Story: Die Seelenwanderer

Die Tochter des Lairds Hawkyard liegt im Sterben. Ein tödlicher Fetisch nistet in ihrem Körper und entzieht langsam die Lebenskraft. Der einäugige Druide Ban Dur erkennt die Quelle ihres Leides und wird unversehens zur Schlüsselfigur im Spiel um Leben und Tod. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, in dem er seinen letzten Trumpf - die Seelenwanderung - ausspielen muß.

Ein lautes Pochen an der schweren Eichenholztür unterbrach Laird Duncan Hawkyard der im Turmzimmer auf und ab lief. Er wandte sich abrupt zur Tür und sprach mit donnernder Stimme: "Herein - es ist offen."

Der Heiler mußte sich leicht ducken, um nicht mit seinen Kopf gegen den Türstock zu stoßen. Leichtfüßig trat er ein. Kein Laut drang von den alten Dielen als er sanften Schrittes auf den Laird zuging. Zum Gruß legte er seine dünngliedrige Hand auf eine blutrote Runenfigur, die kunstvoll über dem Herzen in sein Wams gestickt war.

Der einäugige Druide fixierte den Laird mit einem traurigen Blick, als er anhob zu sprechen: "Schlechte Nachrichten Mylord ..." - seine Augen suchten die Gesichtszüge des Laird zu deuten - "Eurer Tochter geht es schlechter als ich erwartet habe."

Der Laird wies den Druiden mit einer weit ausholenden Geste an weiter zu reden. Er nahm auf einer groben Holzbank am Kamin des Turmzimmers Platz. "Eure Tochter ist nicht krank - zumindest nicht im üblichen Sinne des Wortes. Sie wird von einem Todeszauber ans Bett gefesselt."

Duncans große Gestalt schien bei diesen Worten zu gefrieren. Seine rechte Hand schloß sich reflexhaft um das Heft seines schweren Breitschwertes. Er blinzelte den Zauberer ungläubig durch seine buschigen schwarzen Augenbrauen an. Der Laird drehte mit einer fragenden Geste seine Handflächen nach oben.

"Soweit ich das bisher sagen kann, wird dieser Zauber durch einen magischen Gegenstand im Körper eurer Tochter übertragen. Es ist keines der mir bekannten Gifte oder Elixiere - sondern eher eine Art geladener Fetisch, den ihr Körper nicht auf natürlichem Wege ausscheiden kann."

Der einäugige Druide beugte sich vor und stütze sich mit seinen Händen in den Hüften. Der Laird machte eine fahrige Bewegung, als würde er mit sich ringen, was zu tun sei. Sorgenfalten bildeten sich auf seiner Stirn als er mit zitternder Stimme sprach: "Was können wir unternehmen?"

"Ich habe eine Idee ...", erwiderte der weißhaarige Druide nachdenklich, " ... aber wir haben nicht mehr viel Zeit. Eure Tochter kämpft tapfer um ihr Leben, trotzdem bleiben ihr nicht mehr als zwei Tage." Der Druide legte eine Hand bedeutungsvoll auf seinen Runenbeutel als er sagte: "Ich konnte über die Runen-Geistern nicht viel herausfinden. Unser Feind beherrscht sein Handwerk und versteht es zudem sich hervorragend zu tarnen. Das einzige was er nicht verbergen kann, ist der Kraftstrom der den Fetisch ernährt."

Er hielt inne und massierte sich nachdenklich das Kinn. "Ich könnte diese Kraft mit einem Nagual sichtbar machen. Sie würde dann in der Schattenwelt leuchten wie eine brennende Nabelschnur, die Opfer und Täter verbindet. Da wenig Zeit verbleibt, müßte ich sie im Geistkörper durch die Schattenwelt verfolgen und mir in der Nähe der Quelle kurzzeitig einen fremden Körper ausleihen. Wenn mir das Glück hold ist bin ich diesem Bastard dann nahe genug, daß ich ihn töten kann."

Die Nackenhaare Hawksyards sträubten sich unwillkürlich, als er verstand, was der Druide vorhatte. Die Möglichkeiten dieser Zauberer überstiegen die Phantasie seines einfachen Gemüts. Es lief im ein Schauer über den Rücken. Gegen solcherlei Tricks hatte ein einfacher Schwertträger wenig auszurichten.

