Story: Das Loch im Hemd der Mutter Gottes

Manch seltsame Ereignisse ruhen ungesehen in der Zeit. Doch wenn sich die Türen des Vergessens öffnen, verändern sie unser Leben. Was für den Pfarrer Alois Frenzel als gewöhnlicher Abend begann, entwickelt sich zur abenteuerlichen Entdeckungsreise in die dunkle Vergangenheit seiner Pfarrei.

PfarrerBruder Franziskus war ein alter Freund von Alois Frenzel, dem Pfarrer der Gemeinde Sankt Martin in Landshut. Beide studierten gemeinsam in Mainz Theologie und unterhielten sich schon damals gerne nächtelang über die Geheimnisse der katholischen Mystik. Später gingen sie einige Jahre lang getrennte Wege, da sich Bruder Franziskus entschloß ins Kloster zu gehen, während Alois den Kontakt mit Menschen suchte und Pfarrer einer größeren Gemeinde werden wollte.

Drei Jahre war es nun her, daß sie sich das letzte Mal sahen. Deshalb war der Besuch von Bruder Franzikus heute abend auch ein Fest der Freude und des Wiedersehens für Frenzel. Sie unterhielten sich gepflegt bei einem Glas Wein im gemütlichen Kaminzimmer der Pfarrei und tauschten allerlei Erlebnisse aus. Es war viel geschehen, in dieser langen Zeit der Trennung, aber das warme Gefühl der Freundschaft war ab dem ersten Moment des Wiedersehens für beide sofort wieder präsent.

Als der Abend schon etwas fortgeschritten war, kamen sie, wie zu alten Studienzeiten, auf Ihr Lieblingsthema zu sprechen. Frenzel war schon etwas beschwipst, als er etwas gewichtig den Zeigefinger hob und Bruder Franziskus mit einem verschwörerischen Blick bedachte.

"Du wirst es nicht glauben, alter Freund, aber auch um diese alte Kirche rangt sich ein Geheimnis aus alter Zeit." Frenzel wußte genau, wie er die Neugierde seines alten Freundes wecken konnte. So bemerkte er mit Genugtuung, wie Franzikus spitzbübische Augen groß wurden und er geduldig auf die Ausführungen von Frenzel wartete.

"Zur Zeit Napoleons leitete diese Pfarrei ein Priester Names Weishaupt. Als die Truppen seiner Majestät dieser Stadt immer näher kamen, herrschte im ganzen Land helle Aufregung. Ein Gerücht machte die Runde, daß der Herrscher die Glocken der Kirchen eingießen ließ, um daraus Kanonen herzustellen. Außerdem plünderten seine Truppen auch das Gold und andere wertvollen Gegenstände, aus den eroberten Städten, um den Soldaten auf dem langen Heerzug ihren Sold zu zahlen."

Franziskus nickte bedächtig, "Ich habe von derartigen Gepflogenheiten Napoleons gehört. Sicher hat er sich so das Wohlwollen in der langen Zeit der Entbehrungen seiner Soldaten aufrechterhalten." "Und daß er in dieser Pfarrei keinen Krümel Gold gefunden hat, weißt du auch?"

Pfarrer Frenzel zog verschwörerisch seine borstigen Augenbrauen nach oben. "Ist dies nicht seltsam, zumal Landshut zu dieser Zeit Landeshauptstadt war und wirtschaftlich in voller Blüte stand." Franziskus's halbmondförmiges Gesicht verzog sich zu einem leicht spöttischen Lächeln, "Ahh... der Schatz der Nibelungen in deiner Kirche?"

Frenzel winkte ungeduldig ab, "Nein sicher nicht der Nibelungen, aber vielleicht der Bürger dieser Stadt." Er neigte seinen Oberkörper leicht nach vorne, "Pfarrer Weishaupt galt als weiser und vorausschauender Mann. Von ihm wurde berichtet, daß er bei den Kämpfen rund um diese Stadt von einer verirrten Kugel tödlich getroffen wurde. Ein Meßdiener war in seiner letzten Stunde an seiner Seite, dem er auftrug eine Notiz zu verfassen und sie seinem Nachfolger zu übergeben."

Der Mönch spielte mit seinem Glas Wein und sah Frenzel mit seinem typischen bohrenden Forscherblick in die Augen, "Und, welche Nachricht gab er dem Meßdiener?"

Alois Frenzel war jetzt in seinem Element und lehnte sich genüßlich in dem großen, ledernen Ohrensessel zurück. "Ich habe die Chroniken dieser Gemeinde studiert und eine Nachricht des Meßdieners an seinen Nachfolger gefunden. Der werte Pfarrer Zens notierte den letzten Willen Weishaupts, der wie folgt lautete: "Die Gabe meiner Schäfchen habe ich der Magdalena übergeben. Wer frei von Schuld ist, werfe den ersten Stein."

