Seite 2: Kleine Einführung in die Offenbarungen von Jakob Lorber

12. Die Heilkraft des Sonnenlichtes (1851)

Das ist eine Anleitung zur Herstellung von Heilmitteln, die die Sonnenstrahlen anziehen und konservieren. Homöopathische werden über allopathische Mittel gestellt, da in ersteren "Geistiges, das der Seele verwandt ist, der Seele zugeführt" wird (S. 9).

13. Die drei Tage im Tempel (1859/60)

Lorber malt Lk 2,41-52 aus. Zwei darin enthaltene Weisheiten, die mir bei der Lektüre aufgefallen sind: Weltliche Menschen sollen heilige Schriften nicht durch ihre Lektüre unheilig machen. Wer an den göttlichen Ursprung eines Buchs glaubt, wird das Göttliche darin finden.

14. Das große Evangelium Johannes (1851-64)

Die Lektüre von Lorbers umfangreichstem, leider unvollendetem Werk (10 Bände!) lohnt sich wegen der darin eingestreuten Bemerkungen über Nächstenliebe, Ehe, Pädagogik, Initiation, Willensfreiheit, Selbsterkenntnis, Arbeit an sich selbst bis zur Gottähnlichkeit, Jesusnachfolge, Versuchungen, Erziehung der Seele im Jenseits, sexuelle Enthaltsamkeit, innere Wahrnehmung, Fasten und Gebet, Wesen Gottes, Gedankenkontrolle, Grade der spirituellen Entwicklung, Menschenwürde und Kirchenkritik.

15. Zur Geschichte der Neu-Salems-Gesellschaft

Lorbers Anhänger nannten sich nach einer Stelle im "Großen Evangelium Johannes" (9/211) "Neusalemiten". 1924 organisierten sie sich unter dem Namen Neusalems-Gesellschaft. Deren Vorstand, bestehend aus Otto Zluhan, Fritz Enke und dem Schriftleiter Walter Lutz, stellte sich 1933 in einem Aufsatz aus folgenden Gründen heraus hinter Hitler:

  • Hitler erkenne "'den Gottesglauben und die Liebe zum Allvater ernsthaft als eine unbedingte, e r s t e L e b e n s g r u n d l a g e von Volk und Staat'" und wolle ihn überkonfessionell geltend machen; das sei aus "Mein Kampf" ersichtlich, das "'jeder Deutsche, der hier mitreden will, gelesen haben muß'";
  • Hitler sei "'ein wahrer F r i e d e n s m e n s c h " und "ein wahrer, warmherziger Menschenfreund'";
  • Hitlers "'Gedanken und Bestrebungen'" würden mit Lorbers Lehren weitgehendst übereinstimmen; deshalb sei es überflüssig, seine Anhänger gleichzuschalten (zit. n. Junge 43).

Der Vorstand hatte "Mein Kampf" offensichtlich nicht gelesen, sonst hätte er gewußt, daß Hitler darin seine politischen Absichten ziemlich eindeutig durchblicken ließ: einen Angriffskrieg gegen Rußland zu führen und die Juden zu vernichten. Da die im Hinblick auf den Ersten Weltkrieg geschriebenen Stellen nicht allgemein bekannt sind, zitiere ich sie:

  • "Man wußte, daß die Gewinnung neuen Bodens nur im Osten zu erreichen war, sah den dann nötigen Kampf und wollte um jeden Preis doch den Frieden" (S. 156).
  • "Nun wäre aber der Zeitpunkt gekommen gewesen, gegen die ganze betrügerische Genossenschaft dieser jüdischen Volksvergifter vorzugehen. […] Wenn an der Front die Besten fielen, dann konnte man zu Hause wenigstens das Ungeziefer vertilgen" (S. 185f). "Hätte man zu Kriegsbeginn und während des Krieges einmal zwölf- oder fünfzehntausend dieser hebräischen Volksverderber so unter Giftgas gehalten, wie Hunderttausende unserer allerbesten deutschen Arbeiter aus allen Schichten und Berufen es im Felde erdulden mußten, dann wäre das Millionenopfer der Front nicht vergeblich gewesen. Im Gegenteil: Zwölftausend Schurken zur rechten Zeit beseitigt, hätten vielleicht einer Million ordentlicher, für die Zukunft wertvoller Deutschen das Leben gerettet" (S. 772).

Die Übereinstimmung mit Lorbers Lehren liegt vor allem in der Parallelität der Tyrannei Hitlers mit der Tyrannei des alttestamentarischen Gotts Jahwe (vgl. Gen 35,5; Dt 2,25; 4,34; Jes 42,25; Sach 14,2f). Da dieser bei Lorber mit Jesus gleichgesetzt wird, zeigt bei Lorber auch Jesus die entsprechenden Charakterzüge (vgl. die Stellen in "Von der Hölle bis zum Himmel").

