Seite 3: Deutsche Mythologie II: Die Göttinnen der Südgermanen

Kult und Brauchtum

Die christliche Kirche leugnete die persönliche Existenz der für Götter gehaltenen Wesen durchaus nicht, aber bezeichnete sie als Dämonen. Ihre Verehrung wurde Teufelsdienst: die deutschen Götter wurden allgemein als böse Geister bezeichnet. So ist die Gestalt des Teufels, wie sie noch heute ausgemalt wird, reich an Zügen entstellten europäischen Heidentums.

Harte Strafen ersann man für die Bündnisse der Heiden, für die Zerstörung von Kirchen, die Verweigerung der christlichen Taufe, für Opferbräuche, das Verharren im Heidentum, Leichenverbrennen und für die Mißachtung der kirchlichen Feiertage. In acht Artikeln zum Schutze des Christentums kehrt die Todesstrafe wieder. In einem besonderen Verzeichnis werden sorgfältig alle heidnischen Bräuche und Opfer aufgezählt, deren völlige Unterdrückung durchgeführt werden soll.

Dieser um das Jahr 800 n. Chr. entstandene "Indiculus superstitionum et paganiarum" wird mit Feuer und Schwert durchgesetzt. Dennoch gelang es nicht, die alten heidnischen Bräuche gänzlich auszurotten. Die mündlichen Überlieferungen erhielten sich als Rest uralten Glaubens.

Geburt, Tod und Leben lagen in der Hand höherer Mächte. Ihr Wille war es, ob das neugeborene Kind wirklich ein Mensch werden oder die Fähigkeit der Seele behalten sollte, den Körper nach Belieben zu verlassen und in anderen Welten zu wandeln. Darum stellte man bei einer Geburt Speise und Trank für die Götter auf den Tisch, um sie gastlich zu bewirten.

Der entscheidende Akt, durch den ein Kind völlig zu seinem Recht kam und als Person anerkannt wurde, war die Namensgebung. Von der Namensgebung an galt die Aussetzung eines Kindes als unerlaubt. Der Name wurde dem Säugling binnen neun Nächten gegeben und war schon in heidnischer Zeit bei allen germanischen Stämmen mit Wassertauche oder Wasserbegießung verbunden. Von da an trat das Kind in sein volles Wergeld ein, während es vorher nur durch ein halbes Wergeld geschützt war.

Die alte Rechtsordnung verfügte, daß die Neugeborenen bis zu dieser Frist dem Ungeborenen gleichgestellt waren. Trat der Sohn aus der Gewalt des Vaters heraus, so schnitt ihm der Vater, der dabei stellvertetende Priesterdienste verrichtete, das Bart- oder Haupthaar ab: das Haar war den Göttern der Fruchtbarkeit und des Wachstums geweiht und wurde als ein stellvertetendes Opfer für den Menschen selbst genommen.

In den Schoß der mütterlichen Erce, der Erdgöttin, kehrte der Mensch beim Tod zurück. Die Leiche wurde gewaschen und der Sarg mit geweihtem Wasser besprengt. Durch das Weihwasser reinigte man den Verstorbenen von schweren Sünden und versöhnte die Götter. Neun Tage währte die dem Totenkult gewidmete Trauerzeit, die mit einem Opfer an die unterirdischen Götter beschlossen wurde.

Zugleich reinigten sich die Hinterbliebenen von der Befleckung durch den Toten. Zum Totenmahl lud man die Seele des Abgeschiedenen offiziell ein, und was gegessen und getrunken wurde, nützte dem Toten auf seinem weiteren Weg. Alle Jahre zum Todestag erschien die Seele wieder an der Grabstätte, um die vorgesetzte Speise als Opfer anzunehmen. Bei jedem großen Fest der Gemeinschaft trank man auf ihr Gedächtnis.

In der ältesten Zeit war bei den gottesdienstlichen Handlungen die völlige Nacktheit des Bittenden und Opfernden erforderlich. Losgelöst von dem unreinen, gewöhnlichen Leben sollte der Mensch vor die Götter treten, wie ein unbeflecktes Kind. Auch die Götter waren in der Urzeit unverhüllt gedacht. Wer eine übermenschliche Kraft "besprechen" wollte, göttlich wirken wollte, mußte wie sie nackt erscheinen. Später wurden Tiermasken (besonders von Hirschen und Kühen), Felle und Lederschurze eingesetzt. Auch die Schwärzung des Gesichtes war beliebt.

