Gewalt durch Killerspiele (und andere Märchen)

Wer die Hysterie rund um das Thema "Killerspiele" in den Medien verfolgt, mag daran zweifeln, ob die Meinungsmacher fähig sind ihren Verstand zu gebrauchen. Hier sind Verzerrungen, Falschinformationen und Übertreibungen nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Wenn Sie eine kritische Betrachtung der Medien zu diesem Thema interessiert, sollten Sie diesen Artikel lesen.

Haben Sie sich schon einmal gefragt, mit welchen Gefahren Sie als Computerbesitzer zu tun haben? Nein? Damit meine ich natürlich nicht so harmlose Dinge, wie einen Nervenzusammenbruch, den man sich schnell einhandeln kann, wenn man versucht Windows Vista zu installieren. Nein - hier sind reale Gefahrenpotenziale gemeint, die auf Ihrer Festplatte lauern. Als harmlose Spiele getarnt, verbirgt sich hier eine höchst gefährliche Gehirnwäsche-Software - die sogenannten "Killerspiele". Zumindest lautet so die Meinung einiger "Experten", die in der letzten Zeit mit diesem Thema die Medien füllen.

Wenn Sie jetzt in den nächsten Computerladen gehen und nach "Killerspielen" fragen, dürfen Sie sich jedoch nicht wundern, wenn der Verkäufer Sie verständnislos anguckt. Das Problem ist, daß es kein Genre namens "Killerspiele" gibt.

Wir verdanken diese Wortschöpfung den Massenmedien, die nicht müde werden beeindruckende Kunstbegriffe zu erfinden, die fetzig und irgendwie gefährlich klingen. Hätte man die "Verdächtigen" bei ihrem tatsächlichen Namen genannt - beispielsweise Adventures, Stratregiespiele oder Ego-Shooter, wäre nur ein schlechter Pausenfüller herausgekommen.

Läßt man solche Übertreibungen mal beiseite und fragt sich, was mit "Killerspielen" gemeint ist, trifft man auf ein Definitions-Wirrwarr das seinesgleichen sucht. Ursprünglich wurde dieser Begriff nicht nur für virtuelle, sondern auch für reale Spiele verwendet. Damit fielen prinzipiell auch Spiele wie Wasserpistolen-, Wasserbombenduelle oder auch Kriegsspiele mit Plastiksoldaten, usw. darunter. Immerhin gibt es in jüngster Zeit auch Überlegungen von Hardlinern, virtuelle Schneeballschlachten als "Killerspiele" zu bezeichnen.

In den "Dokumentationen" von ARD, ZDF und WDR hingegen werden hauptsächlich virtuelle Spiele angeprangert, die meist unter dem Genre der Ego-Shooter laufen. Aber diese Auswahl der Fernsehsender kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Begriff insgesamt noch im "definitionsfreien Raum schwebt". Hierzu kann ich ein Video auf Youtube empfehlen, welches die "objektive Berichterstattung" dieser Fernsehsender gründlich auseinander nimmt.

Wenn Sie nun so verwirrt sind, wie ich es war, kann ich Sie trösten, denn den Experten und dem Gesetzgeber geht es genauso. So wurde zwar bei der Frühjahrskonferenz der Innenminister der Länder prophylaktisch der Beschluß gefaßt (Zitat):

"Dieser sieht vor, dass eine erforderliche Verschärfungen des Jugendschutzes und ein ausdrückliches Herstellungs- und Verbreitungsverbot virtueller Killerspiele umzusetzen ist."

Auf die Frage hin, was denn genau verboten werden soll, erhielt man die Antwort: "Ein Ergebnis liegt noch nicht vor." So etwas nennt man "weitsichtige Zukunftsplanung" ganz nach dem Motto: "Wir werden etwas Gefährliches verbieten, beraten aber noch, was das sein soll."

Damit kann man festhalten, daß der Gegenstand der Diskussion ungeklärt ist - oder genauer - keiner weiß wovon er redet. Wenn man diese Diskussion irgendwann einmal auf eine halbwegs vernünftige Basis stellen will, besteht hier dringender Nachholbedarf.

Ist der Begriff geklärt, kommen wir zum nächsten Problem. Wie soll ein Herstellung- und Verbreitungsverbot begründet werden? Dieses Problem ist nicht trivial, zumal es auch in vielen anderen Medien Darstellungen oder sogar Verherrlichungen von Gewalt gibt. Bei Action-, Horror-Filmen oder Thrillern werden wir seit Jahrzehnten mit exzessiven Darstellungen von Gewalt überhäuft.