MartinskircheFranzikus tippelte mit seinem dicken Fingern am Weinglas herum und sagte: "Nun klingt nach einem Rätsel. Ein Rätsel, das Weishaupts Nachfolger wohl leicht gelöst hat." "Falsch", bemerkte Frenzel mit einem tiefgründigen Brummen. "Zens tat Weishaupts letzte Worte als Ausdruck geistiger Umnachtung eines sterbenden Greises ab. Zens war nicht sonderlich gebildet, er konnte kaum schreiben und sein Latein war grauenerregend. Es lag für ihn auf der Hand, daß, wie in allen anderen Städten auch, die Gelder der Mutter Kirche Napoleons Gier zum Opfer gefallen waren."

Frenzel stand von seinem Sitz auf und ging zu einem alten Bücherregal, das dem offenen Kamin gegenüberstand. Er zog eine handgefertigte Bibel aus den wohlgepflegten Reihen dieser uralten Bücher.

"Nun"- hob er weiter an - "Das ist noch nicht alles. Die Bibliothek dieser Gemeinde hat all die Kriegswirren, die über das Land zogen, unbeschadet überstanden. Ein wahrer Fundus antiker Schriften, teils noch handgeschrieben, für Sammler wohl ein kleines Vermögen." Er wandte sich Franziskus zu und schlug die Bibel auf. Er schien etwas zu suchen, aber bereits nach kurzem Blättern hielt er inne und schaute Franziskus über seine kleine Lesebrille hinweg an.

"Dieses Kleinod stammt von unserem Freund Weishaupt. Ein handgeschriebenes Exemplar der heiligen Schrift - etwas spät, nicht wahr? Immerhin war die Kunst des Buchdruckes zu Lebzeiten Weishaupts bereits erfunden."

Franziskus bedeutete Frenzel mit einer ungeduldigen Geste, daß er weiter sprechen möge. "Du kennst sicher das Gleichnis, wie Jesus die aufgebrachte Menge daran hinderte Magdalena zu steinigen..." - "Wer frei von Schuld ist, werfe den ersten Stein ..." zitierte Franziskus's Mund fast automatisch. "Richtig" - bemerkte Frenzel mit einem schelmischen Lächeln - "aber kennst du auch die Stelle an der Jesus sagte, "Bedenkt das Loch im Hemd der Mutter Gottes?"

Der brave Mönch, der gerade an seinem Gläschen Wein nippte, verschluckte sich heftig prustend und begann lauthals zu Lachen. "Welch köstliche Beigabe", bemerkte er mit Tränen in den Augen, "Dein Freund scheint wirklich eine humorvolle Ader zu haben oder..."

"Oder er legt, die Spuren zur Lösung seines eigenen Rätsels." Franziskus hielt abrupt inne - in Frenzels Augen lag der Glanz eines Jägers, der kurz davor war seine Beute zu stellen.

Er sah ihm eine Weile schweigend in die Augen und sprach: "Nun gut, du meinst es ernst. Was denkst du mag dieser Hinweis bedeuten?"

Frenzel sank ein wenig in sich zusammen als er antwortete: "Genau dies mein Bruder frage ich mich selbst seit einigen Jahren. Es scheint mir ein Gleichnis zu sein, dessen Bedeutung ich nicht enträtseln kann. Alle Ideen, die mir bislang einfielen, scheinen nur vollkommen abstrus zu sein."

Bruder Franziskus bedachte den Pfarrer mit einem wohlwollend, väterlichen Blick, als er sagte: "Mir schien schon damals deine Art der Auslegung der heiligen Schrift etwas äh.... kompliziert zu sein." Alois machte eine fragende Geste: "Und?" "Nun ja - vielleicht ist die Lösung viel einfacher als du denkst." Frenzel begann leicht nervös im Zimmer auf und ab zu laufen - eine Gewohnheit, die zum Ausdruck brachte, daß er konzentriert über das Thema nachdachte.

Franziskus stellt sein Glas Wein auf den nahegelegenen Beistelltisch und massierte sich mit den Fingern bedächtig sein bärtiges Kinn. "Was, wenn es kein Gleichnis ist, sondern den Ort bezeichnet, an dem er die Gaben seiner Schäfchen verborgen hat?" Frenzel hielt so plötzlich im Schritt inne, daß er fast gestolpert wäre. Mit einem Ruck wandte er sich seinem Freund zu und wartete auf die Offenbarung.

08.09.2017 © seit 03.2004 Tony Kühn  
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