Seite 2: Deutsche Mythologie I: Die Götter der Südgermanen

Die Ingaevonen nannten den Gott Tiwaz Ingwaz, "der Angekommene", da man nicht wußte, woher er kam. Ein rätselhaftes angelsächsisches Runenlied sagt: "Ing war zuerst bei den Ostdänen von den Menschen gesehen, später zog er ostwärts über die Flut; sein Wagen rollte ihm nach."

Der Wagen, das eigentümliche Symbol seines Kultes, war auch ein Attribut seiner Gemahlin, der Göttin.

Das zentrale Stammesheiligtum der Ingaevonen befand sich wahrscheinlich auf Seeland in Dänemark.

Mythologisch heißt es, an die Milchstraße, den Iringsweg, schließt sich der Wagen des Himmelsgottes, der Irminswagen an, der in jeder Nacht den Pol umkreist, und nach dessen Stande man die nächtliche Zeit im Lande bestimmte. Dieses nördliche Sternbild war der Wagen des Irmin Tius. Von dem Wort Ti(u) leitet sich ab indogerm. Dieus; Theo, teutsch, deutsch.

Dem Himmelsgotte zu Ehren, der das leuchtende Schwert führt, fand ein Schwerttanz statt. Leichtbekleidete junge Männer tummelten sich in Sprüngen unter Schwertern. Ähnliche schamanistische Rituale finden wir z. B. in Nepal und Nordindien. Das Schauspiel fand bei vielen feierlichen Gelegenheiten statt, auch an den Festen des schwerttragenden Himmelsgottes.

Die Friesen hielten ihre Rechtsversammlungen, zu denen sie bewaffnet erschienen, unter seinem imaginären Ehrenvorsitz ab, und nannten diesen Tag der Thing-Verhandlungen Tinges- oder Dingestag. Daraus wurde unser Dienstag.

In der zweiten Periode der südgermanischen Götterverehrung beginnt seine Gestalt zu verblassen, denn neben ihm erscheinen Wodan und Donar als gleich mächtig.

Watanaz

(Wodan, idg. Wurzel va = wehen; od = Atem, Odem, Odin; urgerm. Watanaz, altgerm. Wodanaz)

Watanaz entreißt dem Tiwaz die Gattin, die Göttin Frija, und entführt sie in die Lüfte. Als Windgott wird auf Wodan alles übertragen, was das Herz der Stammesangehörigen höher schlagen läßt.

Watanaz personifiziert möglicherweise den dunklen Aspekt des mehrseitigen göttlichen Wesens Tiwaz/Irmin.

Da der Mond im germanischen eine männliche Kraft ist, ist diese Vorstellung durchaus möglich. Er ist als Nachtjäger bekannt, der durch die nächtlichen Lüfte stürmt und Frauen und Tieren nachsetzt. Er ist auch der Führer der abgeschiedenen Seelen, der Totengott, der bei Windstille in seinem unterirdischen Reich, einer riesigen Berghöhle, haust. In ganz Nordeuropa, einschließlich England und Deutschland, sind ‚Wodansberge‘ verbreitet.

Er beschützt das Gedeihen der Pflanzen, der Ernte und der Tiere. Wegen seiner Fruchtbarkeit und seines Erntesegens wurde er überall mit Erntedankopfern verehrt.

Den Gott begleiten die Geier; Adler und Habichte; die Raben; die Schlangen; die Wölfe und das lärmende Treiben von Hunden. Er ist der Mantelträger, ein Beiname des nächtlichen Sturmgottes. Auf dem achtbeinigen Roß jagt er dahin, umhüllt von einem blauen oder schwarzen Mantel und einem breitkrempigen Schlapphut. Manchmal wird er kapuzentragend dargestellt. Sein Wesen ist verbergend, verhüllend.

(Interessant ist, daß auch die Kelten eine göttliche Hierarchie von kapuzentragenden Göttern kannten, die man Genii Cucullati nannte. Sie wurden mit einem magischen Pferdekult in Zusammenhang gebracht, über den man kaum etwas weiß. Möglicherweise läßt sich der Kult mit den Runen verbinden, deren Kraftlaute geflüstert oder geraunt werden. Wenn man an die heimlichen Aktivitäten der Bruderschaft der Horse Whisperers, der Pferdeflüsterer, denkt, die bis heute in Großbritannien und Amerika zu finden ist, erscheint es nicht abwegig, daß die Sitte, den Tieren magische Formeln ins Ohr zu flüstern, auf einen heidnischen Kult zurückzuführen ist, der mit Wodan als Runenfinder zusammenhängen könnte.)

Das schwarze oder weiße Pferd des Wodan ist im Volksglauben ein Bild der dunklen Wetterwolke oder des flüchtigen Nebels, birgt aber wohl noch andere Geheimnisse. Achtbeinige Pferde haben eine schamanische Bedeutung und sind z. B. in Sibirien als Zauberpferde bekannt, auf denen die Schamanen zwischen den Welten reiten.

