Story: Im Inneren des Sarges

Teaser: Unser Verhalten gegenüber dem angeblich schwachen Geschlecht sollte immer einer sorgfältigen Betrachtung unterliegen. Ansonsten könnte es plötzlich sehr ruhig und dunkel um uns werden. Ein wohlgemeinter Ratschlag in Form einer Kurzgeschichte.

Sie wusste, dass sie eine Viertelstunde zu spät kam - das passierte ihr öfter - und sah ihren Verlobten schon am Eingang des Bestattungsinstitutes warten.

ParkplatzWie immer hatte er diesen tadelnden Blick aufgesetzt und als sie ihren Wagen auf der einzigen freien markierten Stelle des Kundenparkplatzes abgestellt hatte, sagte er, kaum dass sie die Tür geöffnet hatte: "Natürlich stellst Du ihn genau auf dem Platz ab, wo es verboten ist. Hast Du nicht gesehen, dass er für Herrn Jonas reserviert ist?"

Sie errötete wie ein Schulmädchen: "Nein, tut mir leid, das habe ich nicht gesehen. Aber es dauert ja auch nicht lange".

"Nein, es dauert nicht lange! Es kann ja gar nicht lange dauern, weil Du eine Viertelstunde zu spät kommst und Herr Jonas noch genau 15 Minuten für uns Zeit hat. Komm jetzt bitte endlich!"

Dann schritt er voran, stieß die Tür zum Inneren des Gebäudes auf und verkündete drinnen lautstark: "Wir sind da, Herr Jonas und können anfangen. Meine Braut hat sich endlich bequemt zu kommen."

Sie hätte ihn dafür ohrfeigen können, wie er diesen Satz aussprach, so voller Verachtung! Aber dazu hatte sie nicht den Mut. Genau so wenig, wie sie ihn damals gehabt hatte, als ihre Eltern ihr Bruno Seidel vorstellten und ihr mehr oder weniger nahe legten, ihn zu heiraten.

Jetzt war ihr Vater krank, sehr krank sogar – sterbenskrank!

Herrn Jonas gehörte das Bestattungsinstitut in diesem Stadtteil.

Er kannte ihren Vater seit einer halben Ewigkeit - sie spielten seit über 30 Jahren einmal in der Woche Schach zusammen - und war ehrlich bekümmert, als er hörte, der Vater sei nun nicht mehr in der Lage, den Sarg für seinen bevorstehenden Tod selbst auszusuchen.

"Ich hätte da einige Modelle, die ihm bestimmt gefallen hätten ... ähm ... gefallen würden", sagte er und legte sein Gesicht in ernst gemeinte, aber natürlich vor allem auch berufsmäßige Kummerfalten. Es stimmte, was er sagte.

Herr Jonas selbst war wie sein Freund ein begeisterter Technik-Freak und seine Kunden (die seinen Hang zu skurrilem Humor kannten und oftmals teilten) begrüßte er mehr als einmal mit ausgefallenen Spielereien und technischen Details.

In seinem Beruf als Bestatter war er gänzlich leidenschafts- und völlig humorlos! Denn schließlich zeigten sich die Behörden mehr als kleinlich, wenn es um Särge in Form schnittiger Rennwagen oder poppiger Gitarren ging.

Und in diesem anstehenden Auftrag ging es ja um eine sehr ernste Sache.

Heinrich Jonas räusperte sich ein paar Mal nachdenklich und intensiv, bevor er zum Sprechen ansetzte:

"Ja, mit Ihrem Vater, Fräulein Beate, habe ich bereits darüber gesprochen. Als es ihm noch besser ging. Und dass Sie sich noch einmal von der Qualität des Sargs überzeugen wollten. Ja, ja ..." Er drohte wieder einmal den Faden zu verlieren.

Bruno Seidel riss die Geduld, ungeduldig, wie er nun einmal war:

"Kommen Sie doch endlich zur Sache, Herr Jonas. Wir haben doch beide nicht viel Zeit" und machte damit letztendlich unmissverständlich klar, dass Beate in diesem Rahmen für ihn gar nicht existierte.

"Ja ... ja ... gewiss", stotterte Herr Jonas, der nun völlig verwirrt zu sein schien.

"Ich muss ja ohnehin gleich weg ... nur noch 5 Minuten, um zu erklären, Herr Seidel, nur um zu erklären ... Dann lasse ich Ihnen den Schlüssel da, Sie schauen sich alles in Ruhe an, schließen danach einfach ab und werfen den Schlüssel in den Briefkasten, nicht wahr? So machen wir es!"

Er lächelte erleichtert und war glücklich, eine solche Lösung gefunden zu haben. "Ja, ja - jetzt machen Sie doch voran!" drängte Seidel missmutig und äußerst gereizt.

