Aborigines: Die magische Welt der Ureinwohner Australiens

Kennen Sie die Spiritualität der Aborigines? Die Aborigines begreifen ihre Leben als immer währende Initiation. "Der Same träumt den Baum" - bezeichnet einen wichtigen Leitsatz dieser Kultur. Erfahren Sie in diesem Artikel mehr über die magische Welt eines uralten Naturvolkes.

Aborigines - Ureinwohner Australiens

Yale University, Massachusetts Institute of Technology, University of California... Stahl und Glastempel. Die Schmieden des modernen Weltbildes! Wissenschaftler aller Disziplinen wimmeln über den ausgebeuteten Planeten. Es werden Sonden, Satelliten und Teleskope im erdnahen Weltraum, Raumfahrzeuge auf anderen Himmelskörpern ausgesetzt.

Man versucht, in die Tiefen des Universums zu blicken oder sogar außerirdische Intelligenzen auf anderen Planeten zu entdecken. Die selbstgerechte Denkelite der westlichen Zivilisation umgibt sich mit wissenschaftlichen Theorien, Formeln, Gleichungen, abstrakten Systemen und Kategorisierungen aller Art, die allesamt irgendwann einmal, so hofft man, auch die letzten Rätsel der Welt aufhellen sollen.

Aborigines Ureinwohner Australien SpiritualitätDie Welt ist heute medial vernetzt, der technologische Fortschritt der Menschheit wird allenorts gepriesen. Mit den doppelbödigen Errungenschaften der Genetik wird die Manipulation des Denkens bald einen neuen entscheidenden Höhepunkt erreichen. Und auf der Suche nach dem Sinn der Welt, nach der verborgenen Ordnung der Natur, geht man daran, menschliche Gehirne mit Computern zu verbinden. In den Laboratorien der Wissenschaft scheint es möglich geworden zu sein, die Gesetze der natürlichen Ordnung auszuschalten und sie durch die artifiziellen Gesetze des Menschen zu ersetzen...

Eine moderne Gesellschaft, die dem Individuum nur so viel Freiheit gewährt, wie sie zur Erlangung ihrer obskuren Ziele benötigt. Ihr Rückschritt ist die Beständigkeit bei der Mißachtung der Natur und ihrer Gesetze. Die Auswirkungen der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung, der industriellen und digitalen Zivilisationsform, haben mittlerweile auch die meisten Naturvölker erreicht. Viele von ihnen können den Verlockungen des auf Konsum und Macht ausgerichteten Denkens nicht widerstehen.

Eines der Völker, das seit der Zeit der Kolonialisierung durch die Briten diesen Gefahren ausgesetzt ist, sind die Ureinwohner Australiens. Auch ihre uralte Kultur ist das Ziel von Wissenschaftlerscharen aus allen Erdteilen. Doch das Studium ihrer Kultur hat bei vielen nur ein Kopfschütteln und Resignation bewirkt. Obwohl die Aborigines mit Weißen in Kontakt treten und diese versuchen, in aller Offenheit ihre Kultur näher zu bringen, war kein Anthropologe oder Ethnologe bisher in der Lage, die Sprache der Aborigines zu erlernen.

Zu tief ist diese in einem magischen Weltbild verankert, das mindestens 500.000 Jahre alt ist; zu viele Konzepte, wie Raum und Zeit, Geist und Materie, die in der westlichen Zivilisation festgelegte Realitäten darstellen und uneingeschränkte Gültigkeit haben, können auf das Weltbild der Aborigines nicht angewandt werden. Dies ist der Grund, warum sich ihre Kultur bis heute weitestgehend dem Zugriff der modernen Zivilisation entziehen konnte.

Das Leben des Traumes der Aborigines

"Der Same träumt den Baum", lautet ein wichtiger Leitsatz der Aborigines. Wie sich aus einem Samen ein Stamm, die Äste und das Laubwerk entwickeln, so geht ein Mensch aus der Natur hervor. Das Leben des Aborigines ist von Geburt bis zum Tod eine einzige Initiation. Diese erfolgt stufenweise, wobei es immer das Ziel ist, den inneren Horizont zu erweitern. Je weiter das Innere des Menschen expandiert, je mehr seine Schau der Dinge zunimmt, desto intensiver erfährt er die Traumzeit.

Diese Traumzeit nennen die Aborigines auch die Welt der Schöpferischen Ahnen. Es ist die Realität der unsichtbaren Kräfte der Natur, die mit dem Sichtbaren verwoben sind. Diese unsichtbaren Kräfte der Natur sind es, die sich im Rhythmus von Leben, Wachsen und Vergehen manifestieren. Während beispielsweise der buddhistische Mönch versucht, der Welt des Leidens durch Abgeschiedenheit und Meditation zu entkommen, steht der Aborigine fest im Leben und akzeptiert Schmerz und Leiden, Ekstase als den einzig begehbaren Weg in die Welt der Traumzeit. Insofern weist das Weltbild der Aborigines Parallelen zum Tantrismus und Hinduismus auf.

