Die Kosmologie der Vorsokratiker

Wie der Name "Vorsokratiker" andeutet, werden mit dem Begriff griechische Philosophen der Antike bezeichnet, die bereits vor Sokrates (470–399 v. Chr.) gewirkt haben. Man könnte sie auch als Vorväter der abendländischen Philosophie bezeichnen. Der Grund für diese Einteilung ist, dass viele Nachfolger das Auftreten und Wirken von Sokrates als radikalen Wandel der Philosophiegeschichte sehen (Sokratische Wende). Cicero kommentiert diesen Wandel mit den Worten: "Sokrates hat die Philosophie vom Himmel auf die Erde geholt." Im folgenden Artikel finden Sie eine kleine Sammlung von Vorsokratikern und deren Thesen vor. Damit können Sie sich ein erstes Bild davon machen, wie sich die Philosophie vor Sokrates entwickelt hat.

Das Hauptproblem bei den Philosophen vor Platon und Xenophon, von denen wir das meiste über Sokrates wissen, ist die fragmentarische Überlieferung. Wir haben nur Zitate späterer Autoren, die Hermann Diels (1848-1922) zusammengestellt und teilweise übersetzt hat, kein einziges ganzes Werk. Walther Kranz (1884-1960) hat die Sammlung von Diels herausgegeben und einen (griechischen) Wortindex erstellt, so daß man die Zitate thematisch durchforsten kann. Das Namen- und Stellenregister ist von Diels; Kranz hat es ergänzt.

Diogenes Laertios (2./3. Jh. n. Chr.) unterschied in seiner Philosophiegeschichte, die auch die Nachsokratiker (Platon, Aristoteles und deren Nachfolger bis zu Epikur) umfaßt, drei Disziplinen: Physik (also Naturphilosophie), Ethik (also Ausführungen darüber, wie man leben soll) und Dialektik (also Logik und Erkenntnistheorie, aber auch sophistische Begriffsklauberei). Unter diesen Disziplinen läßt sich auch die Philosophie der Vorsokratiker einordnen. Ich behandle hier nur einen Aspekt der Naturphilosophie: die Kosmologie.

Den Vorsokratikern voraus gingen die Dichtungen von Homer (zw. 750 und 650 v. Chr.) und Hesiod (um 700 v. Chr.). Sie sind im Hinblick auf die Kosmologie für die Vorsokratiker wichtig. In der Ilias (VIII 13-16) unterscheidet Homer Himmel, Erde und Tartaros (Unterwelt, vgl. Gen 1,1f). In seiner Theogonie vertritt Hesiod dasselbe Weltbild (Verse 720-725) und berichtet zusätzlich, wie Kronos Uranos (Himmel) und Gaia (Erde) trennt (Verse 176-181) – das erinnert an die Trennung von Himmel und Erde in der Bibel (Gen 1,7-10).

Vorsokratiker Pythagoras

Daß die Dichtungen von Homer und Hesiod inspiriert sind, steht außer Frage: Zu Beginn der Ilias (I 1) wendet sich Homer an die Göttin (thea); Hesiod beruft sich auf die Helikonischen Musen (Theogonie Vers 1). Einen Nachklang davon finden wir bei Parmenides, dessen Erzählung von seiner Fahrt zur Göttin (DK 28 B 1) aber wohl als dichterischer Topos aufzufassen ist, nicht als reale Inspiration durch die geistige Welt.

Wer die Inspirationsthese für die antiken Mythen wie Karl R. Popper (1902-1994) ablehnt, wird sich überlegen müssen, warum "die Vorläufer des Parmenides eine Welt – sozusagen – erfunden hatten (eine Welt der Götter und Dämonen)" (Popper 140), und warum die Griechen auf der Basis dieser "Erfindungen" Tempel bauten und Kulte einführten.

