Seite 2: Biologie: Neue Erkenntnisse zur Leib-Seele-Einheit

Die Spiegelneuronen

Der Entdecker der Spiegelneuronen ist Giacomo Rizzolatti, Chef des Physiologischen Instituts der Universität Parma. In Tierversuchen mittelst bildgebender Technik (Kernspintomographie und Positronen-Emissions-Tomografie (PET)) offenbarte sich ihm, wie bestimmte Nervenzellen in bestimmten Bereichen der Hirnrinde "feuern", sobald das Tier eine Handlung plant. (Anmerkung: Die Tiere wurden unter schmerzfreien Bedingungen untersucht, wird berichtet. Daß sie jedoch in völlig natur- und artwidrigen Umständen gehalten wurden und werden, ist dennoch bedauernswert. Unsere Freude über das gewonnene Wissen ist somit keine reine Freude.)

affenDas Beispiel "Ein Affe greift nach einer Nuß, die auf einem Tablett liegt" zeigte, wie die dafür zuständige Nervenzelle feuerte, und zwar auch dann, wenn der Affe in völligem Dunkel saß und nach der Nuß griff, die ihm vorher bei Licht gezeigt worden war. Ja, sie feuerte sogar, wenn der Affe die gleiche Handlung bei seinem Gegenüber nur beobachtete. "Man braucht einen Moment, um zu begreifen, was das bedeutete. Es war eine neurobiologische Sensation." (10)

Diese Entdeckung ist deshalb eine Sensation, weil wir jetzt zu wissen beginnen, wie das intuitive Erfassen der Seele des Anderen biologisch abläuft: Spiegelneurone in unserm eigenen Gehirn werden beim Miterleben der Handlungen eines Gegenübers in derselben Weise aktiviert, wie sie aktiviert werden würden, wenn wir jene Handlungen selbst ausführten. Die Spiegelung geschieht nicht nur gleichartig und -zeitig, sondern auch unwillkürlich und ohne jedes Nachdenken.

"Beim Menschen genügt es zu hören, wie von einer Handlung gesprochen wird, um die Spiegelneurone in Resonanz treten zu lassen. (11) " Beim Menschen funken die handlungssteuernden Nervenzellen schon bei bloßen Vorstellungen. Sie liegen bezeichnenderweise in einem Hirnbereich, das auch Sprache steuert. Allein schon durch Sprache können wir einander Handlungen vorstellbar machen.

Die Bedeutung der Spiegelung

Die Spiegelneurone ermöglichen uns somit, unsere Umwelt, vor allem Menschen, zu verstehen, und zwar gerade in ihren verborgenen Feinheiten. Wir haben z. B. in Gegenwart eines Menschen ein "ungutes Gefühl", wir ahnen intuitiv, ohne es beweisen zu können, was von diesem Menschen ausgeht. Mit einem geliebten, mit uns innigst verbundenen Menschen spiegeln wir uns derart, daß unsere Gedanken jeweils vom anderen bereits mitgedacht werden, ehe wir sie aussprechen.

Das ist in des Wortes wahrster Bedeutung der Gleichklang der Seelen, denn wie bei einem Musikinstrument schwingende Saiten andere Saiten zum Mitschwingen bringen, so daß der Klang der tatsächlich angeschlagenen Saiten voller ertönt, so regt das Denken des einen das des andern an.

Schon der 24jährige Schiller weiß von der Anregung zu berichten, die ein Geist dem andern sein kann: "Mühsam und wirklich oft wider allen Dank muß ich eine Laune, eine dichterische Stimmung hervorarbeiten, die mich in zehn Minuten bei einem guten denkenden Freunde sonst anwandelt; oft auch bei einem vortrefflichen Buch oder im offenen Himmel. Es scheint, Gedanken lassen sich nur durch Gedanken locken ..." (12)

Arme Menschen, die solche Geistesanregung nicht erlebt haben, weil sie in "Gesprächen" nur Monologe halten, sich selbst darstellen können, ihnen die Antennen für die Spiegelung fehlen. Sie nerven ihr Gegenüber, weil sie diesem eine einseitige Dauerspiegelung zumuten, ohne zur Gegengabe bereit zu sein. Bei wirklichen Gesprächen, die ihren Namen verdienen, findet gegenseitige Spiegelung statt, ein Geben und Nehmen, ein gemeinsames Vortasten zum Erkennen, beglückend für alle Beteiligten.

