Seite 6: Humberto Maturana: Biologie und Erkenntnis

Interaktionen unseres Nervensystems

Es gibt zwei Arten, wie ein Organismus einen anderen orientieren kann:

l. Interaktion

Interaktion bezeichnet dabei jedes Verhalten eines (Nerven-)Systems zur Umwelt (wobei "Umwelt" auch ein anderer Mensch sein kann), das durch das Verhalten des jeweils anderen bedingt ist, so daß ineinander verzahnte Verhaltensformen erzeugt werden. Das nachfolgende Verhalten hängt von den Ergebnissen selbständiger, aber paralleler Interaktionen ab. Beispiele wären das Paarungs- und Kampfverhalten bei Tieren.

2. Kommunikation

Wenn zwei Organismen (Menschen) in ihren Interaktionsbereichen weitgehend übereinstimmen (Bsp. Sprache), kann einer das Verhalten des anderen orientieren. Orientieren bedeutet hierbei nicht den anderen 1:1 zu beeinflussen, sondern eher den jeweils anderen durch Stimulationen seines Nervensystems zu "irritieren" - beispielsweise in dem man Schallwellen erzeugt (Sprache), die das andere Nervensystem zu internen Zustandsänderungen bewegt.

KommunikationWichtig ist hierbei zu verstehen, daß der Zuhörer des Gesagten eigentlich keine Schallwellen, Sprache etc. wahrnehmen kann. Was er wahrnimmt sind seine nerven-systeminternen Klick-Klicks, die sein Gehirn zu "etwas da draußen Gesagten" deutet - quasi von Innen nach Außen projiziert. Dieses Prinzip gilt für alle sinnlichen Wahrnehmungen - wir nehmen also nicht unsere Umwelt wahr, sondern nur die Auswirkungen der Umwelt, die sich in systeminternen Veränderungen unseres Nervensystems zeigen.

Maturana sagt hierzu, daß das Nervensystem operational geschlossen ist - also nichts von außerhalb in das Nervensystem eindringen kann. Da somit ein direkte Beeinflussung unseres Nervensystems biologisch unmöglich ist, sind auch unsere klassischen Vorstellungen von "Wahrnehmung" völlig falsch. Wir nehmen nichts wahr, sondern interpretieren nur unsere internen Zustände und projizieren sie in ein virtuelles Außen.

Wenn wir denken von "Außen" etwas wahrzunehmen, sind wir der Täuschung unseres eigenen Nervensystems aufgesessen. Es kann nämlich gar nichts Äußeres wahrnehmen, sondern nur seine internen Systemzustände interpretieren. Wenn man dies verstanden hat, kann man auch nachvollziehen, warum unsere bisherigen "Kommunikationstheorien" durch die Erkenntnisse von Maturana widerlegt werden.

Dies zeigt sich besonders deutlich im Begriff des Verstehens. Wir können keine Information eines anderen Menschen im traditionellen Sinne verstehen, weil Informationen biologisch nicht übertragen werden können. Wenn Sprache - z.B. über das Medium von Schallwellen - benutzt wird, wird keinerlei Information übertragen. Man könnte höchstens sagen, daß Schallwellen einen Organismus insofern irritieren können, als daß sie durch das Gehör eines Zuhörers Zustandsänderungen im Nervensystem des Zuhörers erzeugen können, die dieser als "Sprache", "Geräusche" etc. interpretiert. Er hört damit nicht die Sprache (oder Information) selbst, sondern die Klick-Klicks seiner Nervenzellen, die sein Hirn als "Sprache" oder "Kommunikation" errechnet.

Sprache und soziales Verhalten

Was heißt "Sprache"?

Bisher wurde Sprache als ein denotatives Symbolsystem für Informationsübertragung aufgefaßt. Denotativ bedeutet hier, daß der Sprecher auf selbständige Merkmale der Umwelt hinweist, auf eine "wirkliche Wirklichkeit". Jetzt aber soll klar gemacht werden, daß Sprache die Dinge immer nur aus der Sicht eines Beobachters beschreibt (konnotativ). Denn sprachliche Äußerungen können ein anderes Nervensystem nur irritieren, aber niemals direkt beeinflussen.

telefonierenWenn Sie mit jemandem sprechen, dann können Sie ihn nur auf Interaktionen innerhalb seines kognitiven Bereiches hinweisen. Es ist dem Orientierten überlassen, wohin er (durch selbständige interne Einwirkung auf seinen eigenen Zustand) seinen kognitiven Bereich verändert. Seine Wahl wird zwar durch die "Botschaft" verursacht, aber die erzeugte Orientierung ist unabhängig von dem, was diese "Botschaft"' für den Orientierenden bedeutet.

Einfacher ausgedrückt: Ein Zuhörer kann das Gesagte nur auf dem Hintergrund von dem verstehen, was er gelernt und erlebt hat. Und das ist bei jedem Menschen unterschiedlich. Jedes Wort im Modell der Welt eines Menschen ist auf einzigartige Weise mit anderen Worten, Bildern, etc. vernetzt. Das ist aber nicht alles.

