Seite 4: Deutsche Mythologie II: Die Göttinnen der Südgermanen

Vorstellungen vom Weltbeginn und Weltende

Im Gegensatz zu den Nordgermanen haben die Südgermanen keine komplizierte Kosmogonie.

Es gibt eine ungeschaffene, seit Urbeginn vorhandene Materie. Aus der Bindung der einander entgegengesetzten Elemente geht die Weltschöpfung hervor. Aus der Vermischung von Kälte und Wärme, von Wasser und Feuer entsteht das Salz, der Urquell allen geistigen Lebens. Es gab eine Zeit, wo die Götter noch nicht waren, sie wurden gezeugt wie Menschen und pflanzen sich wie diese durch Vermählungen mit Göttinnen fort.

Wenn auch die Götter später geschaffen wurden als die natürliche Welt des Organischen und Anorganischen, so haben sie doch die Welt wohnbar gemacht und eingerichtet. Sie stehen nach deutschem Glauben nicht am Anfang der Schöpfung, sondern am Anfang der Geschichte.

Die erdgeborenen Götter gelten als Ahnen des Volkes, und Man(nus) als Stammvater und Gründer. Sie schreiben ihm drei Söhne zu, nach deren Namen die schon erwähnten westgermanischen Stämme benannt sind. Ihre Götter waren nicht die Schöpfer des Alls, sondern lenkten und leiteten nur die Geschicke des Volkes.

Der Glaube, daß göttliche Zwitterwesen (doppelgeschlechtlich) existieren oder die Möglichkeit des Geschlechts- und Gestaltenwechsels war ihnen tief vertraut.

Uralt ist die Vorstellung des Himmels als eines Schädels. Die Germanen gebrauchten dasselbe Wort für den Schädel, mit dem die Griechen und Lateiner den Himmel benannten (altnord. heili = Gehirn, fries. heila = Kopf). Schädel und Himmel waren also eins! Für beide erschien ihnen der Begriff der Wölbung charakteristisch.

Das Reich der Hel (Hölle) war für unsere Ahnen eine Wasserhölle, keine Feuerhölle. Vielleicht deutet diese Vorstellung auf den furchtbaren Untergang der Vorzeit, auf den Blauen Drachen der Tiefsee, auf das unterdrückte atlantische Gedächtnis. Das Blut der Asen - der Rune Os - ist blau; und die Götter bezeichnete man ursprünglich als die Blaue Rasse.

(Die germanischen Angelsachsen hatten übrigens einen Gelben Drachen als Fahnenbanner, die keltischen Waliser einen Roten Drachen. Der Sage nach wird erst Friede herrschen, wenn diese Drachen sich aussöhnen.)

In die indogermanische Urzeit reicht das Bild des Weltalls als eines ewig grünenden Baumes zurück, mit einer Quelle am Fuß, aus der der Iringsweg, die Milchstraße, entspringt. Dieser mythische Baum hatte seine Abbilder im Kult, und auf Bergen und Höhen standen die heiligen Bäume ... (bei den Maya reichten die Wurzeln des Lebensbaumes bis in die Unterwelt, während seine Zweige in den Himmel ragten = eine analoge Vorstellung). Von der Irminsul heißt es, daß sie als Weltenbaum eine tragende Säule des Alls war. Für die Entstehung der ersten Menschen aus Bäumen, wie sie in den nordischen Sagas berichtet wird, fehlt jedes alte Zeugnis.

Die deutsche Prophezeiung des Weltunterganges basiert auf der Idee der Sühnung. Solange, wie die gegenwärtigen Zeitläufe bestehen, solange wird Unrecht auf der Erde wie im Himmel geschehen und Menschen und Götter werden vernichtet. Die Volkssage weiß, daß die letzte Schlacht um einen Baum entbrennt, um eine Esche, eine Birke, eine Linde oder einen Dornstrauch. Wenn der Baum zu grünen beginnt, naht die schreckliche Schlacht, und wenn er Früchte trägt, wird sie anheben (vergleiche: Die Schlacht der Bäume in der keltischen Mythologie).

Doch der Glaube an eine Wiedergeburt war allgemein verbreitet: der Ahne konnte in einem neugeborenen Kind wieder auferstehen. Und auch die Götter und Göttinnen würden wieder erscheinen: ihre Söhne und Töchter entkamen unversehrt aus Flut und Flamme und erzählen sich vom Weltuntergang, als sei er ein Traum oder ein altes Märchen.

Die tiefe Sehnsucht der Deutschen nach einer reinen Friedenswelt ließ sie an eine Zukunft ohne Tod glauben, in der ewiger Friede herrschen würde. Dadurch war dem Christentum der beste Boden vorbereitet.

Die germanischen Götter ließen goldene Tafeln zurück, die gefunden werden sollen, wenn die Spiritualität wieder wächst. Dann wollen ihre göttlichen Nachfahren wiederkommen und helfen, die Erde in ein blühendes und würdiges Manheim zu verwandeln ...

08.09.2017 © seit 07.2003 Eire Rautenberg
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