Seite 2: Afrika: Freiheitskampf der "Wüstenblume" Waris Dirie

Das kennzeichnet den Bürgerkrieg in Somalia: Sippen halten wie Pech und Schwefel zusammen und bekämpfen erbittert andere Sippen, Clans andere Clans.

Somalia„Somalia ist noch immer ein gefährliches Land ohne Gesetz und ohne Regierung“, schreibt Waris Dirie. „Blutsverwandtschaft ist die Grundlage Somalias, Mama, das hast du mich gelehrt. Deine Familie, dein Subclan, dein Clan – das ist alles, was du hast. Der Clan regelt deine Stellung innerhalb der Familie. Der Clan bestimmt, mit wem du verfeindet bist und wen du als Freund ansehen sollst.

Der Clan legt fest, was du verkaufen darfst und an wen. Der Clan ordnet an, was du kaufen sollst und von wem. Der Clan ist deine Zukunft und Gegenwart, er fühlt für dich, er handelt für dich, er denkt für dich. Er ist deine Seele und deine Identität. Der Clan kann dich beschützen, aber er kann auch dein Gefängnis sein. Ich mußte ausbrechen.“

Auch der Vater hatte ihr klargemacht: „Das ist das Gesetz deiner Familie: Deine Blutsbrüder und du gegen deine Halbbrüder! Deine Brüder, Halbbrüder und du gegen deine Vettern! Deine Sippe gegen andere Sippen! Dein Clan gegen andere Clans!“ Waris Dirie wollte sich mit solchen Regeln nicht abfinden. Dies altüberlieferte Zerrbild von „Familie“ macht auch die Oberflächlichkeit von Parolen deutlich, mit denen einige Gesellschaftsgruppen in Deutschland sich für „die Familie“ stark machen.

Familie im guten Sinne gelingt, wenn sie echten Rückhalt bietet und die Entfaltung der Einzelpersönlichkeiten in ihr fördert. Familie, die gelingt, kann lebenslang tiefe Gemütswerte in den Seelen der Angehörigen verankern. Doch auch in Deutschland kann die Familie zur Falle, zur Hölle werden. Jährlich fliehen 40 000 Frauen in die Frauenhäuser, um Schutz vor Familienangehörigen zu suchen.

„In Somalia ist der eigene Clan, die eigene Familie, das eigene Blut das Wichtigste im Leben. Die Abstammungslinie ist heilig. Jedes Kind lernt seinen Stammbaum auswendig. Auch ich mußte als kleines Kind meine Vorväter aufzählen lernen – achthundert Jahre zurück bis zum Anfang des großen Clans der Darod väterlicherseits und zum Anfang des Clans der Hawiye mütterlicherseits.“

„Ich respektiere dieses Clansystem, aber ich will damit nicht leben müssen. Ich will nicht Teil davon sein.“ Offenbar waren die Namen aus 800 Jahren für sie nicht mit Leben erfüllt, sprachen das Gemüt nicht an. Was sollten sie ihr also bedeuten, zumal die Aufzählung die Mütter übergeht wie in der Bibel die Herbetung der Vorväter Josephs, des Ziehvaters Jesu? Totes Formelwissen, weiter nichts, und so erfahren wir denn auch: „Mama, du hast uns Kindern kaum je etwas von deiner Familie erzählt.“

Mutter in AfrikaWaris Dirie hat allen Grund zu träumen „von einem neuen, freien Afrika, das sich seiner Tradition bewußt ist, aber sich von allen Sitten verabschiedet, die Leiden verursachen, unglücklich machen, Menschen daran hindern, sich zu entfalten.“ In dieser starken Persönlichkeit hat sich der Mut Bahn gebrochen, sich des eigenen Verstandes zu bedienen (Kant).

Dies bemerkt die Mutter sogar aus der Ferne. Ihre Tochter ist für sie zur „Europäerin“ geworden, „die jede Tradition vergessen hat. Eine Schande, wie ich lebe, was ich mache, wie ich mich kleide. Aber Mama, ich kann nicht länger schweigen. Ich kämpfe stellvertretend für die Tausende von kleinen Mädchen, die ihre Stimmen nicht gegen dieses Unrecht, das ihnen angetan wird, erheben können. Dieses Verbrechen muß aufhören … Ich kämpfe nicht gegen dich, ich kämpfe nicht gegen religiöse Überzeugungen, ich kämpfe gegen ein Verbrechen. Ja, ich werde von religiösen Fanatikern bedroht. Man wirft mir vor, meine Kultur zu verraten, gegen meine Landsleute zu hetzen, gegen die Tradition zu sein.“

Doch das Verbrechen der Genitalverstümmelungen ist eingebettet in ein Geflecht von traditionellen Ansichten. So hatte die Mutter ihre kleine Tochter Waris eigenhändig zur Beschneiderin gebracht. Das Verbrechen am weiblichen Geschlecht muß perfiderweise von Frauen begangen werden. So will es die heilige Tradition.

