Seite 7: Humberto Maturana: Biologie und Erkenntnis

Der Beobachter

"Alles was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt." Maturana

Ein Beobachter ist ein menschliches Wesen mit einem einzigartigen Beobachtungsstandpunkt. Auch Sie betrachten die Welt aus einer Perspektive, die kein anderer wahrnehmen kann.

Sie haben bestimmte Erfahrungen in Ihrem Leben gemacht und Sie sind durch eine bestimmte Erziehung und Kultur geprägt worden. Damit haben Sie sich ein Bild von der Welt geschaffen, welches nur Sie in dieser Form besitzen.

BeobachterFür einen Beobachter ist ein Gegenstand nur dann ein Gegenstand, wenn er ihn beschreiben kann. Beschreiben können Sie einen Gegenstand nur, wenn es noch einen zweiten Gegenstand gibt, von dem Sie diesen unterscheiden können. Dieser zweite Gegenstand können auch Sie selbst sein. (Letztendlich vergleichen Sie einen Gegenstand immer mit sich selbst.) Ein Beobachter kann einen Gegenstand beschreiben, indem er angibt, was man (er selbst oder andere) mit diesem tun kann.

Beispiel: "Spinat kann man essen." - "Ein Buch kann man lesen oder es auch nur zur Zier in das Regal stellen".

Also kann auch der Beobachter sich selbst als einen Gegenstand beschreiben, indem er angibt was er selbst zu tun fähig ist.

Beispiel: "Ich bin Sabrina, die gerade einen Kurs schreibt."

Was kann der Beobachter noch?

  • Er kann stets ein Beobachter seiner Handlungen sein. Diese Handlungen kann er als selbständige Gegenstände behandeln. Beispiel: "Mein Putzfimmel"
  • Ein Beobachter kann sich fragen wie genau er beobachtet und Beobachtungen darüber anstellen. Beispiel: Diese Ausarbeitung
  • Der Beobachter kann sagen: "Ich habe ein selbstreferenzielles Nervensystem." - habe es scließlich so beobachtet.

Wichtig ist hier festzuhalten, daß ein Beobachter nie die "Wahrheit" beobachten kann - er beobachtet sich im Grunde ja nur ständig selbst. Aber er kann Erfahrungen sammeln, welches Verhalten er als "erfolgreich" beurteilt und damit seinen Interaktionsbereich erweitern.

Folgerungen

Wir sind in diesem Kurs kreisförmig vorgegangen. Wir haben angefangen über den Beobachter zu reden und sind am Ende wieder beim Beobachter angekommen.
Im Verlauf dieses Weges stellten wir in einer zusammengefaßten Form das Erklärungssystem Maturanas dar. Sein Erklärungssystem bezieht sich nicht nur auf biologische Prozesse, sondern ist gleichzeitig eine Erkenntnistheorie. Sie zeigt, wie das Erkennen die Erklärung des Erkennens erzeugt.

Üblicherweise geht man davon aus, daß das Phänomen des Erklärens und das erklärte Phänomen verschiedenen Bereichen angehören. Zu erkennen wie wir erkennen, beginnt nicht an einem festen Ausgangspunkt und schreitet von dort mit einer linearen Erklärung fort, bis schließlich alles erklärt ist. Maturanas Betrachtungsweise versetzt uns in eine ungewohnte kreisförmige Situation, bei der einem ganz schwindelig werden kann. Wir haben keinen festen Bezugspunkt mehr, an dem wir unsere Beschreibungen der Welt verankern und in Bezug auf ihre Gültigkeit behaupten oder verteidigen könnten.

Es wurde (hoffentlich) offensichtlich, daß kein Mensch aus seinem Kreis, seinem kognitiven Bereich, heraustreten kann. Durch diese ständige Rekursivität verbirgt jene hervorgebrachte Welt ihre Ursprünge. Wir setzen keine objektive, von dem Beobachter unabhängige Welt mehr voraus, sondern behaupten, daß alles relativ und alles möglich ist, da es keine Gesetzmäßigkeiten gibt. Alles Gesagte ist von einem Beobachter gesagt. Warum erscheint uns die Welt mit all ihren Farben, Formen, Gerüchen etc. trotzdem so regelmäßig und geordnet? All das sind offenbar bewundernswerte Selbstschöpfungen unseres Nervensystem. Man hat Versuche gemacht, die Beispiele dafür liefern, wann und wie solche Selbstschöpfungen zustande kommen.

Ein Wort wird auf eine Endloskassette aufgenommen und immer wieder abgespielt. Nach ca. 100 Umdrehungen des Endlosbandes fangen die Versuchspersonen an, andere Wörter - als das auf der Kassette gesprochene - zu hören. Dabei kommen sehr viele Wörter zustande. Manche haben kaum noch Ähnlichkeit mit dem Wort auf der Kassette. Das erinnert an Leute, die im Rauschen eines Fernsehers Stimmen hören.

Wenn der Leser diese Erkenntnisse ernst nimmt, dann wird er sich gezwungen sehen, in allem was er tut, ob beim Sehen, Sprechen, Riechen, eine Welt zu sehen, die er in Koexistenz mit anderen Menschen hervorbringt.

Mit Anderen...

Da wir diese Welt nur mit Anderen in einer Komplexität, die wir gewohnt sind hervorbringen zu können, ist eine wichtige Folgerung. Gäbe es keine Kommunikation zwischen Menschen, dann ließen sich derartig komplexe, auf Sprache gegründete Modelle der Welt gar nicht erzeugen. Daraus schließt Maturana, daß Liebe und Kooperation Verhaltensweisen sind, welche eine Grundlage für das "Mensch-sein", wie wir es kennen, sind. Das ist eine Erkenntnis, welche in unserer, auf Konkurrenzkampf gegründete Gesellschaft in Vergessenheit geraten ist. Soziales Verhalten ist auf Kooperation begründet.