Walter Lutz, der vom Chemnitzer Brüderrat der Anhänger des Neu-Salems-Lichtes schon 1927 als "irrender Bruder" betrachtet worden war, weil er Lorbers Lehren in seinen einführenden Schriften "entstellt" habe (Junge 35), lobte 1937 die Deutschen Christen, "die von der religiösen Grundorientierung des Nationalsozialismus überzeugt" waren (Carsten Nicolaisen, in: ENS 420). Manche Führer der Deutschen Christen hätten Lorbers Lehren verstanden, fand Lutz. Wenn er meinte, Gott teile sich "'jedem Volke auch immer wieder durch besonders erleuchtete Weise und Führer'" mit, spielte er allerdings auf Lorber an, nicht auf Hitler (Junge 45f). Noch 1938/39 wollte Lutz in "Jakob Lorber der Glaubensbote der Neuzeit" die "'Übereinstimmung (Lorbers) mit neuzeitlichem Gedankengut'" aufzeigen (Junge 46).

Michael Junge stellt fest, daß die Neusalems-Gesellschaft "trotz einer anfänglichen Euphorie in den Jahren 1933/34 schon bald in einem distanzierten Verhältnis zum sog. 'Dritten Reich' stand" (Junge 46). Die Gestapo störte Versammlungen, verhörte Georg Riehle und steckte Otto Zluhan ins KZ Welzheim. Nachdem er entlassen worden war, ging er nach Zürich ins Exil. 1937 wurde die Neusalems-Gesellschaft von Heinrich Himmler verboten. Nach dem Krieg wurde die "Lorber-Gesellschaft e.V." neugegründet, "mit v. a. missionarischer, karitativ-praktischer Zielsetzung" (MEL 15/241).

16. Die Kritik von Matthias Pöhlmann

Dreh- und Angelpunkt ist die Frage, wer Lorber inspiriert hat. Pöhlmann listet verschiedene Erklärungsversuche auf: Lorber war ein Medium, ein Prophet, ein Mystiker, ein Theosoph, ein Theograph, teilweise ein Werkzeug des Teufels (von Pöhlmann sofort verworfen), ein Schizophrener, ein Sektengründer, ein Werkzeug des Heiligen Geistes, ein naiver Hochstapler, der sein Unbewußtes mit Gott verwechselte.

Pöhlmann führt folgende Argumente gegen Lorber ins Feld:

  • Da es verschiedene Offenbarungsschriften gebe (neben Lorber z.B. von Swedenberg oder Joseph Smith), die einander widersprächen, müßten sie aus verschiedenen Quellen stammen. Kritik von mir: Die Alternative wäre, daß eine Quelle bewußt verschiedene Offenbarungen macht, um die eine Wahrheit nicht ganz aufzudecken. Ein weiterer Einwand wäre, daß die Offenbarung durch den jeweiligen Propheten verfälscht wird. Die Quelle könnte auch einfach ihre Botschaft auf die jeweilige Zeit und den jeweiligen Ort abstimmen.
  • Pöhlmann geht bei Lorber "von einem jahrelangen unbewußten Durcharbeiten und Nachdenken" aus (S. 26f). Einwand von mir: Wenn das so wäre – warum hat Lorber dann nicht geschrieben wie ein Philosoph, sondern sich auf Gott berufen?
  • Pöhlmann mißt Lorbers Botschaft an der Bibel und stellt erhebliche Differenzen fest: die Trinität werde bei Lorber anders aufgefaßt, Jesus werde mit Gott gleichgestellt, die Schöpfung werde in Geist und Materie geschieden, der Mensch werde von (statt mit) der Welt erlöst, die Jenseitsvorstellungen seien spekulativ, die Auferstehung werde umgedeutet, überhaupt seien "die Kundgaben zu sehr von dieser Welt bestimmt" (S. 45). Deshalb glaubt Pöhlmann nicht an einen göttlichen Ursprung von Lorbers Offenbarung. Kritik von mir: Das ist kein Argument dafür, daß Lorbers Offenbarungen und die Bibel auf eine verschiedene Quelle zurückgehen. Warum sollte Gott seine Botschaft im Lauf von Jahrtausenden nicht aktualisieren?
  • Pöhlmann beanstandet, daß der "Hinweis auf die Art der Botschaftsübermittlung […] für die Bestätigung eines Wahrheitsanspruches nicht" ausreiche (S. 130). Einwand von mir: Diesen Maßstab muß man auch auf die biblischen Schriften anwenden. Daß ein Prophet sich auf Jahwe beruft, genügt nicht als Wahrheitserweis.
  • Pöhlmann nennt folgende gnostische Züge der Offenbarung von Lorber: die Abwertung der Materie, der Leib als Kerker der präexistenten Seele, die ihre Bestimmung durch die Rezeption der Offenbarung Lorbers finde. Kritik von mir: Das alles ist nicht nur gnostisch, sondern auch platonisch, wobei der Platonismus auf das Christentum einen großen Einfluß hatte.

Pöhlmann kommt zu folgendem Gesamturteil: Lorbers Offenbarungen sind "Niederschriften eines zwar bescheidenen, aber doch grüblerischen Mannes, der aufgrund eines emotional tiefgehenden Erlebnisses den Weg nach innen wählte und über die 'innere Stimme' Antworten für sich und seine Zeit gefunden hatte" (S. 130).