Ich lehne diese Vorstellung ab und halte es für wahrscheinlich, daß auch die Kosmologien der Vorsokratiker inspiriert sind. Denn wie sollte ein vernünftiger Mensch, der nur die gewöhnlichen Erfahrungen durch die fünf Sinne und seine Gedanken darüber hat, auf die Idee kommen, die Welt auf ein einziges Prinzip zurückzuführen und dieses Prinzip auch noch zu konkretisieren?

1. Pherekydes von Syros

Pherekydes (Mitte des 6. Jh.s v. Chr.), der Lehrer des Pythagoras, war laut Diogenes der erste, der "über die Natur und die Götter" geschrieben hat (I 116). Er war eine Art Prophet, dessen Vorhersagen eintrafen. Was er über die Götter schrieb, bewegt sich noch ganz in den Bahnen von Homer und Hesiod. Neu ist seine kritische Einstellung dazu, die aus einem von Diogenes zitierten Brief hervorgeht (so er denn echt ist):

"Es sind keine beglaubigten Tatsachen, die ich bringe, und ich mache mich nicht anheischig, die Wahrheit zu wissen. Alles, was du von göttlichen Dingen zu lesen bekommst, darf nicht wörtlich genommen, sondern muß anders verstanden werden. Denn ich deute alles nur mehr oder weniger dunkel an." (I 122).

2. Thales von Milet

Was Thales (ca. 625 – 547 v. Chr.) damit gemeint haben könnte, daß das Wasser das Urprinzip sei, aus dem alles entstanden ist und das allein übrig bleibt, wenn alles wieder untergegangen ist, erklärt Aristoteles (384-322 v. Chr.) in seiner Metaphysik. Thales habe das vielleicht angenommen, "weil er sah, daß die Nahrung aller Dinge feucht ist und das Warme selbst aus dem Feuchten entsteht und durch dasselbe lebt (das aber, woraus alles wird, ist das Prinzip von allem); hierdurch also kam er wohl auf diese Annahme und außerdem dadurch, daß die Samen aller Dinge feuchter Natur sind, das Wasser aber dem Feuchten Prinzip seiner Natur ist" (983 b).

Schon "die ersten Theologen" hätten der Meinung mancher Leute zufolge "ebenso über die Natur gedacht […]; denn den Okeanos und die Tethys machten sie zu Erzeugern der Entstehung und den Eid der Götter zum Wasser, das bei den Dichtern Styx heißt; denn am ehrwürdigsten ist das Älteste, der Eid aber ist das Ehrwürdigste" (983b).

In seiner kleinen Schrift "Von der Seele" reflektierte Aristoteles darüber, was Thales damit gemeint haben könnte, "alles sei voll von Göttern": "Einige sagen auch, die Seele sei im All beigemischt" – daher stamme womöglich die "Meinung des Thales" […]. Dies hat aber gewisse Schwierigkeiten. Denn aus welcher Ursache bildet die Seele, wenn sie in der Luft oder im Feuer ist, keine Lebewesen, dagegen im Gemischten, und dies, obschon sie in jenem als vollkommener gilt? Man würde allerdings auch fragen, aus welcher Ursache die Seele in der Luft vollkommener ist als diejenige in den Lebewesen und unsterblicher. In beiden Fällen ergibt sich Unsinniges und Widersprüchliches" (411a).

Friedrich Nietzsche (1844-1900) meinte, daß Beobachtungen des Thales über Wasser und Feuchtigkeit für seine Verallgemeinerung nicht ausgereicht hätten. Ein "metaphysischer Glaubenssatz, der seinen Ursprung in einer mystischen Intuition hat", habe ihn dazu getrieben, nämlich "der Satz 'Alles ist Eins'" (1/813).

3. Anaximander von Milet

Anaximander (um 611 v. Chr. - um 547 v. Chr.) bezeichnete den Urstoff als apeiron (das Unbegrenzte, Unendliche, Unzählige, Undurchdringliche, Ausgangslose, Unentwirrbare). Matthias Gatzemeier betrachtet diesen Begriff als den historisch ersten "Ausdruck zur Formulierung des Problems der Unendlichkeit der Materie" (EPhW 1/140).