Die allermeisten muslimischen Frauen aber scheinen – auf Grund ihrer Kindheitssuggestionen – die Sitten und Gebräuche als gottgegeben nicht zu hinterfragen, es scheint, als könnten sie sich nichts anderes vorstellen und als seien sie nicht fähig, auf den Gedanken zu kommen, solche Praktiken abzulehnen. Jedes Mädchen, so meinen sie, muß „gemacht werden“. Wird sie nicht „gemacht“, so ist sie „unrein“ und „wertlos“, weil sie als „Unbeschnittene“ an keinen Mann verkaufbar ist, der Familie also kein Geld einbringt.

„Das Schlimmste, was einer deiner Töchter passieren kann, ist, keinen Mann zu finden. ,Unbeschnitten’, das ist ein schlimmes Schimpfwort in Somalia. Man spricht nicht mit solchen Frauen … sie sind Außenseiterinnen.“

Waris fleht ihre Mutter an: „Denk doch daran, wie viele Kinder du selbst bei der Geburt verloren hast, wie viele Töchter in unserer Familie und in unserem Clan die Verstümmelung ihrer Genitalien nicht überlebt haben, weil sie verblutet sind. Oder denk daran, wie viele unfruchtbar geworden sind.“

Waris hatte es in der dumpfen Enge und Bedrohlichkeit ihrer Heimat nicht ausgehalten. Im „Westen“ lernte sie die freiere Lebensart kennen, konnte vergleichen und wußte nun ganz klar: „… die Lebensbedingungen für Frauen in Afrika sind menschenunwürdig.“ Dabei sind es die Frauen, „die unsere Gesellschaft am Laufen halten, die sich um Nahrung und die Kinder kümmern und die versuchen, die gesellschaftliche Eintracht zu erhalten. Dennoch verwehrt unsere Gesellschaft ihnen so gut wie alle Rechte.“

Die Mutter erkrankt und braucht dringend Hilfe. Unter äußersten Schwierigkeiten gelingt es Waris, sie zu sich nach Wien zu holen, um sie von dortigen Ärzten behandeln zu lassen. Sie wird geheilt. Doch kein Dank, kein Verstehen stellt sich ein. Mutter und Tochter finden in ihren Weltanschauungen nicht zueinander. Der von der Mutter verkörperte Wille zur Beharrung widersteht schroff dem Willen zum Wandel, den die Tochter versinnbildlicht.

„Wir Frauen müssen uns fügen. Alles andere ist Allah nicht wohlgefällig.“ Das genügt der Mutter, die aus ihrer alten Welt nicht herausfinden kann und will. Dagegen ist die Tochter machtlos. Ihre Mutter hatte sich schon abgewandt, ehe Waris ihren Gedanken hätte äußern können:

„Das kann nicht Allahs Wille sein. Wir Menschen sind es, die der Welt eine Ordnung geben. Wir treffen die Einteilung nach Kasten, Religionen, Einkommensschichten, Hautfarben – und auch nach Geschlechtern. Niemand sonst, nur wir.“

Waris muß die bittere Wahrheit zur Kenntnis nehmen: „Afrika hat so viele starke Frauen, sie könnten der Stolz des Kontinents sein. Aber statt dessen werden sie benachteiligt, unterdrückt und gedemütigt. Ein unseliger Mix aus falsch verstandener Tradition und Religion muß als Begründung dafür herhalten. Und was tun Frauen wie meine Mutter?

Sie steigen nicht auf die Barrikaden, um dagegen anzukämpfen, sondern sie verteidigen dieses ungerechte System auch noch.“ Und das angesichts der afrikanischen Weisheit: „Kein Kamel der Welt läuft ein zweites Mal zu einem Wasserloch, das versiegt ist.“

Schließlich kommt es, wie es kommen muß. „Alle Schmerzen und Leiden sollen wir erdulden, allein weil es eine kranke Tradition vorschreibt“, wagt die innerlich freigewordene Waris auszusprechen und bekommt prompt zur Antwort: „Du solltest dich hüten, unsere Sitten und Bräuche als krank zu bezeichnen. Ich sehe schon, du hast dich weit von uns entfernt, ganz weit. Du denkst nicht mehr wie ein Somali, und du fühlst nicht mehr wie ein Somali. Du bist kein Kind der Wüste mehr.“

Diese bitteren Worte treffen tief ins Herz der Heimatlosen: „Es vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht nach der Wüste sehne, nach meiner Familie, nach dir. Aber ich habe inzwischen so viele Mädchen und Frauen getroffen, die Opfer dieser sinnlosen Verstümmelung wurden … Ich habe jeden Tag Schmerzen. Einmal im Monat, während meiner Periode, sind die Schmerzen so stark, daß ich nicht einmal mehr aus dem Bett aufstehen kann … Es ist, als ob dir jemand ein Messer in den Bauch rammen würde.