"Mir scheint, daß ich deine Fähigkeiten brauche, um aus dieser mißlichen Situation heraus zu kommen. Weder mein Einfluß noch mein Mut reichen durch die Welt der Schatten." Er verschränkte die Arme auf seinem ledernen Brustharnisch und sprach leise weiter: "Sage mir was du benötigst. Ich werde dir alles geben was in meiner Macht steht, um meine Tochter zu retten."

Valen Ban Dur stand auf und legte dem Laird freundschaftlich die Hand auf die Schulter. "Wie ihr wißt bin ich ein Druide und kein Nahkämpfer. Zwar habe ich die Kraft durch die Schattenwelt zu reisen, doch enden meine Zauber, sobald ich mir einen anderen Körper entleihe. Dort sind meine einzigen Waffen der Bogen und mein Einfallsreichtum. Sicherer wäre es mir einen Begleiter mitzugeben. Einen Krieger, der sich auf den Nahkampf versteht. Niemand kann vorhersagen was uns erwartet. Mit einem Assassinen wären wir gut gerüstet dieses unselige Werk vollenden."

"Ian Gillmor.", flüsterte er tonlos während sein leerer Blick an der Zimmerdecke haftete. Gillmor war sein bester Waffenmeister und Ausbilder seiner Leibwache. Niemand konnte seiner Loyalität und Kampfkraft das Wasser reichen. Bei der letzten Belagerung von Hawksyard Castle hatte er sich als einfallsreicher und raffinierter Stratege erwiesen. Ohne ihn und seine Ideen wäre Hawksyard überrannt worden.

Bei der Erwähnung von Gillmors Namen zog der Zauberers seine gesunde Augenbraue steil nach oben. "Mylord! Ich brauche einen Assassinen und keinen Berserker!"

Duncan drehte sich gedankenverloren zum bleiverglasten Turmfenster. Sein Blick schien in die Ferne zu schweifen und das kleine Turmzimmer hinter sich zu lassen. Diese Geste verriet Ban Dur, daß der Lord nicht zu diskutieren wünschte. Er hatte seinen Entschluß gefaßt. Der Heiler zuckte seufzend mit den Schultern. Entweder nahm er die Wahl an, oder er mußte sich eine Alternative einfallen zu lassen.

"Wie ich sehe, habt ihr eueren Entschluß gefaßt. Kommt mit Sir Gillmor bei Sonnenaufgang zu meinem Steinkreis im Nebelwald. Ich werde meine Brüder anweisen die Seelensteine für unsere Reise vorzubereiten. Wir haben einen Tag Zeit, um alles zu erledigen. Dann werden die Wirtskörper unsere Seelen wieder abzustoßen. Alles was bis dahin nicht erledigt ist, wird niemals erledigt werden. Haltet euch bereit!"

Mit diesen Worten drehte sich Ban Dur in einer fließenden Bewegung um und ließ den besorgten Laird von Hawksyard beim Prasseln des Feuers im offenen Kamin allein zurück.


Die Reise von Valen und Sir Gillmor durch die Schattenwelt verlief ohne Zwischenfälle. Sie waren sehr nahe an die Quelle gereist, bevor sie sich im Normalraum manifestierten. Valen nahm mehrere Wirtskörper wahr, die sich durch das Astralband übernehmen ließen. Er warf das Netz aus und sprang mit Gillmor ins Ungewisse.

Valen wachte in einem Berg Heu auf und blickte hektisch nach allen Seiten. Der große Nachteil von Seelenwanderungen war, daß man sich den Körper auf der anderen Seite nicht aussuchen konnte. Man war dem Gutdünken der Runengeister ausgeliefert, die mach seltsame Wege ersonnen ihren Dienern zu helfen. Erst nachdem er keine Bewegung in seiner Nähe wahrnahm, widmete sich der Druide neugierig seinem geliehenen Körper.

Er sah die kleinen Hände und die zierlichen Beinchen, die einem zehnjährigen Knaben gehören mochten. Die Hände strotzen vor Schmutz und die Kleidung hatte - dem Geruch nach zu urteilen - seit Wochen kein Wasser mehr gesehen.

Ban Dur stand auf und hüpfte vorsichtig auf der Stelle, um die Beweglichkeit seines Wirtskörpers zu testen. Er mußte sich mit den Fähigkeiten dieses Jungen vertraut zu machen. Wenn man von dem scharfen, säuerlichen Schweißgeruch absah, schien er bei bester Gesundheit zu sein.

Unruhig wanderte der Kopf des Druiden nach allen Seiten. Es beunruhigte ihn, keine Spur von Gillmor zu sehen. Als Druide war er mit den Umständen einer Seelenwanderung vertraut. Ein Greenhorn wie Gillmor konnte beim Sprung jedoch leicht in Schwierigkeiten geraten.