Diogenes führt das Weltbild des Anaximander noch näher aus: "Die Teile seien wandelbar, das Ganze aber unwandelbar. Als Zentrum liege in der Mitte die Erde in kugelförmiger Gestalt; der Mond leuchte mit geborgtem Licht, er werde von der Sonne erleuchtet, die Sonne aber sei nicht kleiner als die Erde und sei das reinste Feuer" (II 1).

4. Anaximenes von Milet

Anaximenes (um 585 v. Chr. - um 526 v. Chr.) postulierte die Luft als Urprinzip. Aus ihr sei alles entstanden, und in sie "löse sich alles wieder auf. Wie unsere Seele, behauptet er, die Luft ist, und uns durch ihre Kraft zusammenhält, so umfaßt auch den ganzen Kosmos Atem und Luft" (DK 13 B 2, übersetzt von Jaap Mansfeld).

Die Luft bewege sich und sei unbeschränkt. Auch die Götter und das Göttliche (theous kai theia) seien aus ihr entstanden (DK 13 A 7). Sie stehe "dem Unkörperlichen nahe, und weil wir durch ihren Ausfluß entstehen, muß sie notwendig reich sein, wie auch unbeschränkt, da sie niemals ausgeht" (DK 13 B 3, Übersetzung v. Mansfeld).

Die Luft "manifestiere sich aber mit Hilfe des Kalten und des Warmen und des Feuchten und indem sie sich bewege." Feuer sei verdünnte, "Winde hingegen seien verfestigte Luft, und aus Luft, wenn sie geplättet werde, komme eine Wolke zustande, und wenn sie noch mehr geplättet würde, Wasser, wenn sie abermals noch weiter geplättet würde, Erde, und wenn sie sich maximal verfestige, Steine. Die Hauptfaktoren, die das Werden bestimmten, seien also Gegensätze: das Warme und das Kalte" (DK 13 A 7, Übersetzung von Mansfeld).

5. Pythagoras aus Samos

Pythagoras (um 570/560 – um 480 v. Chr.), der als Inkarnation des Gottes Apollon verehrt wurde, war nicht nur ein religiöser Guru, sondern auch Mathematiker. Er machte die Zahl, der alles gleiche (das ist laut Bartel Leendert van der Waerden eine kühne Verallgemeinerung), zum Urprinzip.

Aristoteles begründete in seiner Metaphysik diese Auffassung der Pythagoreer folgendermaßen:

"Da nämlich die Zahlen in der Mathematik der Natur nach das Erste sind, und sie in den Zahlen viel Ähnlichkeiten (Gleichnisse) zu sehen glaubten mit dem, was ist und entsteht, mehr als in Feuer, Erde und Wasser, wonach (z. B.) ihnen die eine Bestimmtheit der Zahl Gerechtigkeit sei, diese andere Seele oder Vernunft, eine andere wieder Reife und so in gleicher Weise so gut wie jedes einzelne, und sie ferner die Bestimmungen und Verhältnisse der Harmonie in Zahlen fanden; da ihnen also das übrige seiner ganzen Natur nach den Zahlen zu gleichen schien, die Zahlen aber sich als das Erste in der gesamten Natur zeigten, so nahmen sie an, die Elemente der Zahlen seien Elemente alles Seienden, und der ganze Himmel sei Harmonie und Zahl" (985b/986a).

Die Zahl sei am weisesten von allem. Die himmlische Musik (Sphärenharmonie) und die Himmelsordnung würden auf der Zahl beruhen, und die irdische Musik sei der himmlischen nachgebildet. Auch die Planetenbewegungen seien durch die Zahl bestimmt. Die sieben Planeten wurden von den Pythagoreern den Saiten der Lyra zugeordnet.