In seinem wehenden Gewand sieht man das nächtliche Himmelgewölbe mit den funkelnden Sternen. Nur den Speer führt die Hand des Gottes. Sein Speerwurf war ein Symbol für die Ankündigung des Krieges und das Zeichen für die Besitzergreifung des eroberten Landes. Freudig des Glaubens, daß der Gott ihn erkoren, wenn er die Todeswunde empfing, stürmte der Ger-mane, der Speer-Mann, leicht bekleidet und bewaffnet, in die Speerwürfe der Gegner.

Ein weniger bekanntes Symbol des Gottes ist die Schlange. Die Langobarden verehrten eine goldene Schlange als sein heiliges Tier.

Unter seinen zweiundvierzig Beinamen werden zwei Schlangennamen aufgeführt: Ofni, "der Verflechter" und Swafni, "der ewige Schlummer".

(Letztere erinnert mich an den schlafenden Vishnu aus der hinduistischen Religion; "der auf der Weltenschlange Shesha Ruhende". Der Erhalter der Welt ruht zwischen zwei Weltperioden im Meditationsschlaf auf dem Schlangenbett. Beim Weltuntergang - seiner 10. Inkarnation - wird er als "Kalki(n)" erscheinen und als dunkler Reiter auf weißem Roß mit Flammenschwert den Kreaturen Erlösung bringen. Zu seinen Attributen zählen u. a. der Adler, die Schlange, das Rad, die Keule oder der Hammer.)

Wodan wohnt gelegentlich auch in der Luft. Mit seiner Gemahlin Frija residiert er in einem Burgsaal. In der nordischen Mythologie heißt diese Halle Walhall, aber für die deutsche Mythologie läßt sich dieser Name nicht belegen. Wohl aber das Os- oder As-Heim.

Die Rune Os/As bezeichnet die Vereinigung der Frija mit Watanaz. Normalerweise wird sie nur als Odins/Wodans-Rune gesehen, aber sie ist zweigeschlechtlich. Sie gilt als Rune des Atems; der Geistheilung und odischen Strahlkraft; der hohen Geburt (Adel, Odel) und der Vererbung; als Befreiungsrune, die alle Fesseln sprengt (durch Machtwort). Os symbolisiert den Mund und den weiblichen Schoß als Empfangsrune. In früheren Zeiten sah man sie auf priesterlichen Stirnbinden und in Form der Raute auf Wappen und in Höhlenmalereien. Ihr Baum ist die Esche (= ask, aesc: ein Laut-/Machtwort der Rune).

Die Heimat der Götter ist also ursprünglich das Asenheim/Osenheim/Eschenheim. Sie war nicht nur im Himmel vorhanden, sondern auch auf der Erde, im heutigen Teutoburger Wald (Tau-nus).

Wodan selbst als unermüdlicher Wanderer (mit den Namen: Gangrad, Wegtam) war außerdem der Geleiter der Reisenden; der Spender von Glück und Reichtum, mächtig geheimer Weisheit, ein Meister der runischen Kraft- und Atemströme (Odin) und kundig der Dichtkunst. Seine Einäugigkeit ist zwar nicht direkt bezeugt, darf aber als altgermanische Vorstellung gelten.

Er besaß einen magischen Ring, dem in jeder neunten Nacht acht weitere seiner Art entsprangen, die für seine treuesten Anhänger bestimmt waren. Für das Volk war er der Herr der Ringe.

(Dies hat J. R. R. Tolkien zu seinem gleichnamigen Buch inspiriert. Tolkien hat u. a. wertvolle Fragmente aus der mythischen Welt der Germanen zusammengetragen und in seinen Werken verarbeitet, besonders auch im Silmarillion.)

Watanaz lehrte seine Anhänger, "das Leben zu lieben, trotz aller Mühe: ganz unglücklich ist niemand auf Erden, etwas hat jeder als Trost. Darum freue sich jeder, sofern er nur eins nicht verliert: die Ehre. Rede nicht unnütz, trinke nicht zuviel: leicht gerät ins Unglück, wer sich um die Besinnung bringt. Zuverlässig ist nichts auf der Welt: kein Weib, kein Kind, kein Gut – und auch keine Macht: denn immer lebt dem Starken ein Stärkerer. Alles vergeht und stirbt: der Besitz, die Sippe, endlich du selbst. Eines nur bleibt und überlebt dich: der Ruf, den du verdienst."

Oft jagt er im Sturmbrausen der Windsbraut (dem vorausgehenden Wirbelwind eines Gewitters) nach. Die leidenschaftliche Werbung des Gottes und das Wort "Brautlauf" für eine deutsche Hochzeit zeigt, daß das Weib allnächtlich von ihm als Beute "erlegt" oder entführt wird, und dennoch immer neu aufersteht, wenn sie seiner Unterwelt entflieht, in der Dämmerung des Tages. Wenn dann der Gott die Verfolgte eingeholt hat, feiert er mit ihr das Fest der Vereinigung.

08.09.2017 © seit 07.2003 Eire Rautenberg
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