Zu leugnen, daß die Liebe die Grundlage des Sozialen ist, und die ethischen Folgerungen dieser Tatsache zu ignorieren, hieße, all das zu verkennen, was unsere Geschichte als Lebewesen in mehr als 3,5 Milliarden Jahren aufgedeckt hat. Somit lassen sich aus Maturanas Theorie auch grundlegende Überlegungen für eine Theorie der Soziologie ableiten.

...eine Welt hervorbringen

Die Erkenntnis der Erkenntnis verpflichtet. Sie verpflichtet uns zu einer Haltung ständiger Wachsamkeit gegenüber der Versuchung der Gewißheit. Sie verpflichtet uns einzugestehen, daß unsere Gewißheiten keine Beweise der Wahrheit sind, daß die Welt, die jederman sieht, nicht die Welt ist, sondern eine Welt, die wir mit anderen hervorbringen. Sie verpflichtet uns zu sehen, daß die Welt sich nur ändern wird, wenn wir anders leben. Sie verpflichtet uns, da wir wissen, daß wir wissen, uns selbst und anderen gegenüber nicht mehr so tun zu können, als wüßten wir nicht.

Wenn wir wissen, daß unsere Welt notwendig eine Welt ist, die wir mit anderen hervorbringen, dann können wir im Falle eines Konfliktes mit einem anderen Wesen, mit dem wir weiter koexistieren wollen, nicht auf dem beharren, was für uns gewiß ist (auf einer absoluten Wahrheit), da dies die andere Person negieren würde.
Wollen wir mit einer anderen Person koexistieren, müssen wir sehen, daß ihre Gewißheit - so wenig wünschenswert sie auch erscheinen mag - genau so legitim und gültig ist wie unsere. Die einzige Chance für eine Koexistenz ist also die Suche nach einer umfassenderen Perspektive, einem Existenzbereich, in dem beide Parteien in der Hervorbringung einer gemeinsamen Welt zusammenfinden. Diese Erkenntnisse lassen sich auf Politik, Familienangelegenheiten, Bekehrungsversuche der Christen mit ihrer Wahrheit bei Eingeborenen im Urwald, in der Schule und vielem mehr anwenden.

Über die eigene Verantwortung ...

Vergegenwärtigen Sie sich noch einmal das Experiment mit dem Blinden Fleck: Wir sehen nicht was wir nicht sehen, und was wir nicht sehen, existiert für uns nicht. Indem wir existieren, erzeugen wir "blinde Flecken", die nur beseitigt werden können, indem wir neue blinde Flecken in anderen Bereichen erzeugen. Wenn wir uns dessen bewußt sind und zusätzlich, daß es keine objektiven Wahrheiten geben kann, dann sind wir anderen Menschen, Meinungen, Sichtweisen, Glaubenssystemen gegenüber viel offener und aufnahmebereiter. Außerdem minimieren wir das Risiko, uns von einem Glaubenssystem gefangen nehmen zu lassen, sei es das wissenschaftliche oder das christliche oder irgend ein anderes. Denn wir erkennen, daß ihre Wahrheit nur relative Gültigkeit hat. Daraus folgt messerscharf: Jeder Einzelne ist für das verantwortlich, was er glaubt und tut und - den Konsequenzen, die sich daraus ergeben.

Ein ganz wichtiges Beispiel aus der Kommunikation: Für Mißverständnisse ist man immer selber verantwortlich. Kommunikation ist Orientierungsverhalten und keine
Informationsübertragung. Der Orientierte versteht das Gesagte immer in Bezug auf seinen Interaktionsbereich. Darum ist es oft angebracht, sich beim anderen Feedback zu holen, ob man den anderen "richtig" (wie man vorhatte) orientiert hat.

Wenn jemand Sie nicht liebt oder nicht mag, dann können Sie sich fragen, wie Sie ihm das mitgeteilt haben. Sie können sich dann fragen, wie Sie dem anderen mitteilen können, daß er Sie liebt oder mag - und zwar auf eine Weise, die er verstehen kann. Im Zweifelsfalle kann man die betreffende Person einfach fragen. Wenn Sie die Verantwortung bei sich selbst suchen, dann haben Sie kaum mehr Probleme mit anderen Menschen. Sie brauchen sich nicht mehr über die Untaten der Anderen aufzuregen. Sie selbst haben zu der Erzeugung der Situation beigetragen und können das auch in Zukunft ändern, wenn Sie es wünschen. Möglicherweise können andere Menschen die blinden Flecke im eigenen kognitiven Bereich am Verhalten erkennen und darauf hinweisen. Das setzt voraus, daß man akzeptiert, daß man selber nicht sieht, was man nicht sieht.

Nun, wie man sich einen fröhlichen und praktischen, erfolgreichen kognitiven Bereich erzeugen kann, ist nicht Thema dieser Abhandlung. Hier geht es nur um die grundsätzlichen Überlegungen. Wir möchten hier mit einem Zitat von Seth enden, um gleich einen Hinweis auf, weiterführende Überlegungen zu geben:

"Die regenerierendste aller Ideen - und der größte Schritt auf jede echte Erleuchtung zu, ist die Erkenntnis, daß euer äußeres Leben der unsichtbaren Welt eurer bewußt gehegten Glaubenssätzte entspringt. Ihr habt dann die Wahl. Aber ihr könnt Euch dann nicht mehr als ein Opfer äußerer Umstände vorkommen."

04.04.2017 © seit 03.2006 Sabrina Ulbrich
Kommentar schreiben