Seite 2: Deutsche Mythologie II: Die Göttinnen der Südgermanen

Austro

Austro (urgerm.), auch Ostara (althdt.), Eostara/Eastre (angelsächs.), ist die von dem Engländer Beda erwähnte heidnische Frühlingsgöttin. Nach Jacob Grimm ist sie eine westgermanische Göttin der Morgenröte. Über Austro ist sonst kaum etwas bekannt. Ich vermute, sie stellt den jungen Aspekt der Sonnengöttin Frija dar, ähnlich dem Verhältnis Pulaz/Wonaz. Unser Osterfest bekam seinen Namen von der Göttin. Möglicherweise hat auch sie (wie Pulaz) einen hellen und dunklen Aspekt (s. Erdgöttin Nehalennia/Symbol Hase).

Baduhenna

Der Name bedeutet "die Kampffreundin" (ahd. Baduwini), "Kampfwütige". Baduhenna als Gemahlin des Tius verspürt bei den sie verehrenden Friesen die Lust an der männermordenden Feldschlacht, nach Art der Walküren. Die höchste Göttin wird hier als Kriegsgöttin dargestellt. Auf Votivsteinen begegnen uns die Beinamen Hariasa und Harimella. Harijasa, Harjaza ist die kriegführende Göttin des Heeres.

Walküren

Die göttlichen Mädchen auf den schnellen Rossen sind im Volksglauben Gestaltungen der am Himmel ziehenden Wolken. Sie stehen im Dienste des Himmelsgottes, ursprünglich des Tiwaz, später des Watanaz.

Als Wodan zum Lenker der Schlachten emporstieg, legten die elbischen Wolkenfrauen kriegerische Rüstung an und wurden zu göttlichen Kampfjungfrauen, die zur Glanzhalle reiten. Die prächtig anzusehenden Walküren holen die aus dem sterbenden Körper entweichende Seele und führen sie Wodanaz zu. Sie waren seine "Totenwählerinnen".

Kein Germane wollte den "Strohtod" sterben. Wen Krankheit oder Alter niederwarf, der zeichnete sich mit dem Schwert die Todesrunen auf die nackte Brust und stieß sich dann mit eigener Hand den Stahl hinein.

Die nach Norden, Süden, Osten und Westen ziehenden Walküren heißen Nordhilt, Sunthilt, Osterhilt, Westrat. Im Geleite des Tageslichtes und seiner unterschiedlichen Einflüsse reiten Dagahilt, Dagathrud, Themarhilt, Wolkandrut, Sunnihilt, Solberta, Blicdrut, Windbirg, Mistila, Rimburg, Sneoburg und Himilrat. Der Himmelsgott sendet die gewaltigen Ala-Isi-Agen als Siegspenderinnen und Viktorien, mit Kranz und Schwert dargestellt.

Die Alaisiagen haben sich direkt aus dem Leben entwickelt, umgekehrt versuchten die menschlichen Frauen zur Zeit der Völkerwanderung dem Vorbild nahezukommen. Wir finden in der Mythologie dieselben Züge wieder, die die Römer überhaupt von den Weibern der Germanen berichten. Während der Schlacht standen die Frauen und Kinder hinter den Kämpfern. Während diese ihr Hurra! ausstießen, stimmten sie ihre Zauberlieder an.

Vor den blutenden Wunden schreckten sie nicht zurück, verbanden sie und brachten Speise und Aufmunterung. Sie beschämten die Feigen, feuerten die Tapferen an. Vom gellenden Zaubergesang der Frauen erbebten die Schlachtreihen. Als die Wandalen zur Entscheidungsschlacht schritten, ließ König Gelimer die Frauen, die Kinder und alle Schätze in eine Wagenburg mitten in der Aufstellung bringen, um seine Krieger zum äußersten Widerstand zu treiben.

