigen Einsteins wie derjenigen Hawkings - natürlich keinerlei Vorstellungen von einem persönlichen Schöpfergott mehr verbunden. (9, 7)

Dennoch erscheint es interessant, daß viele Physiker in diesem Bereich immer wieder auf jenen naheliegenden »Vorstellungsbereich«, der insgesamt mit dem Wort »Gott« verbunden ist, zurückgreifen. (Siehe etwa auch: 5) Und sei es oft auch nur in halb scherzhaft, halb ernsthafter, aber selten in nur ironischer Weise.

06.08.2019 © seit 04.2004 Erich Meinecke
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