Seite 4: Deutsche Mythologie I: Die Götter der Südgermanen

Pulaz

Pulaz (germ. = Kraft, sanskrit = bala), Phol oder Balder, Baldor, Bal-Dor, Bellador, Baldur, indogerm Bhaltos, ist eine jugendliche Gottheit, der Leuchtende, Lichtverbreitende. Man denkt an das Zwielicht (der Gott wird manchmal zur Hälfte hell und zur Hälfte dunkel dargestellt), das erste Aufleuchten des Tages, die Morgenröte der Sonne. Seine Erscheinung erfüllt jeden mit Glück. Auf übernatürliche Weise ist er vor dem Tod geschützt. Er erinnert an den keltischen Lugh und an Bel, Bal.

Ich halte Pulaz für die junge Version des Donaz. Sein Name Baldor deutet ebenso auf Dor, Thor; wie auch die Tatsache, daß sowohl Pulaz als auch Donaz die Söhne von Watanaz sind und somit Brüder und verschiedene Sonnentages-Aspekte des Nachtvaters. So wie der Tag auf die Nacht folgt, so wächst Balder aus Wodan und wird dann zum reifen Donar.

Der Name Pulaz/Phol deutet im Sinne seiner Jugendlichkeit auf ein Fohlen und auf Phal(lus), also auf Fruchtbarkeit. Die Pflanzen Kamille (baldrsbra) und Baldrian sind nach ihm benannt.

Foraz

Wahrscheinlich war Foraz oder Foseti eine weitere Form von Tius, der Tius Thingsus, da das althochdeutsche forasizo den Vorsizenden meint, eine passende Benennung für den Gott, der in früher Zeit die Thing-Verhandlungen führte, die Rechtsversammlungen des Stammes.

Als der heilige Willibord sich in der Zeit um 700 n. Chr. auf einer Missionsreise befand, kam er im Norden zu einer Insel, die nach dem Gott Fosite/Foseti von den Bewohnern Fositesland genannt wurde. Auf ihr waren Heiligtümer erbaut worden. Die Heiden betrachteten diesen Ort mit so großer Verehrung, daß keiner die dort weidenden Viehherden berührte oder von den sprudelnden Quellen zu schöpfen wagte.

Ein anderer Geistlicher namens Liudger besuchte die Insel etwa im Jahre 785. Als er ihr vom Schiff aus nahe war, sah er nach seinen eigenen Angaben einen dichten schwarzen Nebel von der Insel abziehen, was immer das auch für den Christen bedeutet haben mag. Er zerstörte die Tempel des Fosete und taufte die Bewohner in der Quelle, von der bisher niemand Wasser geholt hatte. Die Insel erhielt den Namen helegland, Helgoland, nach dem dunklen Reich der Göttin Hel.

Hel oder Holle wird uns später noch einmal begegnen.

Das Eiland erscheint immer noch wie das heilige Vorbild der ehemaligen Thing-Stätte, vom Meer umspült, ohne Ausweg oder Fluchtmöglichkeit. Der Gott, der hier das Volksrecht spricht, heißt (Tius) Thing (sus) oder Foseti/Foraz. Thing ist das Gesetz im eigentlichen Sinne, während der personifizierte Gott immer den ehrenamtlichen Vorsitz als Foseti innehatte. Sein Urteil verkünden die Gesetzessprecher, die Asegen. Die Asegen hüten das Recht, sind Diener, Vollstrecker und Priester. Möglicherweise war Helgoland der Richtplatz für alle bedeutenden Angelegenheiten der Ingaevonen und die Urteile wurden, wenn sie schwer waren, hier sofort vollstreckt.

Dann hätten die beiden Heiligtümer der Ingaevonen, Helgoland als Richtstätte und Seeland als Mysterienstätte, eine geteilte Funktion, und es wäre eine plausible Erklärung gefunden, da die Experten über das Zentralheiligtum zerstritten sind.

Fortsetzung im zweiten Teil: Deutsche Mythologie: Die Göttinnen der Südgermanen

08.09.2017 © seit 07.2003 Eire Rautenberg
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