Viele Schlachten, schon fast verloren, wurden von den Frauen wieder zum Sieg geführt, indem sie die Brüste entblößten und die Männer aufforderten, sie lieber zu töten, als dem Feind preiszugeben. Ergreifende Szenen schildert Plutarch aus dem Untergang der Ambronen und Kimbern. Als die Ambronen in der Schlacht bei Aquae Sextiae zurückwichen, traten ihnen die eigenen Weiber mit Schwertern und Beilen entgegen, fürchterlich zornig, und wehrten die Flüchtenden wie die Verfolger ab. Die Weiber der Kimbern töteten ebenfalls die Fliehenden, ihre Männer, ihre Brüder, ihre Väter. Dann begingen sie Selbstmord. Im Feldzug Marc Aurels gegen die Alemannen fanden die Römer viele Leichen bewaffneter Frauen.

Das Ideal des germanischen Mannes war der Held, das Ideal der germanischen Weiber die göttlichen/halbgöttlichen Schlacht- und Schicksalsfrauen. Die Frau in der Urzeit erschien dem Germanen als ein höheres Wesen, das in näherer Berührung mit der Götterwelt stand als der Mann. Durch das Heldentum konnte er sich als würdig erweisen. Nach deutscher Ansicht gehörte es sich, dem weiblichen Geschlecht Scheu und Ehrfurcht zu erweisen. Männer verdienten durch ihre Taten, Frauen durch ihre Weisheit Vergötterung.

Zahlreiche Frauennamen sind mit -gund, -hilt, -sig, -ger (Krieg, Sieg, Speer) u. ä. zusammengesetzt, auch heute noch. Das letzte Zeugnis für die Schlachtjungfrauen findet sich auf deutschem Boden um das Jahr 1000. Burchard von Worms spricht von dem Glauben, es könnten Weiber bei geschlossenen Türen ausfahren und hoch in den Wolken kämpfen, Wunden erteilen und empfangen.

In Frankreich war wohl Jean d’Arc ein ebenbürtiges Vorbild.

Weil die Wolke aus dem Wasser emporsteigt und der Nebel dem Waldsee entflieht, sind die Walküren mit den Quell- und Brunnenfrauen verwandt und erscheinen manchmal als sanfte Wesen, als liebliche Schwanjungfrauen an einsamen Seen oder Meeresstränden.

Sagen von Schwanjungfrauen als Stammütter finden sich in vielen Teilen der Welt, u..a. am Baikalsee, in China, in Indien, in Irland.

Das Pentagramm oder Pentakel, häufig ‚Drudenfuß‘ genannt, hat Ähnlichkeit mit Gans- oder Schwanfüßen und war ein druidisch-keltisches Symbol. Tacitus sagte, daß dem weiblichen Geschlecht der germanischen Völker nach ihrem eigenen Glauben eine prophetische Gabe innewohne. Die Deutsche sagt heute noch: "mir schwant etwas ...", im Sinne einer Vorahnung.

Eine solche Prophetin war die Weleda aus dem Stamm der Brukterer im 1. Jhdt. Sie lebte in einem Turm auf Bergeshöhe und wurde hoch verehrt. Im Sauerland in der Nähe vom Istenberg gibt es die sog. Weleda-Höhle, in der sie geweissagt haben soll. Sie gehörte zu den Hagedisen. Als Hagazussa oder Dise beherrschte sie die übersinnlichen Fähigkeiten, war Heilerin und Priesterin, nach der üblichen langen Ausbildungszeit. Mehrmals trat sie auch in politischer Funktion auf. Im Volksmund nannte man die Seherin(nen) auch Walburg(en) und Heide(n). Ihre geheiligte Nacht war die Walburgis (Walpurgis) am 30. April.

Mythische Namen von Schwanjungfrauen sind:
Tanburg, Waldburg, Waldraut, Alpiz, Suanagarda, Suanahilt, Swanburg, Swanegard, Swanaloug, Sandhilt, Wasahilt, Wisagund.

Der Schwarzwald, in dem einige von ihnen wohnen, ist der Saltus Hercynius, der ungeheure Urwaldgürtel, der einst das mittlere Deutschland bis zu den Quellen der Weichsel durchzog. Die göttlichen Mädchen, die sich gern in seenreichen Waldgebieten niederlassen, hießen hier die Idisi, die Leuchtenden.

Schwanjungfrauen sind auch die weisen Meerjungfrauen des Nibelungenliedes.

08.09.2017 © seit 07.2003 Eire Rautenberg
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