Der arrogante Selbstdarsteller aber bringt die Beteiligten in Anspannung und Mißstimmung, setzt sie herab, was nachweislich "die Signalrate der Spiegelneurone massiv" vermindert. (13) Gute Gespräche ermöglichen ausgiebige Spiegelung, reiche Intuition. Von unseren Altvorderen heißt es, sie hätten solche Gespräche als "Gottmehren" bezeichnet.

Somit vergehen sich autistische Selbstdarsteller in ihrer Blindheit für den anderen gegen den Sinn des Lebens, der im Bewußtwerden des Wesens der Dinge besteht. Wer den andern nicht wahrnimmt und spiegelt und somit nicht versteht, verarmt nicht nur in seinem Gottesbewußtsein, er entwickelt auch kein Mitgefühl. Denn seine Nervenzellnetze geraten nicht in Resonanz, ja, sterben wegen Nichtgebrauchs ab.

"Dauerhafte Dysbalancen ... sind ein häufiger Ausgangspunkt für seelische Störungen und begünstigen körperliche Erkrankungen." (14) Absichtlicher Entzug von Spiegelung wird modern als "mobbing" bezeichnet. Eine solche soziale Isolierung bedeutet für den Betroffenen Lebensgefahr.

Nicht nur wird die Ausschüttung lebenswichtiger Botenstoffe (Hormone) stark vermindert, darunter die köpereigenen Opioide Dopamin und Oxytocin, sondern der Ausgegrenzte gerät in Angst und Streß, und damit ist die Dominokette (s. o.) in Gang gesetzt, die bis zur Überflutung des Blutes mit Cortisol führt. Bei Naturvölkern kennt man den sogenannten Voodoo-Tod. Hat ein Stammesmitglied ein heiliges Verbot (Tabu) übertreten, wird es vollständig aus der Gemeinschaft ausgeschlossen; es stirbt daran innerhalb kurzer Zeit.

Noch viel schlimmer wirkt sich mangelnde Spiegelung beim Säugling aus. Der Säugling kommt mit einer Grundausstattung von Nervenzellen und schon einigen Vernetzungen auf die Welt und ist dringend darauf angewiesen zu spiegeln. Wird ihm das durch abweisende, sich abwendende, in ihrer Mimik unlebendige Erwachsene verweigert, kommt es bei ihm nicht zur Bildung von Nervenzell-Netzen, die ihrerseits spiegeln könnten. So ist erklärlich, weshalb aus einer liebesarmen Familie Kinder hervorgehen, die selbst zur Hinwendung und Liebe, zur Spiegelung des andern nicht fähig sind.

Die dazu notwendigen Netze sind nicht entstanden, die Nerven abgestorben. "Use it or loose it", heißt es in der Neurologie, d. h. entweder man nutzt seine Gehirnzellen, oder man verliert sie. "Spiegelaktionen entwickeln sich nicht von allein, sie brauchen immer den Partner" (15), und zwar beim Kind den lebendigen Partner, nicht den Bildschirm. Denn dieser kann ja mit dem Kind keine Spiegelungen austauschen.

spiegelDaraus ergibt sich, und die Erfahrung lehrt es auch, daß es in unseren Schulen nicht so sehr auf die Systeme ankommt, die wir panikartig immer wieder umstellen zu müssen glauben (Stichwort: PISA), als vielmehr auf die zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Lehrenden und Lernenden. Lehrende, die ihnen anvertrauten Lernenden mitzunehmen wissen durch Vormachen, Zeigen, Sinne-Ansprechen, Selbst-Tun und Selbst-Erfahren, deren Unterricht daher für alle spannend ist, ein gemeinsames Schreiten zur Erkenntnis, erreichen einen Bildungsstand bei den ihnen Anvertrauten, der befriedigt und haften bleibt.

Aber gerade diese zwischenmenschlichen Arbeitsbedingungen sind heute weitgehend kaum noch erreichbar, weil viele Jugendliche durch Mangel an Zuwendung und Erziehung, durch Mangel an Spiegelung in ihrer Kindheit nicht mehr fähig sind, sich dem Andern zuzuwenden, und sogar täglich und stündlich darauf aus sind, ihre Lehrer "fertigzumachen", indem sie das Aufkommen zwischenmenschlicher Verbindungen im Unterricht von vorn herein zerstörend behindern.

Dies zeigt Wirkung, und so schaukelt sich eine Stimmung auf, in der ein geistiger Austausch nicht mehr stattfinden kann. Da scheitert auch die beste Lehrkraft.

Daß es allerdings seit je unfähige Lehrende gibt, die sich durch unlebendige, abstrakte Sprechweise und unanschaulichen Unterricht auszeichnen, daß sie die Kinder und Jugendlichen von oben herab "schulmeistern", verschlimmert die Lage noch. Spiegelung findet hier nicht statt.

