Seite 2: Humberto Maturana: Biologie und Erkenntnis

Organisation und Struktur

Was heißt Organisation?

Bevor wir näher auf Systeme eingehen, ist es notwendig die Begriffe "Organisation" und "Struktur" zu erläutern:
Beispiel: Damit ich ein Objekt als einen Stuhl bezeichnen kann, muß ich zuvor anerkennen, daß gewisse Beziehungen (Relationen) zwischen den Teilen, die ich Beine, Lehne, Sitzfläche nenne, auf eine Weise gegeben sind, die das Sitzen möglich machen.

StuhlUnter Organisation sind die Beziehungen zu verstehen, die zwischen den einzelnen Bestandteilen eines Objektes (Stuhl) gegeben sein müssen, damit es als Mitglied einer bestimmten Klasse (mit einer bestimmten Funktion) erkannt wird.

Beispiel: Bei einem Fahrrad stehen die einzelnen Teile in einer bestimmten Wechselwirkung, so daß die Funktion des Fahrens erfüllt wird: Durch das Treten der Pedale wird das Zahnrad angetrieben, welches die Kette bewegt. Diese wiederum bringt ein weiteres Zahnrad und das Hinterrad zum Drehen. Nur Gegenstände, die auf diese Weise funktionieren (mit noch ein paar bestimmten Funktionen mehr), werden Fahrräder genannt.

Beim Aufzeigen oder Unterscheiden eines Objektes erkennen wir automatisch dessen Organisation. Es ist ein grundlegender kognitiver Akt. Bei der Klassifizierung von lebenden Systemen gab es allerdings Schwierigkeiten: Die Wissenschaftler haben, durch Aufzählung von Eigenschaften, verschiedene Kriterien vorgeschlagen, um lebende von nicht-lebenden Wesen zu unterscheiden.

Es ist wie in der Architektur: Wenn wir Häuser oder Gebäude untersuchen, werden wird die Form des Gebäudes nicht dadurch verstehen, daß wir die Ziegel, den Mörtel oder das Holz analysieren, die in dem Gebäude verarbeitet wurden. Woher soll man wissen wann diese Aufzählung der Eigenschaften vollständig ist?
Maturana schlägt vor, daß sich Lebewesen dadurch charakterisieren, daß sie sich andauernd selbst erzeugen. Darauf bezieht er sich, wenn er die sie definierende Organisation, autopoietische Organisation nennt (griech. autos = selbst; poiein = machen).

Diese Organisation ist durch bestimmte Beziehungen gegeben: Die Moleküle einer zellulären autopoietischen Einheit müssen in einem stetigen Netzwerk von Wechselwirkungen miteinander verbunden sein. Das Eigentümliche dieser zellulären Dynamik ist, daß der Zellstoffwechsel Bestandteile erzeugt, welche allesamt in das Netz der Transformationen, das sie erzeugte, integriert werden. (Siehe Lektion: Lebendes System)

Es ist Lebewesen eigentümlich, daß das einzige Produkt ihrer Organisation sie selbst sind, d.h. es gibt keine Trennung zwischen Erzeuger und Erzeugnis. Das Sein und das Tun einer autopoietischen Einheit sind untrennbar, und dies bildet ihre spezifische Art von Organisation. Ein Lebewesen ist durch seine autopoietische Organisation charakterisiert.

Was heißt Struktur?

Bleiben wir bei dem Beispiel mit dem Stuhl: Ob dieser nämlich aus Holz mit Nägeln oder aus Kunststoff mit Schrauben o.a. besteht, ist dafür, daß er ein Stuhl ist völlig unbedeutend. Hier ist das Material und die Form Bestandteil der Struktur.

Unter einer Struktur von etwas werden die Bestandteile und Beziehungen verstanden, die eine Einheit auf eine spezifische Weise konstituieren und ihre Organisation verwirklichen.

