Seite 3: Humberto Maturana: Biologie und Erkenntnis

Lebendige Systeme

Lebende Systeme sind selbstreferentielle Systeme. Wenn Sie einsehen, daß Sie ein selbstreferentielles System sind, dann hat das ganz schön schwerwiegende Implikationen (wie im letzten Kapitel angedeutet). Das bedeutet, anders ausgedrückt, daß Sie für sich selbst verantwortlich sind. Denn niemand anderer kann irgendein Verhalten von Ihnen bestimmen, sondern Sie tun es immer selbst.

Lebende Systeme haben eine autopoietische (selbsterhaltende, selbsterzeugende) Organisation. Jedes Teil (jede Zelle) und jede Handlung des Systems wird dem Ziel der Selbsterhaltung untergeordnet. Auf der Ebene der Zellen wirken die einzelnen Moleküle ununterbrochen gegenseitig aufeinander, so daß ein riesiges Netzwerk entsteht. In diesem dynamischen Netzwerk werden Bestandteile erzeugt, die allesamt in dieses Netzwerk miteinbezogen werden, um der Erhaltung des Systems zu dienen. Das System erzeugt sich ständig selbst neu. (Siehe Lektion: Organisation und Struktur)

orangutanBiologen nennen die Abläufe dieses Netzwerks "Zellstoffwechser". Durch den Stoffwechsel verändern lebende Systeme ihre Struktur ständig. Natürlich gibt es noch andere strukturelle Veränderungen (z.B. durch Verletzung), aber der Stoffwechsel ist kontinuierlich vorhanden. Doch bei allen Veränderungen muß die Organisation erhalten bleiben, ansonsten zerfällt das System.

Beispiel: Ständig sterben in Ihren Körper Zellen ab und andere werden erzeugt. Nach ca. 7 Jahren bestehen Sie fast gänzlich aus neuen Zellen. Die Struktur hat sich ständig verändert. Doch die Organisationsform ist die gleiche geblieben: Sie sind immer noch ein lebendes System, ein Mensch. Die Organisation ist zirkulär (kreisförmig). Als Erhalt der Zirkularität wird ein Prozeß bezeichnet, durch den ein System nur auf die Art interagiert, die eine erneute Interaktion zuläßt.

Beispiel: Der Stoffwechsel. Lebende Systeme brauchen für den Stoffwechsel bestimmte Stoffe z.B. für das Wachstum. Diese bekommen sie, wenn sie bestimmte Interaktionen ausführen. Dadurch haben sie die Stoffe, die dann wieder die Interaktionen auslösen, die sie benötigen um sich selbst zu erzeugen. Das Produkt der Bestandteile (z.B. der Zellen) ist genau die Organisation, die diese Teile produziert. Dies ist die Begründung, warum die Organisation zirkulär ist.

Die Organisation lebender Systeme bestimmt die Möglichkeiten der Handlungen, die das System ausführen kann, ohne daß es sein Leben verliert. Oder: Das Ziel jedes lebenden Systems ist es am Leben zu bleiben. Folglich müssen alle Handlungen den Prozeß der Selbsterhaltung unterstützen. Der Bereich der Handlungen, die ein Lebewesen ausführen kann, wird im folgenden Interaktionsbereich genannt (von Interaktion = Handlung). In diesem Interaktionsbereich sind alle Handlungen enthalten, die ein System auszuführen in der Lage ist.

FischBeispiel: Ein Fisch kann an Land nicht überleben, da die Art seiner Organisation Wasser in seiner Umwelt bedingt. In seinem Interaktionsbereich liegt die Fähigkeit im Wasser zu atmen und er würde nie auf die Idee kommen einfach mal an Land zu "gehen". Diese Handlungsmöglichkeit unter Wasser zu atmen hat der Mensch nicht, und er probiert sie auch gar nicht erst aus.

Auf Grund der zirkulären Organisation agiert ein lebendes System auf vorhersagende Weise. Es sagt sich: "Eine Interaktion (Handlung, Wechselbeziehung), die einmal stattgefunden hat, wird wieder stattfinden." Geschieht das jedoch nicht, so zerfällt das System.