Aus der Fähigkeit, Gedanken und Verhaltensweisen zu spiegeln, ergibt sich andererseits auch die Erscheinung der Massenpsychosen. Hier ist Eigenständigkeit im Denken und Wollen gefragt und Mut, sich verderblichen Strömungen entgegenzustemmen. "Die Paradoxie liegt darin, daß eines der Grundphänomene des Menschseins und der Menschlichkeit, nämlich die Fähigkeit zur Resonanz, zugleich zur Entwicklung von Massenphänomenen führen kann, welche die Zerstörung der Menschlichkeit zur Folge haben." (16)

In der Erziehung sind also Voraussetzungen zu schaffen, die sowohl die seelische Entfaltung zu Liebe und Hinwendung zum Andern ermöglichen als auch die der Eigenständigkeit und des Mutes. Das bedeutet, daß der Mensch seine Spiegelneurone einerseits vermehren und vernetzen, andererseits sein Frontalhirn entwickeln sollte, dessen Vorderlappen als Sitz der Selbststeuerung gilt. Hier entsteht die Fähigkeit, gedankenlose Nachahmung bei sich selbst zu kontrollieren.

Hier entwickeln wir durch Verantwortung für uns selbst und für die Entfaltung des Guten, Wahren und Schönen in der Welt unsere Richtkraft, unsere Wahlkraft und Gestaltungskraft. Kräfte, die uns zu dem Menschen werden lassen, den wir aus dem uns Gegebenen selbst gestalten. Oder wir unterlassen es. Zu jedweder Art unserer "Selbstschöpfung" ist uns die Freiheit gegeben. (17)

Schlußbetrachtung

Unsere Gene steuern uns zwar zu einem Teil, die Umwelt beeinflußt uns zu einem anderen Teil, ohne daß wir uns dessen immer bewußt sind, wir jedoch sind es vor allem, die Einflüsse aus der Umwelt in ihrer Wirkungsweise auswählen, in uns lenken und somit unsere Gene steuern können. Wir können und wollen eigenständig unsere Willenskräfte nach uns selbst, nach dem gottahnenden Ich in uns ausrichten.

Wenn es dann um uns einsam wird, unsere Sehnsucht nach Menschen, in denen wir unsere Gedanken und Gefühle spiegeln könnten, seltener erfüllt werden kann und besonders derjenige fehlt, mit dem einst innigste Zweisamkeit bestanden hat oder der vielleicht im ganzen Leben nicht zu finden war, dann zahlen wir einen hohen Preis.

Denn für die Gesunderhaltung unserer Seele und damit unseres Leibes sind wir auf die Spiegelung in anderen Menschen angewiesen. Doch um einer beliebigen Spiegelung willen von unseren Idealen zu lassen und im Mitläufertum zu verflachen, fällt uns schwer. Lieber wählen wir die Einsamkeit.

"Vieles kann der Mensch entbehren, nur den Menschen nicht", fand auch Ludwig Börne. Aber Menschen, mit denen Spiegelung in allen Bereichen gelingen soll, müssen schon von gleichem Geiste beseelt sein. In solchem Falle gäbe es auch nur ein klares Nein auf die rhetorische Frage Ciceros:

"Gibt es etwas Beglückenderes, als Menschen zu kennen,
mit denen man sprechen kann wie mit sich selbst?"

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1. Joachim Bauer, "Das Gedächtnis des Körpers", Piper 2004, und "Warum ich fühle, was du fühlst", Hoffmann und Campe, 2005
2. Joachim Bauer, Warum ich fühle, was du fühlst, a. a. O., S. 156-157
3. Bauer, Das Gedächtnis des Körpers, a. a. O., S. 232
4. a. a. O., S. 228
5. a. a. O., S. 232
6. a. a. O., S. 234
7. a. a. O., S. 236
8. a. a. O., S. 237-240
9. a. a. O., S. 241
10. Bauer, Warum ich fühle, was du fühlst, a. a. O., S. 23
11. a. a. O., S. 24
12. angeführt in "Schillers Selbstcharakteristik", herausgegeben von Hugo von Hof-mannsthal, insel 2005, S. 26
13. Bauer, Warum ich fühle, was du fühlst, a. a. O., S. 34
14. a. a. O., S. 57
15. a. a. O., S. 102
16. a. a. O., S. 150
17. siehe Mathilde Ludendorff, "Des Menschen Seele" und "Selbstschöpfung"

01.10.2013 © seit 03.2006 Heidrun Beißwenger
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