Seite 2: Ein Traum von Gaia oder das "Lebewesen Erde"

 

Thomas Berry schreibt in seinem Dream of the Earth:

„Die Veränderung, die hier auf Erden in unserem Geist stattfindet, ist … die größte, da das, worüber wir sprechen, nicht einfach ein weiterer geschichtlicher Wandel, eine kulturelle Modifikation darstellt, sondern eine Veränderung geologischer und biologischer wie auch psychologischer Größenordnung. Wir verändern die Erde auf einer Skala, die sich nur mit den Veränderungen der Struktur der Erde und des Lebens überhaupt vergleichen lässt, wie sie über einige Hundert Millionen Jahre in unserer Entwicklung stattfanden.“

Baum GaiaWir mögen die gesamte Wirkung dieses transformativen Prozesses momentan nicht so klar erkennen. Erst im Rückblick werden Muster offenbar. Die Veränderung klingt uns wie eine vage Melodie, die wir nicht einordnen können, und wir hören sie nicht klar genug, um mit ihr in Einklang zu musizieren. Doch wissen wir, dass sie gespielt wird, und ein unbekannter Dirigent fuchtelt gehörig mit den Stäben.

Walt Whitman sagte, man „solle nicht zu genau oder nur wissenschaftlich mit Vögeln und Bäumen und Blumen umgehen.“ Auch der große Gott Pan hört ein Flötenspiel lieber als die Rede eines trockenen Dozenten. Die Sprache der Mutter Erde und Göttin ist vielleicht ein Stück mehr Poesie und Gesang, ein fröhliches Lachen im Kindermund und ein Zwitschern der Vögel, ein Meeresrauschen.

Diese Sichtweise ermöglicht es uns, den Planeten als ein Kunstwerk zu betrachten, das sich durch die Öffnung der feineren Sinne des Betrachters offenbart. Die indianischen Weisen sagen: „Wandere in Schönheit!“. Oder auch das Zentralgebet: „Für alle meine Verwandten!“, so kurz, wie es die Lakota lieben. Damit ist alles Lebendige auf Erden gemeint: Menschen, Tiere, Pflanzen. Mehr Quantität oder Qualität im Beten braucht es eigentlich nicht.

Die Biowissenschaftler wollen es sich nicht eingestehen, aber sie können das Leben nun einmal nicht umfassend mit wissenschaftlichen Begriffen erklären. Dies war auch im 19. Jahrhundert den Naturhistorikern nicht möglich; ebenso sind die Biologen des 20. Jahrhunderts an der existenziellen Frage der Fragen gescheitert.

Vielleicht ist die Antwort auf die Frage: „Was ist Leben?“, eine so bedeutende für unser Überleben - physisch und/oder spirituell -, dass sie aufbewahrt wird in den unbewussten kollektiven Schichten des menschlichen Geistes und auf eine spätere Bewusstwerdung und Lösung im Geheimen wartet. Die Evolution erzwang einen großen Selektionsdruck zu unverzüglichem Handeln.

Mir scheint, auch gegenwärtig wächst der evolutionäre Druck zur Selektion und zum schnellen Handeln, damit unsere Spezies eine Zukunftsperspektive hat. Entscheidend für unser Überleben ist die sofortige Unterscheidung und Entscheidung der optionalen Wege und die daraus folgende logische Handlung. Eine Verzögerung durch geistig-intellektuelles Abwägen oder bewusstes Nachdenken können wir uns nicht leisten.

Es ist notwendig, die Konsequenzen der Erkenntnis möglichst schnell einzuschätzen, und zwar in den am frühesten entwickelten und unbewussten Windungen unseres Gehirns. Allein aus dieser früh entwickelten Fähigkeit heraus wissen wir alle intuitiv, was Leben ist! Etwas zum Essen, etwas zum Lieben, etwas zum Schutz vor drohenden Gefahren – oder es ist tödlich!

Schwieriger ist es allemal, eine wissenschaftlich präzise Definition der Frage: „Was ist Leben?“ zu geben, und das Leben auf vielschichtigen Ebenen so zu erforschen, dass wir der Beantwortung dieser komplexen Frage möglichst umfassend näher kommen. Selbst angesehene wissbegierige Wissenschaftler schrecken davor zurück, Leben zu definieren.

Ein Merkmal von Leben ist Sozialität. Soziales Leben findet in Gemeinschaften und kollektiven Verbänden statt. In der Physik werden die Eigenschaften von Ansammlungen mit dem Wort kolligativ bezeichnet. Alle Ansammlungen von lebenden Organismen weisen Eigenschaften auf, die man aus der Kenntnis eines Einzelnen von ihnen nicht erwarten würde.

Gaia WeltmutterZum Beispiel könnten wir aus der Beobachtung einer einzelnen menschlichen Zelle nicht die Tatsache ableiten, dass die Menschen eine konstante Körpertemperatur haben, die unabhängig von der Umgebungstemperatur ist. Der französische Physiologe Claude Bernard stellte im 19. Jahrhundert erstmals die Tendenz einer Beständigkeit fest, und der Amerikaner Walter Cannon verfolgte seine Gedanken weiter. Er nannte das Phänomen „Die Weisheit des Körpers“ oder Homöostasie. Homöostasie ist also die kolligative Eigenschaft des Lebens!