Das Zwielicht in der Scheune reichte aus, damit sich Ban Dur orientieren konnte. Die Bretter waren stümperhaft an das Fachwerk genagelt. Überall ließen größere Sehschlitze das Sonnenlicht herein. Draußen waren gedämpft Gesprächsfetzen und das Knattern von Viehwägen zu hören.

Ein dumpfes Ziehen des Astralbandes verriet Valen die Himmelsrichtung, in der sich Ian befinden mußte. Dieses Band wirkte wie ein magisches Bindeglied zwischen den Wanderern. Es mußte von den Runengeistern auf der anderen Seite während ihrer ganzen "Reise" aufrecht erhalten werden. Das Band hatte die Kraft, den Willen des Wirtskörpers schlafen zu legen, so daß für kurze Zeit einen Seelentausch möglich war.

Vorsichtig watete der Druide durch die wabernden Heuberge zur Südwand der Scheune. Er spähte durch die Ritzen ins Freie, um sich ein Bild von der Umgebung zu machen. Die Scheune überragte die meisten nahestehenden Gebäude, was ihm einen guten Überblick über die Stadt verschaffte.

Auf einer Anhöhe stand in einiger Entfernung eine mächtige schwarze Burg. Die Festung blickte drohend auf das sie umgebende Häusermeer herab. Valen nickte grimmig bei diesem vertrauten Anblick. Sie waren in Verdun der mächtigen Hochburg der MacGreggors gelandet - den Erzfeinden der Hawksyards.

Die letzten Feindseligkeiten der beiden Clans mündeten in der Belagerung von Hawksyard Castle. Dieser Streit trug beiden Seiten große Verluste ein. Die Belagerung endete mit einer Niederlage der MacGreggors, der in eine tödliche Falle von Sir Gillmor tappten. Gut die Hälfte ihrer Truppen verloren die MacGreggors bei diesem blutigen Massaker. Kein Wunder, daß der starrsinnige Laird Canon MacGreggor sich nach Rache für diese Demütigung sehnte.

Ban Dur konnte sich nicht daran erinnern, daß die MacGreggors sich früher mit Zauberern abgegeben hatten. Der alte Griesgram hatte scheinbar aus seiner Niederlage gelernt.

Valen erspähte neben der Scheune einen niedrig gelegenen Balkon. Eine kleine Treppe führte von dort aus hinunter zu einem nahegelegenen Marktplatz. Er stemmte und zerrte an einem morsch aussehenden Brett herum, bis es sich knirschend aus seiner Verankerung löste. Vorsichtig legte er das Brett auf einen Strohballen. Das entstandene Loch war gerade groß genug, um seinen kleinen Knabenkörper hindurchzuzwängen.

Umständlich hangelte er sich langsam herunter. Er landete mit einem leisen Patschen auf dem kalten Steinplatten des Balkons. Der deftige Aufprall ließ ihn ein benommen taumeln. Erst jetzt erkannte er, daß er um ein Haar in eine scharfkantige, rostige Pfanne gesprungen wäre. Geduckt schlich er weiter zur Brüstung. Von hier aus konnte er den Marktplatz von Verdun überblicken. Trotz der frühen Morgenstunden waren bereits einige Bauern und Händler dabei ihre Waren anzupreisen.

In der Mitte des Marktplatzes stand eine kleine Menschentraube, die sich aufgeregt gestikulierend unterhielt. Valen lief ein kalter Schauer über den Rücken. Er erkannte, daß Gillmor in seinem geliehenen Körper das Zentrum der Aufmerksamkeit bildete. Ein verdammt ungünstiger Ort für ein Greenhorn in einem neuen Körper aufzuwachen. Angestrengt spitze Valen die Ohren. Er versuchte die Wortfetzen des Pöbels zu verstehen.

Der Druide brauchte nicht lange zu warten. Ein lautes Fluchen übertönte die Stimmen der beistehenden Menge. Die Menschen verstummten und wichen irritiert zurück. Kurz darauf erhob sich eine dicke Nonne in der Tracht der "Keuschen Schwestern". Sie blickte mit weit aufgerissen Augen an ihrem eigen Körper herab. Dann bemerkte sie umgebende Menge, wobei sie überrascht ihren Kopf in alle Richtungen drehte.