Zu den Vermummungen gehörten auch die Verstellungen der Männer in Frauen und der Frauen in Männer. Dieser Kleidertausch der Geschlechter wurde von der Kirche hart geahndet. Im Mittelalter galt dies als ein Punkt, um die Hexen der Inquisition zuzuführen. In den nachfolgenden Zeiten hüllten sich die Priester in geweihte Roben und ‚Kapuzenmäntel‘, mit denen sie ihre gewohnten Alltagsenergien ablegen konnten.

Im Heidentum konnte dem Gläubigen der übermäßige Genuß von Speise und Trank nicht schaden. Feierte die Gemeinschaft ein großes Fest nach glücklich eingebrachter Ernte oder zur Zeit der Wintersonnenwende, so durfte sich niemand vom Gelage und Opferschmaus zurückziehen. Bier und Met brachte man den Göttern als Trankopfer dar. Pferdeopfer galten als besonders wohlgefällig. In den heiligen Hainen wurden weiße Pferde gehalten. Ihr Fleisch aßen die Feiernden mit Genuß.

Die in Deutschland weit verbreitete Sitte, die Hausgiebel mit zwei geschnitzten Pferdehäuptern oder anderen Tierschädeln zu zieren, geht auf den Kult zurück. Bei den Franken und Alemannen war das Ferkel als Opferspeise beliebt, um die Göttin zu ehren. Das höchste und feierlichste Opfer scheinen Menschenopfer gewesen zu sein. Die weissagenden Priesterinnen der Kimbern bekränzten ihre Kriegsgefangenen und opferten ihr Blut über einem riesigen Kessel (nach Strabo). Mit diesem und anderen Zutaten stellten sie den sog. "Sud" her, ein Zauber- und Wandlungsverfahren durch Erhitzen in Tiegeln und Kesseln. Der Sud konnte heilkräftig oder todbringend sein, ferner diente er der Prophetie. Auch die Kunst des Salzsiedens ist als geheiligte Kesselarbeit zu erwähnen.

Verbrecher wurden in Moore gesenkt, lebendig begraben, verbrannt, ertränkt. Dem Opferakt ging die Anwendung eines Gottesurteils, eines Ordals (angels. ordal = Urteil) voraus. Tiu Thing in seiner Eigenschaft als Foseti war ‚der Gerechte‘. Alljährlich strömten die Stämme an den Bundesheiligtümern zusammen und erneuerten durch Blutopfer ihre Zusammengehörigkeit.

Die Goden, die Priester der Wikinger, sollen dem Auserwählten bei lebendigem Leib den Brustkorb geöffnet und die Lunge herausgeschnitten haben, die an ausgebreitete Adlerschwingen erinnert. In Haithabu, Nordeuropas erster Stadt, dem Handelszentrum der Wikinger an der Küste des heutigen Schleswig-Holstein, entdeckten die Archäologen Adlerschwingen in großer Zahl. Sie dienten sicherlich rituellen Zwecken der kultischen Ar-Verehrung. "Die Bewohner von Haithabu", notierte der Araber At-Tartuschi um 965 n. Chr., "sind Sirius-Anbeter, außer einer kleinen Anzahl, welche Christen sind."

In Ägypten sind die Adler die Söhne des Falken.

Zum germanischen Opferfest gehörten außer Schmaus, Gelage und Gesang auch die heiligen Tänze. Meistens waren es Kreis- oder Reihentänze. In frühester Zeit lagen den kultischen Tänzen Runenstellungen zugrunde. Sie fußten wahrscheinlich auf das Stellen von Binde-Runen mit einem geeigneten Partner, dem rhythmischen Schreiten und Drehen in weiten Kreisen und/oder Spiralen in Runenhaltung, allein oder mit mehreren. Eine Regel sagt: "Zum Runentanz gehören die leise geraunten Runenlaute."

Die Runen sind die Schrift des Lebens (erst spätere Formen entarten zur reinen Buchstaben-Schrift). Sie wurden bei unseren Ahnen geritzt, (rot) gefärbt, gestellt, gegangen, gewandelt, getanzt, gesungen.