Ich liege oft drei Tage im Bett, ich versperre die Tür, weil ich niemanden sehen kann in diesen Tagen. Ich muß für mich allein sein, allein mit meinen Qualen. Und das alles, weil einer sinnlosen Tradition Genüge getan werden muß. Das ist keine Tradition. Das ist Perversion.“

Afrikaner mit ZiebelsackUnd sie erinnert sich der „durchdringenden Schreie“ eines Mädchens bei der Verstümmelung, die sie auf einem Videoband miterlebt hat. „Und niemand ist da, der die Kleine in die Arme nimmt, tröstet, ihr hilft.“ Eine hierarchische, von religiösen Vorschriften gelenkte Gesellschaft braucht kein Herz und kann keines gebrauchen.

Das Herz rührt sich spontan, ihm können Gefühle nicht befohlen werden, ja Befehle lassen es verstummen. So verschließt sich eine solche Gesellschaft dem Leid der Mißhandelten und offenbart damit seine abgrundtiefe Gottlosigkeit, die auch die ganze Bigotterie ihres Glaubensalltags nicht zu übertünchen vermag.

„Der Fanatismus, zu dem die Menschen so viel Neigung haben, hat nicht allein dazu gedient, sie dümmer zu machen, er machte sie auch boshafter“, erkannte schon Voltaire.

Die junge Somalierin ist dieser Lebensart entflohen und nun gerade in der Anwesenheit der Mutter, die ihr doch eigentlich Geborgenheit bedeuten sollte, „unendlich einsam“, so einsam, wie alle Vorkämpfer und Vorkämpferinnen für den Aufbruch zur Freiheit immer gewesen sind. Wo hätte die leidgeprüfte junge Somalierin denn ihren Kampf aufnehmen können, wenn nicht außerhalb ihrer zutiefst im Wahn verstrickten Heimat, im Ausland also?

Nach den Demütigungen, die sie als Asylsuchende und Dunkelhäutige in Europa erlebt hat, darf sie sich nun von der eigenen Mutter vorwerfen lassen, ihre Heimat verraten zu haben.

Später – die Mutter ist längst nach Somalia zurückgekehrt – faßt Waris in ihrem Brief zusammen:

  • Ich kämpfe gegen weibliche Genitalverstümmelung, du befürwortest sie.
  • Ich bekämpfe die Ungerechtigkeit in der Welt, du akzeptierst sie.
  • Ich kämpfe für die Rechte der Frauen, du siehst eine Männergesellschaft als gottgegeben an.
  • Du willst, daß alles so bleibt, wie es ist, und nennst das Tradition. Ich will, daß nur das Gute Bestand hat, und nenne das Fortschritt.
  • Du liebst das Afrika, wie es ist. Ich glaube an ein Afrika der Zukunft. Mit starken, stolzen Menschen, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.

Immer wieder hatte sie geträumt von ihrer Mutter, ihrer Heimat und „der endlosen Weite der somalischen Wüste“, als sie dann eines Tages – nach einer Zeit schwerer Niedergeschlagenheit und Verzweiflung – auf ihren Heimatkontinent zurückkehrte, zwar nicht nach Somalia, aber nach Südafrika. Von dort aus setzt sie ihren Freiheitskampf fort, diesen weltweiten Kampf für die Menschenrechte, der alle freiheitsstolzen Menschen eint, gleich welcher Rasse, welchem Volk, welchem Geschlecht sie angehören und wo sie ihre Heimat haben.

Bei ihrer Ankunft in Kapstadt, „beim Verlassen des Flughafens roch es nach Afrika. Dieser ganz spezielle Geruch, den man überall auf diesem Kontinent schnuppern kann. Ich kniete nieder, hob meine Hände zum Himmel und rief: „Mama Afrika, du hast mich wieder!“

Quellenangaben:

1. Waris Dirie, Brief an meine Mutter, Ulstein o.J., aber nach 2005
2. Rainer Tetzlaff, Die Idee des Wandels, Spiegel Special „Afrika – Das umkämpfte Paradies“
3. ebd.

28.08.2019 © seit 06.2007 Heidrun Beißwenger
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