In der westlichen Zivilisation sind Ekstase in der Regel mit Tabus versehen. In der christlichen Religion hat dies zur Unterdrückung der passiven schöpferischen Kraft des Weiblichen geführt, die nach Auffassung der Aborigines allem zugrunde liegt. Aufgrund der Haltung zur Sexualität ist diese Gesellschaft eine "statische", während die der Aborigines eine "ekstatische" ist.

Die Aborigines benennen drei Welten: die Welt des Ungeborenen, die des Lebendigen und die Welt des Toten.

Die Realität setzt sich aus diesen miteinander verwobenen Welten, bzw. ihrer beständigen Interaktion, zusammen. Die weiblichen und männlichen Energien werden im Hinblick auf diese weltgestaltende Interaktion "sozial", "persönlich" und "rituell" genutzt, um mit der Realität der Traumzeit im Einklang zu leben. Das Leben in der Aboriginal-Gesellschaft, die keine Hierarchien kennt, ist mit einer Initiation vergleichbar, wobei die Rollen der Geschlechter überaus wichtig sind.

Ein Aborigini Sprichwort besagt: "Die Frau wird von der Natur geboren, der Mann muß von der Kultur geformt werden".

Während die Aufgaben der Frau von der Natur vorgegeben sind, muß der Mann seine Rolle in der Gesellschaft erst finden. Dies bedeutet nicht, daß sich das Leben der Frau auf die Mutterschaft alleine beschränkt. Sie hat großen Einfluß auf das Verhalten der Männer im Clan und wird oft zu einer Lenkerin der Geschicke. Ihre Kräfte sind immer initiierend und schöpferisch.

Da die Energien des Männlichen als degenerierend und endend gesehen werden, muß der Mann initiiert werden, um die Realität der Traumzeit erkennen zu können. Das Ziel seiner Initiationen ist bei Ritualen immer wieder der Tod und die symbolische Wiedererweckung. Das Leben muß nach Ansicht der Aborigines den Tod konfrontieren, um diesen zu überwinden. In dem Maß, wie die Frauen die Macht des Lebens und des Lebengebens darstellen, verkörpern die Männer die Macht des Todes und des Tötens.

Das Leben des einen Lebewesens ist abhängig vom Tod des anderen. Ohne den Tod, der das Leben in die Schranken weist, würde es unkontrolliert wuchern. Daher wird das Männliche als endend und eingrenzend verstanden. Es sind die Männer eines Clans, die bei Totenriten die herausragende Rolle spielen, da ihre Energien mit der Welt des Toten und des Ungeborenen in Verbindung stehen. Aufgrund der Verbindung des Männlichen mit dem Toten erscheint, nach der erfolgreichen Befruchtung der Frau, das Kind zuerst dem Mann als "Geistkind".

Das ungeformte Leben in der Welt des Ungeborenen tritt also zuerst mit dem Männlichen in Kontakt, um dann im Körper der Frau empfangen zu werden. So müssen sich Männer bei der Geburt der Kinder stets vom Ort der Geburt fernhalten. Das Geben von Leben ist die Domäne der Frau.

Der Übergang vom Knaben zum Mann ist ein einschneidendes Ereignis. Der Knabe wird der Geborgenheit des Weiblichen entrissen, er wird mit Angst und Tod konfrontiert. Die Angst vor der Trennung von der Mutter und die Angst vor dem Tode sind für die Aborigines ein und dasselbe. Die Initiation des "Männer-Machens" hat zum Ziel, den Knaben sterben zu lassen, so daß er als Mann wiedererweckt wird. Erst dann hat der Mann einen großen Schritt in eine initiierte Freiheit getan.

Auch ist es der natürliche Neid des Mannes auf die Gebärfähigkeit der Frau, der in Traumzeitharmonische Bahnen gelenkt werden muß. Wie weit sich dieser Neid in der westlichen Gesellschaft entwickeln konnte, zeigen die Absichten mancher ignoranter Genetiker, Kinder von Männern austragen zu lassen. In der westlichen Zivilisation klafft ein großer Spalt zwischen dem Bewußten und Unbewußten, den schöpferischen Kräften der Natur, dem allumfassend Weiblichen.

Der Mensch ist seiner Verbindung zur Natur beraubt worden, ohne in ihre universellen Gesetzmäßigkeiten initiiert worden zu sein. Das Ergebnis ist ein Trauma, das die gegenwärtige Zivilisation lähmt. Er ist die angstvolle Erinnerung an den erlittenen Tod, die der Mensch in vielen Formen in die wahrnehmbare Welt projiziert. Erst die Vernichtung dieser Zivilisation kann die Menschheit vor ihrer Vernichtung retten.

07.06.2016 © seit 06.2004 Philognosie Team  
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Quellenangabe:

Dieser Artikel ist ein Exzerpt des
Buches von Robert Lawlor:
" Am Anfang war der Traum."
(siehe Buchabbildung links)