Ich halte das für falsch: Wenn es wahr wäre, hätte Lorber einen autobiographischen Bericht verfaßt, in dem er seine Fragestellungen und die Ergebnisse seiner Grübeleien vorgestellt hätte. Dabei hätte er sich ohne weiteres auf die innere Stimme berufen können. Wer die Antworten aus seinem Unbewußten als göttliche Offenbarung hinstellt, ist m.E. ein Hochstapler und Betrüger. Das war Lorber ganz bestimmt nicht. Er war redlich, und seine Schriften sind ein Diktat aus der geistigen Welt, von wem auch immer. Falls es nicht Gott höchstpersönlich war, war es doch eine Gruppe von Engeln, die sich um eine bestimmte Gruppe von Menschen kümmern wollte. Sie tat, was sie konnte – heute würde sie es bestimmt anders machen.

© Gunthard Rudolf Heller, 2017

Literaturverzeichnis

DIE BIBEL – Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Bundes, Freiburg/Basel/Wien 201976

CULLMANN, Oscar: Kindheitsevangelien, in: Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung, hg. v. Wilhelm Schneemelcher, I. Band: Evangelien, Tübingen 51987, S. 330-372

DRIJVERS, H. J. W.: Abgarsage, in: Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung, hg. v. Wilhelm Schneemelcher, I. Band: Evangelien, Tübingen 51987, S. 389-395

ENZYKLOPÄDIE DES NATIONALSOZIALISMUS, hg. v. Wolfgang Benz, Hermann Graml und Hermann Weiß, München 31998

HITLER, Adolf: Mein Kampf, o.O. o.J. (kleine rote Ausgabe)

JAKOB LORBER – Neue Prophetie, Bietigheim 1960

JUNGE, Michael: Dokumentation um Jakob Lorber, Düsseldorf 2004

DER KLEINE PAULY – Lexikon der Antike in fünf Bänden, hg. v. Konrat Ziegler und Walther Sontheimer, München 1979 (KP)

KURZBESCHREIBUNG DER WERKE JAKOB LORBERS (1840-64) (http://www.j-lorber.de/jl/lorber/werke.htm)

LEITNER, Karl Gottfried Ritter von: Jakob Lorber – ein Lebensbild nach langjährigem persönlichem Umgang, Bietigheim 51969

LORBER, Jakob: Die Haushaltung Gottes, 3 Bände, Bietigheim 51981

  • Die Zwölf Stunden, Bietigheim 1895 (Nachdruck)
  • Der Saturn – Darstellung dieses Planeten samt Ring und Monden und seiner Lebewesen, Bietigheim 41969
  • Die Fliege – Einblicke in die Wunder der Schöpfung, Bietigheim 61988
  • Der Großglockner – Ein Evangelium der Berge, Bietigheim 61979
  • Die Geistige Sonne – Mitteilungen über die geistigen Lebensverhältnisse des Jenseits, 2 Bände, Bietigheim 81989
  • Schrifttexterklärungen – Bibeltexte und ihr geheimer Sinn, Bietigheim 51985
  • Die Jugend Jesu – Das Jakobus-Evangelium, Bietigheim 111996
  • Der Briefwechsel Jesu mit Abgarus Ukkama von Edessa, Bietigheim 81984
  • Paulus' Brief an die Gemeinde in Laodizea, Bietigheim 51980
  • Von der Hölle bis zum Himmel – Die jenseitige Führung des Robert Blum, 2 Bände, Bietigheim 31963/65
  • Die Heilkraft des Sonnenlichtes, Bietigheim 51990
  • Die drei Tage im Tempel – Gespräche des zwölfjährigen Jesus, Bietigheim 91975
  • Das große Evangelium Johannes, 10 Bände, Bietigheim 71981-86

LURKER, Manfred: Lexikon der Götter und Dämonen – Namen · Funktionen, Symbole/Attribute, Stuttgart 21989

MEYERS ENZYKLOPÄDISCHES LEXIKON, 25 Bände, Mannheim/Wien/Zürich 91980/81

MIKELEITIS, Edith: Wer war Jakob Lorber?, in: "Steh auf und schreibe!" - Jakob Lorber und sein Werk, Bietigheim o.J., S. 1-9

PEISKER, Carl Heinz: Evangelien-Synopse der Einheitsübersetzung, Wuppertal/Kassel/Stuttgart 11983

PÖHLMANN, Matthias: Lorber-Bewegung – durch Jenseitswissen zum Heil?, Konstanz 11994

SCHNEEMELCHER, Wilhelm: Der Laodicenerbrief, in: Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung, hg. v. Wilhelm Schneemelcher, II. Band: Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, Tübingen 51989, S. 41-44

WÖRTERBUCH DER ANTIKE mit Berücksichtigung ihres Fortwirkens, in Verbindung mit E. Bux und W. Schöne begründet von Hans Lamer, fortgeführt von Paul Kroh, Stuttgart 81976 (WA)

08.09.2017 © seit 03.2017 Gunthard Heller
Kommentar schreiben