Als Valen die "Nonne - Gillmor" sah, drohten ihm die Füße vor Schreck zu versagen. Die Novizin hatte den Umfang eines ausgewachsenen Bierfasses. Sie war gut einen Kopf größer als die meisten Gaffer um sie herum. Ban Dur fluchte in diesem Moment leise in sich hinein. Welch verborgene Vision mag die Runengeister dazu gebracht haben, diesen Körper für ihn auszuwählen? Dieser Tag schien eine Sammlung düsterer Omen zu werden.

Ian realisierte allmählich, was um ihn herum vorging. Seine kleinen Schweinsäuglein waren vor Schreck geweitet. Er zeterte mit bibbernder Stimme: "Oh mein Gott, ich habe Titten - riesige Titten." Das brachte die Menge endgültig zu toben. Über den ganzen Platz war dröhnendes Gelächter zu hören. Einige der Passanten kugelten sich vor Lachen, während andere mit offenen Mündern die keusche Schwester angafften. Gillmor wirkte ernsthaft überfordert bei seinem ersten Körperwechsel. Er starrte irritiert in die johlende Menge.

Ein übermütiger Bauernbursche gab der zitternden Nonne zu allem Überfluß noch einen kräftigen Klaps auf den Hintern, was das Gejohle noch weiter steigerte. Hätte der bemitleidenswerte Junge in diesem Moment Ians giftsprühende Augen gesehen, wäre ihm das Blut in den Adern gefroren. Jeder der dieses nervöse Zittern Ians kannte wußte, daß er kurz davor stand zu explodieren.

Mit einem spitzen Kampfschrei stürzte sich Gillmor auf den Bauernburschen und gab ihm einen Kinnhacken. Der beförderte ihn mit einem lauten Krachen auf den nächstgelegenen Fischstand. Der Aufprall war derart heftig, daß der Stand in tausend Teile zersplitterte. Die Fische flogen wie ein Schwarm sterbender Vögel in hohem Bogen über den Marktplatz. Valen hielt sich mit seinen Kinderhänden die Augen zu, um den Fortgang dieser Katastrophe nicht mit ansehen zu müssen.

Ian hatte sich kurzerhand zwei große Fische besorgt mit denen er wütend auf die umstehenden Gaffer einprügelte. Keiner der Anwesenden schien zu begreifen was vor sich ging. Man konnte erkennen wie die Menge taumelnd und schubsend in Bewegung geriet. Beschimpfungen flogen in alle Richtungen. Valen konnte nicht mehr ausmachen, wer gegen wen stand. Er beobachtete hilflos, wie auf dem Platz eine wilde Schlägerei losbrach, in der die Nonne kräftig mitmischte. Es herrschte ein wahres Chaos an Fäusten und Flüchen. Jeder schien gegen jeden zu kämpfen.

Das Geschrei und der Kampflärm lockten bald andere Besucher an. Türen und Fensterläden schwangen auf und neugierige Köpfe suchten die Ursache des Lärms zu ergründen. Valen stand wie versteinert auf dem kleinen Balkon. Er überlegte fieberhaft, was in einer solchen Situation zu tun sei.

Das klirrende Leuten der Sturmglocken machte ihm klar, daß die Stadtwache den brodelnden Tumult bemerkt hatte. Wenn er Gillmor helfen wollte, mußte er sich verdammt beeilen. Er schnappte sich die verrostete Pfanne als Schutzschild und rannte zwischen die Raufbolde. Der Körper dieses Jungen war zwar geschickt, jedoch konnte er es nicht vermeiden mit einem sich schlagenden Pärchen zusammen zu stoßen.

Es war schwer in diesem Chaos Gillmor auszumachen. Die lautstarken Flüche der Nonne gaben die Richtung an, in der Ian sich befinden mußte. Er erreichte Sir Gillmor gerade in dem Moment, als er einen wütenden Bauern einen Kopfstoß versetze. Dieser lichtete die lückenhaften Reihen seines Gebisses noch weiter.

Bevor Valen Gillmor erreichen konnte, tauchte - wie aus dem Nichts kommend - eine Gestalt in grauer Robe neben Sir Gillmor auf. Sie malte mit ihren knochigen Fingern seltsamen Zeichen in die Luft, die dem Druide als Binderunen bekannt waren. Die Nonne erstarrte mitten in der Bewegung. Er sah aus wie eine Statue eines wahnsinnigen Künstlers. Ohne seine eigenen Zauberkräfte konnte er Ian nicht aus den magischen Fesseln befreien.

08.09.2017 © seit 03.2004 Tony Sperber  
Kommentar schreiben