Beispiel: Ein Frosch ist so organisiert, daß er Fliegen fangen und fressen kann. In seiner Organisation ist also die Vorhersage enthalten, daß es Fliegen gibt. Wenn es keine Fliegen mehr geben würde (und der Frosch nicht vielfältiger wird, also auf andere Insekten umsteigen kann), dann würde der Frosch sterben. Dies macht lebende Systeme zu folgernden Systemen und ihren Interaktionsbereich zum kognitiven Bereich (Erkenntnisbereich). Erkenntnis und Handeln sind untrennbar miteinander verbunden. Denn der Organismus kann nur durch Handeln (Interaktion) erkennen was zu tun ist. Lebende Systeme können nur Erfahrungen machen, indem sie handeln. Und diese Erfahrungen bilden die Grundlage für erneutes Handeln.

Beispiel: Eine Katze hat man von klein auf nur herumgetragen, so daß sie nie selbst laufen brauchte. Als man sie nach einiger Zeit nun auf den Boden setzte, blieb sie dort sitzen: Sie hatte nie die Erfahrung zu laufen gemacht, daher lag es auch nicht in ihrem Bereich der möglichen Handlungen.

Lebende Systeme haben eine konservative Organisation. Sie wiederholen nur das, was funktioniert. Jedes lebende System lebt in seiner eigenen Nische. Jedes lebende System lebt in einer Umgebung, in der es handelt und mit der es in Wechselbeziehung steht (interagiert). Diese Umgebung wird als Nische bezeichnet. System und Nische können nicht unabhängig voneinander verstanden werden. Die Nische ist der Bereich des Organismus, der von ihm wahrgenommen wird und über den er nicht hinaustreten kann. Denn die Nische eines Organismus hat sich durch seine fortlaufenden Erfahrungen gebildet. Diese Erfahrungen bilden das Modell der Welt, also die Nische. Mit anderen Worten, man kann die Nische auch als "Spiegel" des Organismus betrachten: Die innere Einstellung (das Modell der Welt) spiegelt sich in der Nische wider.

Dazu ein Experiment: Stellen Sie sich Ihre Umgebung als eine Art Erweiterung Ihrer Person vor, so als ob Sie Ihre Umgebung "tragen". Bei genügend Übung werden Sie immer leichter den Eindruck gewinnen, wie Ihre Konturen weicher werden, und Sie erlangen ein deutlicheres Gefühl der Verbundenheit mit Ihrer Nische. Ein Beobachter kann die Nische eines anderen Organismus nicht wahrnehmen. Er erkennt Organismus und Umwelt gleichzeitig, wobei er den Interaktionsbereich des Organismus, den er auf seinem Hintergrund abgrenzt, als Nische des Organismus beobachtet. Die Nischen zweier Organismen (bzw. die Nische eines Systems und die Umwelt eines Beobachters) überschneiden sich nur in dem Maße, wie sich die Organisation beider Lebewesen ähnelt. Dennoch sind sie auch dann nicht gleich, sondern sie ähneln sich insoweit sich ihr Interaktionsbereich ähnelt.

Der Beobachter kann dem Handeln eines Organismus einen total anderen Sinn zusprechen, als der Organismus selbst. Denn der Beobachter betrachtet die Handlung des Organismus in seiner Umwelt aus dem Blickwinkel seiner Nische und nicht aus dem Blickwinkel der Nische des Organismus. Interaktionen, welche für einen Organismus nicht unterscheidbar sind, können für einen Beobachter anhand des Verhaltens des Organismus sehr wohl unterscheidbar sein. Ebenso können Interaktionen, die für den Organismus ununterscheidbar sind, verschieden für seine einzelnen Teile sein.

Beispiel: Wir Menschen können nicht die komplizierten, chemischen Veränderungen jeder einzelnen Körperzelle wahrnehmen. Uns Menschen erscheint es, als ob unser Magen einfach verdaut. Die Magenzellen haben mit dem Verdauen nichts zu tun. Sie verändern nur ihre chemischen Aktivitäten, um ihr Gleichgewicht wieder herzustellen.

04.04.2017 © seit 03.2006 Sabrina Ulbrich
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