"Sicher Herr Seidel", erwiderte Jonas - nunmehr ein wenig spitz. "Ihr Herr Vater, Fräulein Beate, hatte ... oh ... hat fürchterliche Angst, lebendig begraben zu werden. Diese Angst ist mehr verbreitet, als man gewöhnlich annehmen könnte. Kurz und gut - er wollte einen Sarg, von dem aus man eine ... ähm ... Funkverbindung nach ... ähm ... draußen aufnehmen kann.“

Er klopfte auf den Deckel des honigfarbenen Eichensarges, vor dem sie standen. Das sei das Modell - frisch aus den Vereinigten Staaten importiert!

Herr Jonas gab Beate ein kleines, schwarzes Kästchen in die Hand, das fast genauso aussah, wie die Fernbedienung ihres Fernsehers.

"Dieses Gerät müssen Sie in den ersten Tagen nach der ... ähm ... Beisetzung immer bei sich tragen. Hier, an der rechten Innenseite, wo ... ähm ... die rechte Hand Ihres Vaters ruhen wird, befindet sich ein kleiner Hebel, den er bewegen kann, falls ... " - er räusperte sich, diesmal unbehaglich, "nun, falls er wirklich lebendig eingesargt und begraben ... ähm ... Sie verstehen?"

"Und kann der Funkkontakt nicht versehentlich ausgelöst werden? Durch Bewegungen des Sarges während der Trauerfeier oder Beisetzung?" forschte Bruno Seidel. Das sei gänzlich ausgeschlossen, behauptete Herr Jonas.

"Was Sie übrigens noch wissen müssen, Fräulein Beate, wenn Ihr Herr Vater dann im Sarg ruht, müssen Sie diese kleine Schmuckleiste - er berührte sacht eine minimal fühlbare, mit dem bloßen Auge fast nicht sichtbare Erhebung, die sich durch nichts vom Holz des Sarges unterschied - nach rechts schieben. Dann kann Ihr Herr Vater jederzeit heraus aus dem Sarg. Sollten Sie das aber vergessen, bleibt er eingesperrt und ... ähm ... und ..."

Er brach ab. "Probieren Sie es doch einfach mal aus", rief er Beate noch zu, im Versuch, einen mehr oder weniger missglückten Scherz zu machen.

"Ich muss gehen, meine Frau wird schon auf mich warten ... Schlüssel einfach in den Briefkasten. Also, bis Montag! Schönes Wochenende! Machen Sie es gut".

Er drückte ihr die Schlüssel in die Hand und war schon durch die Tür verschwunden. Draußen hörten sie seinen Wagen starten und davonfahren. Beate zuckte hilflos mit den Schultern. Dann griff sie zu, klappte den Sargdeckel nochmals zurück und suchte irgendetwas auf der Innenseite.

"Was suchst Du denn jetzt schon wieder?" knurrte Bruno gereizt.

"Ich weiß nicht ... wo ist doch gleich das Mikrofon, durch das mein Vater mit mir sprechen kann?"

Bruno rang verzweifelt die Hände - offensichtlich hatte sie wieder einmal nicht richtig zugehört!

"Es gibt kein Mikrofon, Beate! Es gibt keins! Es ist wirklich nur ein Funkimpuls. Da, schau her!"

Er drückte den winzigen Hebel im Inneren des Sarges und auf dem Kästchen in Beates Hand leuchtete ein grünes Lämpchen auf. Beate schien verwirrt.

"Ja ... aber funktioniert das denn im Inneren des Sarges? Wer garantiert mir das? Ich meine, man müsste ..."

Als Antwort zog Bruno schnell entschlossen sein Jackett aus und drückte es Beate in die Hand.
"ICH werde es ausprobieren. Und dann werden wir hoffentlich endlich von hier verschwinden können."

Er streifte seine Schuhe ab und sprang nassforsch mit einem Satz in den Sarg. Langsam legte er sich hin, die rechte Hand am kleinen Hebel, der den Funkkontakt auslöste.

"So, jetzt kannst Du zumachen" sagte er befriedigt zu Beate. "Dann werde ich es Dir zeigen!"

Sarg"Ja" sagte Beate. "Selbstverständlich, Bruno".

Sorgfältig schloss sie den Sargdeckel. Spielerisch berührten ihre Hände die kleine Schmuckleiste, auf die sie Heinrich Jonas aufmerksam gemacht hatte.

Automatisch schob sie die Leiste nach rechts. In diesem Moment begann das grüne Licht aufzublinken. Noch einmal berührten ihre Finger vorsichtig die Leiste.

Für den Bruchteil einer Sekunde zögerten sie, dann schob sie sie nach links. Das grüne Licht schien jetzt heller zu blinken.

Sie neigte sich über den Sarg und lauschte ... Totenstille.

Ganz sachte, so als befürchte sie, ihn zu stören, legte sie das schwarze Kästchen auf den Sargdeckel, verließ das Geschäft, schloss die Tür ab und warf den Hausschlüssel in den Briefkasten.

Bis zum Montag würde ihren Bruno niemand stören.

Das würde ihm gefallen.

07.05.2014 © seit 02.2010 Dr. Dieter Mank  
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