Jedes Wort oder Bild entspricht einem Zustand eines Teils des Nervensystems, an dem unzählige Nervenzellen auf einzigartige Weise beteiligt sind. In der alltäglichen Sprechweise wird oft von "Übertragung von Informationen" geredet. Der Grund dafür ist, daß der Sprecher stillschweigend voraussetzt, der Hörer sei mit ihm selbst identisch und besitze folglich den gleichen kognitiven Bereich (was nie der Fall ist!). Das Ergebnis ist sich zu wundern, wenn "Mißverständnisse" entstehen.
Sprache kann sich im Laufe der Ontogenese nur entwickeln, wenn Lebewesen mit ähnlicher Nische zusammen interagieren. Sprache ist ein soziales Phänomen. Das widerspricht dem vorhergehenden Absatz aber keineswegs.

Was heißt "soziales Verhalten"?

Soziales Verhalten basiert auf Kooperation, nicht auf Kampf. Soziales Verhalten ist die Basis, auf der Sprache überhaupt erst möglich wird. Maturana meint: "Und es gibt keinen gesunden Wettbewerb, weil die Negation (ignorieren) des anderen schließlich auch die eigene Negation einschließt, und weil die Forderung das durchzusetzen, was man negiert, zu Widersprüchen führt."

Sprache und Kultur können nur zusammen mit anderen erschaffen werden. Die gemeinsame Realität, welche man sich aufbaut, hilft über die Einsamkeit des Organismus hinweg. Biologisch gesehen lebt der Organismus in seiner einzigartigen, selbstreferenziellen Welt.

Gedächtnis und Lernen

Der Organismus lebt in einem fortwährenden Entwicklungsprozeß. Diesen Prozeß der Veränderung des Verhaltens durch Erfahrung nennen wir "lernen". Lernen erscheint als eine endlose Abfolge von Interaktionen mit unabhängigen Gegenständen. Für das System selbst ist es aber nur ein Interagieren mit internen Zuständen, denn das Nervensystem ist operational geschlossen.

GedächtnisDas gelernte Verhalten eines Organismus scheint für einen Beobachter durch die Vergangenheit gerechtfertigt. Aber das System selbst arbeitet nur in der Gegenwart.

Warum scheint es ein Gedächtnis zu geben, was läuft da ab?

Sie werden gefragt: "Was geschah gestern um 10.00h?" Ihnen scheint es, als ob Sie eine Erinnerung abrufen und sie beschreiben. Vom biologischem Standpunkt aus gesehen passiert aber etwas völlig anderes: Ihr Gehirn hat momentan eine bestimmte Struktur. Die Frage strebt, wenn Ihre Gehirnstruktur es erlaubt, einen Veränderungsprozeß an. Der Startpunkt für diese Veränderung ist Ihre momentane Gehirnstruktur. Diese Struktur legt fest in welche Richtungen sich die Struktur überhaupt verändern kann.

Beispiel: Eine Tür ist so strukturiert, daß sie an einer Seite ein Scharnier hat. Durch diese Struktur ist festgelegt, in welche Richtung sich die Tür überhaupt öffnen kann. Ein Anstoß an der verkehrten Seite der Tür bewirkt gar nichts. Der Veränderungsprozeß kann so kompliziert und verzwickt sein, daß er die Illusion erzeugt "ich erinnere mich". Um beim Beispiel mit der Tür zu bleiben: Ob die Tür beim aufmachen nun quietscht oder nicht, sie verändert beim Aufmachen nur ihre Struktur. Das Quietschen entspricht dem Erinnern.

Maturana sagt: "Was der Beobachter "Erinnerung" und "Gedächtnis" nennt ist kein Prozeß, durch welchen der Organismus jede neue Erfahrung mit einer gespeicherten Repräsentation der Nische konfrontiert bevor er eine Entscheidung trifft." Diese Wörter müssen Ausdruck für ein sich veränderndes System sein, das bereit ist, ein für seinen gegenwärtigen Aktivitätszustand relevantes neues Verhalten zu erzeugen. Dabei ergibt sich das jeweils gegenwärtige Verhalten aus der Transformation eines vergangenen Verhaltens."

Wenn also ein Organismus anders handelt als zu einem vorherigem Zeitpunkt, dann nur aus dem Grund, weil seine Struktur sich aufgrund der Interaktion geändert hat. Seine
gegenwärtige Struktur ist jetzt anders und läßt den Organismus anders handeln. Das System funktioniert in der Gegenwart. Sobald dieses System sich aber sprachlich äußert, erzeugen seine Beschreibungen (Sprache) die Zeit.

Jede Interaktion, welche von dem Gefühl der Angst begleitet ist, erscheint neu. Jede Interaktion, welche nicht von Angst begleitet ist, erscheint bekannt, alt oder erinnert. Damit ist der Anfang einer zeitlichen Anordnung gemacht. Es entsteht eine lineare (aufeinanderfolgende) Ordnung von Erfahrungen.

04.04.2017 © seit 03.2006 Sabrina Ulbrich
Kommentar schreiben