Darüber, was mit der Tetraktys gemeint war, gibt es verschiedene Auffassungen: Die meisten Kommentatoren der Spätantike interpretierten sie als die Zahlenfolge 1, 2, 3, 4 oder als deren Summe: 1 + 2 + 3 + 4 = 10. Doch manche meinten, daß damit die Zahlen 6, 8, 9 und 12 gemeint seien, die den Lyrasaiten Hypate, Mese, Paramese und Nete zugeordnet waren. Sie bildeten die grundlegenden Intervalle Quarte (8 : 6 = 12 : 9 = 4 : 3), Quinte (9 : 6 = 12 : 8 = 3 : 2) und Oktave (12 : 6 = 2 : 1).

6. Xenophanes von Kolophon

Xenophanes (um 570 – 475 v. Chr.) postulierte einen einzigen und bewegungslosen Gott. Er meinte, die Welt sei ewig. Die Götter Homers und Hesiods seien nach menschlichen Vorbildern erfunden. Tiere würden Tiergötter verehren.

Als Urelemente betrachtete Xenophon die Erde und das Wasser, aus denen wir Menschen geboren seien. Das Feuchte löse die Erde auf. Das begründete er damit, daß man Muscheln im Landesinnern und auf Bergen gefunden habe (das deutet eigentlich nur auf eine große Überschwemmung hin).

Die Abdrücke von Seetieren in den Steinbrüchen von Syrakus, von Lorbeer im Gestein auf der Insel Paros und die Platten auf Malta in Form von Seetieren deutete er so: Das Gestein sei ursprünglich Schlamm gewesen und dann hart geworden.

Sonne und Sterne hätten sich aus den Wolken gebildet, meinte Xenophanes. Diese seien in jenen zu Feuer geworden, der Mond sei eine verdichtete Wolke. Blitze entstünden dadurch, daß Wolken sich bewegen und leuchten. Auch der Regenbogen sei eine Art Wolke, ebenso das Elmsfeuer.

7. Heraklit von Ephesos

Heraklit (um 550 – 480 v. Chr.) betrachtete das Feuer (den Logos) als Urprinzip. Er schrieb ihm Vernunft und Bewegung zu. Es richte alles. Der Blitz würde alles steuern. Daß das Feuer sich wandelnd ausruhe (DK 22 B 84a), interpretiert Diels dahin, daß hier die Lebenskraft im menschlichen Körper gemeint sei, die sich erhole, wenn man sich bewege. Durch helle Ausdünstungen aus Erde und Meer nehme das Feuer zu, durch dunkle Ausdünstungen nehme das Feuchte zu. Aus den hellen Ausdünstungen entstünden auch die Sterne. Von den Ausdünstungen seien auch der Wechsel von Tag und Nacht, der Jahresrhythmus und das Wetter abhängig.

Die psychologischen Aussagen des Heraklit sind dunkel. Die Seele sei grenzenlos. Ihre Weisheit (logon) könne man nicht ausschöpfen. Er hielt eine Seele, die trocken sei, für am weisesten und besten. Entsprechend bedeute Feuchtigkeit für die Seele den Tod. Andererseits entstünden Seelen aus dem Wasser. Klar wird das durch ein Fragment, in dem er die Trunkenheit als Ursache dafür bezeichnet, daß die Seele feucht wird. Das werde sogar als Genuß empfunden.

Daß alles fließe und der Veränderung unterliege, konkretisierte Heraklit damit, daß man in denselben Fluß steige – und auch wieder nicht (er besteht ja einige Zeit später aus anderem Wasser, ist aber trotzdem der gleiche Fluß).

Heraklit betrachtete die Welt als von Gegensätzen bestimmt: "Gott ist Tag Nacht, Winter Sommer, Krieg Frieden, Sattheit Hunger" (DK 22 B 67).