Verschiedene Lebewesen unterscheiden sich durch verschiedene Strukturen, sind aber in bezug auf ihre Organisation gleich.

Was ist ein System?

Bei der Erforschung der Materie offenbart uns die Natur nicht isolierte Grundbausteine, sondern erscheint vielmehr als ein kompliziertes Geflecht von Beziehungen zwischen Teilen einer integrierten Ganzheit. Die Eigenschaft, die ein System ausmacht ist, daß seine Teile nicht wahllos nebeneinander liegen, sondern zu einem bestimmten Aufbau vernetzt sind. Dadurch verhält sich ein System völlig anders als seine Teile.

Es wird zu einem neuen Ganzen, das mehr ist als die Summe seiner Einzelteile. Das kann man z.B. daran erkennen, daß das Ganze erhalten bleibt auch wenn man ein Teil vom System entfernt. Aus Teilen (Zellen) wiederum kann selbst ein Ganzes entstehen. Jedes Glied eines Systems steht mit jedem anderen in Wechselwirkung.

Systeme versteht man allgemein als Netzwerke von Komponenten, zwischen denen Interaktionen stattfinden. Systeme verändern sich dadurch, daß sich ihre Komponenten und damit die zwischen ihnen stattfindenden Interaktionen verändern. Die Struktur verändert sich nur solange, wie sie die autopoietische Organisation verwirklicht.

Systeme befinden sich in ständiger struktureller Veränderung, da sich die Einzelteile ebenfalls ständig verändern oder einige absterben und neue integriert werden (wie z.B. die Zellen des Körpers). Dadurch, daß die Einzelteile nicht mehr die selben sind, ist auch das System (die Gesamtheit der Einzelteile) nicht mehr das selbe. Es verändert sich in dem Maße, in dem sich seine Teile verändern.

Aber jedes System zerfällt, wenn seine Organisation im Verlaufe seiner strukturellen Veränderungen nicht erhalten bleibt. So ist eine Uhr mit mechanischem Federwerk keine Uhr mehr (hat ihre Organisation als Uhr verloren), wenn eine ihrer strukturellen Veränderungen ein Bruch der Aufzugsmechanik aufweisen. Wenn mehrere voneinander getrennte Systeme in enge Beziehung treten, kann daraus ein neues, übergeordnetes System entstehen. Ein Ameisenhaufen oder eine Familie ist ein gutes Beispiel für ein übergeordnetes System.

Selbstreferenzielle und fremdreferenzielle Systeme

TracktorNachdem der Begriff "System" im Allgemeinen behandelt wurde, können wir Systeme nun in 2 Klassen teilen: Selbstreferentielle und fremdreferentielle Systeme. Erstere zeichnen sich dadurch aus, daß sie nur auf sich selbst bezogen sind (Referenz = Beziehung). D.h. sie können nicht von ihrer Umwelt bestimmt oder kontrolliert werden.

Wir Menschen sind selbstreferentielle Systeme. Jemand anderes kann vielleicht Prozesse in Ihnen auslösen, aber welche das sind, bestimmen nur Sie (wenn auch meistens unbewußt).

Beispiel: Wenn jemand mit Türen knallt, dann bleibt Ihre Reaktion darauf Ihnen selbst überlassen. Es ist nicht notwendig, daß Sie darauf sauer reagieren. (Anmerkung für NLP-Kenner: Denken Sie z.B. an die NLP-Frage nach Ursache-Wirkung: Wie genau kann ein anderer bestimmen wie Sie sich fühlen?)

Fremdreferentielle Systeme zeichnen sich dadurch aus, daß sie nur durch die Umwelt bestimmt werden. Beispiel hierfür sind Computer oder Maschinen, die auf Knopfdruck so reagieren wie sie vorher von Menschenhand programmiert oder konstruiert wurden.

04.04.2017 © seit 03.2006 Sabrina Ulbrich
Kommentar schreiben