Desgleichen in der Musik-Szene - auch hier findet man seit langem beispielsweise in der Hardrock, Hip-Hop oder Gothik-Szene eine Vielzahl derartiger Produktionen vor. Zwar gibt es auch hier Hardliner die behaupten (Zitat - siehe Kommentare):

"Sie mögen die Beatles? Stones? Ihre Seele ist verloren, denn Popmusik macht kriminell!" - aber diese finden kaum Gehör. Zum Glück werden manche böse Zungen sagen, daß derart dämliche Thesen es eigentlich nur verdienen, ignoriert zu werden.

Es ist daher wenig einsichtig nur "Killerspiele" verbieten zu wollen, wenn Action oder Horror-Filme viel üblere und realistischere Darstellungen von Gewaltexzessen zeigen.

In anderen Worten - wenn man sich schon über die Verherrlichung von Gewalt aufregt, dann sollte man die verschiedenen Medien gleich behandeln und nicht die Filmindustrie außen vor lassen, nur weil sie über eine größere Lobby verfügt. Das ist ungerecht und inkonsistent.

Wenn man nach Begründungen sucht, die speziell die virtuellen Spiele betrifft, so bekommt man in etwa folgende Statements zu hören.

"Videospiele machen dick, dumm, traurig und gewalttätig." oder "Aufgrund der Bildschirm-Medien [...] wird es in Deutschland im Jahr 2020 etwa 40.000 Todesfälle durch Herzinfarkt, Gehirninfarkt; Lungenkrebs und Diabetes-Spätfolgen geben [...]." (Manfred Spitzer)

Das klingt schon mal recht heftig - aber mal ehrlich - müßte man dann nicht auch Fernsehen und Büroarbeiten am Computer verbieten? Man hat den Eindruck mit Vorurteilen und Banalitäten zugeschüttet zu werden. Festzustellen, daß man sich einem gesundheitlichen Risiko aussetzt, wenn man sich zuwenig bewegt (Sport treibt) ist banal und kein spezielles Problem von Killerspielen. Aber es geht noch krasser ...

"Jüngere, und vor allem sehr umfassende, Studien besagen, dass mit zunehmenden Konsum von Gewaltspielen auch zunehmend aus virtueller wirkliche Gewalt wird." (Theo Koll in Frontal 21, vom 21.08.2007) oder noch schärfer ...

"Fakt ist: Alle jugendlichen Amokläufer, die in den USA oder Deutschland in unfassbarer Kaltblütigkeit Mitschüler und Lehrer niederschossen, haben diese Ego-Shooter gespielt." (Münchner tz)

Spätestens jetzt ist die Grenze des Irrsinns erreicht. Hätten die sogenannten "Experten" seriöse Studien der amerikanischen Regierung gelesen, könnten Sie entnehmen, daß nur 12% aller jugendlichen Amokläufer gewalttätige Videospiele gespielt hat. Der vielzitierte Amokläufer von Blacksburg hatte mit Killerspielen gar nichts zu tun.

Hier werden Information also nicht nur verzerrt, sondern bewußt falsch dargestellt. Leider wird über das Zitieren sogenannter "Experten" eine Seriösität vorgegaukelt, welcher dieser Debatte in keiner Weise zu eigen ist. Mein Fazit lautet: Die bisherige Art, wie dieses Problem in den Medien besprochen wird, ist inkompetent, unsachlich und damit eigentlich nur peinlich.

Sowohl die Computersucht bei Jugendlichen als auch die Verherrlichung von Gewalt wären im Grunde wirklich ernsthafte Themen, die man sinnvoll diskutieren kann. Es spricht sicher vieles dafür, in einer Zeit des Werteverfalls die Rolle und Wirkungen von Gewaltverherrlichung in den Medien zu durchdenken - aber bitte nicht auf so einem plumpen Niveau. Wenn sich sogar Politiker und Meinungsführer dafür hergeben, die Vernunft in die Gosse zu tragen, macht mir dieses Vorgehen mehr Sorgen, als die Existenz von Computerspielen.

Wenn Sie an weiteren kritischen Details interessiert sind, wie Medien ihre "Killerspiel-Wahrheiten" produzieren, können Sie im Buch Stigma Videospiele weitere interessanten Fakten finden. Sie stammt zwar von einem Menschen, der selbst Computerspiele spielt, aber hier werden wenigstens Pro und Kontra-Argumente gegeneinander abgewogen. Sicher nicht perfekt, aber wesentlich seriöser als der Blödsinn, den man aus Fernsehen und den Tageszeitungen zu hören bekommt.

So ende ich mit einem Zitat eines unbekannten Propheten, der einmal verzweifelt ausrief: "Oh Herr, schmeiß Hirn vom Himmel!"

19.06.2018 © seit 02.2008 Aris Rommel  
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