Das bekannte Wort Heraklits, daß der Krieg der Vater aller Dinge sei, wird in folgendem Fragment etwas deutlicher: "Man soll aber wissen, daß der Krieg gemeinsam (allgemein) ist und das Recht der Zwist und daß alles geschieht auf Grund von Zwist und Schuldigkeit" (DK 22 B 80).

8. Parmenides von Elea

Über Parmenides (um 515 – um 445 v. Chr.) hat sich Popper in mehreren Aufsätzen und Vorträgen Gedanken gemacht. Er betrachtete ihn als "Begründer der Tradition, daß jede Kosmologie und jegliche Wissenschaft eine Suche nach der verborgenen Wirklichkeit ist, dem Ding an sich hinter der Welt der Erscheinungen […]. Er erstellte das erste deduktive System, das die Welt beschreibt und dessen Widerlegung zur Gründung der Physik führte" (S. 208).

Die Erkenntnistheorie des Parmenides besagt so ziemlich das Gegenteil von derjenigen Kants: Parmenides vertraute auf das Denken und mißtraute der Wahrnehmung, während Kant zeigte, daß man mit reinem Denken nur zu widersprüchlichen Aussagen kommen kann, also stets Anschauung (Wahrnehmung) und Denken zusammenwirken müssen, damit man von Erkenntnis reden kann.

Popper meint, den Hintergrund der Auffassung des Parmenides würden seine astronomischen Beobachtungen bilden:

Die Mondphasen, "sein Zu- und Abnehmen, sind ja nichts anderes als ein Schatten – ein Schattenspiel von 'Licht und Nacht', wie es Parmenides eindringlich immer wieder betont. Jedermann weiß, daß ein Schatten nicht wirklich ist, sondern trügerisch und unwahr. Und wenn das für den Schatten gilt, so muß auch das Licht unwahr sein.

Der unveränderliche, wohlgerundete Block des Mondes ist jedoch wirklich" (S. 168).

Unsere Wahrnehmung sagt uns, daß der Mond verschiedene Gestalten hat: Sichel, Scheibe und Zwischenstufen; mitunter verschwindet er ganz. Doch sein Denken sagte Parmenides, daß das eine Illusion ist: Der Mond hat stets dieselbe Gestalt, auch wenn wir sie nicht immer vollständig sehen können.

9. Zenon von Elea

Zenon der Ältere (ca. 495 – 445 v. Chr.) war ein Schüler und Geliebter von Parmenides, der ihn laut Apollodor adoptiert hat. Das ist deshalb interessant, weil von ihm "keine eigenständige Lehre überliefert" ist, "mit Ausnahme eines Berichtes des Diogenes Laertius (IX 5, 29) über Zenons Kosmologie" (Bernd Buldt, in: EPhW 4/839). Heute kennt man nur noch seine Paradoxien.

Der Bericht des Diogenes über Zenons Kosmologie umfaßt nur wenige Sätze: "Es gibt eine Mehrheit von Welten und nichts Leeres. Alles in der Natur ist aus Warmem und Kaltem, Trockenem und Feuchtem entstanden, die sich gegenseitig ineinander verwandeln. Die Menschen sind aus der Erde entstanden und die Seele ist eine Mischung aus diesen Elementen, ohne daß eines von ihnen dabei im Übergewicht wäre" (IX 29).

10. Empedokles aus Akragas

Empedokles (um 492 – um 430 v. Chr.) war ein Schüler des Pythagoras, wurde aber ausgeschlossen, weil er "heimlich die Vorträge entwendete" (Diogenes VIII 54). Er betrachtete die vier Elemente als Urprinzipien, die durch Liebe und Haß gemischt und getrennt werden.