Die alten Thule lehrten ihre Schüler den kosmischen Sternentanz und sagten ihnen: "Ihr seid der Hain der Götter!"

Die ursprüngliche Gestalt und die Bestandteile der Runen stellen sich als Ausschnitte einer geometrischen Figur dar, mit der der Kosmos versinnbildlicht wurde. Es ist das in einem Kreis eingeschlossene Sechseck, das Hexagon, dessen Spitzen die Enden der Hagal-Rune berühren, die schon in ihrem Namen das All (Hag-All, das All-Umhegende) offenbart.

Es gab Siegrunen, die man auf das Schwert schnitt; Todesrunen für die Geweihten; Älrunen für das Trinkhorn, um Trunkenheit abzuwehren; Gebärrunen; Brandungsrunen für die Seefahrer; Astrunen, die man gegen Krankheiten in Äste und Stäbe ritzte; Rederunen und Geistrunen.

Die Deutschen rechneten in ältester Zeit nicht nach Tagen, sondern nach Nächten. Ebenso galt der Winter als der Beginn der Zeit überhaupt. Diese Rechnung nach Nächten und Wintern hat eine mythologische Grundlage, denn nach uralter, tiefer Auffassung ist Finsternis und Kälte die Keimzeit des lichten, warmen Lebens und spiegelt ebenso die erforderliche Reifungszeit der menschlichen Seele, bevor sie das göttliche Licht erfahren darf. "German" nach der lat. Bedeutung ‚germinare‘ ist "der vom Licht in die Erde Eingeborene", "der Keimende".

Die ganze Mythologie hat einen deutlichen Bezug zum Pflanzenreich. Es gab eine Fülle von Sitten und Gebräuchen, die mit dem Wachstum überhaupt in enger Beziehung standen.

Die Germanen glaubten, daß es der himmlischen Hoheit nicht angemessen sei, Götter in Wände (Tempel) einzuschließen oder sie der menschlichen Gestalt nachzubilden. Sie weihten ihnen Lichtungen und Haine, erblickten sie dort in Trance und Vision. Dort im Wald wurden ihnen Altäre errichtet, Gottesdienste gefeiert, Opfer gebracht und Versammlungen abgehalten. Bilder - sofern vorhanden - wurden grundsätzlich in Tücher gehüllt. Für die einzelnen Götter gab es verschiedene Haine und besondere Bäume.

Ein solcher Hain durfte nicht durch leichtsinniges Betreten entweiht, ein heiliger Baum nicht beschädigt werden. (Diese Heilighaltung der alten Wälder wurde ebenfalls bei den Kelten nachgewiesen.) Einzelne Bäume wurden sogar zu göttlichen Wesen erklärt, allen voran Esche und Eiche. Dabei ist bemerkenswert, daß beinahe alle Bäume weiblich gedacht wurden, was sich in der deutschen Sprache bis heute niederschlägt. Frau Birke galt als Geburtshelferin. Auch Frau Hasel, Frau Ellhorn (Holl-under) und Frau Wacholder haben unsere Vorfahren als heilig betrachtet. In Frau Erle sitzt eine Fee, welcher das Zwergvolk dient, und Frau Fichte hilft mit Zaubersprüchen das kalte Fieber zu bannen. Obstbäume galten als Fruchtkorb der Göttin.

In den kirchlichen Verboten hieß es: "vota ad arbores facere ..." ("den Bäumen Opfer oder Geschenke darbringen ...")

Vermutlich pflegten die deutschen Stämme eine Vorliebe für dunkle Götter und Unterwelten, da die mächtigsten Göttergestalten einen starken Bezug zur dunklen Seite hatten. Sie repräsentierten die dionysische Strömung der ekstatischen Vision und der Trance, den Verlust des individuellen Bewußtseins und das Einswerden mit der Natur, die in den Riten der Dunkelheit (nicht des Bösen), in dem Kult der Schwarzen Sonne und/oder des Mondes ihren Ausdruck fand.

Es gibt Hinweise auf eine frühere matrilineare Abstammungsordnung bei den Germanen und den Kelten.

08.09.2017 © seit 07.2003 Eire Rautenberg
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