Die Vorstellung, dass höhere Lebewesen wie z.B. die Menschen aus einem komplizierten, miteinander verflochtenen System von Zellverbänden bestehen, ist normal. Einen Volksstamm oder eine Nation als eine Einheit zu begreifen, ist uns ebenfalls nicht fremd. Aber können wir diese Vorstellung auch auf größere Ökosysteme oder auf den Planeten, also auf Gaia, ausweiten?

Hilfreich ist hier der Blick aus dem Weltraum herab auf die Erde, sei es auch stellvertretend durch die Medien. Etliche Astronauten haben von einer Erweiterung ihres Bewusstseins durch die veränderte Wahrnehmung gesprochen, die sich ihnen beim Anblick der ganzheitlichen Erde bot. Egal, ob vom All oder durch die Satelliten: Es kann ein persönliches Gefühl von einem tatsächlich lebenden Organismus entstehen, der umgeben von Leere wie ein Schiff im Meer schwimmt.

Vergeblich suchen wir den Horizont dort draußen in der Umgebung von Gaia, sondern begreifen ihre Wanderung und Odyssee als einzigartig und abenteuerlich, weil verletzbar.

Als ein gesamtplanetarisches Wesen verfügt Gaia über Eigenschaften, die sich nicht unbedingt aus dem Wissen über einzelne Arten oder Populationen von zusammenlebenden Organismen erschließen müssen. Es gibt viele Möglichkeiten, mit Gaia in Berührung zu bleiben. Das Stadtleben, dem die Menschen so eifrig nachgehen, erweckt und verstärkt die humanistische Häresie, diese ausschließliche narzisstische Hingabe an menschliche Belange.

Wir sehen die Sterne einfach nicht mehr so klar wie auf dem Land. Man könnte sagen, wir verlieren so schneller die kosmische Orientierung, da die Konzentration nicht mehr auf einem natürlichen Weg liegt. Insofern laufen wir Gefahr – im Gegensatz zu unseren Vorfahren -, die Zusammenarbeit mit der Natur um uns herum zu vernachlässigen bzw. ihre subtileren Stimmen nicht mehr zu hören, sondern uns nur als Herrscher über diese Natur wahrzunehmen, obwohl wir doch eigentlich Bittsteller sind.

Denn unsere Lebensmittel, unsere Überlebensmittel, sind abhängig vom Wohlwollen (oder anders ausgedrückt, von dem Funktionieren) unserer natürlichen Umwelt. Letztlich sind wir es Selbst: Natur! Keine Trennung von derselben ist möglich. Diese künstliche Absonderung, die wir uns durch die Zivilisation geschaffen haben, verschleiert die Einsicht, dass dieser Schleier eben nur hauchdünn ist und jederzeit zerrissen werden kann und unsere Zivilisation nur eine künstliche Barriere vor dem Grauen dort draußen bietet, vor der Natur, die uns wild im Außen begegnen kann, aber auch genauso wild im Inneren lebt.

Wir sind überwiegend als Spezies Barbaren, deren zivilisiertes Benehmen nur an der Oberfläche taugt. Das ist zumindest meine Selbsterkenntnis. Denn wenn Menschen ungewohnten Belastungen ausgesetzt werden, schwindet die Etikette meistens sehr schnell und die Primitivität kommt aus unserem Inneren erschreckend schnell ans Licht und an die Schamgrenze dessen, was wir dachten, von uns zu wissen oder zu kennen glauben.

Wie können wir weiter darüber nachdenken?

Jeder Mensch stellt eine dichte Ansammlung aus zellulären und endosymbiontischen Verbänden dar. Trotzdem ist er eine individuelle Persönlichkeit. Individuen stehen, wie jede einzelne Körperzelle, mit Gaia über den Kreislauf der Elemente und über die Steuerung des Klimas in Verbindung. In seinem Buch „Das selbstorganisierte Universum“ vertritt Erich Jantsch die Ansicht, dass überall eine Tendenz zur Selbstorganisation zu spüren ist.

Leben sei also kein zufälliges Ereignis, sondern eine unvermeidbare Folge. Jantsch stützt seine Behauptungen auf die Theorien der Altmeister der sogenannten "Thermodynamik des instabilen Zustands"; auf Max Eigen, Ilya Prigoyine, Humberto Maturana, Francisco Varela und ihre Nachfolger.

Wenn die Wissenschaftler Theorien in diesem undurchschaubaren Bereich entwickeln und sich die Beweisführung verdichtet, dann könnte die Metapher von einem lebendigen Universum vielleicht fassbar werden. Eine rationale Definition von Gott würde das intuitive Wissen ersetzen bzw. ergänzen!

Die Lehre von den globalen Katastrophen der Vergangenheit hat vor einigen Jahren ihre wissenschaftliche Weihe erhalten. Einige Berechnungen deuten darauf hin, dass es in den vergangenen 250 Millionen Jahren immer wieder Massenvernichtungen gegeben hat, und zwar im Abstand von etwa 26 Millionen Jahren.

08.09.2017 © seit 06.2010 Eire Rautenberg
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