11. Anaxagoras von Klazomenai

Anaxagoras (zw. 500 und 496 – 428 v. Chr.) hielt den nous (Geist, besonders "die Gottheit als weltordnender Geist", Menge-Güthling 473) für das Ordnungsprinzip des Kosmos. Er charakterisierte ihn so:

"Geist aber ist etwas nicht durch Grenze Bestimmtes und Selbstherrliches und ist vermischt mit keinem Dinge, sondern ist allein, selbständig, für sich. […] Denn er ist das feinste aller Dinge und das reinste und er besitzt von allem alle Kenntnis und hat die größte Kraft. Und was nur Seele hat, die größeren wie die kleineren Wesen, über alle hat der Geist die Herrschaft. Auch über die gesamte Umdrehung hat der Geist die Herrschaft angetreten, so daß er dieser Umdrehung den Anstoß gab" (DK 59 B 12).

Die Entstehung der Welt dachte sich Anaxagoras als Mischung und Scheidung vorhandener Dinge. Daß etwas entstehen oder vergehen könnte, hielt er für falsch.

12. Leukipp von Milet (oder Elea?)

Leukipp (5. Jh. v. Chr.) "hat zuerst Atome [griech. atomos = unteilbar] als das Ursprüngliche hingestellt" (Diogenes IX 30).

"Das Ganze […] ist teils voll, teils leer, mit welchen Ausdrücken er die Elemente bezeichnet. Daraus entstehen unzählige Welten und lösen sich auch wieder in die Elemente auf" (Diogenes IX 31).

13. Demokrit aus Abdera (oder Milet?)

Demokrit (um 470 – zw. 380 und 370 v. Chr.) war der Schüler von Leukipp, von dem er den Atomismus übernahm. Diogenes faßt seine Lehre so zusammen:

"Urgründe des Alls sind die Atome und das Leere […]. Es gibt unendlich viele Welten, entstanden und vergänglich. Nichts wird aus dem Nicht-Seienden und nichts vergeht in das Nicht-Seiende. Auch die Atome sind unendlich an Größe und Menge; sie bewegen sich im All wirbelartig und erzeugen so alle Zusammensetzungen, Feuer, Wasser, Luft, Erde; denn auch dies sind Verbindungen bestimmter Atome; die Atome aber sind frei von Leiden (Beeinflussungen) und unveränderlich infolge ihrer Starrheit. Sonne und Mond haben sich aus solchen glatten und runden Atomenhaufen gebildet und die Seele gleicherweise; sie und die Vernunft sind eins" (IX 44).

14. Platons Kritik an den Vorsokratikern

Platon (427 – 347 v. Chr.) läßt im Sophistes den Fremdling über die Kosmologien der Vorsokratiker folgendes sagen:

"Mir erscheint es wie eine Art Märchen, was jeder von ihnen uns vorträgt als wären wir Kinder. […] Ob nun mit alledem einer von ihnen recht habe oder nicht, ist schwer zu entscheiden und es scheint wenig am Platze zu sein mit so berühmten und altehrwürdigen Männern über so gewichtige Fragen zu rechten. Das aber darf man ohne Anstoß aussprechen - […] Daß sie viel zu wenig Rücksicht nahmen auf uns, die große Menge, sondern über unsere Köpfe hinweg redeten. Denn ohne sich darum zu kümmern, ob wir ihren Ausführungen auch folgen oder ob wir nicht mitkommen können, führt ein jeder seine eigene Sache zu Ende" (242c-243b).

© Gunthard Rudolf Heller, 2019

Literaturverzeichnis

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HESIOD: Theogonie, herausgegeben, übersetzt und erläutert von Karl Albert, Sankt Augustin 1990

HOMER: Ilias, übersetzt von Johann Heinrich Voß (1793), Stuttgart 1970 - Iliadis Libros I-XXIV, 2 Bände (1902), Nachdruck Oxford o.J.

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WAERDEN, Bartel Leendert van der: Die Pythagoreer – Religiöse Bruderschaft und Schule der Wissenschaft, Zürich/München 1979

21.08.2019 © seit 08.2019 Gunthard Heller
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